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Nr. 211
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Ist Schwindsucht erblich?
Trost- und Mahnwort an alle Schwindsüchtigen.
Von Dr. Otto Gotthilf.
(Nachdruck verboten.)
In Deutschland sterben an Schwindsucht jährlich über 150000 Menschen! Was bedeuten im Verhältniß zu diesem ungeheuren, unheimlich regelmäßig wiederkehrenden Menschen- verlufte die wenigen Tausende, welche alle paar Jahrzehnte einmal einer Cholera- oder Jnfluenzaepidemie zum Opfer fallen? ES ist eben hier nur die ganz plötzlich auftretende Mafsensterblichkeit, welche einen so großen Schrecken hervorruft.
Dazu kommt die traurige Thatsache, daß dieser furchtbare Feind der menschlichen Wohlfahrt oft geradezu als Schlange am Busen genährt wird. Der Grund hierfür liegt in der vielverbreiteten, verhängnißvollen Ansicht, daß die Schwindsüchtigen diese Krankheit geerbt haben und daher von vornherein wie Todescandtdaren erzogen und behandelt werden.
Die früher allgemeine Annahme von der Erblichkeit der Tuberkulose (Schwindsucht) gerieth in ärztlichen Kreisen be- sonders ins Wanken mit der Entdeckung des Tuberkelbacillus durch Profesior Robert Koch. Seitdem fand man in Räumen, in welchen Schwindsüchtige sich ohne größere Sorge für Reinlichkeit aufhielten, überall unzählige der mörderischen Bacterien und schloß mit Recht daraus, daß die später erkrankten Familienmitglieder doch wohl erst in dieser unheil- schwangern Umgebung den Todeskeim in sich ausgenommen hätten. Diese Ansicht wurde gestützt durch die Statistik, nach welcher die Sterblichkeit an Tuberkulose in den Kinderjahren auffallend gering ist und erst mit dem späteren Lebensalter bedeutend anfteigt. Wären die vielen Schwindsüchtigen schon von Geburt an durchseucht gewesen, so würde der zarte, kindliche Organismus doch jedenfalls nur sehr kurze Zeit Widerstand haben leisten können, die Sterblichkeit müßte also, im Gegensatz zur Wirklichkeit, im KindeSalter am größten, in den späteren Lebensjahren aber bei Weitem geringer sein. Diese und andere, rein wissenschaftliche Gründe haben in den letzten Jahren, wenigstens bet den Aerzten, den unheilvollen Wahn von der Erblichkeit der Schwindsucht zerstört und zu der Ueberzeugung geführt, daß es sich bei den Erkrankungen ganzer Familien und Generationen um ^ine im Hause, in der Familie früher oder später stattgefundene Ansteckung, um eine „Familieninfection", handelt.
Allerdings konnte man sich nicht verhehlen, daß die Kinder schwindsüchtiger Eltern bisweilen etwas schwächlich, namentlich engbrüstig sind. Daher sagt man jetzt: Nicht die Schwindsucht ist erblich, sondern die schwächliche, körperliche Anlage dazu, die Disposition, wodurch dann die spätere Aufnahme der Krankheit begünstigt wird.
Dr. Wyssokowi cz sagt in den Miltheilungen auS Dr. BrehmerS Heilanstalt in Görbersborf: „Wenn auch die Tuberkelbacillen erblich nicht übertragen werden, so beweist daS doch nicht, daß von phthisijchen (ichwindsüchtigen) Eltern immer gesunde Nachkommen abftammen sollen. Umgekehrt: gleichwie magerem Acker keine gesunden Halme und vollen Aehreu entsprießen, gleichwie ein dürrer, angebrochener Baum keine saftigen, süßen Früchte trägt, so wird auch der kranke Körper mit gebrochener Gesundheit und schwachen Kräften häufig keine gesunde, kräftige Nachkommenschaft haben. Das ist der Grund, warum phthisische Eltern oft nur schwächliche, zarte Kinder haben. Diese angeborene Schwäche macht gewöhnlich das auS,"was man alS Prädisposition zu Erkrankungen bezeichnet."
Diese Worte mögen zwar etwas übertrieben sein, jedoch sonst den Thatsachen ziemlich entsprechen. Aber werden nicht gerade die „zarten" Kinder später oft die zähesten und widerstandsfähigsten Männer und Frauen, wenn sie sich nur einer richtigen Gesundheitspflege unterziehen? Wer fällt denn den Krankheiten eher zum Opfer, die starken, robusten oder die schmächtigen, zähen Leute?
In wie hohem Grade dies gerade bei schwächlichen oder, wenn man denn einmal so will, bei den zur Schwindsucht beanlagten Kindern, zutrifft, wird am besten durch die Statistik bewiesen. Hierbei ist namentlich im Auge zu behalten, daß das wichtigste Lebenselement für alle Menschen, besonders aber für die „zur Schwindsucht DiSponirten" die frische, freie Luft in Wald und Wiese, in Feld und Flur ist. Freiwillig und unfreiwillig Hungernde haben bewiesen, daß man wohl ohne Nahrung längere Zeit, ungefähr vierzig Tage, aushalten kann, aber ohne Luft vermag der Mensch nur wenige Minuten zu leben. Die Luft also ist als die allernothwendigste Lebensspeise anzusehen.
Nach der sehr genauen und zuverlässigen „Preußischen Statistik" starben von je 10 000 in jeder Altersklaffe Lebenden an Schwindsucht im Durchschnitt:
im ersten Lebensjahre 23,45
im Alter von 1 bis 2 Jahren 20,41
//
//
2
n
3
//
12,51
H
//
//
3
H
5
//
6,83
H
n
//
5
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10
V
4,66
H
//
tt
10
n
15
//
5,86
U
n
u
15
H
20
//
18,37
M
n
//
20
n
25
n
30,24
n
n
//
25
n
30
36,73
n
//
//
30
n
40
n
41,12
//
//
//
40
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50
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48,42
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50
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60
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67,94
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93,18
In den
beiden
i
ersten
Lebensjahren
erreicht also die
Sterblichkeit, wenn sie auch bei Weitem nicht so hoch ist wie im späteren Alter, doch eine ziemlich hohe Ziffer. Dies dürfte wohl fast stets auf einer Ansteckung durch schwindsüchtige Eltern beruhen. Man bedenke doch die engen Beziehungen des Neugeborenen zur Mutter und Familie. DaS Kind kommt in der ersten Zeit fast gar nicht auk dem Schlafzimmer heraus. In den ärmeren Klaffen theilt es sogar daS Bett mit der Mutter. Ist eS noch dazu zart und schwächlich, so wird es meist nur bei ganz ungetrübtem Sonnenschein herausgelassen, sonst aber in dem staubigen, dumpfigen, im Winter mit giftigen Leucht- und Heizgasen angefüllten Zimmer zurückgehalten. Selbst wenn Wochen- oder monatelang kein gutes Wetter eintritt, bleibt efl in häuslicher Gefangenschaft, abgesperrt von seinem „Lebenselement". Diese höchst verderbliche, luftscheue Erziehungsmethode bewog schon in den siebenziger Jahren den großen hygienischen Practiker, SanitätS« rath Dr. P. Niemeyer, in seinen „ärztlichen Sprechstunden" einen Aufruf zur Gründung eines „Antiktnder- sclavereivereineö" zu erlaffen.
Glücklicherweise ändert sich diese naturwidrige Lebensweise etwas, sobald die Kinder laufen können und nun in jedem unbewachten Augenblicke mit jugendlichem Frohsinn hinauSstürmen ins Freie. Daher finkt auch die Sterblichkeit in dieser Zeit, wie die Statistik beweist, auf die Hälfte derjenigen im ersten Lebensjahre herab. Aber die gesundeste Lebensweise tritt erst ein, wenn die Schule ihre Rechte geltend macht. Da müssen die Kinder den mehr oder weniger langen Weg von und zur Schule bei Wind und Wetter zwei- bis viermal täglich zurücklegen, müssen turnen und spielen und sich an gemeinsamen Spaziergängen betheiligen. Nach den Schulstunden toben und tummeln sie sich dann mit ihren Kameraden herum, unbekümmert um die ängstlich nachrufende Mutter, welche ihnen erst noch ein Halstuch umbinden will. Und die Folge davon? Die Sterblichkeit der Schwindsucht sinkt plötzlich bei Beginn der Schulzeit auf die allerniedrigste Stufe (4,66) herab, beträgt nur ein Fünftel derjenigen des ersten Lebensjahres, den zwanzigsten Theil der höchsten Sterbeziffer und bleibt fast gleichmäßig fo niedrig bis zum fünfzehnten Jahre, also ungefähr bis zur Schulentlaffung! Wenn irgendwie Zahlen reden, so müssen diese doch wahrlich eine für Jedermann verständliche Sprache reden.
Nach der Schulzeit muß dann der junge Mann infolge seines Berufes meist den Tag über in der Fabrik, im Geschäft oder Bureau zubringen und benützt auch, waS das Schlimmste ist, seine freien Stunden und Tage selten zu einem Luftbade draußen in der frischen Lebenslust, sondern vergiftet seine Lungen mit Staub und Qualm in der stickigen Atmosphäre der Restaurationen. Die jungen Mädchen aber ergreifen entweder auch einen dieser Berufe oder sitzen daheim mit zusammengedrückter Brust über die Handarbeit gebückt. Und die Folge davon? Plötzlich steigt wieder in des Lebens „Blüthezeit", vorn sechzehnten bis dreißigsten Jahre, die Sterblichkeit an Schwindsucht um das vier- bis siebenfache, um dann, Hand in Hand mit der immer größeren Schwächung des Körpers durch jene immer länger einwirkenden schädlichen Einflüffe auf die Lunge, von Jahr zu Jahr mehr und mehr anzuwachsen.
Wohl mag die eben geschilderte Lebensweise den Jünglingen und Jungfrauen mit ganz fester Gesundheit weniger Schaden bringen, aber die „zur Schwindsucht disponirten" Nachkommen tuberkulöser Familien müffen ganz anders leben. Zunächst sollen sie einen Beruf wählen, der ihnen gestattet, sich stets in der frischen, freien Luft aufzuhalten, also den eines Forstmannes, Gärtners, LaudwirtheS, SemauneS usw. Ist dies aber schon versäumt oder zeigen sich erst später Sckwächezustäode und Lungenbeschwerden, daun wechsle man sofort den Beruf oder ändere ihn zu einem gesundheitSsörder- lichen um.
Dr. Weber, Chefarzt deS deutschen HoSpitalS in London, eine Autorität auf diesem Gebiete, sagt: „Ich habe wiederholt Gelegenheit gehabt, zu sehen, wie schwindsüchtige Bäcker, welche an Stelle ihrer Lehrjungen längere Zeit hindurch täglich mehrere Stunden die Brodkarren durch die Straßen fuhren, dadurch fast vollständig wieder gesundeten und kräftige, blühende Menschen wurden."
Dr. Niemeyer erzählt von einem vierzigjährigen Schuhmacher, der sich von seiner Schwindsucht dadurch kurirte, daß er Landwirth wurde, und in seinem Werke „Grundzüge einer Radicalkur der Lungenschwindsucht" bringt er Bild und Beschreibung eines schon stark abgezehrten Handwerkers, der, zum Eisenbahndienst übergegangen, sich als Wärter auf einer Brücke, zu welcher er einen weiten Weg von daheim hatte, jahrzehntelang bei bestem Wohlsein erhielt. Ich kenne einen Schuhmacher, der vor drei Jahren hochgradig schwindsüchtig war, deshalb seinen Beruf aufgeben mußte und seitdem tagtäglich bei jedem Wetter von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr mit dem Milchkarren von Haus zu Haus fährt. Jetzt sieht er frisch und munter auS und fühlt sich so wohl und gesund wie nie in seinem Leben.
lNberhaupt ist der Mensch gar nicht zur Tuberkulose beanlagt. Wenn er seine Lungen nur einigermaßen kräftig und widerstandSsähig erhält, so vermögen die etwa eindringenden Bacillen keinen Schaden anzurichten.
Profeffor Dr. Gärtner (Jena) sagt: „In vielen Fällen bleibt die Tuberkulose Monate und Jahre, ja daS ganze Leben hindurch local, und nicht selten wird der Tod nicht durch Tuberkulose, sondern durch eine andere Krankheit hervorgerufen. Der Mensch gehört also keineswegs zu den für Tuberkulose bestdiSponirten lebenden Wesen."
ES darf aber freilich kein Lungenschwacher erst dann eine „Luftkur" beginnen, wenn der „Anfang vom Ende" da ist, sondern von klein auf, sein ganzes Leben hindurch muß er sich einer Luft- und BewegungSkur widmen. „Die Behandlung der Schwindsucht muß gleich zu Anfang so geübt werden, wie es jetzt gewöhnlich erst gegen das Ende geschieht", sagt sehr richtig ein französischer Specialschriftsteller. Die Eltern dürfen ihren schwächlichen Liebling nicht in der Stube gefangen halten, sondern müssen ihn die unentbehrliche Luftspeise in vollen, tiefen Zügen recht oft genießen lasten. Nicht die Schwindsucht als solche „liegt in der Familie", sondern die sie erzeugende, gesundheitswidrige, sagen wir „schwindsuchtmachende" Lebensweise erbt von Vater und Mutter auf Sohn und Tochter. Wer aber in wahrer GesundheitSfreudigkeit der gerade bei Schwindsüchtigen so stark hervortretenden Liebe zu Luft und Bewegung freien Lauf läßt, der gebraucht die einzig richtige Radicalkur gegen Lungenschwindsucht und wird sich bald wie neugeboren fühlen. Das beweisen tausend und abertausend Fälle in der medicinischen Literatur und das weiß ich aus eigener Erfahrung an mir selbst.
Vermischter
* AuS Anlaß einer Bekanntmachung im Reichsanzeiger über die Kranken- und Begräbnißkaffe des Verbandes reisender Kaufleute Deutschlands zu Leipzig sind unrichtige Angaben durch die Preste gegangen, die geeignet sein dürsten, in kaufmännischen Kreisen Verwirrung hervorzurufen. Richtig ist nur, daß die genannte Kaste auf baß Recht verzichtet hat, de» § 75 des Krankenversicherungsgesetzes zu genügen, weil die Zahl von nur 800 Mitgliedern es ihr bei Freizügigkeit im Deutschen Reiche unmöglich machte, den Anforderungen des neuen Gesetzes aus die Dauer entsprechen zu können. Unzutreffend ist dagegen, daß diese Kaste „eine der größten eingetragenen Hülfskasten" sei, denn die Kranken» und Be» gräbuißkaste des Verbandes Deutscher Haadluvgsgehülfen, Sitz in Leipzig, zählt über 15 000 Mitglieder in etwa 1600 Orten Deutschlands und besitzt ein Vermögen von 280000 Mk. in Werthpapieren. Bei der Aehnlichett des NameuS beider Kaffen, die beide in Leipzig ihren Sitz haben, kann es gar nicht ausbleiben, daß die falsche Mtttheilung zu Verwechselungen veranlaßt, und es dürfte deshalb wohl zur Beruhigung der zahlreichen Mitglieder ein Hinweis am Platze sein, daß die Kaffe des Verbandes Deutscher Handlungs- gehülfen in Leipzig nach wie vor vom Beitritte zu den Zwangkkaffen befreit. Bei der günstigen Vermögenslage und den ausgedehntesten Leistungen dieser Kaffe denkt man gar nicht daran, die aus § 75 deS KrankenverficherungsgesetzeS ihr zustehenden Rechte aufzugeben. In den ersten 6 Monaten dieses JahreS wurden allein schon 128800 Mk. Krankenunterstützung und 3100 Mk. Begräbnißgeld ausgezahlt.
* Beranbvvgen von Schotzhütteu. Nach einer Mittheilung des „Tyrol. Tagbl." wurde am 13. August in der „Heidelberger Hütte" im Fimberthale die Kaffe gewaltsam


