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Mittwoch den 9. Januar
1895
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Der Kießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
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Deutsches Reich.
Berlin, 8. Januar. DaS Reichsparlament hat heute mit der Generaldebatte über die „Umsturz"-Vorlage seine Arbeiten im neuen Jahre ausgenommen. Die parla- mentarischen Aussichten dieser wichtigsten Vorlage der laufenden Session find bislang noch höchst ungewisse und schwankende gewesen, vielleicht wird nun die allgemeine Berathung deS Entwurfs zum ersten Male eine größere Gewißheit in dieser Beziehung bringen. Viel, sehr viel wird hierbei natürlich auf die Haltung der Regierung ankommen, aus den zu erwartenden Erklärungen der Regierungßvertreter kann vielleicht schon ein hinlänglicher Schluß daraus gezogen werden, inwieweit man regierungsseitig zu einem Entgegenkommen in der Frage der gesetzgeberischen Bekämpfung der Umsturz- destrebungen, zu einem Compromiß mit der Volksvertretung, geneigt ist. Als sicher kann bereits jetzt das Eine gelten, daß für den Regierungsentwurf, wie er dem Reichstage zur Zeit vorliegt, immer mehr eine Mehrheit zu erwarten steht, selbst bis in die Reihen der Mittelparteien und der Rechten hinein machen sich erhebliche Bedenken gegen verschiedene Bestimmungen der Regierungsvorlage geltend. Aber anderseits ist auch kaum anzunehmen, daß die Regierung auf ihrem Schein bestehen bleibt, daß sie es wirklich auf einen Bruch mit dem Reichstage ankommen lassen sollte, falls derselbe, wie vorauszusehen, die „Umsturz"-Vorlage in ihrer jetzigen Gestalt nicht accepiirt, der Ausgang von Neuwahlen zum Reichstage auf Grund der unveränderten RegterungSfor- derungen zur Bekämpfung der Umsturzgefahren wäre jedenfalls ein recht zweifelhafter. Da nun auch die allermeisten Reichstagsparteien keineswegs die Dinge auf die Spitze getrieben sehen möchten, so kann man doch an der Hoffnung sesthalten, es werde sich in dieser bedeutsamen Frage noch eine Verständigung zwischen Regierung und Volksvertretung erzielen lassen.
— Der in Aussicht gestellte Besuch des Reichskanzlers Fürsten Hohenlohe beim Fürsten Bismarck in Friedrichsruh scheint fürs Erste wieder aufgegeben worden zu sein. Wenigstens ist nicht anzunehmen, daß Fürst Hohenlohe den projectirten Ausflug nach dem Sachsenlande jetzt, da die Verhandlungen des Reichsparlaments wieder begonnen haben und zudem auch die preußische Landtagssession Ävr der Thür steht noch unternehmen wird. Oder sollte ein Besuch des leitenden Staatsmannes des Reiches und Preußens bet seinem berühmten Amtsvorgänger überhaupt nicht ernstlich geplant gewesen fein?
— Die Haltestelle Dietrichs feld an der Strecke Gnesen Jarotschin wird laut einer amtlichen Bekanntmachung
Feuilleton.
Unser (garten im Januar.
Wie schön ists, wenn einer „grün" dabtngesunkenen Weihnacht der Januar in fnfeber Kälte seinen crystaUenen Gszucker, seine blinkenden Diamantnadeln nackstrertt, so daß das Sprichwort nicht droht: „Jenner warm — daß Gott erbarm!" Da winkt es und blinkt es über die weiten Schneeseider: die wieder triumphirende Sonne lächelt an schönen Tagen durch die frische, eisige Last herab «uf die reine winterliche Hülle — so fälschltch „Leichentuch" der Natur benannt — und spielt in flammenden Siebtem durch die stückelnden Juwelenichätze der Gärten, Felder unb Wälder.
An solchen köstlichen Sonnen- und Sonntags-Nachmittagen da halte werd kann in der heißen Stube auf. Ergötzlich und kurzweilig ists da, auf stählerner Schiene im bunten Gewoge der Ets- laufbahn sich zu tummeln. Ich weiß mir aber einen sinnigeren Genuß: da drüben der stille Garten am Hügel, der lauschige Parkwald, dessen P'ade sich am eilenden Bergbach, am verschwiegenen lletnen Teich der Schlucht hinschlängelt und im dunklen Tannenhain verlieren. Er zieht mich mehr an. Dort die köstlich erfrischende Winterluft zu trinken, zwangSlos und ungestört dabin- zuschreiten, die Regungen der, kurzsichtigen Menschen verödet und verstorben dünkenden, Gottesnatur zu belauschen, dazu sei Jeder, der mir folgen will, beute freundlich eingeladen.
Wie zum Willkomm breiten sich die sperrigen Zweige deS wilden Schneeballs über das trauliche Gartenpförtchen Wie merkwürdig : in farbenprunkenden Sommertagen begrüßten sie unS weiß, im Schnee ihrer Blütben, und jetzt, in der finnigen weißen Winterlandschaft nicken Dolden korallenrother Beeren zu unS 2 • Fanden sie denn keine Liebhaber in der langen schmalen
3eit.- Doch! sieh dort, eine Schwarzamsel wiegt sich auf dem ichwanken Zweig: mit dem prächtig feuerfarbenen Schnabel zerzaust «mtef ”eex kostet, aber es scheint ihr nicht recht zu munden. Mit klugem Auge sieht sie zu uns hernieder, dann macht sie einen "D°ck dack dack! Tix!" Das will etwa sagen: in <v!2a dtt Teufel Fliegen, aber sie schmecken darnach! — und fort ist sie.
s, HE" unten auf den alten Gemüseschlägen ist ein guter The» fchneelos, Swb ür Schollen liegende Eide, daneben ein frischer «raben. Der Schnee war weggeräumt unb bas Laub hier tief ge- wenbet worden. „Rigolen" heißt da« der Gärtner. Er frischt damit
der Bromberger Eisenbahndireciion vom 1. Februar 1895 ab | den schönen Namen „Chavalibogavo" führen. Was wird wohl die Ansiedeiungscommission für die Provinz Posen zu dieser auffälligen Umwandlung eines guten deutschen StationSnamens in einen noch dazu so zungenbrecherischen polnischen Namen sagen?
Ausland.
Budapest, 7. Januar. Mit dem Wiedereintreffen deS Kaisers Franz Josef in Budapest steht endlich die entscheidende Wendung in der ungarischen Cabinetskrisis bevor. Der Monarch empfing am Sonntag außer dem Grafen Khuen- Hedervarh noch den Präsidenten des Magnatenhauses, Szlavh, weiter den Präsidenten des Abgeordnetenhauses, Bansy, sowie den Deputirten Koloman Szell. Vermuthlich hat hierbei der Kaiser die Anschauungen der drei letztgenannten Herren Über die Berufung eines CabinetS Khuen-Hedervary gehört und dürfte seitdem wohl der formelle Auftrag an den Banns von Croatien zur Bildung des neuen CabinetS erfolgt fein. — Am Sonntag sanden in Budapest, sowie in mehreren Provinzialstädten Ungarns Volksversammlungen zu Gunsten des allgemeinen Wahlrechtes statt. Der Verlauf dieser Veranstaltungen war im Allgemeinen ein ruhiger.
Paris, 7. Januar. Der jetzt von der belgischen Regierung aufgeworfenen Frage der Uebernahme des Congostaates durch Belgien beginnt man auch in Frankreich größere Aufmerksamkeit zu schenken. Wie aus Paris gemeldet wird, hielt das Ministerium Dupuy bereits einen dieser neu auf> getauchten afrikanischen Angelegenheit gewidmeten Cabinets- rath ab, in welchem mehrere Minister einen Protest Frankreichs gegen das genannte Project der belgischen Regierung auf Grund des französischen Verkaufsrechtes befürworteten, doch gelangte man auch zu keinem Beschlüsse. Freilich bleibt aber noch immer abzuwarten, ob Frankreich nicht etwa ernste Einwendungen gegen die Erklärung deS Congostaates zur belgischen Colonie erheben wird, da man französischerseits vermuthlich selbst auf den Besitz des Congostaates speculirt.
— Im 13. Pariser Arrondiffement fand am Sonntag eine Stichwahl zur Deputirtenkammer statt. Bei derselben wurde der Candidat der revolutionären Socialisten, Gerault Richard, mit 2742 Stimmen zum Abgeordneten gewählt, die nächstgrößte Stimmenzahl, 988, fiel auf den gemäß gt- republikanischen Candidaten, Albert Felix. Die gewaltige Mehrheit, mit der Richard gewählt wurde, scheint darauf hinzudeuten, daß der revolutionäre Socialismus in den Arbeiterkreisen der französischen Hauptstadt immer mehr Boden findet.
bas träge Blut der eriragswüdm Erbe, wo nöthig mit darauf folgenber Düngung, in glücklichem ©uff auf. Hier ist ein Stück Rasenkante zwischen die Schollen gefallen. Die Sonne finbet es in seiner geschützten Vertiefung unb — wie reizend — sie küßt ein blühendes, ausdauerndes Maasliebchen wach, das sein gelbes Blülhenkörbchen mit dem zart rosa angehauchten weißen Strahlenrande — Eis unb Schnee zum Hohn — der Allgütigen anmuihig entaegenstreckt! Unb nahe badet unter bem alten schützenden Stachelbeerstrauche ist wahr- hastig eine ganze breifte Eolonie grüner Pflänzchen vom Schlaf erwacht: die, wenn auch in der kalten Lust noch machtlosen Sonnenstrahlen haben genügt, im traulichen Versteck die Blättchen aus eisiger Erstarrung vorübergehend zu erlösen; ja, ein ge dreiste Blülhen- lädchen aufzuschlagen. Wer kennt sie nicht, die kleinen weißen Sternblümlein der tapferen, bem Gartenfreund durch ihre Aufdringlichkeit freilich verhaßten Vogelmiere! Sie gehört auch mit zum Ganzen der Welt des lieben Gartens, lehrt den Gartner, hübsch sorgsam zum Wohle seiner Pflanzen zu jäten, unb jetzt, da olles zarte Grün scheinbar in unerbittlichen Tod gesunken, können wir sehen, wie reizende Distelfinken, behäbige Grünlinge unb zutrauliche Buchfinken mit anderen klugen hungrigen Vögelchen sich zu ihr hernieberlassen, leise mit ihr pla, bern unb an ihren grünen Bläilchen einen willkommenen, gesunben Wintersalai finben, der ihr kleines Herz erfreut unb ihr Augenheimweh nach frischem Grün eine kleine Zeitspanne hinweg- täuscht.
Es sinb aber auch noch anbere grüne hartschlägige Kameroben da. Der kleine Acker-Ehrenpreis läßt sich vom Winter nicht überwältigen, selbst unter bem christr ächllichen Schnee preist er seit Jahr- taufenben sein „Ehre sei Gott in ber Höhe", und, macht der Hart- rnonb ihn frei unb bie Sonne lächelt ihm zu, so schlägt er gar seine hellblauen vierblättertgen Blümlein auf, als wäre sein Frühlingstag schon gekommen.
Doch wir wollen uns mit ber winterlichen Flora nicht weiter aufhalten, es ist noch so vieles, vieles zu sehen, zu bewundern: wir können gar nicht alles aufzählen. Wir werfen also an ber bichten Ligusterhecke ber „vurpurrothen Taubnessel", die weiß Gott ihren Blüthenquirl, mit Schiffchen unb Fahnen unter bem südlichen Raub hervorstreckt, nur noch einen bewundernden Blick zu, brohen dem daneben stehenden „Hirtentäschel" mit seinen herzförmig-dreieckigen Unkraut-Samentäschlein — der vielfach ausaelegten bursa pastoris — ein wenig mit dem Finger, eilen an dem knospenreichen Spalier, baS bald beschnitten sein will, an unseren wooloerwahrten Lieblingen vorbei. An der Cypressen- unb feinen Eontferengruppe hülfen wir aber nicht vorüber, ohne eine gute Thai auszuführen: Der
Petersburg, 7. Januar. In Rußland scheinen mit der Thronbesteigung des Czaren Nicolaus endlich auch für die Deutschen der Ostseeprovinzen wieder bessere Zeiten gekommen zu sein. Der neue Gouverneur von Esthland, Scalon, hielt an die Notabilitäten von Reval eine Begrüßungsansprache, in welcher er betonte, er fei vom Czaren beauftragt worden, eine Aussöhnung zwischen den Balten, d. i. den baltischen Deutschen, und ihren russischen Mitbürgern, sowie den russischen Behörden herbeizuführen, denn nur aus der Eintracht der Nationalitäten EsthlandS könne das Wohl des Lande- hervorgehen. So versöhnlich und entgegenkommend ist zu den Deutschbalten von maßgebender russischer Seite schon lange nicht mehr gesprochen worden, vielleicht, daß nun für sie doch eine bessere Aera anhebt.
— Neuere Nachrichten vom ostafiatischen Kriegsschauplätze deuten an, daß die erste und zweite japanische Armee ihre Offenfivbewegungen gegen die Chinesen zunächst eingestellt haben. Diese Unterbrechung im Vormarsch der Japaner scheint durch einen unerw rieten Vorstoß deS kürzlich bei Haitfcheng geschlagenen chinesischen Generals Sung nach ge* nanntem Platze veranlaßt worden fein. Man kann also Wohl einem zweiten Treffen zwischen den Japanern unb de« Chinesen bei Haitscheng entgegensehen.
Neueste Nachrichten.
Wolfftz telegraphisches Correspondeur-Burea»
Berlin, 7. Januar. Der große Schneefall, ber seit gestern hier herrscht, hat die Stadt zur Einstellung von 2400 Arbeitern zur Straßenreinigung gezwungen. Pferde- bahngesellschaften und Hausbesitzer haben andere zahlreiche Arbeiislose zur Wegschaffung des Schnees angestcllt, so baß nun die Gesammtzahl ber damit Beschäftigten auf 5000 berechnet wird.
Berlin, 7. Januar. Das Centralcomite der deutschen Vereine vom Rothen Kreuz billigte dem japanischen Rothen Kreuz einen Geldbetrag bis zu 10,000 Mk. für H'lfsleistung im gegenwärtigen Kriege zu.
Köln, 7. Januar. Wegen des starken Eisgänge- wurde heute die Schiffbrücke abgefahren. Die Schiffe suchen die Häfen auf. Lahn, Mosel und Nahe haben viel Eis, der Saarcanal ist vollständig, die Saar beinahe zugesroren. DaS Wasser fällt. Zwischen Köln und Deutz vermitteln Dampfschiffe den Verkehr.
Hagen, 7. Januar. Heute wurde die electrifcke Straßenbahn mit Accumulatorenbetrieb, die erste Deutschlands, eröffnet. Ingenieure von nah unb fern waren anwesend.
reichlich gefallene Schnee hat bie zarten Z oeige stark niedergeboge», fie seufzen unter b-ffen Last. Schürten bie himmlischen Heerschaare» ihre kalten Fcderbetichen noch stärker aus unb bie Myriaben der nieberwi'belnben Schneesternchen belasten zu Haus noch mehr bie armen Bäumchen, so werden bie Beste immer tiefer gezogen unb schließlich „knack!" sie brechen, besonders wenn der Schnee durch zeitweiliges Tbauen gefroren unb bann ber eisige Norbost mit Macht bmch ben Garten saust. Wir schütteln mit kräftigem Rütteln bk weiche Schneelast ab unb dankbar, erleichtert, richten sich die entlasteten Zweige wieder auf.
Jetzt — bie Sonne sinkt tiefer — funkelts in überirbifchen Lichtern in ben dunk.ln Eiben- und Fichtenbäumen deS ParkwäldchenS. Her, wo ber feuchte Dunst d s zu Tbale eilenben Bächleins ben Rauhfrost noch entzückender als im Garten gewoben, zeigt bk Strahlenbrechung durch das Sonnenlicht das glorienhafteste Farben- spiel. Im Dunkel der beschneiten Zweige ober auf ihrem gleifenbat Schnee tauchen alübenbe Farbenfunken auf, verschwinden wieder. Ei» jeder Schritt läßt Tausende fliehen, Tausende neu erstrahlen: vom tiefsten Rubinroth ins feurigste Gold übergehend; in grünen Smaragden, im köstlichsten Blau unb warmen Violett — wie ba8 glänzendste farbige Lichttpiel bes echten Brillanten auf tiefbuntelee Sammlgrün! Wer wagt es, dieses herrliche Ratmspiel, oon bem bft ftäbttfebe Stubenhocker nichts weiß, zu erklären?
Hier stäubt es plötzlich auf bft schlanken Fichte — ach reizend: ein Flug Meisen! Sie spielen da turnend von A't zu Ast, hänge» sich an die juwelenbestreuten Zweigchen, schaukeln unb jagen stch, munter burchtz Revier ziehend. Sie suchen sich zum Wohl ber Bäume ihre verborgene Jrisectennahrung. Aber es scheinen nicht die bekannte« Kobl- und Blaumeisen zu sein, auch kein Sumpfmetschen ist dabei! Hörst Du: „Sit sit!" Tüitititi! Tannenrnetschen sinds, ähnlich bex Kohlmeisen, aber kleiner, u. d da« Gelb der Brust fehlt. Unb sieh nur, welch reizendes k eines Vögelchen hat sich zu ihnen gesellt! Rein, mehrere findß, bie munter in ber Gesellschaft mitturnen, aber von weit kleinerer Gestalt, mit bübsch grünlichem Rücken unb ei» feuerfardenes Häubchen auf! Wi- lebhaft und zutraulich! jetzt setzt es stch ganz nah auf bie junge Birke. Wer brst Du benn, mein liebes Vögelchen?
, „Si si!
Goldhähnchen bin ich genannt, Zi.h fröhlich durchs Winterland: Manch ^äupchrn nehm ich Euch mit — Si st, Zit gti!"
Dann zogen sie weiter.


