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Nr. 86 Erstes Blatt. Donnerstag den 11 April
1893
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»ieheuer «MjHfler erscheint täglich, sott Ausnahme de» Montag«.
Dir Gießener Pamitirabtätter werden dem Anzeiger »vchentlich dreimal beigelrgt.
Gießener Anzeiger
Kenerat-Anzeiger.
vierteljähriger AöannementspreiO t 2 Mark 20 Pfg. mit vringerlohn.
Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg.
Kedaction, Sok-Muhl und Druclcrei:
-churNrahcNr.7.
Fernsprecher 51.
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gieren.
Hratisbeikage: Kießener Aamitienökätter.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für de» folgenden Tag erscheinenden Nummer bi» Sonn. 10 Uhr.
Neueste Nachrichten.
Wolff» telegraphisches Correspondmz-Bureau.
Berlin, 9. April. Wie die „Post" hört, ist der frühere I LandwirthschaftSminifter von Lucius auS Allerhöchstem • Vertrauen in das Herrenhaus berufen worden. Er hat , diese Mittheilung direct in besonders huldvoller Welse empfangen.
Berlin, 9. April. In dem Programm für die Eröffnung deS Nord-Ostsee-Canals ist am Samstag noch eine Aenderung getroffen worben. Die Schiffe werden am Abend nach dem Hamburger Feste sofort die Elbe hinabdampfen und in den Canal einfahren. Die Kaiseryacht „Hohenzollern" und das Aachtgeschwader passiren, ohne ge- schleuft zu werden. Sämmtliche Schiffe sollen Nachmittags In Kiel sein. Die Aenderung ist getroffen, weil sich heraus stellte, daß das Feftlegen so vieler Dampfer in Rendsburg f oder in den Eiderseen Schwierigkeiten bereiten könnte.
FriedrichSruh, 9. April. Fürst Bismarck empfing heute Vormittag sechs Lehrer und 36 Schüler des Gymnasiums von Jever, sowie drei Damen uus Jever. Das Befinden des Fürsten läßt infolge der vielen großen Anstrengungen der letzten Zeit etwas zu wünschen übrig, so daß eS, wie in seiner Umgebung verlautet, fraglich ist, ob noch alle in Aussicht stehenden Empfänge stattfinden können.
Kiel, 9. April. Die Kreuzer Corvette „Kaiserin Augusta" ist beim DiedrichSdorfer Strande auf der Probefahrt auf Grund gerathen.
Kiel, 9. April. Der Panzer „Baden" und mehrere Werftdampfer versuchten Nachmittags vergebens, den auf den Grund gerathenen Kreuzer „Kaiserin Augusta" ab- zuschleppen. Abends wurden mehrere Krähne angefahren, um eventuell die Munition und Geschütze des Kreuzers über» zunehmen. Für die Besatzung des Schiffes ist jede Gefahr ausgeschlossen.
Augsburg, 9. April. In einer Socialisten-Bersammlung wurde über sämmtliche Wirthschafteu der Boycott verhängt wegen deS seitens der Gastwirthschafts-Innung erlassenen LolportageverboteS für Zeitungen.
GroßbecSkerek, 9. April. Die Bevölkerung wird unter Militär EScorte zu Hilfsarbeiten an den Dämmen gezwungen.
In Boka sind 90 Häuser infolge der Ueberschwemmung eingcstürzt, die Bevölkerung von Borsca und Baranyos ist nach Semlin geflüchtet. DaS Bieh wurde nach Serbien getrieben, wo eö auf Befehl deS Königs untergebracht ist.
Belgrad, 9. April. DaS Hochwasser der Donau har heute die zur Sicherung der Stadt Semlin ausgeführten hundert Meter langen Dämme durchbrochen und flulhet seit dem Morgen unaufhaltsam durch die Stadt. Der Verkehr der inneren Stadt kann nur mit Kähnen mühsam bewerkstelligt werden, da ein furchtbarer Koffawawind wüthet. Die Habe von Tausenden von Menschen ist vernichtet und ein großer Theil der Bewohnerschaft campirt auf freiem Felde. Mehrere um Semlin gelegene Dörfer stehen ebenfalls total unter Waffer, die Einwohner retteten sich größtentheilS auf die Höhen von Belgrad, wo sie durch die Munifizenz deS \ Königs verpflegt werden.
Sofia, 9. April. Die „Agence Balcanique" erklärt die Meldungen, wonach die bulgarische Regierung angeblich im Begriffe stehe, neue Schritte zu unternehmen, um die An» erkennung des Fürsten Ferdinand zu erlangen, für durchaus unbegründet.
Reggio (Calabrien), 9. April. Gestern Abend, heute früh und heute Nachmittag wurden hier inSgesammt vier Erdstöße verspürt, von denen der letzte 4 Secunden dauerte und wellenförmig verlief. Unter der Bevölkerung herrscht große Aufregung.
Lüttich, 9. April. Der Ausstand der Kohlenarbeiter ist beendigt. Im Lütticher Revier find heute früh überall die Schichten vollzählig angefahren.
Paris, 9. April. Im Minifterrathe theilte der Prä- fident Felix Faure mit, daß er der Eröffnungssitzung des internationalen (Songreffeß für Strafrecht beizuwohnen gedenke. Die Eröffnung deS CongreffeS erfolgt in Paris am 30. Juni. — Der Minister deS Auswärtigen, Hanotaux, setzte die übrigen Minister von den Bedingungen in Kenntniß, welche Japan für Einstellung der Feindseligkeiten von China gefordert hat.
London, 9. April. Die „Times" melden auS Kobe von gestern' Aus Hiroshima wird berichtet, unter den Truppen auf den Pescad ores - Inseln herrsche die
Alle Annoncen-Bureaux deS In- und AuSlande» nehme« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgege«.
Cholera. ES seien 400 Erkrankungen und 100 Todesfälle festgestellt.
Kopenhagen, 9. April. Bei den Neuwahlen zum Folkething wurden gewählt: 24 Candidaten der Rechten, 28 Anhänger des Ausgleichs von der Linken, 61 Gegner deS Ausgleichs, davon 8 Sozialdemokraten. Das bisherige Folkething zählte resp. 80, 26, 46 und 2 Mitglieder. Kopenhagen wählte 7 Sozialisten, 5 Radikale, 4 von der Rechten. In Slagelse wurde der Führer der Freihändler Koedt, in Kalundborg der frühere Präsident deS FolkethingS Krabbe, der jetzige Clauffen, und der frühere Präsident HoegSbro gewählt.
Kopenhagen, 9. April. Die Kaiserin' Wittwe von Rußland ist heute Mittag in Begleitung deS Kronprinzen über Gjedser abgereift. In der Bahnhofshalle waren die Königin, die Prinzessin Waldemar, sowie di; ganze königliche Familie zur Verabschiedung anwesend.
Petersburg, 9. April. In der gemeinsamen Session dcS Comites für die sibirische Eisenbahn und des Reichs- öconomie Departement« sollen auf Befehl deS Kaisers 346 220 Rubel bewilligt werden zur Beschaffung von Post. waggonS für die Eisenbahnstrecke Tscheljabinsk«JrkmS. Ferner sollen Vorschläge gemacht werden betr. die Heranziehung von Zwangssträflingen zum Bau der östlichen Strecken der sibirischen Bahn, nachdem dieser Bau in der letzten Zeit in Folge verschiedener ungünstiger Umstände, darunter die dort fortwährend verbreitete Thierpest und den chinesisch- japanischen Krieg, welcher die Arbeiter anderer Nationen dem Bau entzog, ferner durch räuberische Ueberfäüe auf die Bahnstrecken häufig unterbrochen war.
Depeschen deS Bureau „Herold'.
Berlin, 9. April. Der Kaiser conferirte gestern Nachmittag mit dem Reichskanzler Fürsten Hohenlohe in dessen Palais.
Berlin, 9. April. Der Präsident des Reichstages, Freiherr von Buol, gedenkt in einigen Tagen, nachdem er die laufenden Amtsgeschäfte erledigt hat, Berlin zu ver- lasten und sich nach seiner badischen Heimath zu begeben. Nach seiner Rückkehr wird er die Präsidialwohnung am Pariser
Feuilleton.
Frühjshrstonr durch den Ddcrwgld.
Unter den von der Gießener Section des deutsch-österreichischen Alpenvereins für dieses Jahr ausersehenen Touren stand am letzten Sonntag Palmarum ein Ausflug in den Vogelsberg auf dem Programm, da man sich bei der Auswahl gerade dieser Partie in jetziger Jahreszeit von der Absicht leiten ließ, den mit Fracturschrift eingegrabenen Zügen des heurigen strengen Winters auf den Höhenzügen nach- zuforfchen, um Auslug zu halten, ob und wie weit eS schon rathsam erschiene, den Lockungen deS nahenden Frühlings zur Einkehr in sein zurückzueroberndes Wald- und Bergrevier Folge zu leisten.
Da viele Herren wegen des am frühen Morgen trüb dreinschauenden Himmels sich hatten abschrecken lasten, an dem AuSfluge sich zu betheiligen, so war die Ausführung einer auserlesenen Kerntruppe wetterfester, alptnerprobter Herren überlasten, di^ sich durch einige Herren auS der Wetterau und dem Harze cooptirte. Als Schirmer gegen Unbill der Witterung waren die Ausrüstungen den praktischen Bedürfnisten eines Jägers mit wasserdichten Drapirungen aller Nüancen bis zum kleidsamen Roth angepaßt und so konnte man getrost mit dem fahrplanmäßigen Zuge 7 Uhr 35 Min. Morgens gen Schotten abdampfen. Vorbei ging eS im Fluge, „kaum gegrüßt, gemieden", an Lich, Hungen bis Nidda, um von dort ans nach Wagenwechsel Schotten alS nächstes Eisenbahnziel zu erreichen. Trotzdem während der Fahrt zeitweiliger Sprühregen seinen monotonen Klatsch und Tratsch alltäglicher Art aufdringlich gegen die Coupv» fenfter raffelte, so gelang eß ihm nicht, uns zu trüber Weltanschauung umzuftimmen, sondern das heterogene Gefühl behaglicher Beschaulichkeit hielt getreulich bei uns auS.
In Schotten gelangten wir 9 Uhr 45 Min. fahrplanmäßig an. Der gewichtige erste Touristenfchritt ward gleich Anfangs zu glücklicher Vorbedeutung, da wir am Bahnhofe mit liebenswürdiger Zuvorkommenheit von einem Schottener Herrn des Vogelsberger Höhen-Clubs empfangen wurden, der mit freundlicher Geschäftigkeit uns bis zum Altenburgkopfe das Geleite gab. Es ist wirklich „eine herrliche Waldanlage mit hochromantischen wilden Felspartieen, Schweizerhäuschen, Tischen und Bänken, Tanzplatz im Freien, im herrlichen
Hochwald, besten mächtigen Bäume theilweise höchst malerisch die Felsen umklammern", wie ihn Herr Professor Otto Buchner in seinem trefflichen „Führer durch den Vogelsberg" so anschaulich schildert. Daß zu schöner Sommerszeit dieser prächtige Punkt zu festlichen Veranstaltungen förmlich einladet, nimmt kein Wunder. In gleicher Höhe gelegen, doch am Waldessäume mit einem freien Ausblick über das Schottener Thal sieht ein Neubau feiner Vollendung entgegen, der als Lehrerheim einem humanitär edlen Zweck dienen soll. Nach Verabschiedung von dem Herrn waren wir nunmehr uns selbst überlasten und fanden uns zunächst an den reichlich vom Vogelsberger Höhen-Club angebrachten Wegzeichen toetfe blauer Färbung vortrefflich zurecht, aber nur biß Busenborn, da von dort beim Aufstieg zum Bilstein selbst dies treffliche Orientirungsmittel durch die immer mächtiger auftretenden Nebelschichten seine Dienste versagte. Während unten im Thale die Kirchenglocken zu Palmarum ernst gestimmt die christliche Charzeit einläuteten und das Grau in Grau gemalte landschaftliche Stimmungsbild ihr angepaßt war, trieb je weiter nach oben, desto toller ein Hexenspuk auf dem weit- wüsten Felfenmeere altheidmfchen Teufelskram. Diese an den Blocksberg erinnernde Partie des BilsteinS mit seinen hinter ihm sich auSbreitenden Hochmooren ist so recht die Brutstätte ungezügelt phantaftlscher Gebilde an einem nebligen Tage, wie dem unsrigen, wo wir erst dicht vor der Darmstädter Hütte diesen erwünschten Unterschlupf entdeckten. Während es draußen wetterte und tobte und des gewaltigen Werdegangs ewige.Wiederkehr auf seinem ureigensten Kampfgebiete sich abspielte, saßen wir drinnen geschützt beim Frühstück.
In der Voraussicht, daß die specielle Nutzanwendung deS bekannten Satzes, daß der Mensch das ist, waS er ißt, auf den heutigen Tag hinsichtlich der noch zu erwartenden Kraftleistungen besondere Fürsorge für das leibliche Wohl erheischte, wurde der Rucksäcke liebliche Fülle bald auf ihren volliaftigen Inhalt geprüft, kurz gesagt: es wurde gehörig gefrühstückt, ober in sehr gemeßener Zeit, da noch ein tüchtiger Marsch zurückzulegen war. So nahmen wir denn bald Abschied von dem gastlichen Dache, und wagten unS wieder hinaus in den tollen Hexensabbat. Das brodelte und braute lustig weiter da oben in des Hochplateaus nebelhaften Gründen um den Bilstein. Dichte Wolkenschichten in unaufhörlichem Spiel vor sich hertreibend, verlor sich die sich
ewig verjüngende Windsbraut zu imposantem Rauschen in den Wipfeln der mächtigen und prächtigen Tannenriesen und es rumorte, als ob die Geister dort oben zu einem Haberfeldtreiben in gespenstigem Mummenschanz sich zusammengesunden härten. Da es in den dichten Nebelschichten nicht möglich war, die fürsorglich angebrachten Wegweiser oder Merksteine ohne besondere Vorsicht aufzufinden, so bildeten wir über die weiten Triften hin eine weit ausgezogene Schützenlinie und erhielten uns die Verbindung durch gegenseitigen Zuruf, um gelegentlich einer glücklich aufgefundeuen Stange nach der vorgeschriebenen Richtung unsere Marschroute einzurichten, ohne Compaß und Triangulationspunkte!
Dabei galt es, die durch die anhaltende Nässe gebildete» Tümpel und Lachen zu vermeiden. Nicht ohne uns auf eine kurze Strecke hm in der Richtung geirrt zu haben, gelangten wir nach der Durchquerung des Plateaus zum Waldessaum und machten bei einem sanften Aufstieg die erste Bekanntschaft, jetzt allerdings erst nur auf kurze Strecke — mit dem Schnee. Eine dichte Nebelwand lagerte vor dem lang ersehnten ClubwirthShauS des Hoherodskopf, das wir Punkt 1 Uhr erreichten. Zu unserer freudigen Ueberraschung fanden wir den Wirth vor, der, durch die freundliche Slufmerfiamtett der Schottener Section benachrichtigt, fich eingestellt hatte, um uns gastlichen Empfang vor officieller Eröffnung zu bereiten. Obgleich also nur ein Provisorium, so ward es doch für uns zum behaglichsten Refectorium. Durch Wind und Wetter arg mitgenommen, fanden wir ein vorzügliche» Stärkungsmittel zur Anfrischung unserer fiebenßgctfter i» einem öfter« wiederholten Aufguß von Rothwein auf ein zur Hälfte mit heißem Wasser und Zucker gefülltes Glas. Diese» von einem geübten Bergsteiger der Reisegesellschaft anempfohlene Mittel that seine vorzüglichste Wirkung und ist Jedermann in ähnlicher Lage bestens zu empfehlen.
So faßen wir in dem angenehm durchwärmten Zimmer, hoch eben auf einer wetterumtosten Höhe von 767 Meter, in fröhlichster Stimmung. Mit großem Interesse vernahmen wir auS -des Wirthes Unterhaltung, daß auch int VogelS- berge Schneeschuhe im letzten Winter namentlich beim Forst- personal praktische Verwendung gefunden haben. Doch bald mahnte uns der unerbittlich vorwärts rückende Zeiger der Uhr um 37« Uhr an einen ernstlichen Aufbruch, ging eS doch noch der größten Anstrengung des TageS entgegen. Als wir dem aus Schotten uns geleitenden Herrn und jetzt unserem


