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Freitag den 4. October
Erstes Blatt.
Nr. 233
1896
Meßmer Anzeiger
Kenerat-Mnzeiger.
Aintr» uitb Airzeigeblatt für den Xrcb Gieren.
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Der chle^ener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
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Amtlichem Tbeil.
Bekanntmachung.
Betr.: Die Anstellung eines Wasenmeisters in der Gemeinde Reiskirchen.
Johannes Schneider II. zu Reiskirchen ist zum Wasenmeifter dieser Gemeinde bestellt und in dieser Eigenschaft verpflichtet worden.
Gießen, den I. October 1895. Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.
Unsere socialpolitische Gesetzgebung.
In diesen Tagen hat die socialpolitische Gesetzgebung deS Deutschen Reiches gewissermaßen ihr erstes Jubiläum begehen können, denn am 1. October waren zehn Jahre seit dem Inkrafttreten des Reichsgesetzes vom 6. Juli 1884 verflossen, betreffend die Unfallversicherung für Personen, die in „Fabriken, Bergwerken, Gruben, Steinbrüchen, Hüttenwerken, Werften und im gewerbsmäßigen Hochbau" beschäftigt werden. Mit diesem Gesetz erfuhr die in der berühmten Novemberbotschaft deS hochseligen Kaisers Wilhelm vom Jahre 1881 angekündigte staatliche Fürsorge vor Allem für die handarbeitenden Bevölkerungsklassen zum ersten Male ihre bedeut- samere und umfassendere practische Bethätigung. Allerdings war schon vorher die Krankenversicherung der Arbeiter auf retchSgesetzlicher Grundlage geschaffen und in die Praxis etn- gesührt worden, aber deren socialpolitische Bedeutung kann sich doch nicht im Entferntesten mit jener der Unfallversicherung messen, darum muß daran festgehallen werden, daß die eigentlich socialpolitische Gesetzgebung deS Reiches mit dem Gesetze vom 6. Juli 1884 ihre Einleitung erfahren hat. Demselben sind dann in verhältnißmäßig rascher Reihenfolge noch verschiedene andere Gesetze nachgefolgt, welche ebenfalls den Gedanken der öffentlichen Fürsorge sür die durch Betriebsunfälle verletzten Arbeiter und unteren Betriebsbeamten zum praktischen Ausdruck gebracht habrn. Hierzu gehören die RetchSgesetze vom 28. Mat 1885 (Unfallversicherung der in binnenländischen Transportgewerben und tm Speditionshandel beschäftigten Personen), vom 15. März 1886 (Unfallversicherung der in versicherungspflichtigen Betrieben beschäftigten Reichsbeamten und Militärpersoneu), vom 5. Mat 1886 (Unfallversicherung der land- und forstwtrthschaftlichen Arbeiter), vom 11. Juli 1887 (Unfallversicherung der Ttesbau- und Regiebauarbeiter) und vom 13. Juli 1887 (Unfall- Versicherung der bei der Segelschifffahrt betheiligten Personen). Mit der AlrerS- und Invaliditäts-Versicherung, die nicht nur die eigentlichen Arbeiter, sondern auch zahlreiche andere Personen - Kategorien in ihren Rahmen eingeschloffen hat, erfuhr dann das socialreformatorische Werk deS Reiches seinen einstweiligen Abschluß.
Im Laufe dieser ersten zehn Jahre der socialpolttischen gesetzgeberischen Thätigkeit deS Reiches ist es nun allerdings hinlänglich klar geworden, daß die wohlthätige Fürsorge des Staates zu Gunsten der Arbetterschast im Ganzen und Kroßen nicht vermocht hat, dem Fortschreiten der socialdemokratischen Propaganda unter den Arbeitern Einhalt zu thun und sie für die heutige Staats- und Gesellschaftsordnung wieder zurückzugewinnen. Die Bearbeitung seitens der social- demokratischen Führer hatte eben unter den Arbeitern schon viel in lange gewirkt, als daß nun von der neuen Gesetzgebung eine Umkehr in den Gesinnungen der breiten Masten der Arbeiter zu erwarten gewesen wäre, wozu noch kommt, daß die Segnungen der socialen Gesetzgebung von den social- demokratischen Agitatoren nach Kräften in Wort und Schrift herabgesetzt und verkleinert worden sind. Um so anerkennens- «erther ist es, daß sich die Reichsregierung durch diese Ent- kauschung in der Fortführung ihres begonnenen social- ceformatorischen Werkes nicht hat beirren lasten und daß anderseits auch die deutschen Arbeitgeber trotz der großen finanziellen Lasten, welche ihnen auS der Arbeiterverficherung erwachsen sind, sich in ihrer Allgemeinheit auch fernerhin mit der Regierung in Uebereinstimmung über den Ausbau deS socialpolitischen Reformwerkes befinden. ES steht denn auch ein Fortschreiten auf dieser Bahn in sicherer Aussicht durch die längst angekündigte Ausdehnung der staatlichen Unfallversicherung auf das Handwerk, auf das Handelsgewerbe m. f. w., während daneben auch noch eine Erweiterung der Altersversorgung geplant sein soll. Nur wird man erwarten dürfen, daß bei der weiteren Fortführung der Socialreform nur mit peinlichster Prüfung aller in Betracht kommender Verhältnisse vorgegaugen werde und daß namentlich die Frage der Verthetlung der Lasten sorgfältigste Berücksichtigung er
fahre. WaS das Project der Zusammenlegung und Verein fachung der gesammten jetzt bestehenden socialpolitischen 93er- sicherungsgesetze anbelangt, so ist dasselbe offenbar noch nicht genügend geklärt, um schon an dessen Ausführung herantreten zu können. Jedenfalls gehören zu einer solchen umfassenden und durchgreifenden Reform, wie es die erstrebte möglichst einheitliche Centralisirung der ganzen socialpolitischen Gesetzgebung sein würde, noch die Erfahrungen einer Reihe von Jahren und gewisse UebergangSftadien.
Deutsches Reich.
Berlin, 2. October. Die Spuren der anhebenden parlamentarischen Winterthätigkeit beginnen sich all- mältg zu zeigen. In den Ausschüssen deS Bundesraths hat die Thätigkeit für die bevorstehende neue Session desselben bereits begonnen und auch das Plenum der genannten Körperschaft gedachte jetzt seine Sitzungen wieder aufzunehmen. Als Hauptgegenstand derselben gleich von Anfang an wird der jetzt sertiggestellte Entwurf des bürgerlichen Gesetzbuches für das deutsche Reich genannt, freilich bilder dessen ungesäumte Behandlung im BundeSrathe auch die unerläßliche Voraussetzung sür die geplante Berathung des hochwichtigen Entwurfes noch in der kommenden Reichötagssession. lieber den Zeitpunkt der Einberufung des ReichsparlamentS verlautet noch nicht das Geringste, wahrscheinlich wird sich aber die Einberufung deS Reichstags wieder bis in den Spätherbst hinein ziehen. Inzwischen ist von einzelstaat. lichen Parlamenten daS bayerische Abgeordnetenhaus wieder zusammengetreten und ihm werden in der nächsten Zeit mehrere kleinstaatliche Landtage nachfolgen. In Baden und in Sachsen beschäftigt man sich mit den vor der Thür stehenden Landtagswahlen, die vermuthlich mehrfache Ueberraschungen ergeben werden.
— Weitere Reichstagsnachwahlen find in Halle- Herford, dem bisherigen Wahlkreise deS edlen flüchtigen Hammerstein, und im 12. württembergischen Wahlkreis (Crailsheim-Mergentheim), dessen bisheriger Vertreter Pflüger (südd. Demokrat) sein Mandat auS Gesundheit-- rückstchten niedergelegt hat, nöthtg geworden. Das Gerücht, der vielgenannte protestlerische Reichstagsabgeordnete für die Stadt Metz, Dr. Haas, wolle fein Mandat endlich niederlegen, hat sich leider nicht bewahrheitet. Die Metzer werden sich also diesen seltsamen Reichstagsvertreter, der seinen Sohn zum französischen Offizier auSbtlden läßt und der niemals in den Reichstag kommt, auch noch weiterhin gefallen lassen müssen.
Neueste Nachrichten.
WolffS telegraphisches Correspondenr-Bureau.
Berlin, 2. October. Die „Berliner Correspondenz" weift gegenüber zahlreichen Anfragen bei der preußischen Centralgenossenschaft wegen Credttgewährung auf die ausdrückliche Bestimmung des Gesetzes hin, wonach die Kasse nicht berechtigt ist, einzelnen Personen und einzelnen Genossenschaften zinsbare Darlehen zu gewähren, sondern nur Verbandskassen und eingetragenen Erwerbs- und Wirth- schaftSgenossenschaften Credit zu gewähren, lieber die Höhe des Zinsfußes müsse der Ausschuß gehört werden, dessen Berufung baldthunlichst erfolge.
Zwickau, 2. October. Die 8. Generalversammlung des evangelischen Bundes wurde heute mit einer Ansprache deS Grafen v. Wintzingerode, unter reger Betheiligung auS allen Theilen Deutschlands, eröffnet. Zum ersten Vorsitzenden wurde Graf v. Wintzingerode, zum ersten Stellvertreter deS Vorsitzenden Oberbürgermeister Streit-Zwickau, zum zweiten Stellvertreter Superintendent Meyer-Zwickau gewählt. An den Kaiser wurde folgendes Huldigungs-Telegramm gerichtet: „In Ew. Majestät erhabener Person ist die Einheit dec deutschen Lande verkörpert, die vor 25 Jahren unter glorreicher Führung von Ew. Majestät Vorgängern durch die deutschen Heere erkämpft worden ist. Finstere Gewalten auS verschiedenen Lagern sind es, welche die so schwer errungene Einheit gegenwärtig bedrohen. Es bedarf einer scharfen Wacht und einer starken Hand, um die Gefahren zu beschwören. Im Grunde kann nur eine tiefreligiöse Umkehr, nur der Glaube an die Gnade Gottes in Christo nützen und stützen. Wir bitten Gott, daß es Ew. Majestät gelingen möge, alle am wahren Wohle des Vaterlandes bauenden Kräfte zu pflegen, alle zerstörenden niederzuhalten und zu entwaffnen." An den König von Sachsen wurde folgendes Telegramm gerichtet: „Ew. Königl. Majestät, dem edlen und gerechten Herrscher, unter welchem die evangelische Kirche Sachsens allezeit Schutz und Förderung gesunden hat, bringt der in Zwickau versammelte Evangelische
Bund ehrerbietige Huldigung dar. Wir kommen n‘d)t, um in friedliche Zustände Zwietracht hinein zu trogen, sondern um an unserem Theile die unveräußerlichen geistigen Erbgüter deS deutschen Volkes zu wahren. Wir erbitten Gottes reichen Segen und Schutz für Ew. Majestät, ei em Fürsten, der an Deutschlands gegenwärtiger Einigung e'nen so hervorragenden Antheil hat.
Zwickau, 2. October. In der heutigen General-Versammlung des evangelischen Bundes hielt nach Verlesung einer Reihe von Begrüßungen aus dem In- und AuS- lande Militär-Oberpfarrer Dr. HermeS-Magdeburg einen Vortrag über die gemeinsamen Gefahren der evangelischen Kirche und der deutschen Nationalttat in der Diaspora in den deutschen Grenzmarken. In der geschloffenen Mitglieder- Versammlung sprach Professor Nippold-Jena über die internationale Seite der päpstlichen Politik und die Mittel zur Abwehr derselben.
Hamburg, 2. October. Die Bark „Europa", der hiesigen Rhederet Peter Siemens u. Co. gehörig, ist unterm 59. Grad südlicher Brette und 75 Grad westlicher Länge verbrannt. Die Ladung, auS Kohlen bestehend, war nach San Francisco bestimmt. Die Mannschaft ist in Concepcion gelandet.
Rom, 2. October. Heute, als am Jahrestage der Volksabstimmung von 1870, unterzeichnete der König, der Vormittags in Rom wieder eingetroffen ist, ein Decret, welches heute Abend im „Bolletino militario“ erscheinen wird. Durch dasselbe wird für Uebertretungen deS militärischen Aushebungsgesetzes den Angehörigen jener Klassen, welche am 31. December 1897 von der Verpsl'chtung zum militärischen Dienst frei sein werden, volle Amnestie gewährt, von den sich im Auslande aufhaltenden und noch zum Heeresdienst verpflichteten wird Denjenigen Amnestie gewährt, welche die gesetzliche Altersgrenze noch nicht überschritten haben, und zur Erfüllung ihrer Dienstpflicht nach Italien zurückkehren werden. Zur Feier des JahreStageS der Volksabstimmung ist die Stadt beflaggt. Heute Vormittag hat ein Ausschuß von Bürgern dem Bürgermeister feierlich eine Büste des Herzogs Mlchelangelo Caetani überreicht, welcher das Ergebniß deS Plebiszits in Rom nach Florenz überbrachte. Außerdem fand eine feierliche PreiSvertheilung im Ktnderafyl und die Eröffnung der Ausstellung im italienischen Künstlerheim statt.
Brüffel, 2. October. Der hier versammelte Völker- rechts-Congreß nahm heute nach längerer Debatte mit einigen Modificationen den Entwurf für die Regelung der Souveräneiätsrechte der Uferstaaten auf Küstengewäffer au, deren Gebiet, vom Kriegsfälle abgesehen, durch den Entwurf ausgedehnt wird. Der Entwurf regelt gleichzeitig die Rechte der Neutralen.
Loudon, 2. October. Vergangene Nacht und heute Morgen tobten an der britischen Küste heftige Stürme. Im Bristoler Canal erfolgten 2 Schiffbrüche, bei denen 6 Personen ertranken. Zwei Dampfer sind auf den Goodwin-Sand gefahren.
Loudon, 2. Oktober. Außer den bereits gemeldeten kamen noch zahlreiche andere Schiffbrüche während des Sturmes im Aermelcanal vor, sowie mehrere an verschiedenen Punkten der Westküste. Im Ganzen sind 19 Dampfer und große Segelschiffe und 27 kleinere Fahrzeuge verloren gegangen, wobei dreizehn Personen ertranken-
Depefchai dcS Sureta »Herold*
Berlin, 2. October. Wie aus Trachenberg gemeldet wird, wird der Kaiser im Lause des Herbstes zur Hochwildjagd beim Fürsten Hatzfeld in Trachenberg eintreffen. Aus dem Schlosse daselbst werden bereits die nöthigen Vorbereitungen getroffen.
Berlin, 2. October. Der russische Finanzminister Witte ist, wie man der „Voss. Ztg." mittheilt, tatsächlich krank - derselbe besucht neuerdings eine hiesige Klinik für Hautkrankheiten. Zugleich hatte der Finanzminister auch mit einigen Geldleuten Besprechungen. Man vermuthet, daß es sich hierbei um kleinere Convertirungen russischer Werthe gehandelt habe.
Berlin, 2. October. Wie verlautet, werden die großen Kaisermanöver im nächsten Jahre im Bezirke des zehnten ArmeecorpS (Hannover) statrfinden. Die Entscheidung deS Kaisers ist jedoch noch nicht erfolgt.
Berlin, 2. October. Flügeladjutant Graf Moltke, welcher dem Zaren ein Handschreiben Kaiser Wilhelms überbrachte, war der ,Nat.-Ztg." zufolge gleichzeitig Ueberbrtnger eines Gemäldes, auf welches sich daS Handschreiben Kaiser Wilhelms bezog.
Berlin, 2. October. DaS schwedische Kriegs«


