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Mittwoch den 4. September
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Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme de» Montags.
Die Gießener
Jinmilteuvsätler werden dem Anzeiger «öchentlich dreimal brigelegt.
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General-Anzeiger.
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Aintliche* Theil.
Gießen, den 31. August 1895.
Betr.: Maßregeln zur Abwehr und Unterdrückung von Viehseuchen.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Großh. Bürgermeistereien des Kreises.
Mit nächster Post wird Ihnen ein Abdruck der neuen Auflage der amtlichen Handausgabe des Reichsgesetzes über die Abwehr und Unterdrückung von Viehseuchen nebst den zu dessen Ausführung ergangenen reichs- und landesrechtlichen Vorschriften zugehen. Sie wollen das Buch nach Eintrag in das Inventar in Ihrer Amtsstube sorgfältig aufbewahren und sich mit den betreffenden Vorschriften genau bekannt machen.
Insbesondere weisen wir Sie auf zwei in dem Buche zum Abdruck gelangte neue Ausschreiben hin, von denen das eine die Maßregeln zur Abwehr und Unterdrückung der Maul- und Klauenseuche, das andere diejenigen zur Abwehr und Unterdrückung der Schweinepest enthält.
Den Empfang des Buches wollen Sie umgehend auzeigeu.
v. Gagern.
Deutsches Reich.
Berlin, 2. September. Die Jubelfeier unseres Nationalfestes ist vielfach schon am Sonntag durch die mannigfachsten Veranstaltungen, wie Festzüge, Festgottesdienste, Illuminationen u. f. w. glänzend begangen worden. Meldungen über solche Festlichkeiten liegen z. B. aus Dresden, Augsburg, München, Hannover, Stuttgart, Coburg und zahlreichen anderen Orten vor. Spezielle Erwähnung verdient die am Nationaldenkmal auf dem Niederwald abgehaltene Sedanfeter, an welcher sich auch die Besatzung des bei Caub liegenden Torpedobootes S 55 betheiltgte. Der Comrnan- deur des Kriegsschiffes, Graf Platen-Hallermund, legte einen Kranz am Denkmale nieder. Einen schönen Zug wies die Festfeier in der Stadt Hannover auf. Auf dem dortigen Militärkirchhofe befinden sich auch französische Kriegergräber mit einem Denkmale, an welchem von den Kriegervereinen ein Kranz mit der Inschrift niedergelegt wurde: „Die deutschen Veteranen ihren französischen Kameraden."
— Der König von Sachsen hat zwei im Kriege Son 1870 verdiente Offiziere seiner Armee, den General-
Feuilleton.
Mein Freund Detlev.
Von E. Fahrow.
(Nachdruck verboten.)
Bor nunmehr einem Jahre traf ich meinen guten alten Schulfreund wieder, nachdem ich ihn zuletzt im Jahre 1885 als lustigen Referendarius in Berlin gesehen hatte.
Damals, ich meine 1885, war er ein hübscher, schlanker, liebenswürdiger Mensch gewesen, — ein bischen leichtsinnig vielleicht und ein bischen eingenommen von sich — aber beides war so sehr erklärlich. Er war in einem reichen Elternhause ausgewachsen, Niemand hatte ihn gelehrt zu sparen und eS lag auch so gar nichts Rechnerisches im Blute seiner Familie; da ist es schwer, sich nach der Decke strecken, besonders wenn man so einen gewissen vornehmen, eleganten Stempel mit auf die Welt bekommen hat, daß Jeder gleich denkt: Donnerwetter, das ist ein feiner Kerl! - Nun, und daß er von sich und seinen Fähigkeiten nicht zu gering dachte, war auch nicht wunderbar. Er begriff und behielt alles un* glaublich leicht, was er einmal lernen wollte. Wissenschaften, Sprachen, gesellschaftliche Talente, alles flog ihm nur so an. Und dazu sein liebes, offenes Gesicht, das freie Auge, das so fröhlich und fiegesgewiß blickte — wie gesagt, es war nicht wunderbar, daß er überall verwöhnt wurde.
Bor drei oder vier Jahren hatte sein Vater den größten Theil seines Vermögens eingebüßt. Weit entfernt, die Flügel deßhalb hängen zu lassen, hob Detlev den Kopf nur noch Er bezog eine kleine, aber ausreichende Zulage von seinem Vater und einer alten Tante zusammen, wohnte in einer netten möblirten Wohnung im Westen und verbrachte seine ersten Referendariatsjahre in sorgenlosem Genießen.
DaS heißt, er machte sich gar nichts daraus, etwa em- mal eine halbe Woche von Brod und Wurst zu leben, wenn e- ihm vorher eingefallen war, an einem Abend zwanzig
lieutenant z. D. v. Reyher und den ehemaligen Generaladjutanten General v. Carlowitz, zum Sedanfeste besonders ausgezeichnet. Ersterer wurde zum General der Infanterie ernannt, letzterer ä la suite des Garde-Reiter-Regiments gestellt.
— Die Marineforderungen int kommenden Reichs- hauShaltetat werden, wie die „Deutsche SonntagSpost" vernimmt, von ganz beschränktem Umfange sein. Doch heißt es zugleich, der Reichstag würde sich der Pflicht nicht entziehen können, sich klar zu der Frage zu stellen, in welchem Tempo an den Bau und den Ersatz der schon jetzt untüchtigen Schiffe heranzutreten sei. Nichtkampffähige Schiffe der Möglichkeit eines Kampfes aussetzen, dies hieße nicht nur mit dem Gute, sondern auch mit dem Blute der Nation frevles Spiel treiben.
— Die bevorstehenden Kaisermanöver in Pommern werden sich durch die hierbei zur Entfaltung kommenden großen Truppenmassen besonders imposant gestalten. Es nehmen an ihnen vier Armeecorps und zwei Cavallerie- divisionen mit inögesammt 3000 Offizieren, 90,000 Mannschaften und 19,000 Pferden Theil. Um die aus solchen beträchtlichen Truppenansammlungen dem verhältnißmäßig kleinen Manövergebiete erwachsenden Lasten möglichst zu erleichtern, ist die Anordnung getroffen worden, daß die Manövertruppen vom 9. September an durchweg bivoua- Fixen sollen. Auch wird der An- und Abmarsch der Truppen mittels der Eisenbahn nach Kräften beschleunigt werden.
Norrefte Nachrichten»
Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.
Berlin, 2. September. Bei dem heutigen Parade- Diner im Weißen Saale des königlichen Schlosses brachte der Kaiser folgenden Trinkspruch aus: Wenn ich am heutigen Tage einen Trinkspruch auf meine Garden aus- bringe, so geschieht es frohbewegten Herzens, denn ungewöhnlich feierlich und schön ist der heutige Tag. Den Rahmen für die heutige Parade gab ein in Begeisterung aufflammendes ganzes Volk und das Motiv für die Begeisterung war die Erinnerung an die Gestalt, an die Persönlichkeit des großen verewigten Kaisers. Wer heute und gestern auf die mit Eichenlaub geschmückten Fahnen blickte, der kann es nicht gethan haben ohne wehmüthige Rührung im Herzen/ denn der Geist und die Sprache, die aus dem Rauschen dieser zum Theil zerfetzten Feldzeichen zu uns redeten, erzählten von den Dingen, die vor 25 Jahren geschehen, von der großen Stunde, von dem großen Tage, da das deutsche
Mark für ein opulentes Abendbrod oder einen lustigen Theaterabend auszugeben.
Wir brachten unsere meist freie Zeit gemeinschaftlich zu. Im Sommer machten wir Partien in den Grünewald, der damals noch nicht so von der Eultur ruinirt war wie jetzt, und im Winter liefen wir Schlittschuhe auf dem Neuen See, der uns liebenswürdiger Weise die Bekanntschaft mit einigen schönen und umworbenen Mädchen vermittelte. Wir liebten deßhalb den Neuen See sehr und waren fleißige Besucher desselben, auch wenn unsere „Flammen" nicht dort waren.
Detlev hatte sich allen Ernstes in eine junge Dame ver- liebt. Ich für meinen Theil blieb meinem alten Rufe als Schmetterling getreu und machte bald hier, bald da ein wenig die Cour. DaS kam auch daher, daß ich wußte, vor fünf, sechs Jahren konnte ich an keinen eigenen Herd denken, und wozu sollte ich da erst ein junges Leben an meines ketten? Man sieht, ich war nicht stark von einer Leidenschaft ergriffen.
Detlev dagegen — es war ganz tragisch, wie schnell er in Amors Netze lief! — Die junge Dame, welcher er verfallen war, hieß Florence mit Vornamen. Ihr Vatersname ist für diese Geschichte ganz ohne Belang — genug, daß der melodische und fremdklingende Rufname ihn schnell fesselte. Als er im behaglichen Kretsschlagen plötzlich dieses „Florence" an sein Ohr klingen hörte, wandte er zunächst neugierig den Kopf. (Später hat er mir gesagt, daß die Erscheinung, welche er dann sah, ihm auf der Stelle einen „Schlag ins Herz" versetzte.) Neben ihm glitt eine ihm bekannte junge Dame vorbei, welche von einem, wie eS im ersten Augenblicke schien. Backfisch verfolgt wurde. Letzterer entpuppte sich späterhin als die zwanzigjährige Florence. Allerdings besaß ihr rundliches Gesichtchen eine absolut kind- liche Frische und Unschuld in Form und Ausdruck, der sogleich auffiel. Sie trug einen schwarzen Rembrandhut, der die Stirn frei ließ/ nur rechts und links flatterten gelbrothe Locken um die Schläfe, aber „PonieS" hatte sie nicht. Ihre feine, überfchlanke Gestalt steckte in einem dunkelblauen
Reich wieder auferstand.' Groß war die Schlacht und heiß war der Drang und gewaltig die Kräfte, die aufeinander- stießen. Tapfer kämpfte der Feind für seine Lorbeeren, für seine Vergangenheit, für seinen Kaiser, kämpfte mit dem Muth der Verzweiflung die tapfere französische Armee. Für ihre Güter, ihren Herd und für ihre zukünftige Einigung kämpften die Deutschen. Darum berührt es uns auch so warm, daß ein Jeder, der deS Kaisers Rock getragen hat ober ihn noch trägt, tn diesen Tagen von der Bevölkerung besonders geehrt wird. Ein einziger aufflammender Dank gegen Kaiser Wilhelm I., und für unS, besonders für die jüngeren, die Aufgabe, daS, was der Kaiser gegründet, zu erhalten! Doch tn die hohe, große Festesfreude schlägt ein Ton hinein, der wahrlich nicht dazu gehört. Eine Rotte von Menschen, nicht werth, den Namen Deutscher zu tragen, wagt eß, daS deutsche Volk zu schwächen, wagt es, die uns geheiligte Person deS allverehrten, verewigten Kaisers tn den Staub zu ziehen. Möge daS ge- fammtc Volk tn sich die Kraft finden, diese unerMrten Angriffe zurückzuwetsen! Geschieht eS nicht, nun deW, so rufe ich Sie, um der hochverr ätherischen Schaar zu wehren, um einen Kampf zu führen, der un« befreit von solchen Elementen. Doch kann ich mein Glas auf daS Wohl meiner Garden nicht leeren, ohne dessen zu gedenken, unter dem sie heute vor 25 Jahren gefochten Haren. Der einstige Führer der Maas-Armee steht vor Ihnen! Seit 25 Jahren haben Se. Majestät der König von Sachsen alles Leid und alle Freude, die unser Haus und Land betroffen, treulich mit uaß geteilt; desgleichen auch Württembergs König, dessen höchste Freude eß ist, in den Rethen des Garde-Husaren-Regiments gestanden und Kaiser Wilhelm gedient zu haben, und der hergeetlt ist, um mit uns in Kamerabschaft den Tag zu feiern. Wir können, wie gesagt, nur geloben, das zu erhalten, was die Herren für uns erstatten haben. Und so schließe ich denn in das Wohl des Gardecorps ein das Wohl der beiden hohen Herren, vor allem deS Führer« der Maas-Armee: Seine Majestät der König von Sachsen, er leb- hoch! und nochmals hoch! und zum dritten Male hoch!" Nach diesem Trinkspruche des Kaisers erhob sich der König von Sachsen und erwiderte Folgendes: „Indem ich Eurer Majestät tn meinem Namen und in dem Namen des Königs von Württemberg für die gnädigen Worte danke, erlaube ich mir, heute noch einmal die Führung des Gardecorps zu übernehmen und in dessen Namen das Glaß zu leeren auf den erhabenen Chef: Seine Majestät der Kaiser, er lebe hoch! hoch! hoch!"
Matrosencostüm, an dem selbst der breite, vorn etwas offene Kragen nicht fehlte. Den Mantel hatte sie in der Garderobe abgegeben.
Mit ihrem freimüthtgen, harmlosen Blick streifte sie Detlev im Vorüberfliegen und alsbald nahm er seinen Weg hinter ihr drein. — Der Zufall oder Cupido selbst wollte es, daß einige wilde Schulknaben Florence zu Fall brachten, so daß Detlev herzueilen und ihr aufhelfen konnte. Sie lachte indessen so herzlich über ihr Mißgeschick, daß sie kaum in die Höhe konnte, und da inzwischen auch ihre Freundin herangekommen war, konnte Detlev sich eilig vor stellen lassen.
Eine Minute darauf glitten die beiden vereint über daß Etß, da die Freundin nie anberß als allein lief. Daß Bild war zum Entzücken. Detlev, der große, mächtige Mann, tn einer schwebenden Bewegung mit der sylphenhaften blonden Florence; nie zeigt sich die Harmonie zwischen zwei Menschen deutlicher als im Rhytmus des Tanzes ober beß Schlittschuh- laufens. Detlev sah und hörte nichts außer seiner Partnerin unb lächelnb staub ich unb beobachtete sein glückliches Gesicht.
Ein ältlicher Herr, ber eben tn einem Coups am Ufer vorgefahren war, wartete, bis er Florence sah unb winkte ihr.
Als sie herankam unb Detlev höflich ben Hut abnahm, legte er nur einen Finger an seine Pelzmütze unb zog schweigenb seine Taschenuhr heraus, bie er Florence vorwies.
„Ich komme, Papa," sagte sie. Unb ohne auch nur eine Secunbe zu zögern, winkte sie einem ber bebtenenben Männer, ließ sich bie Schlittschuhe abnehmen unb verließ mit einer lieblichen Kopfneigung gegen Detlev die Bahn. Er aber hatte ostentativ ebenfalls mit zwei Griffen seine Halifax abgenommen unb staub jetzt, ben Hut in ber Hand, an ber LanbuugS brücke, währeub Florence vorbeiging.
Der schweigsame Vater half ihr in ben Wagen, stieg selbst ein unb fort rollte Detlevs Fee wie ein Traum.
Fortsetzung folgt).


