Ausgabe 
11.10.1895 Erstes Blatt
 
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Freitag den 11 October

1893

Erstes Blatt

M. 239

vierteljähriger

Aints- und Anzeigeblntt für den Kreis Gieren»

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Nr. 36 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 7. d. M., enthält:

(Nr. 2267.) Bekanntmachung, betreffend die dem inter­nationalen Uebereinkommen über den Eisenbahnsrachtverkehr beigefügte Liste. Vom 3. October 1895.

Gießen, den 9. October 1895.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für bei sokgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.

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an, die wegen ihrer geringen Anzahl keinerlei Widerstand letfteten. Man versichert, daß selbst Soldaten an dem Ge­metzel und der Plünderung, theilnahmen. Die Opfer sollen sehr zahlreich sein. DaS Consulat, die italienischen Schulen und die katholische Kirche blieben unversehrt und find gegen etwaige Exceffe geschützt.

Paris, 9. October. Präfident Faure veranstaltete heute Abend zu Ehren deS Königs von Portugal und des Großfürsten Constantin ein großes Diner mit an­schließendem Empfang. Sämmtliche Minister und Fürst Lobanow waren zugegen.

Kopenhagen, 9. October. Der Minister deS AuS- wärtigen legte heute im Folkething einen Gesetzentwurf vor, wonach Berufscousuln in zwanzig spectell genannten Städten angeftellt werden können, falls es für zweckmäßig erachtet wird, u. a. in Hamburg, Lübeck oder Stettin, Rotterdam, Antwerpen, Genua, Konstantinopel. Dänemark hatte bisher tatsächlich nur Honorarconsuln.

Konstantinopel, 9. October. Der UnterstaatSsecretär im Ministerium deS Aeußeren Artin-Dadian-Pascha, welcher selbst Armenier ist, wurde am 6. ds. MtS. beauftragt, die Stimmung der armenischen Bevölkerung zu beruhigen. Seine Mission, die in drei Kirchen geflüchteten Leute zum Verlaffen derselben zu bewegen, ist gescheitert. Seit dem 7. ds. MtS. sind die Zugänge der Kirchen gesperrt, Niemand darf ein- oder auSgehen. Die letzte Nacht, sowie der heutige Tag verliefen ohne Zwischenfall. Die außerordent- ltchen Polizeimaßregeln wurden unter dem Beistände des Militärs aufrecht erhalten. DaS Stadtbild ist mit Aus­nahme einiger gesperrter armenischer Geschäfte unverändert. Nur der Geschäftsgang leidet unter der Aufregung, weshalb die Betroffenen gegen die Armenier als die Schuldigen sehr aufgebracht sind.

Depeschen M Bureau »Herold*.

Berlin, 9. October. Wie dieBörsen-Zeitung" erfährt, hat heute Nachmittag abermals unter dem Vorsitze des Reichs­kanzlers Fürsten Hohenlohe eineSitzung despreußischen Staatsministeriums stattgefunden.

Berlin, 9. October. Entgegen anderweitigen Meldungen erfährt diePost" aus bester Quelle, daß .die Frage einer Verschärfung des preußischen Vereinsgesetzes auch jetzt über das Stadium von Erörterungen in den maß­gebenden Kreisen noch nicht hinausgekommen ist. ES sei auch nach der gestrigen Sitzung deS Staatsministeriums noch nicht einmal entschieden, ob eine Gesetzesvorlage in diesem Sinne Überhaupt ausgearbeitet werden wird.

Berlin, 9. October. In unterrichteten Kreisen erwartet man die Ankunft des Königs von Portugal in den ersten Tagen des November.

Berlin, 9. October. Vor der 8. Strafkammer des Landgerichts I fand heute Vormittag gegen den social- demokratischen Reichstagsabgeordneten Stadt­hagen Termin statt wegen Beleidigung des Richterstandes durch die Preffe. Stadthagen lehnte den Gerichtshof wegen Befangenheit ab, weil er wegen Beleidigung des gesammten Richterstandes angeklagt sei. Der Gerichtshof entsprach dem Anträge Stadthagens und vertagte die Verhandlung auf heute Nachmittag, damit eine neue Kammer gebildet werden kann.

Berlin, 9. October. DieKreuzzeitung" nennt die Ver­öffentlichung der sogen. Hämmerst ein-Briefe, die als politische Briefe angesehen werden müßten, Denuncianten und nennt eS unqualifictrbar, wenn bürgerliche Parteien nicht nur mitthuv, sondern, wie dieNation" jüngst ankündigte, gar die Führung in jener Denunciantenorgie übernähmen. Ver­ächtlich sei es auch, wenn für die Schuld eines Mannes die ganze Partei verantwortlich zu machen gesucht werde. Ueber Hammerftein schreibt dieKreuzztg.":Herr v. Hammcrftein ist ein lobtet Mann und nichts wäre verfehlter, als für sein Thun noch nach einer Entschuldigung zu suchen. Ist er auch heute noch der Hand der irdischen Gerechtigkeit entgangen, so hat die Nemesis ihn und die unschuldigen Seinen sogar genug getroffen und ein zerbrochenes Haus, ein verlorener Ruf, ein zerstörtes Leben das ist der Fluch, den feine Thaten ihm eingetragen haben, der an ihm haftet, wo immer er fein mag." Und weiter sagt daffelbe Blatt von Hammer­ftein:Nun liegt er zu Boden und sein Fall war so tief, daß ein Ausstehen für immer ausgeschloffen ist verdorben, gestorben heißt eS von ihm."

Breslau, 9. October. Socialdemokratischer Parteitag. Die Berathung der Agrarfrage wurde heute Vormittag fortgesetzt. Dr. Müller-München glaubt, daß eine wirklich genaue Kenntuiß der Agrarfrage in der Partei nicht Vorhände» sei. Es wüffe eingestandeo werden, daß die Partei

Alle Annoncen-Bureaux beS In« und AuSlanbeS nehme» Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

über die jetzigen Verhältnisse Klärung schaffen will. Die Ab­lösung der Reallasten werde von den Bayern gewünscht. Die bayerische Regierung, als deren Anwalt der Genoffe Schippel sich gestern aufspielte, sei jetzt auch anderer Meinung. Redner ersucht um Ablehnung des Entwurfs und um Annahme der Resolution der Agrarcommission. Nach der Rede Müller» nahm Bebel daS Wort. Er griff ausS Schärsste Schippet an, der seine Gründe gegen das Agrarprozramm mit Größen­wahn vorgebracht habe. (Große Unruhe.) Schippel habe die Commission gutgehetßen, die er jetzt bekämpfe, er sei dadurch moralisch gerichtet. Unter Unruhe der Versammlung erklärt Bebel, mit Schippel als Mensch sertig, als Parteigenosse sein schärsster Gegner zu sein. Alsdann vertheidtgt Bebel die Vorschläge der Agrarcommission, an der Hand des Partei­programms. Gegen die Vorlage sprach KautSky-Stuttgart, Grünwald-Hamburg und Oertel-Nürnberg, für dieselbe Stücklen-Hof und Molkenbuhr. Um 2 Uhr Nachmittag« wurden die Verhandlungen auf Donnerstag früh vertagt. Heute Nachmittag wurden die Gräber Laffalles, Kaysers, ReinderS und KräkerS besucht. Am Grabe Laffalles wurden drei Lorbeerkränze mit roihen Schleifen niedergelegt. Zahl­reiche Schutzmannschasten waren aufgeboten- es ist kein Zwischenfall vorgekommen.

Köln, 9. October. Zur feierlichen Einweihung deS neuen Reichsgerichtsgebäudes In Leipzig wird am 26. d. MtS. vom Kaiser in Gegenwart deS Königs von Sachsen der Schlußstein des ganzen Baues gelegt werden. Beide Herrscher werden kurz vor Beginn der Feier, die um 12 Uhr ihren Ansang nimmt, in Leipzig eintreffen und gleich nach der Feier die Stadt wieder verlaffen. Außer den Allerhöchsten Herrschasten mit ihrem Gefolge werden zur Feier der in Berlin ansässigen stimmsührenden Beooll- mächtigten der deutschen Staaten, die Mitglieder des Reichstagspräsidiums, die Mitglieder des BundeSraths- ausschuffes für Justizwesen, die Spitzen der sächsischen Staatsverwaltung rc. rc. geladen.

München, 9. October. Die Nachricht, das preußische StaatSmintsterium habe sich in seiner gestrigen Sitzung mit der Novelle zum preußischen VereinSgesetz be­schäftigt, trifft nach einer Meldung derMünchener Neuesten Nachrichten" nicht zu. Wie daS genannte Blatt mittheilt, wird an gut informirter Stelle behauptet, die Absicht der Einbringung eines solchen Gesetzentwurfes sei definitiv auf- gegeben.

Würzburg, 9. October. Die Vorstände der deutschen Invaliditäts-Versicherungsanstalten halten am 18. October hier eine Cvnferenz ab.

Wien, 9. October. DieWiener Zeitung" veröffentlicht heute ein Handschreiben deS Kaisers, mit welchem der Reichstag für den 22. October einberufen wird.

Laibach, 9. October. Heute Nacht 12 Uhr 10 Min. erfolgte ein unterirdische«Getöse, dem ein starker Erdstoß folgte. Im Laufe der Nacht bis zum Morgen wurden noch wettere, etwas längere Erdstöße verspürt.

Budapest, 9. October. Gestern sand hier die erste Trauung zwischen einem Juden und einer Christin statt. Der Schauspieler Marcel Habermann hat sich mit der früher in Berlin engagirt gewesenen Schauspielerin Hedwig Margot vermählt.

Rom, 9. October. Bisher fehlen aus Afrika alle directen Nachrichten. Man glaubt, daß der Z u s a m m e n st o ß BaratieriS mit Ras Mangascha erst heute oder morgen erfolgt. Von Neapel gingen gestern die letzten Offiziere und eine Telegraphisten-Abtheilung ab.

Rom, 9. October. Der in London refidirende Secretär deS armenischen ComitäS, ASkim, ist hier eingetroffen, um die italienische Regierung zu bewegen, gemeinsam mit England zu Gunsten der Armenier zu intervenireu.

Rom, 9. October. Der Kriegsminister beabsichtigt beim Zusammentritt der Kammer ein Gesetz einzubringen, wodurch alle vom Militärdienst befreiten jungen Männer zu einer hohen Steuer herangezogen werden sollen. Der Ertrag dieser Steuer soll jährlich mehrere Millionen betragen und zur Bildung eines Kriegsschatzes dienen, um im Kriegs­fälle die Familien armer Soldaten zu unterstützen.

London, 9. October. Die Meldung von einem eng­lischen Ultimatum wegen der Unruhen in Kon­stantinopel ist unrichtig. Die Collectivnote, welche die Botschafter der sechs Großmächte an die Pforte schickten, worin sie auf die Exceffe der letzten Woche und die unzu­länglichen Mittel der Polizei Hinweisen, ist höflich abgefaßt. ES wird darin nur eine strenge Untersuchung der jüngsten Vorgänge, die Freigebung der Gefangenen und Einstellung weiterer Verhaftungen gefordert.

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Wetzlar. Ktsv Louis Auch, $iin^

Der Hießener Anzeiger erlcheint täglich, mit Ausnahme bei Montagi.

Die Gießener IlamttienStLlter werden bem Anzeiger wöchentlich dreimal beigclegt.

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Norrofte Nachrichten.

Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.

Dortmund, 9. October. Heute Nachmittag vollzog im Beisein der städtischen, der Staatsbehörden und einer großen Zuschauermenge Oberbürgermeister Schmieding den ersten Spatenstich für den D ortmun d er Hafen des Rhein- LmS-LanalS. In seiner Ansprache wies er auf die hohe Bedeutung dieser Wafferstraße hin, und brachte auf den Kaiser als den Förderer und Gönner des Werkes ein Hoch auS. Hieran schloß sich eine Versammlung der Fest- theilnehmer.

Rom, 9. October. Heute Abend wird ein Brief des PapsteS an den Cardtnal-StaatSsecretär Rampolla er­scheinen, in welchem der Papst gegen die Kundgebungen am 20. September Protest einlegt und seine weltliche Macht­stellung zurückfordert.

Rom, 9. October. Das vom Papste an den Cardinal StaatSsecretär Rampolla gerichtete, in italienischer Sprache abgefaßte Schreiben vom 8. ds. Mts. anläßlich der Kund­gebung vom 20. September lautet:Das Gefühl der Humanität, das selbst von Leidenschaften beherrschte Geister bewahren, schien die Hoffnung auf Rücksichten für unser Alter zuzulaffen, aber man wollte tu roher Weise darüber hinweggehen. ES fiel uns zu, beinahe unmittelbarer Zeuge sein zu müffen von der Apotheose der italienischen Revolution und der Beraubung des heiligen Stuhles. Wir wurden besonders getroffen durch den Schlag, den Conflict, deffen unheilvolle Folgen Niemand ermeffen kann, eher zu verewigen als zu beseitigen. Außerdem that man einen wetteren Schritt nach dem wesentlich antireligiösen Ideale hin. Denn der letzte Zweck der Besetzung Roms besteht, wenn nicht im Geiste Aller, die dabei mitwirkten, so doch im Geiste der Secten, die deren erste Anstifter waren, nicht allein in der Vervollständigung der politischen Einheit. Man wollte durch Niederreißen der Mauern der bürgerlichen Metro­pole die geistliche Macht deS Papstes schärfer angreifen. Die Absicht war, die Geschichte RomS zu ändern, Rom umzu­gestalten und wieder heidnisch zu machen, um einem dritten Rom, einer dritten Ctvilisation daS Leben zn geben. DaS war es, was man hier durch die Sanctton des neuen Ge­setzes, durch die von einer Gott feindlichen Secte veran­stalteten lärmenden Kundgebungen feiern wollte. Darunter leidet die Nation, denn daS Versprechen materieller Wohl­fahrt wurde nicht nur nicht gehalten, sondern Italien ist auch moralisch getheilt und die Umsturzparteien gewinnen an Macht. Keine bürgerliche oder sociale Einrichtung wird je­mals dem Papftthume Unabhängigkeit schaffen, wenn dem Papstthume die territoriale Jurisdiction vorenthalten wird. Unsere Stellung, von der versichert wird, daß sie garantirt sei, ist dem Urtheile Anderer unterworfen, und letzthin ließ mau die Drohung durchblicken, daß die bestehenden Garantien abgeschafft werden könnten." Der Papst rühmt sodann die Wohlrhaten der päpstlichen Souveränetät und fordert die Italiener, die keiner Secte angehören, auf, in Erwägung zu ziehen, wie verderblich eS sei, einen Kampf fortzusetzen, der nur den Umtrieben kühner Fractionen und den Feinden des christlichen Namens vortheilhaft sei. DaS Schreiben betont: Die höchste Obrigkeit der Kirche verfolge mit wohlwollender Wachsamkeit den Weg der Humanität und scheue sich nicht, so viel wie möglich den Bedürfniffen der Zeit sich anzu- schließen.Wenn die Italiener", schließt daS Schreiben, daS freimaurerische Joch abschütteln und auf uns hören, werden wir unser Herz den iheuersten Hoffnungen öffnen. Aadererseits könnten wir nur neue Gefahren und größere Verpflichtungen Voraussagen."

Rom, 9. October. DieAgencia Stefani" meldet auS Trapezunt vom 8. October erneute schwere Ausschreitungen, denen viele Armenier zum Opfer ge­fallen find. n

9tom, 9. October. DieAgencia Stefani" meldet des Weiteren über ernste Ruhestörungen in Trapezunt: Bewaffnete Türken richteten unter den Armeniern ein Blutbad

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