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10.3.1895 Erstes Blatt
 
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Nr. 59 EEes Blatt.Sonntag den 10. März

1S95

Der ^ir^cner Auzttger .rjdjdnt täglich, mii AiiSnahme deS Montags.

Die Gichrncr Aamikieavkälter »erben b<m Anzeiger »dchcnilich dreimal bcigclcgt.

Meßener Anzeiger

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Pierteljähriger A6onncmcntspreUt 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn.

Durch die Poü orzog« 2 Mark 50 Pfg.

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Zlints- und Anzeigeblntt für den Äreis Gieren.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den fefnenbcn Tag erscheinenben Nummer bis Borin. 10 Uhr.

Hratisbeitage: chießener Jamilienbkätter.

Alle Annoncen-Burcaux deS In. und AuSlanbeS nehmen Anzeigen für benGießener Anzeiger" entqeqen.

Deutscher Reichstag.

55. Sitzung. Freitag, den 8. Marz 1895.

MUitLretat. (Naturalverpflegung.)

Abg. v. Bollmar (Soc.) bemerkt, es ließe sich noch bei einer ganzen Reihe von Positionen sparen, so bei den Fourage-Rattonen bCr ^?eg"minister v. Bronsart widerspricht dem; er halte sieben vjerde, bekomme acht Rrtionen und brauche dieselben.

Nach einer kurzen Erwiderung des Abg. v. Dollmar kommt «da. Gras Arnim aus die Fraae des dtrecten Getretdeetnkauss iurü(f, indem er erklärt, bet den jetzigen niedrigen Getretdepreisen sich hiervon nicht« zu verivrechen-

Hbfl. Richter (fr. Vp) führt aus, daß das Reich bei seinen Einkäufen aus die Steuerzahler Rücksicht zu nebmen babe; kaufe es durch LZDifchenhändler billiger, so müsse eS diesen ModuS wahren.

Rach einer kurzen Auseinanders.tzung zwischen Graf Arnim und Richter über die landwirthscha'tUchen Genosienschaslen erwidert Generalmajor o. Gemmingen, daß Bevorzugungen nicht statl- f5nbt einer Replik deS Abg. Richter und einer Empfehlung de« Abg. Hilpert wird der Titel genehmigt.

Rum TitelVictualien-V-rpflegung" liegen zwei Resolutionen vor: die eine fo. Podbtelski) will, daß für das EtatSzabr 1895/96 Mittel berettgestelll werden, um den QuartterwIrth'N eine Vergüiung .u dem Satze für die Marschverpflegung zu gewähren; eine Reso­lution Schävler will, daß mit der Verabreichung warmer Abendkost an die Mannschaften deS octiven Heeres weitere Versuche angeiiellt und daß eventuell Mittel zur allgemeinen Durchführung dieser Ein­richtung in beit Etat 1896/97 eingestellt würden.

lieber dies- Resolutionen entspinnt sich eine längere Debatte, an der sich, nach der Begründung durch die Antragsteller, die zu­ständigen R'gt-rungsvertteter, sowie fast sämmtliche Fraktionen be- tbrtltgen. Den verschtedentltchen Befürwortungen stehen gerechtfertigte Bedenken gegenüber, unter anderen diejenigen des Schatz!, cretä^s p PofadowSky, welcher hierdurch Mehrkosten im Beirage von 8Vi Millionen Maik herauSgerechnet, die neu aufgebracht werden müßten. Ein Antrag Richter (fr. Vp), Hammacber (natl.) auf Verweisung dieser Resolutionen an die Budgetcommtssion bildet schließlich den Schluß dieses Gegenstandes.

Bet dem TitelTuchlieferungerr" beantragt die Commission Absktzung von 415,000 Mk., sowie nachstehende Resolution:Die Milttärverwaltung wolle die Vergebung der Tuche cenhoUftrtn."

G neralmajor v. Gemmingen bittet, den Abstrich am Etat rückgängig zu machen.

Abg. Werner (Antis.) auß rt sich im Sinne der Commission.

Abg Müller-Fulda (Centr.) v rwahrt sich gegen die Bezich­tigung der Unwahrbett, welche wegen seinen Angaben in der Com­mission von verschiedenen bet der Tuchlteferung bisher beteiligten Fabrikanten gerichtet worden sind.

Die Vorschläge der Commission werden dann angenommen.

Ebenso werden die folgenden Titel:Garnisonbauwesen", .Mililär-Medicinalwesen" undRemontepserde" nach kurzer Debatte genehmigt.

Bet CapttelRetsekoften und Tagegelder" platdirt Abg. Bebel (Soc) für eine Herabsetzung der Diäten und Reisekosten.

Schatzsecretar v. Posadowsky gibt das Vorbandensein von Mängeln tn der Diäten frage zu und stellt eine Revision der Reise­kosten in Aussicht

Hierauf wird auch dieses Capttel genehmigt.

Bet dem TitelUnteroffizier Vorschulen" wird eine Resolution auf Ausbrsserung der Voikeschullehrer-Gehälter an diesen Schulen angenommen.

Der Rest des Ordinartums wird ohne Debatte erledigt.

Morgen 1 Ubr: Ex ra-Ordtnarium, Militäretat.

Amtlichem Theil.

Gefunden: 1 silb. Ring, 1 Taschenmeffer, 1 Cigarren- Etuis, 1 Spazierstock, 1 Schere, 1 Buch, 1 Vorhang, 2 Schürzen, 1 Tischdecke, 1 Packet, 1 Hundehalsband und 1 Abonnement-Fahrschein der Gießener OmmbuS-GeseUschaft.

Gießen, den 9. März 1895.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen, g. 93.: Wolff, RegierungS - Assessor.

Neueste Nachrichten.

WolffS telegraphisches Correspondenz-Bureau.

Danzig, 8. März. Der Provinziallandtag be­schloß mit allen gegen zwölf Stimmen die Errichtung einer west preußischen Landwirthschaftskcrmmer mit dem Sitze in Danzig. Der Commisscrr des Ministers der Lcrnd- wirthschast, Geheimer Oberregierungsrath Dr. Thiel, wohnte der Verhandlung bei.

SBitn, 8. März. Der Agrartag nahm eine Resolu­tion betreffend die Organisation deS Grundbesitzes der Land- wirthschafc an, wonach die Errichtung der Bezirksgenossen- schäften und der obligatorische Beitritt von den Besitzern landwirthschaftlicher Liegenschaften durch ein Reichsgesetz aus­gesprochen werden soll. Der Landesgesetzgebung soll über­lasten bleiben, ob solche Genossenschaften zu errichten sind.

Brussel, 8. März. Repräsentantenkammer. Der Kinanzminister brachte eine Vorlage ein, betreffend die Ab Änderung der Tabak st euer, ferner eine Vorlage betreffend Äie Seezeichen- und Signalfeuergebührcn, eine Vorlage be­treffend die Abänderung gewisser Eiuga n g s zölle

unb eine Vorlage betreffend die Eittsührung einer Mar- , garinefteuer.

Depeschen deS BureauHerold".

Berlin, 8. März. Nach demReichsanzeiger" ist der bisherige Obeipräsivent der Provinz Ostpreußen, Graf Stolberg-Wernigerode, unter Gewährung des ges tz- lichen WartegeldeS in den einstweiligen Ruhestand versetzt worden

Berlin, 8. März. DerReichsanzeiger" bringt den Wortlaut der von dem Kriegsminister in der Reichtagssitzung vom 5. März bezüglich der Strafproceß-Ordnung abgegebenen Eikiärung und fügt hinzu, daß hiernach der KriegSmtnister mit keinem Wort von einer gern sten Gegner­schaft zur Reform in höheren Stillen, wie von derKöln. Ztg." behauptet wurde, gesprochen und ebensowenig Anlaß gegeben habe, daß der Chef deS Militär-CabinetS zu solcher Gegnerschaft bezichtigt werde.

Berlin, 8. März. Der französische Botschaftssecretär Saint- Claire ist heute Nacht 3 Uhr seiner schweren Krankheit erlegen.

Berlin, 8. März. Bei den Verhandlungen des Staats- raths wird nach derNat. Ztg." der Kaiser persönlich ben Vorsitz führen.

Berlin, 8. März. Im preußischen Landtage wurde heute der Etat der Bauverwaltung berathen. Der TitelUnterhaltung der Binnenhäfen unb Binnengewässer" wurde bewilligt. Weiterberathung morgen.

Berlin, 8. März. Der Kaiser wird, wie diePost" hört, dem Fürsten BiSmarck anläßlich besten achtzigsten Geburtstages eine hervorragende Ehrung zu Theil werden lasten. In welcher Form diese Ehrung erfolgen wird, entzieht sich der O ffentlichkeit noch.

Berlin, 8. März. Der Termin der ReichstagSstichwahl in Eschwe ge ist auf den 18. März vertagt.

Berlin. 8. März. Die Umsturz - Commission setzte heute He Berathung des § 130 fort. Zunächst wurde ein Antrag, an sämmilichen Tagen nächster Woche Sitzungen abzuhalten, mit 14 gegen 12 Stimmen verworfen. Abg. Dr. Enneccerus (ntL) begründet nochmals den von ihm in voriger C oung beantragten Zusatz zu Absatz 2, § 130. Sollte wc 'N mangelndem Entgegenkommen des Centrums den berechneten Einwendungen feiner Partei nicht entsprochen werden, so hoffe er doch auf eine Verständigung zwischen der ersten und zweiten Lesung über die gejammte Vorlage. Abg. von Wolszlegier (Pole) erklärt, daß bei Ablehnung btß Antrages Rmtelen die ganze Vorlage für seine Partei unannehmbar sei. Abg. Munckel (fts. Boiksp.) stellt hieraus fest, daß bei strenger Erwägung deS Antrages Rintelen jedem Cultur - Fortschritt entgegengetreten werden könnte. Daraus wird zur Abstimmung geschritten Antrag Rmtelen wird mit allen gegen die Stimmen des CentrumS abgelehnt - auch sämmtliche übrigen Anträge werden verworfen. Da hierauf bei der vorgenommenen Abstimmung über die Re­gierungsvorlage sich keine einzige Stimme erhebt, erscheint der Paragraph somit einmütig abgelehnt. Sodann wurde noch der Antrag auf Streichung des § 130 a, des sogenannten Kanzelparagraphen, nach kurzer Debatte mit allen gegen die Stimmen der Nationalliberalen angenommen. Nächste Sitzung morgen 10 Uhr.

Berlin, 8. März. In dem Befinden des commanbirenben Admirals v. d. Goltz ist jetzt jede Gefahr vorüber.

Berlin. 8. März. Der Kaiser begab sich heute Nach­mittag von Bremerhaven nach Bremen, von wo er heute Nacht 11i/. Uhr in Berlm wieder eintreffen wird.

Berlin, 8. März. DieNordd. Allg. Ztg." erklärt zu dem in den Blättern veröffentlichten Gesetzentwurf, betreffend Abänderung des Branntweinsteuergesetzes, die Reichsregierung stehe diesen Veröffentlichungen gänzlich ferne und bebaute dieselbe, da noch nicht feststehe, daß der Bundes- rath an dem Entwurf mehr oder minder umfangreiche Aende- rungen vornehmen werde.

Berlin, 8. März. DieNordd. Allg. Ztg." bezeichnet die Blättermeldung, wonach, wenn der Antrag Lenzmann, betr. das Nichteintreten in die zweite Lesung der Umsturz- Vorlage, angenommen werde, die Regierung die Vorlage zurückziehe, als durchaus unzutrkffend.

Oedenburg. 8. März. Die hiesige Stadt ist seit gestern von dem Verkehr abgeschnitten. Ein Personenzug der Debenburger Bahn ist bei Esterhaz im Schnee ftccfen geblieben. Der Verkehr auf dieser Strecke dürste erst in einigen Tagen wieder frei werden.

Triest, 8. März. Die außergewöhnlichen Temperatur- | Verhältnisse in Italien dauern fort. In Oberitalien herrscht in allen Städten große Kälte, verbunden mit Schnee­

fällen. In Turin sind 11 Grad unter Null- in Neapel schneit es seit gestern heftig. Auf der J"sel Elba'het ein Schneesturm. In ganz Oberitalien werden in ben Kirchen B'ttgotteSbienste abgehalten zur Abwenbung weiterer Wetter­schaben.

Pari», 8. März. Die Vorbereitungen zum Transport der Truppen nach Madagaskar sind beendet. ES werben etwa 20 Schiffe, welche alle französischen Rhedcrn gehören, den Transport der Truppen, der Pferde unb der Artillerie bewerkstelligen. Der definittve Tag der Abfahrt ist noch nicht festgesetzt, da man Verzögerungen bei Ver­schickung so bedeutender Truppenmassen befürchtet.

London, 8. März. DieDaily Newö" melden au» Kairo, baß die Behörde strenge Maßregeln gegen ein­geborene unb Europäer ergreife, welche heiml'ch Waffen an* gekauft haben, um sie gelegentlich bei der am nächsten Dienstag ftattftnbenben Begrädnißseier JSmaei PafchaS zu einer Revolte zu benutzen. Ein großer Theil der Waffen soll bereits cou- fiScirt fein.

Locales und provinzieller.

Gießen, den 9. März 1895.

H. Neues Theater. Das dritte Stück, das uns daS Gastspiel der Herren Gebrüder Hartmann brachte,Die Kinder des Capitän Grant" hatte gestern Abend auch nur eine kleine Zuschauerzahl zu versammeln vermocht, obgleich feine Dccorationen noch am besten für die beschränkten Ver­hältnisse unserer Bühne paffen. Wir übertreiben keineswegs mit der Bemerkung, daß sämmtliche Bilder von großer, theilweise sogar überraschender Schönheit waren, so ganz besonders am Schluß des Stückes das stimmungsvolle Eis­meer mit der Polarsonne. WaS die Anziehungskraft dieses Ausstattungsstückes im Gegensatz zu anderen an allen Bühnen, auf denen cS zur Aufführung gelangte, noch erhöhte, ist der Text, der zwar nicht viel Handlung, aber eine Reihe drolliger ©eenen ausweist. Besonders die Figuren der nervösen Lady Glenarvan unb des zerstreuten Geographen Paganel, durch Frau Gerloch unb Herrn Niemeier gut dargestellt, gaben gestern viel Stoff zum Lachen. Doch auch für Liebhaber vonRührung" fällt bei einem Stück, das die Aufsuchung eines schiffbrüchigen Vaters durch seine Kinder darstellt, immer etwas ab. Zwischendurch wird gehölig geknallt, so daß auch die Besucher der Gallerte zu ihrem Recht kommen. Herr Reiners läßt das Stück morgen noch zweimal auf» führen. Wie uns soeben mitgetheilt wird, tritt Fräulein Nuscha Butze am Dienstag Abend in Fulda'sDie wilde Jagd" als Gast auf. Fräulein Butze dürfte bei ben Gi ßenern noch vom vorigen Jahre her tn gutem Andenken stehen.

Eine Protestversamwlnng gegen die Tabakfabrikat- steuer fand gestern Abend 6 Uhr auf Lonys Felsenkeller statt. Die Versammlung war, wie zu erwarten, überaus zahlreich von Fabrikanten unb Arbeitern der Tadakbranche besucht. Als Referent trat Herr I. H. Jung aus Breme« auf. Derselbe leitete seinen Vortrag ein mit dem Hinweis auf die Mtlitärvorlage, die er in erster Linie als Grund der beabsichtigten Mehrbelastung des Tabaks um 38 Millio­nen Mark bezeichnete, nachdem der Tabak bisher schon jähr­lich 58 Millionen Mark aufgebracht habe. Zwischen der Fabrikatsteuer und dec Zollerhödung fei kein Unterschied, erstere habe man, weil für letztere keine Stimmung vorhanden, nur etwas mundgerechter machen wollen. Das Material, welches feiten» der Regierung zur Beurtheilung der Lage der Tabakindustrie unb ber Arbeiter für die Mehrbelastung zufammengestellt worden, sei mangelhaft- man habe die Hausindustrie nicht mit in Berechnung gezogen unb über ben Umfang ber letz­teren feien selbst die Fabrikanten nicht unterrichtet- rcgic- rungsseitig habe man von 142000 Arbeitern gesprochen, c6 seien deren aber mindestens 180000, ungerechnet derjenige« in den Nebengewerben. Redner weist die Annahme, daß Deutschland seinen eigenen Tabak bauen könne, zurück, der Tabakbau in Deutschland sei vielmehr zurückgegangen- gegen­über einer Reihe von Anzeichen, die auf Annahme der Steuervorlage schließen ließen, forderte Redner zum Zu» sammenhalt aller Interessenten auf, damit die Tabakindustrie picht vernichtet werde. Deutschland solle sich glücklich schätzen, eine so blühende Industrie zu besitzen, denn sie beschäftige eine große Anzahl solcher Leute, die sonst wegen körperlicher Gebrechen der öffentlichen Armenpflege anheimfielen. Der Tabak sei fein Luxus mehr, sondern infolge der Beschäftigung so zahlreicher Arbeiter eine Nothwendigkeit. Redner ging hierauf auf die Concurrenz der Strafanstalten ein, die besonders auch in dem An- lernen von Cigarrenarbeitern bestehe - er legte die Unmöglichkeit bar, daß die Arbeiter, wenn sie nach Annahme ber Steuer-