Ausgabe 
11.12.1895 Erstes Blatt
 
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189»

Mittwoch dm 11. December

Erstes Blatt

Nr. 291

Gießwer Anzeiger

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chralisöeitage: Gießener Jamitienökätter.

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Amtlichen Theil.

Bekanntmachung.

Vas Befahren der Lahnbrücke bei Rutters- haufen mit Ladungen von mehr als 25 Centner Gewicht wird hierdurch verboten.

Sießen, den 6. December 1895.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Bekanntmachung,

betreffend die Maul- und Klauenseuche.

Nachstehende Bekanntmachung des König!. Landraths- amteS Wetzlar bringen wir hiermit zur Kenntniß der In­teressenten.

Sießen, den 9. December 1895. Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.

Wegen der in der Stadt Wetzlar und in mehreren Gemeinden des Kreises und auch in sämmtlichen angrenzenden Rachdarkreisen herrschenden Maul- und Klauenseuche wird auf Grund der mir Seitens des Herrn Ministers für Landwirth« schäft, Domänen und Forsten gemäß § 1 der Instruction deö BundeSratheS vom 27. Juni d. I. ertheilten Ermächtigung der auf den 18. Decrmber d. I. in der Stadt Wetzlar an« stehende Biehmarkt hiermit aufgehoben.

Die Herren Gemeinde Vorsteher des Kreises ersuche ich, vorstehende Anordnung auf ortsübliche Weise in der Gemeinde bekannt machen zu lassen.

Wetzlar, den 5. December 1895.

Der Königliche Landrath, gez. Stackmann.

Bekanntmachung,

betreffend: Ausbruch der Maul- und Klauenseuche.

Die in Rodheim v. d. H. und Nteder-Weisel, Kreis Friedberg, ausgebrochene Maul und Klauenseuche ist wieder erloschen und die angeordneten Sperrmaßregeln sind wieder aufgehoben worden.

Sießen, den 9. December 1895.

Großherzogliches KreiSamt Gießen.

v. Gagern.

Bekanntmachung,

betreffend: Rothlaufseuche.

I« einem Gehöfte zu Altenstadt, Kreis Büdingen, ist die Rothlaufseuche bei zwei Schweinen festgestellt worden.

Gießen, den 9. December 1895.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Deutscher Reichstag.

8. Sitzung. Montag, den 9. December 1895.

Der Reichstag genehmigte mit Beginn der heutigen Sitzung »mmtltche schleunige Anträge, betreffend die Einstellung schwebendes Strafverfahren gegen verschiedene Ab-

Am Ministertisch befinden sich: Der Reichskanzler, Graf Posa- dowSky, der KrtegSmtnzster, Staatssecrerär v. Bötticher, Ftnanz- mtntster Miquel. Die Rede zum Etat hielt der StaatSfecretär des Reichsichatzamtes, Graf Pofadowsky. Das Haus ist gut besucht

Bet der ersten Lesung des Etats nimmt Schatzsecretär Graf Posadowsky das Wort. Er bezeichnet den der Regierung gemachten Vorwurf, sie habe bei dem Etat-Voranschlag vro 1894/95 die Ein­nahme-Ansätze zu gering bemessen, als unbegründet und tendenziös. Der günstige Abschluß für 1884/95 sei überdies nicht nur höheren Einnahmen, sondern auch den geringen Ausgaben zu verdanken. Ferner hätte die erhöhte Börsensteuer sehr große Mehreinnahmen, und zwar ganz unerwartete gebracht. Die wirtlichen Einnahmen hättm die etatsmäßigen, abgesehen von denjenigen, die die Börsen­steuer gebracht, nur um 12 Millionen überschritten. Das bedeute doch bet einem so großen Etat nicht viel. Auf den Etat von 1895/96 übergehend, betont der Regierungs-Vertreter, daß das Ergebntß für daS laufende Jahr von sehr schwankenden C ssficienten abhängig sei. Im auswärtigen Amte rechne man mit 21/» Millionen Mehrausgaben über den Etat, abgesehen von einer Mehrausgabe pro 1894/95 für Ostafrtka im Betrage von 760 000 Mk. Ferner seien Mehrausgaben zu erwarten beim Reichsamt des Innern (V/e Millionen), bet der Marine (Vs Millionen), dagegen stehe eine Minder-Ausgabe beim Heer (2 rU-tlltonen) bevor. Bei der Zuckersteuer sei auf ein PluS von l8/6 Millionen zu rechnen Wettere Mehreinnahmen würden die Salzsteuer und die Postverwaltung bringen. Dagegen sei bet der Branntweinsteuer ein Minus zu erwarten. Jnsgesamwt dürfte aus Mehr- und Minder-Einnahmen und Mehr- unh Minder-Aus­gabe» auf ein Mehr von 11 Vr Millionen für das Reich gegmüber

dem Etat zu rechnen sein. Betr.ffend die Hebe, Weisungen an die Etnzelstaaten führt Posadowsky aus, eS stehe eine Mehr-Ueberwetmng von tnvgesammt 30 Millionen gegen den Etat zu erwarten. (Rufe links- Hört, hört.) Die Einzelstaaten würden also statt deS etats- mätztgen Uebeischusses an Matiicularbetträgen von 10 Millionen eine Herauszablung von 20 Millionen zu erwarten haben. Redner wendet sich sodann zu dem neuen Etat an Mehr-Ausgaben für das Heer, den JnoalidenfondS, zu den Forderungen für die Marine und sodann zu den Einnnahmen und weist auch bezüglich letzterer den Vorwurf zurück, als habe die Regierung die Etnnahme-Anfatze zu niedrig bemeffen Die sogenannte Spannung zwischen Matrtcular- Bettiäaen und Ueberweifungen stelle sich in diesem Etat aus 122/. Millionen. Aus den Nachrichten, die hierüber in die Presse gegangen seien, hätte man geschlossen, die Regierung suche diese Spannung im Interesse der Ftnanzreform noch zu erhöhen; die Regierung habe aber sogar diese Spannung um eine Kleinigkeit gegen die ursprüngliche Ziffer verringert. Aus Befürchtungen neuer Steuern hieraus brauchten also die Einnahme-Ansätze diesmal nicht erhöht zu werden. Schließlich führt Posadowsky aus, die verbündeten Regierungen seien der Ansicht, daß die Gedanken, welche sie bet der Ftnanzreform geleitet hätten, richtige gewesen seien. Die Regierung glaube jedenfalls, diesen Etat nach der Steuerkraft des Volkes zu- geschnitten und allen Verhältnissen Rechnung getragen zu haben.

Abg. Fritzen (Centr) ist mit den Voranschlägen des Etats durchaus einverstanden und erklärt, die Ftnanzverwaltung könne sich ein großes Verdienst erwerben, wenn sie die laufenden Ausgaben ohne Anleihe decken würde. Redner äußert sich sodann ungünstig über die Handhabung des Klebegesetzes und ist, auf die Ftnanzreform übergehend, der Meinung, daß bet derselben weniger das Interesse der Einzelstaaten als vielmehr eine planmäßige Schuldentilgung in den Vordergrund gestellt werden müßte. Bemerkenswerth für unseren Handelsverkehr mit dem Auslande sei die Aeußerung des Präsidenten Eleveland gewesen und es wäre wohl erwünscht, vom Herrn Staats- secreiär des Aeußeren hierüber eine Mttthetluna zu vernehmen. Redner wünscht dann noch von der Regierung Auskunft über die Bewährung der neuen Heeres-Organisatton, namentlich der vierten Bataillone. Außerdem hat Redner den Wunsch, die Milttär-Straf- prozeß-Ordnung möge etwas beschleunigt werden; auch sei eine strenge Prüfung der Colontalausgaben zu empfehlen. Die Deutschen müßten, wie andere Nationen, für die Verbreitung von Eultur und Gestttung in fremden Welttheilen eintreten. (Gelächter bet den Soctal- demokraten) Redner schließt mit den Worten: Die Lage ist ernst genug, so daß wir allcn kommenden Eventualitäten gegenüber stets bereit sein müssen. (Beifall.)

Staatssecretär v. Marschall erklärt sich sofort bereit, dem Abgeordneten Fritzen Auskunft zu geben über die Aeußerungen deS Präsidenten Cleoeland und führt aus: Der Congreß der Vereinigten Staaten habe beschlossen, auf deutschen Zucker einen Zuschlaaszoll zu erheben. Die Regierung habe aber dagegen protesttrt und der Präsident habe sich demgegenüber durchaus loyal verhalten, während der Senat eine ablehnende Stellung einnahm. Unter diesen Um­ständen überrascht es, wenn Cleoeland nun den Vorwurf erhebt, Deutschland habe Amerika in der Frage des Fleisch-Exports und in der Frage der Versicherungsgesellschaften oexatorisch behandelt. Diese Behauptung entbehrt jeder Begründung. Die Einfuhr von ameri­kanischem Rindfleisch sei verboten worden, nachdem in amerikanischen Exporten sich Fleisch von verseuchtem Vieh befunden hätte. Bezüglich der Versicherungsgesellschaften erklärt Redner, die deutschen Bestim­mungen seien dieselben für in- und ausländische Gesellschaften und denselben müßten sich die Gesellschaften fügen. Zum Schluß gtebt Freiherr von Marschall die Versicherung ab, daß das Auswärtige Amt stets mit Festigkeit, aber auch mit Ruhe und Mäßigung die Interessen Deutschlands wahnehmen werde. (Beifall.)

Abg. Kardorff (Rp.) dankt dem Vorredner für seine Aus­führungen und geht sodann ausführlich auf die Einzel Etats ein. Bei Besprechung des Marine-Etats hält Redner daS Bauen von modernen Schlachtschiffen für sehr nöthig. Auf die Socialdemokratie eingehend, behauptet Abg. Kardorff, dieselbe erhebe auch jetzt kühn ihr Haupt und sei in Wirklichkeit eine sehr starke Macht, die über ge­waltige Mittel verfüge. ES sei jetzt gerade, wie zur Zeit Jean JacqueS Rousfeaus, wo auch vornehme Kreise mit Der Revolution spielten. Es sei jetzt bei uns soweit, daß Professoren und Leute in ähnlichen Stellungen mit der Socialdemokratte spielten. Ein Ministerium Hetze gegen das andere, die Männer in den leitenden Kreisen befehdeten einander. Es fehle überall an Einheitlichkeit der Anschauungen und in den Zielen der Politik. Redner hofft schließlich, daß es der Regierung gelingen werde, die nöthige Einheitlichkeit und Energie zu sichern.

Hierauf vertagt sich das HauS. Weiterberathung morgen Dienstag 1 Uhr.

Deutsches Reich.

Köln, 8. December. Nach telegraphischen Berichten, welche derKöln. Ztg." über London ans Konftantinope zugegangen find, bestätigt eS sich, daß die englische Botschaft fortgesetzt von Spionen und starken Patrouillen umgeben ist. DieKöln. Ztg." nimmt an, daß der Argwohn deS Sultans, Said Pascha zum Verschwörer gestempelt und die Flucht deffelben eine Bestätigung sei, daß die vielen über den Sultan und deffen Palastwtrthschaft umlaufenden Gerüchte auf Wahr­heit beruhen. Die in Konstantinopel eingetroffenen Weisungen der französischen Regierung betreffs der StationSschrffe find mit denen der anderen Mächte gleichlautend. Hierüber fand eine erneute Botschafterconferenz statt.

Konstanz, 8. December. Auf dem Bodensee ist infolge deS Sturmes die Schifffahrt unmöglich geworden. Das Unwetter hat großen Schaden angerichtet, auch mehrere Dampfer stark beschädigt.

Auslaud.

Wien, 8. December. Die eiserne Kasette de» zweiten Kaiser-Jäger-Regiments wurde im Hofe der Renn- weger Kaserne erbrochen und ihres Inhalts 1800 Gulden n baar und ein hoher Betrag in Werthpapieren beraubt aufgefunden. Der Thäter konnte bisher nicht ermittelt werden.

Luzern, 8. December. In der ganzen Schweiz herrschen heftige Stürme mit Schneefall, Gewitter und Hagel- cblag. In Zermatt hat der Sturm mehrere Oeconomie- gebäude umgeworfen. f

London, 8. December. Aus Konstantinopel hier eingelaufene Depeschen besagen, daß der Sultan die Durch­fahrt der zweiten Stationsschiffe gestern genehmigt habe. Von anderer Seite liegt bisher keine Bestätigung dieser Nachricht vor.

Neueste Nachrichten.

Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.

Berlin, 9. December. Der Reichstagsvorstand beschloß, zur Feier der Kaiserproclamation am 18. Januar Abends im ReichStagShause die ReichStagSmitglteder zu einem Festbanket zu vereinigen.

Berlin, 9. December. DiePoft" hört: Die vom Prinzen Gikwakin geführte coreanische Gesandtschaft dürfte etwa Anfang Januar eintreffen.

Berlin, 9. December. DieVosfische Zeitung" vom 4. d. M. enthält in ihrer Nr. 568 die Mittheilung: der KriegSminister habe angeordnet, daß beurlaubte Offi­ziere, die nicht länger als 48 Stunden in einer Garnison oder Festung verweilen, von jetzt ab nur zu einer einmaligen Meldung verpflichtet und daß diese Meldung entweder per­sönlich oder schriftlich erfolgen darf. Diese Mittheilung 6c* darf der Richtigstellung dahin, daß es nicht in der Competenz des Kriegsministers liegt, eine derartige Maßregel anzu­ordnen - dieselbe ist vielmehr, wie auch daSArmee-Ver­ordnungsblatt" Nr. 31 vom 4. d. M. kundgiebt, von Sr. Maj. dem Kaiser und König auf Vortrag der Kriegsministers genehmigt. Ferner ist die Mittheilung sachlich insofern un­richtig, als es fich bei der betreffenden Verfügung um be­urlaubte Offiziere handelt, welche länger als 48 Stunden in einer Garnison oder Festung verweilen. Bei kürzerem Aufenthalt besteht nach § 27 der Garnisondienstvorschrift überhaupt keine Verpflichtung zur Meldung.

Potsdam, 9. December. Die Verhandlung gegen Asseffor Weh lau vor der DiSciplinarkammer ist vertagt worden.

Hamburg, 9. December. DerHamburgische Corresp." meldet: Ein dänischer ViehtranSportdampfer von ESbjerg, der schon für verloren gehalten worden war, ist gestern nach viertägiger, äußerst gefährlicher Reise hier ein­getroffen. Der Dampfer wurde bald nach dem Abgänge von ESbjerg von einem gewaltigen Sturme überrascht. Der Capitän konnte den Enrs nicht halten, sodaß das Schiff der englischen Küste zutrieb. Nun ließ der Capitän die Luken schließen. Die Seeleute hatten während der Fahrt schwer an dem Mangel an Proviant zu leiden. In dem von der Luft abgesperrten Viehraume waren 255 Rinder, von denen viele erstickt, andere zerdrückt oder schwer verletzt wurden. DaS Brüllen der Thiere übertönte, wie die Bemannung erzählt, selbst das Heulen des Sturmes. Nachdem der Wind abflaute, gelang eS, das Schiff wieder in den richtigen Cur- zu bringen. Bei Oeffnung der Luken, die unter Aufficht der Veterinärpolizei erfolgte, bot fich ein entsetzlicher Anblick. 124 Rinder konnten lebend nach der Quarantäneftation gebracht werden. Etwa 100 lagen tobt umher- die übrigen, die schwer verletzt waren, wurden unter thierärztlicher Aufficht an Bord geschlachtet.

Leipzig, 9. December. Das Reichsgericht verwarf die Revifion des RedacteurS Jllge von derLeipziger Volks­zeitung", welcher wegen MajeftätSbeleidigung zu fünf Monaten Gefängniß verurtheilt worden war.

Kopenhagen, 9. December. Bei HirtShalS auf Island wurden gestern mehrere Schiffskisten von dem Stettiner BarkenschiffeNestor" gefunden. Das Schiff ist wahrscheinlich bei den Stürmen der letzten Tage unter­gegangen.

Paris, 9. December. Die Akademie der Wiffenschaften erkannte den Albert-Levy«PreiS von 50000 Francs, je zur Hälfte, Behring und Roux für das Diphtherie­heilserum zu.