Ausgabe 
31.10.1894 Zweites Blatt
 
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1894

Nr. 255 Zweites Blatt. Mittwoch den 3L October

Der

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Znm Reformationsfeste.

Licht und Wahrheit! das sind zwei Begriffe, welche jedes ernftgesinnten Menschen Ziel sein müffen, wonach er streben soll und streben wird mit aller Macht; das Gewissen treibt ihn dazu, das Herz verlangt darnach. Licht und Wahrheit! das sind die Zielpunkte der ganzen Menschenwelt und müffen es bleiben, wenn nicht der Gottesfunke in ihr gar verlöschen soll,- daher allüberall der Kampf mit den Mächten der Finsterniß, der Lüge und Täuschung. DaS Dürsten nach dem Lichte und die Liebe zur Wahrheit hat einst einen .Luther, wenn auch zuerst nur unter starkem inneren Widerstreben, hineingetrieben in den Kampf mit der Kirche, deren treuester Sohn er war und gern geblieben wäre, wenn sie von ihren Jrrthümern sich hätte frei machen lassen. Durch Gährung führte der Weg in heiligem Kampf zu siegreicher Klärung. Die Geister schieden sich und dem Gewiffen deS deutschen Volkes wurde allmählich auch die äußere Freiheit seiner Stellungnahme zu Licht und Wahrheit errungen.

DaS ist uns ein Trost in der Gegenwart, die mehr als eine andere Zeit so viel Gährung ist, daß man nicht absteht, wie und wann es besser werden soll. Große Un­zufriedenheit herrscht in breiten Schichten des Volkes, nicht bloS bet der großen Maffe, auch unter den höheren Ständen, ja den besten Geschlechtern des Landes. Reformen begehrt Jedweder und der Einzelne meint und behauptet immer, seine Pläne und Vorschläge seien die besten. Das treibt die Parteien gegen einander und durcheinander- das trübt den freien Blick, d^r unbeirrt und unbeeinflußt das Rechte treffen und verfolgen soll. Die allerärgsten Täuschungen, oft zum großen Schaden des Volkes, begegnen sich- seine treuesten Freunde hält man für Gegner und bereitet ihnen Schwierigkeiten, grundsätzliche Feinde thun sich zusammen, um die Oberhand zu gewinnen, und Licht und Wahrheit scheinen dem unbefangenen Gemüthe oftmals schwer bedroht. Allein das darf uns nicht irre machen, an der in Gottes Wort wurzelnden Wahrheit festzuhalten und immer wieder unerschrocken für sie einzutreten. Mögen auch die Jrrgeister noch so große Anstrengungen machen, das Licht zu trüben, eS mag ihnen vorübergehend gelingen, auf die Dauer nie. Und wir glauben zuversichtlich, daß in unserem deutschen Volke noch ein guter Kern lichter Wahrheitsliebe vorhanden ist, der sich wieder, wenn auch unter noch so schweren Kämpfen, durchringen und mit der geistlichen auch seine leibliche Wohlfahrt heben wird.

Freilich, ein Volk kann nur dann lichtvolle Wege wan­deln, wenn es sich zu der Lichtquelle hält, die Gott der Menschheit in seinem heiligen Worte eröffnet hat, wenn es in ihrer wahren, echten Religiosität nach Wahrheit ringt. Und das müssen wir unserem Volke immer wieder zurufen: Laßt euch die rechte Klarheit in allen Hauptfragen des Lebens durch das Wort der Wahrheit bringen! thut alle Unlauterkeit und Selbstsucht von euch und stellt euch mit voller Entschlossenheit auf den Grund der geoffenbarten, göttlichen Wahrheit! Jedes deutsche Herz suche zunächst sich und sein Leben zu reformiren nach dem Worte des Herrn, so wird auch diese trübe Zeit vorübergehen, die Gährung wird zur Klärung führen, die Unzufriedenheit wird wieder weichen, die Unsicherheit in den einzuschlagenden Wegen wird überwunden werden, und die Gefahren, die immer verhang- nißvoller drohen, werden wie Wolken verschwinden. Darum wünschen wir unserem deutschen Volke zum Reformationsfeste von ganzem Herzen: neuen, mannhaften Ernst zum Trachten nach Licht und Wahrheit!

Cocoles rrrrd prorhtsieUes,

SW. Aus der südlichen Wetterau, 28. October. Das Kelterobst wurde in den letzten Tagen mit 9 Mk. 50 Pfg., das Brechobst mit 14 Mk. pro Doppelcentner bezahlt. Letzteres ist sehr gesucht und Diejenigen, welche das Aus- sortiren nicht scheuten, verdienen ein schönes Stück Geld. DerGießener Anzeiger" hat schon oft genug darauf hin­gewiesen, daß sich der Bauer bestreben müffe, möglichst feine Erzeugniffe herzustellen, wodurch er weit höhere Preise er­zielt, als wenn er alles (mit Dreck und Speck sagen die Leute) durcheinander wirft. ES fei hier noch einmal darauf hingewiesen, das Obst sobald wie möglich sorgfältig durchzu- mustern, es leidet stark durch Fäulniß. DerKaiser-Alexander- Apfel", eine prachtvolle Frucht, von denen das Stück mit 20 Pfennig bezahlt wird, ist dieses Jahr äußerst empfindlich und geht an der Stelle, wo er nur wenig berührt wurde, sogleich in Fäulniß über.

0. Orteuberg, 26. October. Damit unsere Nebenbahn­linie Stockheim-Gedern lebensfähig wird und sich rentirt, ist es nöthig, daß sie in Frankfurt einmündet. Seit einiger Zeit fing das Project Stockheim-Frankfurt an zu verstauen, denn der preußische Staat stand der Sache kühl gegenüber. Da aber die südöstliche Wetterau einen Schienen­weg nach Frankfurt unbedingt nöthig hat, wurde erwogen, die Bahn in westlicher Richtung durch hessisches Gebiet nach

Vilbel, also mit Anschluß an die Main-Weserbahn zu führen. Zwar würde dadurch ein Umweg entstehen, um Frankfurt zu erreichen, es würde aber eine größere Anzahl hesfischer Ort­schaften der Wohlthat einer Bahn theilhaftig werden. Nun ist aber seit ganz kurzer Zeit Leben in das Project Stock« Heim-Frankfurt gekommen, denn die Frankfurter wollen die Bahn direct mit Einmündung in ihre Stadl, nicht aber auf Umwegen bei Vilbel haben. Man rhut deshalb Schritte von Frankfurt aus in Berlin, daß die Bahn von Stockheim direct und auch recht bald nach Frankfurt geführt werden solle. Die Verhandlungen, welche seither langsam vorrückten, werden nun im beschleunigten Tempo vorwärts schreiten, denn Frankfurt hilft kräftig schieben. Unsere Hoffnung auf einen Schienenweg nach der Mainstadt haben sich daher wesentlich gebessert.

Merkeufritz, im October. In diesem Jahre waren seitens des Vereins für Feriencolonien zu Frank­furt a. M. bei Herrn Gastwirth E i ß n e r II. hier 19 Knaben im Alter von 9 bis 12 Jahren unter der Führung des Herrn Lehrer Zimmermann untergebracht. Die Kinder blieben hier vom 2. bis 26. Juli. Dieselben kehrten wesentlich ge­kräftigt in ihre Hetmath zurück.

Mainz, 28. October. Der Rhein ist hier von gestern bis heute stark gestiegen und steigt noch immer. In 36 Stunden zeigte das Waper eine Zunahme von 54 Centi- meter. An den niedersten Stellen längs der Stadt ist das Ufer schon theilweise von Waffer überspült und beginnt man bereits die exponirt gelegenen Waarenhäuser und Magazine zu räumen. Die Flößerei ist seit gesternver­wässert". Die von oberhalb hier eingelaufenen Nachrichten ; melden nur noch ein langsames Steigen des Oberrheines, während von dem Neckar Fallen gemeldet wird. Der seit einigen Wochen außerordentlich starke Güterverkehr auf 1 den rheinischen Linien der hessischen Ludwigsbahn hat sich in j den letzten Tagen noch derart gesteigert, daß sich die Ver- waltung genöthigt sah, Güterwagen von den benachbarten ' Bahnen zu leihen und die AuSladefrist beträchtlich zu vermindern. Neben Zucker sind es Zuckerrüben, Kartoffeln, Obst und Kohlen, die den Verkehr so beleben.

Vom Rhein, 28. October. An der letzten Schleuse, oberhalb Kostheim, gerieth gestern Mittag der der Firma Groh in Biebrich gehörige SchraubendampferTelegraph" in falsche Strömung, wodurch er von einem Anhangschiff auf die Seite gedrückt wurde und eine Lekkage erhielt, die den Dampfer sofort zum Sinken brachte. Die Mannschaft konnte sich mit knapper Noth retten.

Fettitteton.

Eine Heirslh im vorigen Jahrhundert.

Aus dem Tagebuche einer alten Dame. Von L. Heinau.

(4. Fortsetzung.)

So kam ich an jenem Abend nach der kleinen Brücke, -welche über den Bach führte, der den Fischteich mit Waffer versah, und kaum war ich einige Augenblicke dort, als Mr. Merriton mich begrüßte. Da diese Brücke weit entfernt von seiner Grenze lag, so hatte er hier auf fremdem Boden durchaus nichts zu thun und ich war überzeugt, daß er die Absicht hatte, auSzufpioniren, wohin ich meine Schritte lenkte und ob ich mit dem Lord im Park zusammentreffe. Als er mich allein sah, fing er an, mir in leidenschaftlicher Weise seine Liebe zu gestehen und als ich voller Angst ihm nichts zu erwidern wagte, begann er, mir in unedler Weise zu drohen, daß mein Ruf vollkommen durch ihn vernichtet werden könnte; überdies hätte ich auch einen anderen Namen an- genommen, Mrs. Molley sei in London bei ihrer Mutter. Ich wagte eS nicht, ihm mit der Kühnheit zu antworten, die hier nöthig gewesen wäre, und so bemerkte er mein Ent­setzen, ergriff meine beiden Hände mit Gewalt und sprach voller Leidenschast und Heftigkeit auf mich ein. In diesem Augenblick sah ich meinen Gemahl den Pfad, der zur Brücke führte, entlang kommen- er eilte noch einige Schritte auf uns zu, wandte sich aber dann wieder und ging langsam zurück. Ohne Zweifel meinte er, daß er kein Recht habe, es zu verhindern, wenn er eine allem Anscheine nach zärtliche Zusammenkunft mit Mr. Merriton getroffen hätte, obgleich er sich selbst durch diesen Anblick wohl sehr unglücklich fühlte. Ich hatte Angst, ihn zu Hilfe zu rufen, denn Mr. Merriton würde ihm dann aus Rache sofort erzählt haben, daß ich einen falschen Namen angenommen hätte und so wäre ich denn genöthigt gewesen, ihm alles zu bekennen in einem Augenblick, wo er Ursache hatte, sehr ärgerlich auf mich zu sein. Ach, ich war überzeugt, er konnte eS mir nicht ver­geben, daß ich ihn getäuscht und vor einem Fremden und

Rivalen lächerlich gemacht hatte- überdies fürchtete ich einen | Streit zwischen ihnen, der zum Zweikampf führen konnte - und an daS Entsetzen, das mich ergriff bei dem Gedanken, er könne verletzt werden in Folge meiner Thorheit oder aus irgend einer anderen Ursache, erkannte ich, wie theuer mir mein Gemahl war. Zum Glück hatte ihn Mr. Merriton nicht gesehen und als tch diesen angstvoll bat, meine Hände fretzugeben, da ich sonst nie wieder ein Wort mit ihm reden wolle, wurde er noch kühner und meinte, es sei jammer­schade, daß ich mit Liebe einen Mann beglücken wolle, der derselben gar nicht werth sei und mir bald den Rücken kehren und über mich spotten werde. Leider wurde ich nun sehr zornig und erwiderte, daß der Lord niemals über mich spotten werde und Niemand meiner Liebe würdiger sei als er- über- dies, fügte ich hinzu, sei es meine Pflicht, ihn zu lieben und sein gutes Recht, von mir jede Gunst zu verlangen. Da­mals verstand Mr. Merriton noch nicht, was ich damit sagen wollte- späterhin aber erinnerte er sich dieser Worte und schloß daraus richtig, daß ich mit dem Lord heimlich ver­mählt sei. In diesem Augenblicke folgerte er nur aus meinen Worten, bas ich ihm dieselbe Gunst erweisen könnte- anstatt meine Hände loszulassen, zog er mich näher an sich heran und würde mich umarmt haben, wenn ich nicht gegen meinen Willen laut um Hilfe gerufen hätte. Dies hörte der Lord, wandte sich eilends um und kam schnell auf uns zu. Ueber- j rascht ließ der Bösewicht mich los und starrte meinen Ge- j mahl erröthend an und ich flüchtete mich, leidenschaftlich weinend, in meines Beschützers Arme. Halb unbewußt war ich dorthin geflüchtet und als er seine Arme um mich legte, überkam mich ein Gefühl der Ruhe und des Friedens, wie ich es nie vorher gefühlt. Mein Gemahl sah mich nicht an, sein Haupt trug er hoch erhoben und seine Augen waren auf seinen Gegner gerichtet, sie sprühten voll zorniger Ver­achtung- ich aber hatte mein Gesicht an seine Schütter gelegt.

Eine reizende Scene und ausgezeichnet gespielt," be­gann Mr. Merriton,ich vermuthe, die Dame muß sie schon früher eingeübt haben! Morgen werde ich"

Ja," fiel mein Gemahl mit kalter, verächtlicher Stimme ein,ich werde mich freuen, morgen oder heute Abend eine Botschaft von Ihnen zu empfangen, je früher, je besser- Sie werden mich in dem Gasthof finden."

Und dann waren wir allein. Ich hörte die sich ent­fernenden Schritte meines Verfolgers zwischen den tobten Blättern bes Walbpfabes rascheln uvb bachte:Ob ich es ihm jetzt sage und ihn bitte, bie HerauSforberung nicht an­zunehmen?" Dann kam aber wieder meine Schwäche und Zaghaftigkeit und ich fürchtete, er würde dann ebenso kalt und verächtlich zu mir sprechen wie zu Mr. Merriton und meine Liebe verschmähen. Jetzt bewegte er sich etwas, mich näher und fester zu sich heranziehend, woran ich merkte, daß mein Peiniger endlich aus Sehweite war. Ich meinte, nun müffe etwas ganz Wundervolles, noch nie Erlebtes kommen und erwartete wenigstens ein zärtliches, liebevolles Wort, statt deffen murmelte er eine Verwünschung der verhaßten Frau, an die er gegen seinen Willen gebunden war.

Mir war nun zu Muthe, als ob er mich geschlagen hätte- ich entzog mich ihm zitterte und schluchzte und war unfähig, ein Wort zu sprechtn, wenn es mein Leben gegolten hätte. Er glaubte, ich Härte jetzt zum ersten Male erfahren, daß er verheirathet sei und wäre deßhalb so un­glücklich, und um mir zu zeigen, wie er mich liebe, erhob er mein Benehmen in den Himmel und tadelte dasjenige seiner Gemahlin sehr scharf, bis ich ganz niedergedrückt aus Scham und Verwirrung war und zu ihm sagte:

Greifen Sie Ihre Frau nicht mehr in dieser Weise an - vielleicht liebt das arme Wesen Sie und würde unglücklich sein, wenn, sie Ihr Urtheil hörte."

Sie kennen sie nicht," antwortete er,jene Frau liebt Niemand als sich selbst und ist ebenso selbstsüchtig, als sie häßlich ist, ebenso dumm als widerspenstig". Und dann verwünschte er wieder das Schicksal, das ihn mit dieser Frau verbunden hatte.

(Fortsetzung folgt.)