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1.12.1895 Erstes Blatt
 
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Erstes Blatt. Sonntag den 1. December

Gießmer Anzeiger

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Gefunden: 1 Paar Manschettenknöpfe, 1 Spazier­stock, Stickereien, 1 Glacehandschuh, 1 Plüschkappe, 1 Taschen­tuch, 1 Filzhut, 2 Päckchen mit Inhalt und 1 Fingerhut.

teßen, den 30. November 1895. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

I. E.

v. Bechtold, Regierungs-Assessor.

Ueuefte Nrrchvichten.

Wolffs telegraphische» Correfpondenz-Bureeu.

Btili», 29. November. Viceadmtral z. D. Wilhelm Wickede ist gestern gestorben.

Berlin, 29. November. Das Polizei-Präsidium gibt die Schließung von elf soctaldemokratischen Ver­einen bekannt und zwar sechs Reichstagswahlvereinen, der Preßcommission, der AgitationScommisfion, der Locaicommission, deS Vereins der Vertrauensmänner und deS Parteivorstandes der soctaldemokcattschen Partei Deutschlands. Die Schließung erfolgt auf Grund deS § 8 der Verordnung über die Ver­hütung deS Freiheit und Ordnung gefährdenden Mißbrauchs des Versammlung-' und VereinSrechrS vom 11. März 1850.

Berlin, 29. November. Gegenüber der Meldung der Hamburger Börsenhalle", von der Regierung nahestehenden Kreisen werde an die Einberufung deS preußischen Landes- öconomie-Collegiums zum 4. December die Vermuthung ge> knüpft, daß die preußische Regierung Über ihre end- gUtige Stellung zum Zuckersteuer-Gesetzentmnrf noch nicht klar sei und gegenüber der vou derNational- Zeitung" hieran geknüpften Bemerkung, eS sei seltsam, daß da- Landes Oeconomte-Collegium nach Einbringung der Vor­lage im BundeSrathe behufs ihrer Begutachtung zusammen­berufen werde, schreibt dieNordd. Allg. Ztg.":Diese Bemängelungen beruhen auf mangelhafter Kenntniß der ein­schlägigen Verhältnisse. Daß die Vorberathung für den Entwurf von der RetchSregterung geführt sei, entspreche der Natur der Dinge, da die Zuckerbesteuerung Reichssache sei. Selbstverständlich aber habe sich die RetchSregierung die Zustimmung der preußischen Regierung versichert, da die Vorlage überwiegend daS preußische Interesse berühre. Die ,9totbb. Allg. Ztg." erwähnt schließlich dte Meldung der Presse, der Kaiser habe sich gelegentlich deS Diners beim Fiuanzmtnister in bestimmtester Weise über die Nothwendig kett deS Zustandekommens des Gesetzes ausgesprochen.

Altona, 29. November. Generaloberst Gras v. Waldersee erhielt gestern folgende- Telegramm deS Kaiser-: Neues Palais, 28. November:Bei der 35. Wiederkehr deS Gedenktage- von Beaune la Roland erinnere ich mich gern und dankbar Ihrer verdienstvollen Thätiakeit in jener ernsten Zeit." gez. Wilhelm I. R.

Straßburg, 29. November. Der Grohherzog vou Baden ift heute Abend 8.30 Uhr von Karlsruhe hier ein- getroffen und am Bahnhofe vom Fürst Statthalter und dem Erbprinzen von Hohenlohe Langenburg empfangen worden.

Bern, 29. November. 4100 Arbeiter der Nord- ostbahn haben das Begehren der Lohnaufbefferung unter­zeichnet. Bei den Vereinigten Schweizerbahnen berheiltgten sich 93pCt. des Personals an der Lohnbewegung, bet der Ceotralbahn 90 pC. Ungefähr gleich stark ist die Bewegung bei der Jura S'mplonbahn. Bei der Gotthardbahn greift die Bewegung rasch um sich,- wahrscheinlich wird sie sich aus dte Kletnbahnen ausdehneu.

Ro«, 29. November. Der Papst hielt heute das geheime Consistortum ab. In diesem ernannte er neun Cardinäle, darunter den Erzbischof von Lemberg und den Fürst Erzbischof von Salzburg, und präcomsirte 24 ita­lienische Bischöfe.

Paris, 29. November. Der Ackerbauminister ewpfi g heute eine Abordnung der Gesellschaft der Zucker­rübensamenzüchter, die den Minister auf dte in der Einfuhr deutschen ZuckerrübensameoS, der dte einheimische Production bedrohe, liegende Gefahr aufmerksam machte. Der Minister versprach die Sache ernstlich zu prüfen.

Brest, 29. November. Bet dem dem Admiral Kala- geraS und den Offizieren deS russischen Geschwaders vou der Stadt Brest gegebenen Ehrenpunsch spielte die Musik die russische Nartonaldymne. Admiral KalageraS gab tn feinem Trink pruche der Sympathie für Frankreich Ausdruck. Die Tage von Kronstadt und Toulon seien eine Erbschaft der Geschichte der beiden Großmächte, deren Vereinigung so stark sei, daß nichts dieselbe zerreißen könne. Frankreich und Rußland seien in denselben Ideen verbunden durch brüder­liches Zusammenwirken für den allgemeinen Frieden. Der

Admiral trank zum Schluß auf den Präsidenten Faure und die französische Nation. Der Trinkspruch wurde mit leb­haftem Beifall und den Rufen:Es.lebe Rußland!" aus­genommen.

Depesche» de« Bure»» .Herold".

Berliu,^29. November. Der Kaiser ist gestern Abend gegen 6V2 Uhr tn Neu Gattersieben eingetroffen. Dte Abend­tafel faud tm dortigen Schlöffe statt. Heute Vormittag 9 Uhr erfolgte der Aufbruch zur Jagd. Dte Rückkehr wurde gegen 4 Uhr Nachmittags erwartet.

Berlin, 29. November. Der Kaiser wird, wie be­reits gemeldet, Montag Vormittag nach Breslau reisen, um an der 25jährigen Gedenkfeier der Schlacht bei Lotgny-Pouprh, welche daS dortige Leib-Kürasfier-Regtmeut veranstaltet, thetl- zunehmen. Die Rückkehr des Kaisers wtrd voraussichtlich am 3. December erfolgen.

Berlin, 29. November. DerReichsanzetger" veröffent­licht heute eine Verordnung, betreffend den Verkehr mit Arzneimitteln, vom 25. November 1895.

Berlin, 29. November. DteNordd. Allgem. Ztg." erklärt dte Meldung derDresdener Deutschen Wacht", daß nach einer Aeußerung des Kaisers der Rücktritt des SraatSsecretärS v. Bötticher unmittelbar bevorstehe, sowie daß der Kaiser in der Handwerkerfrage voll und ganz auf dem Boden des Berlepsch'fchen Entwurfs stehe und tn der Vorlage des Bölttcher'schen Handwerker-Gesetzes eine Durchkreuzung dieser Pläne erblicke, für erfunden.

Berlin, 29. November. Wie daSBerliner Tagebl." meldet, wird dte Militär-Verwaltung wahrscheinlich noch tm jetzigen Probejahre die bessernde Hand an die vierten Bataillone legen, doch würden dabei die polt- tischen und budgetioen Gesichtspunkte nicht berührt. ES handelt sich vielmehr innerhalb der Präsenzziffer um rein militärische Fragen, durch welche einerseits der Hauptzweck der vierten Bataillone, als CadreS für den Kriegsfall zu dienen, beffer erreicht werden soll und die nicht bei den vierten Bataillonen dienenden Mannschaften namentlich im zweiten Dienstjahre eine gründlichere Ausbildung erfahren könnten, als dies in den beiden ersten Versuchsjahren der Fall gewesen ist. Bet allen diesen Erwägungen ift dte drei­jährige Dienstzeit gar nicht in Betracht gezogen worden.

Berlin, 29. November. Vor der 2. Strafkammer des Landgericht- I stand heute die Verhandlung gegen den Heraus­geber und Redacteur der ZeitschriftEthische Cultur", Dr. Förster aus Freiburg t. B., an. Der Staatsanwalt hielt die Anklage voll aufrecht und beantragte 9 Monate Gesänguiß. Nach der Berrheidtgnngsrede deS RechSanwalts Dr. Gordon erkannte der Gerichtshof auf eine Festungshaft von drei Monaren.

Berlin, 29. November. Der soctalisttsche Reichstag-- abgeordnete Schippe! hat gestern auf die Aufforderung deS Staatsanwalts (eine zweimonatliche Gejängnißftrafe in Plötzen­see angetreten.

Stettin, 29. November. Dem freireligiösen Lehrer Caesac aus Berlin wurde, wie dteStettiner Abendzeitung" meldet, dte ihm von der hiesigen Schultnspectton ertheilte Eclaubntß für den Jugendunterricht wieder entzogen, und zwar auf Antrag des Polizeipräsidiums. Die Erlaubntß hier war dem Lehrer ertheilt worden, nachdem ihm dieselbe tn Berlin bereits entzogen war.

Thorn, 29. November. Nachdem das Thermometer Nachts bis 10 Grad unter Null gesunken, geht bie Weichsel heute stark mit Treibet-. Der SchiffSoerkehr wurde eingestellt

Frankfurt a. 3R , 29. November. DieFrankfurter Zeitung" meldet aus London: Im englischen Budget wtrd für daS nächste Jahr ein Ueverschuß von vier blS fünf Millionen Pfund Sterling erwartet.

Wien, 29. November. Gestern hielten die Anti­semiten tn 19 Bezirken Wiens stark besuchte Versamm­lungen ab, in denen hesttge Reden gegen die Regierung und die liberale Preffe gehalten wurden. Es wurde beschloffen, den Kampf gegen den Glasen Badeni und dessen Verhalten bei den Bürgermeifterwahlen energisch fortzusetzen und den Kampf gegen die liberale Preffe mit allem Nachdruck auf­zunehmen.

Benedig, 29. November. In ganz Ober- und Mittel- Italien herrschte abnorme Kälte. In Turin betrug die Kälte heute früh 12 Grad.

Pari-, 29. November. Bompard wurde zum Gene­ral-Residenten von Madagaskar auSersehen.

Paris, 29. November. Dte feierliche Beisetzung Alexander DumaS, findet morgen Mittag auf de« Fried- Hofe zu Montmartre statt, und zwar zunächst nur provisorisch

in einer, der Stadt Paris gehörigen Gruft. Die definitive Beisetzung erfolgt später in einer anderen Gruft, welche in einer neu anzulegenden FriedhofS-Allee hergerichtct wtrd. In seinem Testament spricht DumaS zu gleichen Theilen sein Vermögen seiner Wittwe und seinen beiden Töchtern z«.

Paris, 29. November. Der Mtnifterrath hat sich gestern mit den Maßregeln beschäftigt, dte auf MadagaScar zu treffen sind. Besonders wurden die Aenderungen be­sprochen, dte an dem FriedenSvertrage vorzunehmen sind, und welche daS Recht der Souveränität Über MadagaScar fest- zustellen haben. Ein General-Syndikat wird dorthin ge­sandt, und dte Verwaltung unter das Ministerium der Colo­nien gestellt worden.

Petersburg, 29. November. Dem Vernehmen nach wurde von der Regierung dte osficielle Betheiliguvg an der Pariser Weltausstellung im Jahre 1900 beschloffen.

Konstantinopel, 29. November. Die sÜr die klein- asiatischen Vtlajets eingesetzte Central-Commission hält täglich Berathungen ab. Infolge der Nachrichten Über die große Nothlage der Bevölkerung in den kleinasiattschen Vilajets wurde beschloffen, den zehnten Theil des geernteten Getreides an die Nothleidenden zu verthetlen.

Gieße«, bett 30. November ms.

* * Ordensverleihung. Seine Königliche Hoheit der Grobherzog haben Allergnädigst geruht: Am 30. October dem Schullehrer Heinrich Katzenbach zu Wieseck da- Silberne Kreuz des Verdienstordens Philipp- des Groß- müthtgen zu verleihen.

* Ruhestandrverfetzuug. Seine Königliche Hoheit der Grotzherzog haben Allergnädigst geruht, den GerichtS- schretber bet dem Amtsgericht Gießen, Karl Heinrich Gläßing unter Anerkennung seiner langjährigen treuen Dienste, mit Wirkung vom 1. December 1895 an, auf sein Nachsuchen in den Ruhestand zu versetzen, und demselben daS Ritterkreuz 2. Klasse des Verdienstordens Philipps de- Groß- müthigen zu verleihen.

* Schuldienst Nachrichten. Am 9. November wurde dem Schulamtsaspiranlen Peter Burk aus Ober-Mörlea die zweite und dem Schulamtsaspiranten Johannes Hetz aus Fürth t. O. die dritte Lehrerstelle an der Gemeinde- schule zu Klein - Krotzenburg, Kreis Offenbach, am 12. November wurde dem Schullehrer Adam Geis zu Mörlenbach eine Lehrerftelle an der kathol. Schule zu Gerns­heim, Kreis Groß-Gerau, am 13. November wurde de« Schullehrer Heinrich Malst zu Hirschhorn eine Lehrer­stelle an der Gemeindeschule zu BüveSheim, KreiS Bingen, übertragen.

* Kirchliche Dienstnachrichten. Am 8. November wurde dem Psanverwalter Johannes May zu Hambach, Decanat Heppenheim, die katholische Psarrstelle daselbst, an demselben Tage wurde dem Pfarrverwalter Singer zu Mosbach, Decanat Dieburg, dte kathol. Pfarrstelle daselbst übertragen.

* Erledigte Lehrerstellen. Erledigt sind: Eine mit einem evangcUichen Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Fretenseen, Kreis Schotten, mit einem jährlichen Gehalte von 900 Mk. Die zweite Lehrerstelle an der evangelischen Schule zu Lütz 1-WiebelSbach, Kreis Erbach, mit einem jährl. Gehalte von 900 Mk. Dem Herrn Fürsten zu Löwenstein Wertheim Rosenberg und dem Herrn Grafen zu Erbach-Schönberg steht das Präsentationsrecht zu derselben zu. Eine mit einem eoangel. Lehrer zn besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Wieseck, Kreis Gießen, mit einem jährlichen Gehalte von 1000 Mk. Eine mit einem katholischen Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Wies-Opvenheim, Kreis Worms, mit einem jährlichen Gehalte von 900 Mk.

* Ber-eichuiß der Sitzungen des Schwurgerichts der Provinz Oberheffeu pro 4. Quartal 1895:

1. Dienstag den 3. December, BocrmttagS 91/, Uhr, gegen Adam Schleich aus Rüdbingshausen wegen Meineid. Die Alckiage vertritt Großh. Staatsanwalt Zimmermann, die Vertheidigung führt Rechtsanwalt Juftizrath Batst.

2. Mittwoch den 4. December, Vormittags 9 Uhr, gegen Jacob Filz ans Affenhetm wegen Bionbfttftungß» Versuchs. Die Anklage vertritt Großh. Staatsanwalt Koch, die Vertheidigung führt Rechtsanwalt Dr. Gutfleisch.

3. Donnerstag den 5. December, Vormittags 9 Uhr, gegen Heinrich Glück aus Vilbel wegen TodtschlagS- Versuchs. Die Anklage vertritt Großh. GerichtS-Affeffor Dr. Glässing, dieBertheidigung führt Rechtsanwalt Metz.