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Samstag den 1. Juni
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Amtlicher Theil.
Bekanntmachung,
betreffend die Maul- und Klauenseuche.
Die zu Düdelsheim, Kreis Büdingen, ausgebrochene Maul- und Klauenseuche ist erloschen, und auf Gehöftsperre beschränkt worden.
Gießen, den 30. Mai 1895.
Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.
Bekanntmachung,
die Abgabe der Capitalrentensteuererklärungen behufs der | Veranlagung für das Steuerjahr 1896/97 betr.
Nach Art. 14 des Gesetzes, die Einführung einer Capi- ; talrentenfteuer betreffend, vom 8. Juli 1884, erfolgt die j Heranziehung zu dieser Steuer auf Grund einer Erklärung, - welcher jeder nach den einschlägigen Bestimmungen Steuer- r pflichtige über den Jahresbetrag seiner Zinsen, sowie der? etwa zum Abzug geeigneten Lasten bei der hierzu berufenen ■ Einschätzungscommission schriftlich abzugeben hat. Zu diesen Erklärungen ist das von Großherzoglichem Ministerium der ■ Finanzen festgesetzte Formular zu verwenden und sind die- selben, je nach der Wahl des Steuerpflichtigen, offen oder ; verschlossen, jährlich spätestens bis zum 1. Juli, ohne daß der Pflichtige deshalb eine besondere Aufforderung abzuwarten 1 hat, bei der Bürgermeisterei des Wohnorts abzuliefern.
Von der Verpflichtung zur Steuererklärung sind nach Art. 15 des Gesetzes, insofern nicht im einzelnen Fall besondere Aufforderung der Einfchätzungscommission ergeht, diejenigen Steuerpflichtigen entbunden, welche im unmittelbar vorausgegangenen Steuerjahr bereits zur Capitalrentenfteuer ; zugezogen waren, auch inzwischen ihren Wohnsitz nicht gewechselt und keine den Betrag von 100 Mk. jährlich erreichende Einkommensverbefferung aus Capitalzinsen erlangt haben.
Inhaltlich des Art. 16 des genannten Gesetzes haben die Capitalrentensteuererklärung abzugeben:
1) für minderjährige, vermißte oder unter Vormundschaft gestellte Personen, deren gesetzliche Vertreter.
2) für moralische Personen (Gemeinden, Körperschaften, Stiftungen, Anstalten), ferner für Gesellschaften, > Genossenschaften, Gantmaffen, Erbmassen, soweit ■ eine Steuerpflicht hier überhaupt in Betracht kommt, \ die bestellten Vorstände oder Verwalter;
3) in allen anderen Fällen der Steuerpflichtige selbst und zwar hinfichtlich des gesammten Zinsenbezuges, welcher, sei es aus eigenem Vermögen oder aus dem Vermögen seiner nicht selbstständig zur Capital- rentensteuer gezogenen Angehörigen, ihm in Steueransatz zu kommen hat.
Unter Bezugnahme auf die obigen Bestimmungen richten wir an die hiernach zur Einreichung von Capitalrentensteuererklärungen verpflichteten Bewohner unserer Bezirke hiermit die Aufforderung, ihre Erklärungen unfehlbar bis zum genannten 1. Juli d. I. an die betreffenden Bürgermeistereien gelangen zu lassen, von wo sie, und zwar insoweit verschloffen, uneröffnet, an die Vorsitzenden der betreffenden Einschätzungscommission übersendet werden.
Das Formular zu den Capitalrentensteuererklärungen, welchem ein Auszug aus dem Gesetz und eine bezügliche nähere Anweisung beigefügt ist, hat der Steuerpflichtige von der Bürgermeisterei des Wohnorts zu beziehen.
Gießen, Grünberg, Hungen, Nidda, den 1. Juni 1895. Die Großherzoglichen Steuercommissariate.
Bähr. Kritzler. Snell. Schmitt.
Arrsland.
— In Frankreich scheinen die Chauvinisten und Deutschenfreffer wieder einmal Oberwasser zu bekommen. Die Wühlereien von chauvinistischer Seite gegen die osficielle Betheiligung Frankreichs an der Einweihungsfeier des Nord- Ostsee-Canals haben im Lande bis zu einem gewiffen Grade gewirkt, und wenn das Cabinet Ribot noch heute in der Sache irgendwie zurückkönnte, so würde es dies sicher thun. Unter diesen Umständen herrscht im Lager der Deutschenfresser an der Seine natürlich besonderer Jubel darüber, daß der berühmte Chemiker Pasteur den preußischen Orden- pour le merite, durch welchen er ausgezeichnet werden sollte, abgelehnt hat, wobei er eigens aus die Ereignisse von 1870 hinwies. Es hat sich in Paris bereits ein Comite gebildet, um eine öffentliche Ehrung Pasteurs wegen deffen „patriotischer Haltung" vorzubereiten. Zur selben Zeit aber ist von der Pariser Akademie der Wissenschaften der große Kieler Chirurg Esmarch zum correspondirenden Mitgliede und von der „Academie des Inscriptions“ der deutsche Historiker Mommsen zum auswärtigen Mitgliede letzterer Vereinigung ernannt worden/ es schließen sich doch noch vornehme Kreise in Frankreich von dem Treiben der Chauvins ab. Uebrigens dürfte es in der Freitagssitzung der Deputirtenkammer zu einer lebhaften Erörterung der Kieler Angelegenheit und des ganzen deutsch-französischen Verhältnisses gelegentlich der
Interpellation über die auswärtige Politik deS CabiuetS Ribot gekommen sein.
WolffS telegrsphisches Corresvondenz-Bureau.
Berlin, 30. Mai. Der Bundesrath stimmte dem Berichte der Ausschüffe über den Entwurf des Abgabentarifs für den Nordostseecanal, ferner dem Entwürfe deS Börsengesetzes und dem Depotgesetze mit einigen Abänderungen zu.
Kaffel, 30. Mai. Der heutigen auS allen Theilen Deutschlands besuchten Generalversammlung der Neuwied er (Raiffeisen'schen) ländlichen Credit- genossenschaften wohnten Geheimer OberregierungSrath Dr. Hermes als Vertreter des LandwirthschaftSministerS, Landgerichtsrath Schneider als Vertreter des Justizministers, ferner Regierungspräsident Graf d'Hauffonvtlle, Consistorial- präsident v. Altenbeckum, der Präsident der Generalcommisfio« Kette und Oberbürgermeister Westerburg bei. Nach dem Bericht des Generalanwaltes gehören dem Neuwieder Verbände jetzt 1607 Vereine mit einem Gesammtumschlage von etwa 100 Millionen Mark an.
Leipzig, 30. Mar. Der Leipziger Maurerstrike hat seit gestern größere Dimensionen angenommen. Es striken jetzt bereits 1500 Maurer. 100 Baustellen find ohne Arbeiter, darunter der Bau deS Reichsgerichts, der Erweiterungsbau des Landgerichts u. A. Von den Leipziger Maurermeistern haben sich, wie der „Leipziger Generalanzeiger" meldet, biS jetzt erst neun bereit erklärt, den geforderten Stundenlohn von 45 Pfg. zu bezahlen.
Stuttgart, 30. Mai. Der 91jährige frühere württem- bergische Minister Baron Linden, der auf einem Gute bei Verwandten in Baden sich aufhält, erlitt einen Schlag - anf all.
Wien, 30. Mai. Während und nach der gestrigen Bürgermeisterwahl war der Platz vor dem Rathhause der Schauplatz lärmender antisemitischer Demonstrationen, wobei dec liberale Gemeinderath und ReichSrathsabgeordnete NoSke bedroht und thätlich angegriffen wurde.
Wien, 30. Mai. Der Kaiser empfing heute den deutschen Botschafter Grafen Eulenburg und hierauf den Minister deS Auswärtigen Grafen GoluchowSky in längerer Audienz.
Tokio, 30. Mai. Das „Reuter'sche Bureau" meldet: Der Kaiser von Japan hielt heute seinen Siegeseinzug in die Hauptstadt. Straßen und Häuser waren geschmückt
Feuilleton.
Zur Einführung in die Kieler Flottenparade.
(Schluß.)
Welcher Kraft es bedarf, um einen der modernen Schtffscolvffe mit einer Fahrt, wir sie heute als nothwendig erachtet wird, d. h. etwa 20 Seemeilen in der Stunde, durchs Waffer zu treiben, davon kann sich der Uneingeweihte nur schwer einen Begriff machen. Die Maschinen des amerikanischen Kreuzers „Columbia", beiläufig erwähnt eines der schnellsten Kriegsschiffe, die es gibt, wenn man von den kleineren Torpedobooten und Torpedojägern absieht, leisten eine Arbeit von 23,000 Pferdekräften. Ihm zunächst steht unter den Schiffen, die an der Flottenparade theilnehmen, daß italienische Schlachtschiff „Sardigna", deffen Maschinen 22,700 Pferdekräfte indictren, und weiter der britische Panzerkreuzer „Blenheim" mit 21,400 Pferdekräften. Das sind Maschinenanlagen, wie sie in den größten Landbetrieben auch nicht annähernd so mächtig Vorkommen.
Die 53 ausländischen Kriegsschiffe find insgesammt im Stande, eine Arbeit von circa 380,000 Pferdestärken zu leisten und die 26 größeren Fahrzeuge der deutschen Marine, die zwischen den fremden Nationen vertheilt sein werden, weisen zusammen an Maschtnenkraft 130,000 Pserdekräfte auf, so daß rund eine halbe Million Pferdekräfte sich als Arbeitsleistung der Paradeflotte ergeben. Rechnet man die Arbeit einer Maschinen - Pferdekrast gleich der von acht Männern, so ergibt sich, daß man etwa vier Millionen Arbeiter brauchen würde, um auch nur auf eine kurze Zeit einen Kraftaufwand zu erzielen, wie er in den Maschinen der 79 Dampfer aufgespeichert liegt. Zu einer dauernden Arbeitsleistung von dem nämlichen Umfange würden freilich auch diese vier Millionen Menschen, so groß die Zahl auch scheinen mag, nicht ausreichen, denn der Mensch unterscheidet sich eben von der Maschine dadurch, daß er nicht
I dauernd zu arbeiten vermag, sondern in regelmäßigen Perioden der Ruhe pflegen muß. Nimmt man an, daß ein Mann täglich 8 Stunden ununterbrochen zu arbeiten vermag, so ergibt fich, daß für eine längere Zeitdauer rund zwölf Millionen Menschen erforderlich wären, um das nämliche Maß von Arbeit zu leisten, wie die Maschinen der zur Flottenparade versammelten ausländischen und deutschen Kriegsschiffe. Was will es dagegen sagen, daß die „Armada" 20,000 Soldaten, 9000 Matrosen und etwa 2000 Sclaven an Bord führte, während heute die Schiffe, die an der Flottenparade theilnehmen, durch einen Druck auf die Umsteuerung ihrer Maschinen sich eine Kraft dienstbar machen können, zu deren Leistung damals 12 Millionen Menschen erforderlich gewesen wären.
Diese ungeheure Arbeitskraft fitzt nun freilich nicht wie ein eingejchlossenes Teufelchen in den Maschinen, das nur auf die Zauberformel wartet, um mit aller Wucht loS- zubrechen. Zur Auslösung dieses Giganten bedarf es der Wärme und zur Erzeugung dieser wieder der Steinkohle. Eine genaue Schätzung des Kohlenverbrauchs der einzelnen Kriegsschiffe läßt sich nicht wohl geben, da diese Daten selten in die Oeffentttchkeit dringen. Man wird aber kaum sehl- greisen, wenn man die Zahlen, die erfahrungsmäßig für die Handelsmarine feststehen, auch für die Kriegsflotte in Anschlag bringt. Demnach darf man auf je tausend Pferdekräfte einen Kohlenverbrauch von 15 Tonnen ä 1000 Kg. rechnen. Die ganze Flotte würde also unter Dampf Tag für Tag etwa 7500 Tonnen (siebeneinhalb Millionen Kilogramm) Kohlen verbrauchen, und um für diese rauchenden Schornsteine auf einen Tag das Brennmaterial heranzuschaffen, wären 19 Eisenbahnzüge von 40 Doppelwaggons erforderlich. Bei einem Kostenpreis der Kohle von 15 Mk. pro Tonne gehen bei der gesammten Flotte, sofern sie in Fahrt ist, alltäglich 1 12,000 Mark in Rauch auf. • Die größten Geschader von allen fremden Nationen I stellen zur Flottenschau Großbritannien und Italien. Eng
land ziemt es, als dem ersten Seestaat, eine seiner Machtstellung entsprechende Flotte zu entsenden, Italien will seinem nordischen Bundesgenossen eine besondere Ehre erweisen. Aber nicht nur in der Zahl der Schiffe zeigt fich die Ueber- legenheit dieser beiden Geschwader, auch in der Stärke der einzelnen Schiffe tritt fie hervor. Die vier Schiffe der „Royal-Sovereign"-Klaffe, welche Großbritannien entsendet, gehören zu den mächtigsten Panzern seiner Flotte, ja, der ganzen Welt. Die Gürtelpanzer, welche ihre verwundbare« Theile beschützen, find nahezu einen halben Meter dick und durch ebenso schwere Panzerplatten sind ihre Geschützthürme gegen feindliche Geschoffe gesichert. Nur wenig hinter ihne« zurück stehen die vier Schlachtschiffe Italiens, „Re Umberto", „Andrea Doria", „Sardegna" und „Ruggero du Lauria". — Besondere Beachtung verdient der amerikanische Kreuzer „Columbia", ein Dreischraubeuschiff, das zu dem Zwecke gebaut ist, als Kreuzer den feindlichen Handel lahm zu legen, weßhalb ihm die Amerikaner den Namen „Üommerce destroyer“, der Handelszerstörer, gegeben. Die „Columba" soll der schnellste Kreuzer der Welt sein — so behaupten wenigstens die Amerikaner. Ein besonders intereffauteS Schiff ist auch der französische Hochseepanzer „Hoche"/ es ist das schnellste Schlachtschiff der Franzosen und von ihren neueren auch wohl das tüchtigste.
Nicht zum Kampfe gegen einen gemeinsamen Feind wird diese stolze Flotte aus aller Herren Länder fich im Kieler Hafen zusammenfinden, sondern um ein Werk einzuweihen, das, während es Deutschlands Wehrfähigkeit erhöht, auch einem friedlichen Zwecke dient, der Hebung des Seeverkehrs. Aber jeder der großen Seeftaaten will doch in sein Geschwader den Ausdruck seiner Macht legen und beim friedlichen Feste zeigen, wie er sich als Feind furchtbar erweisen könnte. Capitän L. in der „Magdb. Ztg.


