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Rr. 236 Erstes Blatt. Dienstag den 8. October
ISSN»
Der chietzener Anzeiger rrscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
Die Gießener
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Gießener Anzeiger
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Amts- und Anzeigeblatt für den "Kreis Gieren.
Hratisöeikage: Kießmer Jamikienökätter.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für de, solgmden Tag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr.
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2lmtiid?er Lheil.
Bekanntmachung.
betreffend die Rothlaufseuche zu Büdingen.
Die zu Büdingen ausgebrochene Rothlaufseuche ist erloschen und die angeordnete Gehöftsperre aufgehoben worden.
Gießen, den 4. October 1895.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Bekanntmachung, betreffend daS Vorkommen der Trichinose im Großherzogthum Heffen, hier Schutzmaßregeln gegen dieselbe.
Warnung.
Vereinzelt werden fast alljährlich in denjenigen hessischen Städten, in welchen, wenn auch nur facultativ, die mtkro- scopische Fleischschau geübt wird, nicht allein in etngeführten, sondern auch in hier zu Lande gezüchteten und gemästeten Schweinen Trichinen aufgrfunden.
Es konnte sich deshalb auch nicht fehlen, daß in verschiedenen Jahren Trichiuoseerkrankungen beobachtet wurden, die zwar meist gutartig waren, deren letzte jedoch auch einen Todesfall herbeigesührt hat.
Die hierbei gemachten Erfahrungen haben fast durchweg ergeben, daß die Erkrankten entweder rohes oder nicht vollständig gar gekochtes oder nicht völlig durchgebratenes Fleisch zu sich genommen hatten. Trichinoseerkrankungen sind aber auch an anderen Orten gesehen worden, wo eine anscheinend gut organisine und gewissenhafte obligatorische Trichinenschau die Unschädlichkeit des Fleisches hätte verbürgen sollen, sei eS nun, daß das schädliche Fleisch aus Orten, wo entweder gar keine oder eine nur ungenügende Fleischschau bestand, eingebracht, oder mit Umgehung der bestehenden Vorschriften gar nicht oder nur mangelhaft untersucht wurde.
ES muß aus diesen Gründen, zumal im Großherzogthum die der allgemeinen Einführung der obligatorischen Trichinenschau bezw. der Ausdehnung der ordnungsmäßigen Fletschschau auf die Trichinen entgegenstehenden Hindernisse noch nicht beseitigt sind, vor dem Genuß rohen Schweinefleisches nachdrücklichst gewarnt und in Erinnerung gebracht werden, daß nur völliges Garkochen oder Durchbraten der Fleischstücke, sowie auch aller anderen Fletschzubereitungen, besonders der verschiedenen Wurstsorten, geeignet ist, die etwa vorhandenen Trichinen abzutödten und die Genießenden vor Gesundheitsschädigungen zu bewahren. Handelt eS sich um größere Fleischstücke, wie Schinken oder Kammbraten, dann wird daS Eindringen der Stedhitze in die tiefer gelegenen Fletschschichten, waS an der grauen Verfärbung derselben zu erkennen ist, nur durch das Anbringen tiefer, nicht zu weit von einander entfernter Einschnitte in daS Fleisch erreicht werden können. Wie mangelhaftes Kochen und Braten, so schützt auch leichtes Einsätzen und schwaches Anräuchern des Fleische- nicht gegen die Einwanderung lebender Trichinen, während starkes Salzen und längeres Räuchern und Trocknen der Fletschwaareu eine gewisse Sicherheit zu bieten vermag.
Gießen, den 5. October 1895.
Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.
Neueste Nachrichten»
Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bmeau.
Hannover, 5. October. Der Vorstand des Central- ouSschuffeS für Volks- und Jugendspiele beschloß in seiner teutigen Sitzung, von der Beschickung der internationalen -olympischen Spiele in Athen abzusehen, dagegen der Frage eines deutsch - nationalen „Olympia" näher zu treten und diese auf dem Congreß für Jugend« und Volks- spiele in München am 27. und 28. Juni 1896 zur öffentlichen Erörterung zu stellen. Nachmittags fanden Jugend- spiele auf der Masch statt, welchen auch der Minister deS Innern von Köller, derOberpräfident von Bennigsen, Regierungspräsident von Brandenstein und Andere beiwohnten.
Straßburg, 5. October. Die große Zuckerwaaren- Fabrtk von Herzel in Colmar ist völlig nieder- gebrannt. Herzel ist als der Brandstiftung verdächtig verhaftet worden. Der Schaden ist bedeutend.
Soustautiuopel, 5. October. Auf den gemeinfchaft- lichen Schritt der Botschafter sagte die Pforte zu, Alles aufzubieten, um die aufgeregte Stimmung zu beruhigen und strenge Maßnahmen zur Verhinderung der Wieder-
holung der von den Botschaftern angeführten Vorkommnisse zu treffen. _____________
Depesche» de« Bureau .Herold*.
Breslau. 6. October. Anläßlich de« socialdemokratischen Parteitages herrschte in den Morgenstunden ein geschäftiges Treiben in den Straßen, an den Bahnhöfen und in den ParteibureauS. Zahlreiche Delegirte ftnb bereits eingetroffen; die Betheiligung scheint außerordentlich stark zu werden. Stark vertreten find diesmal besonders als Delegirte Vertreter der Parteipreffe und Parteibeamten. Der Abgeordnete v. Vollmar ist durch Krankheit am Erscheinen verhindert, Dr. Ruedt ist erschienen. — Heute Vormittag um 11 Uhr fand eine große Volksversammlung im Concordia- Saale statt, die von etwa 1300 Personen besucht war. Wegen des enormen Andranges hatte die Polizei den Saal schon eine Stunde vor Beginn der Versammlung gesperrt. Reichstagsabgeordneter Bebel sprach, mit Hochrufen em- pfangen, in l^stündiger Rede über Handwerk und Social- demokratie. Er schilderte die traurige Lage des Handwerks und wendete sich gegen die geplanten gesetzgeberischen Maßnahmen zur Hebung desselben. Der Kaiser habe seiner Zett einer Arbeiterdeputation versprochen, nach Kräften dahin zu wirken, daß das Handwerk, wie früher, goldenen Boden habe. DieS könne jedoch, wie Bebel meinte, kein allmächtiger Kaiser und König, es sei dies vielmehr Sache der ganzen Gesellschaft. Redner griff alsdann die Schutzzollpolitik an, welche nicht dem Handwerk, sondern den Großcapitalisten aus die Strümpfe geholfen habe. Den Rückgang deS Handwerks bewies Bebel durch umfangreiches statistisches Zahlenmaterial. Die Socialdemokratie wolle nicht, wie die Gegner behaupten, mittelalterliche Zustände zurück haben, sondern sie wolle nur auf der Bahn des Fortschritts weiterschreiten. Handwerker und Arbeiter müßten sich organifiren, um bessere Verhältnisse zu schaffen, und energisch und freudig kämpfen, um zu siegen. Redner erntete nach Schluß seines Vortrages frenetischen Beifall. Die Versammlung ging ruhig auseinander. Ein starkes Polizeiaufgebot hielt auf den Straßen die Ordnung aufrecht.
Preßburg, 6. October. Infolge starker Havarie ist bei Theben ein Schleppdampfer der DonauregultrungS-Gefell- schäft gesunken, wobei einige Personen ertrunken sind.
PariS. 6. October. Einige Blätter bringen die seltsame Nachricht, der Papst beabsichtige, von Rom abzureisen. England soll ihm zum Aufenthaltsort Malta, Oesterreich eine Provinz offerirt haben. Der päpstliche Palast in Avignon soll restaurirt und die Kosten sollen durch eine Lotterie gedeckt werden. Die Renovirung wird auf 8 Millionen FrcS. Kosten geschätzt. Weiter melden die betreffenden Blätter, daß das CardinalScollegium vor Kurzem berathen habe, ob eS nicht gut sei, wenn der Papst auf einige Zeit wenigstens vom Vatican abwesend sei. Die Blätter halten eine etwaige Ausführung dieses Planes für einen Ruin des katholischen Staates.
WB. Brussel, 7. October. Gestern Abend fuhr zwischen Havre und OttignieS eine Locomotive in einen vollbesetzten Personenzug. Zehn Personen find tobt, vierzig vertu unbet, barunter mehrere schwer. Hilfe ist von allen Setten eingetroffen.
Der Krieg von 1870|71, geschildert durch Ausschnitte aus ZettungS-Nummern jener Zeit. (Nachdruck verboten.) 8. October.
Auf Genf wirb berichtet, baß ein Theil ber französischen Offiziere, die ihr Ehrenwort gegeben haben, nicht gegen bie Deutschen zu dienen, damit ihren Spott trieben, dem Feinde brauche man das Wort nicht zu halten. Sie find nach Frankreich zurückgekehrt und üben in Civtlkleidern die Mobil- und Nationalgarben ein.
Paris, 6. October. „.. Ein Kutscher, ber mich gestern fuhr, sagte mir im engsten Vertrauen, baß er fich nie in bie Politik mische und daß es ihm folglich völlig einerlei sei, ob Napoleon oder ein preußischer General in den Kotierten wohne. Dies ist, glaube ich, die Anficht, der fich hier viele zunetgen, wenn fie dieselbe auch nicht zu äußern wagen. — Es ist interessant, zu beobachten, wie fich hier alle Welt gewissermaßen das Wort gegeben hat, den Glauben hervorzurufen, daß die franzöfische Nation niemals den Krieg gewünscht habe. Wenn man fie hört, sollte man glauben, der Rhein sei niemals die natürliche Grenze Frankreichs ge- nannt worden, und Badinguet, wie fie den gewesenen Kaiser neunen, habe den Krieg gegen den Willen der Armee, der
Bürger und der Bauern unternommen. Der arme, alte Badinguet hat schon genug zu vertreten, aber selbst ver- tändtge Franzosen haben fich eingeredet, daß er und nur er für den Krieg verantwortlich sei. Er wird hier auffl Höchste verabscheut. Wenn ich mitunter irgend einem Gallier den Gedanken etngebe, der Kaiser könne doch eines Tages nach Paris zurückkehren, so läßt besagter Gallier sofort seine Augen hin- und herrollen, ballt die Fäuste und schwört, er selber werde Badinguet erschießen, wenn dieser sich je in Paris werde sehen lassen." Daily NewS.
ES hat den Anschein, als schwelle ihnen ber Kamm drüben (in Parts) durch unser Schweigen und unsere Un- thätigkeit, die ihre guten und bekannten Gründe hat. Sie jubeln und cancaniren drüben und sind in bestem Galgenhumor, Luftballons steigen tagtäglich,- es ist daS nicht nur ihr Verkehrsmittel für die Provinzen, fie binden dadurch auch mit unS an und senden unS ganze Pakete alberner Procla- mationen „An die Deutschen". Sie wollen gern eingestehen, daß die deutschen Soldaten brave Leute sind, aber die Grund- tbec ist immer die Victor Hugos: „Thu mir nichts, so thue ich dir auch nichts." Sie drohen übrigens noch fortwährend mit ihren Minen, und daß diese wirklich vorhanden sind, ist namentlich von Meudon aus beobachtet worden. Man bemerkt nämlich, daß die Franzosen in ihren Bewegungen am jenseitigen Ufer ganz bestimmte, durch keine Nothwendig- keit vorgeschrtebene Wege nehmen und gewisse Richtungen ausS Sorgfältigste vermeiden. Natürlich wird von unserer Seite Notiz genommen. ES unterliegt kaum einem Zweifel, daß wir hier auf manchen Vulcanen wandeln, indeß haben wir deren einzelne schon gesunden und sind auch anderen noch aus der Spur. Wahrscheinlich ist auch, daß sie bei ihrer schleunigen Flucht mit den Zündfäden nicht so ganz in Ordnung gekommen sind. Wie lauge wir noch vor Paris liegen, darüber hat hier noch Niemand eine klare Vorstellung. Der Kronprinz soll neulich den Scherz gemacht haben, zu einem ber nach Deutschlanb reisenden Offiziere zu sagen: „Schade, daß Sie nicht hier bleiben. Sie hätten unS den WeihnachtS- bäum aufputzen können!" Wochen werden uns sicher hier vergehen, ob Monate, das ist kaum glaublich und dennoch nicht unmöglich. Köln Zig.
Versailles, 8. October. Am 6. October siegreiches Gefecht durch die badische Brigade Degenfeld zwischen Raon l'Etappe und St. Die gegen größere Massen Franctireurs und Abteilungen französischer Truppen unter General Dupre, letzterer ist verwundet. Der Feind ist auseiannder- gesprengt. Vor Paris nichts Neues. v. PodbielSki.
Schwurgericht.
W. Gießen, den 6. October 1895.
Verhandlung gegen Borngesser und Genossen. (Forts.) In die Beweisaufnahme eintretend, wird zuerst der Bahnhofs-Restaurateur Jean Kirch als Zeuge vernommen. Der Kutscher Schäfer, welcher s. Z. den Omnibus, dem die Carambolage passirte, gefahren, sei bei der Gesellschaft als Stallmann, vorübergehend und zur Aushülfe auch als Kutscher ober Schaffner thätig gewesen- boch sei Schäfer ein schlechter Fahrer gewesen. Richtig sei, baß bie Kutscher ber Omnibusse bei ihm öfter schon geklagt, baß die Fuhrleute geflissentlich ihnen nicht ausweichen.
Auf Antrag ber Verthetbigung, welchen Antrag ber Staatsanwalt abzulehnen bittet, beschließt ber Gerichtshof, auf Nachmittag 4 Uhr bie Spediteure Lynker und Adam zu laden, um diese über den letzten Punkt, worüber ber Zeuge Kirch vernommen, zu hören.
Pfarrer Abolph von Rodheim v. d. H. hat den Angeklagten Borngesser in seiner Eigenschaft als Schulvorstand kennen gelernt und gibt demselben das beste Zeugniß. Director Bergen vom Gas- und Wasserwerk Gießen, bei welchem der später zu vernehmende Schäfer zwölf Jahre be- schästigt war, bezeugt, daß derselbe wegen mancherlei Pflicht- Widrigkeiten dort entlassen worden. Er halte ihn für nicht glaubhaft.
Kaufmannslehrling Herbert, Omnibusschaffer Fourier und der frühere OmnibuSkutfcher Philipp Schäfer bezeugen übereinstimmend: der Omnibus fei am gedachten Tage, vom Bahnhof kommend, die Bahnhofstraße hinabgefahren. Von der Kreuzung der Liebigstraße Hobe der Kutscher unablässig geschellt und gepfiffen, um daS unten an der Wieseckbrücke ankommende Rosenbaum'sche Fuhrwerk zum Ausbiegen zu veranlassen. Dieser Wagen habe die Mitte des Straßendammes gehalten, unb es sei ihnen vorgekommen, als wenn bieses absichtlich geschehe. Der Führer beS Wagens unb ber heutige Angeklagte MalkmuS seien vor ben Pferden gegangen. Den Angeklagten Bomgeffer hat keiner ber drei Zeugen bemerkt.


