Ausgabe 
31.3.1894 Zweites Blatt
 
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Nr 74 Zweites Blatt. SamStaq den 3t. März

1894

Der t«r|<eeT A»tet,er «Ichrnit täglich, Ü lusnahm, bei Montag»

Tue Gießener

Werden bem Anzeiger »öchenllich brti mal

Gießener Anzeiger

Kenerak-Ztnzeiger.

viertetjähriger JHennemrnl4Frrt*l 2 f»nd SV M. «M Lrrngerlohn.

Dimch bie Post HzaG» 8 Mark 50 W

fkUetwn, «Tpebitiam und Druderet:

-churßr.ßAr.8.

Aerulprecher M-

Zlints- und Anzeigeblntt für den Ureis (ßiefeen.

Oe«geig«, zu der Nachmittags für He fallen He lag erscheinende» Nummer bt» 8 em. 10 Uhu.

Hraffskeikage: Hießener Jamikienökätter.

All« Annoncen.Vureaur Hi In- und Kuilonbel nehme» zeigen für den .Gießener Anzeiger^ entgegr».

Amtlicher Therl.

Bekanntmachung,

betr. Faselfchau zu Grünberg.

Bei der am 15. l. Mts. zu Grünberg abgehaltenen Fafelschau wurden die nachstehend verzeichneten Zuchtstiere für tauglich befunden, als Gemeindezuchtstiere verwendet zu werden.

Gießen, den 27. März 1894.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. (3agern.

Gießen, 30. März 1894. Betr.: Ermittelung der landwirthschaftlichen Bodenbenutzung und des Ernteertrags im Jahre 1893.

DaS Großherzogliche Kreisamt Gießen

me die «rssstz. Bürgermeistereien deA Preises.

Soweit Ihnen die rubricirten Ueberstchten wieder zu­gehen, wollen Sie die dazu erhobenen Anstände erledigen, das in Ihren Acten befindliche Concept ebenfalls richttg stellen und die Ueberfichten mit den Bemerkungen längstens binnen 8 Tagen an uns zurücksenden.

v. Gagern.

s jQ Q

Gigenthümer

rr«s -1

»Urnen

Wohnort

«ass-

Alter

»orde

Körper- Gefrurv-

befchaffm- bett

Helt«- unb

Viljr

1

Konrad Börger

Nieder ohrnen

Strnmeuthaler Kreuzung

IV. Jahr

Fattsscheck

gut

gut

2

Joh«. Deibel

Wteseck

Vogelsberger Bastard

IV4 Jahr

braun

genügend

tf

3

Georg Kaufe

vernsseld

Berner Bastard

2 Jahre

gelb mit Blässe

genügend

II

4

Ludw. Ernmel

Warthof bei Grünberg

Simmenthaler Kreuzung

1/* Jahr

Fallsscheck

gut

5

Bert unb Lantelm

Londorf

Vogelsberger

IV. Jahr

braun

genügend

n

6

bto.

bto.

Vogelsberger

IV. Jahr

dunkelbraun

genügend

n

7

dto.

bto.

Vogelsberger

IV, Jahr

braun

gut

n

8

bto.

bto.

Simmenthaler

IV. I-Hr

Falbscheck

gut

-an-wirthschaflliche Winke uni Kathschlage.

«! Oherhesse«, Mitte März. vetgeschaffANO von U»ndwtOhsck»afUichen eAttUfiirn im ArOhjahre 1894.

.Gut gesät ist halb geerntet!" sagt eine Bauernregel. Hiermit ift aber nicht bloS die richtige Bestellung des Acker« und die schöne :>nterdrtngung der Säeiruch», sondern vor allen Dingen die »ver- tve«d»«O eine» « gezeichneten Soat-ntes^ gemeint. ES ist noch gar nicht so lange her, da meinten unsere Landwtrthe schon vollkommen genug gethan zu haben, wenn sie die Saatfrüchte einigemal durchsiebten und sie dann aus den Acker brachten. DaS ist jetzt völlig ander» geworden. Man verwendet zur Fortpflanzung und Zucht nur die besten Stuten, Rinder, Mutterschweine, Gänse, Hühner und Lauben und erzielt dadurch schöne Thiere. Grade so verfährt man bei Getretdearten, Gemüse, Kartoffeln, Futter- und HandelS- gcwächsen, indem man das Saatgut mit der größten Sorgfalt oor- deretket und unterbringt.

Diese Sorgfalt und Vorsicht ist für das laufende Frühjahr ganz besonder« nöthtg und zwar deSbalb, wett Viele SLmereie« ea# 1893 wegen der großen Hitze an KeimfLhtgkeit »et lärm haben, sodaß man, weil die Sämereien auch rar und lheuer sind, für schwere« Geld unbrauchbaren Samen erhalten und die kommende Ernte einbüßen kann. Wir geben zunächst einige Anhalts­punkt« für Kleefarnen Deutscher Rothklee kostet 65 bis 70 Mark wir »otiren stet« für Centner oder Pfund) pro Gentner. Schoten­

klee ist nicht unter 100 Mark zu haben. Blaublühende Luzerne 70 bt« 75 Mark, Inkarnatklee 40 bis 50 Mark, Esparsette 22 bis 25 Mark.

Wir empfehlen, wie im vorigen Jahre, die Mischung des Wagner 'schen Antterdanes, welche stch in dem heißen Jahre 1893 gut bewährt hat. Außerdem sind Versuche mit der Wagner'scheu veredelte« Waldplatterbse sehr am Platze, denn diese Futterpflanze gibt ein gute«, reichliche- Viehfutter, ift widerstandsfähig gegen Dürre und Nässe, wintert nicht aus, nimmt mit ganz geringem Boden vorlieb und wird von dem Vieh gerne gefressen. Allerdings kostet der Eentner Waldplatterbsenfamen die Kleinigkeit von 800 Mark, das Pfund also 8 Mark, allein man kann ja eine kleine Probe mit einem Pfund machen und sich den Samen nach und nach selbst ziehen. Aus ein« machen wir dabei noch aufmerksam, nämlich: Man muß d!e veredelte, aber durchaus nicht die «ichtveredelte Wald- plaltcrbse verlangen, denn letztere ist giftig, dem Vieh schädlich und daher zu Futterzwecken nicht geeignet.

In Bezug auf WiesensLmereien ist Folgendes zu bemerken: Die gioße Hitze tm Sommer 1893 Hal die Ausbildung der Gras- fämereien sehr ungünstig beeinflußt, wie dies auch >chon oben bet den Kleeiamenarten aogedeutet wurde. Wer baber von dielen Sämereien nöthig Hot, der verlange Garantie für Keimfähigkeit und kaufe nur bet rrnommtrten Firmen. Da« Sprichwort: Gehe zum Schmiede, nicht zum Schmiedchen! gilt hier ganz bcsonders. Was hat ein Landwirtb gewonnen, wenn er ein paar Mark an wenig keimfähigem Samen spart, der hintendrein nicht oder nur schlecht

Feuilleton.

8k preußische Armee unter Friedrich Wilhelm I.

Von Friedrich Thtmm.

(Schluß.)

Gehen wir nun zur Betrachtung des eigentlichen Heeres über, |o sei zunächst festgeftellt, daß auch dieses zum größte« Theile durch freie Werbung beschafft wurde. Bis zum An. fange des 18. Jahrhunderts wurde das eigene Volk noch nicht vom Fürsten zum Kriegsdienste gezwungen. Bürger und Bauern trugen ihre Lasten- der Fürst hatte dafür das Heer anzuschaffen, um damit daS Land zu schützen, Einfluß und Macht unter Seinesgleichen zu gewinnen und auch wohl gelegentlich Geld damit zu verdienen. Erft als infolge steter Vergrößerung der Söldnerheere ein Mangel an Mann« schäft eintrat und diese nicht mehr durch freiwillige Werbung gedeckt werden konnte, erst da begannen die Fürsten ihr Augenmerk auf die kriegstüchtigen Söhne des eigenen Volkes zu richten. Friedrich Wilhelm I. war es, der zuerst seinen Hnterthanen die Anschauung aufdrängte, daß Jeder, der von Gott einen gesunden und starken Körper erhalten habe, auch verpflichtet sei, zum Schutze des Landes in daS Heer ein- zutteten. Im Jahre 1720 ließ er zum ersten Male Ver« zeichnisse von Militärpflichtigen anlegen. Jeder, der für taug, lich befunden wurde, mußte bis zu seiner Aushebung eine rothe Halsbinde tragen. Um mehr Ordnung und strengere Aufsicht in die Sache zu bringen, wurde 1733 das Eanton- iyste» eingesührt. DaS ganze Land wurde in die einzelnen Regimenter vertheilt; jedes derselben erhielt einen Bezirk, in welchem eS alljährlich seinen Bedarf durch Aushebungen decken durfte. Trotzdem den Hauptleuten eine möglichst auS. rtdehnte Berücksichtigung der gewerblichen oder häuslichen

Verhältniffe geboten war, verfuhren sie doch oft mit großer Willkür, was dann wieder zur Folge hatte, daß viele junge Leute auSwanderten, trotzdem man ihnen mit Galgen, Ohren­abschneiden und EonfiScation ihrer Habe drohte. Die Hälfte des Ersatzes mußte denn auch jetzt noch durch Werbung auf. gebracht werden. Bei den Werbungen im AuSlande, zu denen die Einwilligung der betreffenden Regierungen eingeholt werden mußte, kamen ebenfalls viele Ungesetzlichkeiten vor. Den Werbern war jedes Mittel recht aus ihrer Jagd nach Rekruten: Branntwein, Spiel, Dirnen, Lug und Trug. Gern legten sie ihre Werbeplätze an diejenigen Punkte der Grenze, welche fremden Garnisonen gegenüberlagen, denn hier liefen ihnen viele Ausreißer inS Garn. Wenn nun die auS aller Herren Länder zusammengeholten Leute in die Regi­menter gesteckt wurden, dann begann für die Corporale eine mühevolle Arbeit. Der König stellte hohe Anforderungen. Sein oberster Exerciermeister war der berühmte Leopold von Dessauder alte Dessauer". Er führte viele Neuerungen in der Arme ein, so die Dreigliederftellung, den Gleichschritt, den eisernen Ladeftock und schuf ein Fuß­volk, das unter Friedrich dem Großen alles in Erstaunen setzte. DaS Feuer der ganzen BataillonSfront war ein Blitz und ein Knall. War das Exercieren vorbei, so begann für den Soldaten die Sorge um das vorschriftsmäßige Instand, setzen seiner Uniform. Da- war auch keine leichte Arbeit, denn die Röcke waren von blauer, die Kniehosen von heller Farbe und die Stiefeletten auS ungebleichter Leinwand. Die Westen, Aufschläge, Litzen und Schnüre waren bei jedem Regiment von einer anderen Farbe. DaS Haar, zierlich zu einem Zopfe zusammengeflochten, mußte stets sorgfältig mit Pomade eingerieben und darauf mit Puder bestreut werden. Die KriegSzucht war eine sehr strenge. Beim Exerciren trat der Corporalstock viel in Thätigkeit und jedes Vergehen gegen die DiSciplin wurde mit den strengsten Strafen belegt.

aufgebt, sodaß der größte Thell deS Gras- und Rktmudjlt« au« bleibt! Für jedes ersparte Markstück gibt dne Doppdtionc ober noch mehr verloren, der Vtehstand wird schlecht ernährt, die Dur»«, erzeugung leidet s)toth und da« wirkt ungünftlg auf die ganze »cker- wirthschafl ein. Und dies Alle«, weil etliche Mark an schlechtem Säesamen erspart worden waren. , , , .

In Bezug auf die Preise der Wiesengräser geben wir folgende AnhaUSpunkie: Sehr bochpretsig sind Schafgarben (240 Mark pro Centner), Ruchgras (220 Mark), Kammgras (230 Mark), Schaf- fchwtngel (100 Maik), feine« Rispengras (100 Mark), Wtesenstocken- blume (120 Mark), Knaulgras (55 Mark). Die Wagner fche Futter- mtschung kostet 65 Mark pro Gentner, mit echtem Waldplatterbsen­samen gemischt 75 Mark.

Wir haben bekanntlich eine Versuch«- und AuvkunftSstation in unserem Lande, die auch Samencontrolstation ist. Wer also Sämereien anschafst, der mache von dieser woblthätigen Anstatt Gebrauch Sie sagt Jedem, wieviel Procent keimfähiger Samen «tu Landwirth gekauft hat, wenn er eine Probe zur Prüfung einschickt. Der Bauer braucht also keine Katze im Sack zu kaufen. Bei An schaffung von Kleefarnen muß Jeder verlangen, daß der 6amm feibefrei ist, denn wenige Körner Kleeseide tm Samen genügen, um einen ganzen Acker zu rulnlren, darüber brauchen wir weiter keine Worte zu verlieren. u n u....

Mehr als in vielen anderen Zweigen der L.ndwirthfchaft beißt eS bei Anschaffung von Sämereien: Prüfet Alle« und da« Beste behaltet. Hoffentlich tragen unsere Zellen dazu bei, daß dicfem Bibelworte recht gründlich Genüge geleistet wird.

Citeratwr mtb ICunfL

H-st 15 der illustrirten Familienzeitschrift »Univers««^ in elegantem Umschlag, geschmückt mit dem Porträt der geschätzten Schauspielerin Rosa Berten« liegt vor un«. Bei erster Durchsicht de« Heftes erfreuen wir un« zuvörderst immer wieder an der reizende«, illustrativen Ausstattung. Ein bunte« Titelbilddie kleinen Müller" von Peter Bauer ist ebenso anziehend durch den Gehalt wie durch die diScrete, feine Farbengebung und reizend ist da« für die Osterzell paffmde BUd: «Zum ersten Male zur Schule". Auch die stch an­reihenden Textbilder find zum großen Thell actuell, wie die Ansichten de- jetzt vielgenannten Schiffe«Brandenburg", ein Gardist mit der neuen Grenadiermütze ul». Der Werth des Hefte« liegt indefieu nicht nut in der durchaus eleganten Ausstattung, sondern namentlich auch in der Fülle des vortrefflichen belletristischen und populäre wissenschaftlichen Material« au« der Feder erster, beliebtester Autoren wie. Wolzogen, Stinde, Zabel, Jenfen, Elster, Miii« usw.

Von Allem das Beste bietet feinen Leserinnen da« Wochenblatt »ftfirß chano". Diese ausgezeichnete Zeitschrift, welche übet ganz Deutschland verbreitet ist und stch auch tm AuSlande al« unentbehrlicher Hausfreund fast überall da eingebürgert hat, wo Deutsche ansässig sind, enthält den nützlichsten und angenehmsten Lesestoff für Frauen und Mädchen. Da ist kein Fortschritt auf weiblichem Gebiete, welcher nicht in eingehendster Weise besprochen würde, um dann durch Meinungsaustausch als geläutert zum Ab­schlüsse zu gelangen. Ganz besonders sei noch auf die GtaliSbellagen FütS Keine Volk", sowie HandatbeitS-, Moden-, Musik- und Romanbeilage aufmerksam gemacht. Der vietteljährliche Abonne- mentSpreis beträgt nur 1 Mark. Probenummern können von jed-t Buchhandlung, sowie von der GeschäftsstelleFürs HauS", Berlin BW., gratis bezogen werden.

Die strengen ©trafen waren mit eine Ursache der häufig vorkommenden Desertionen. Was die Leute oftmals an die Garnison fesselte, war die Heirath. Darum gestattete der Kriegsherr dem Soldaten das Heirathen in jener Zeit noch recht oft. Die sächsische Armee (circa 30,000 Mann) zählte noch im Jahre 1790 an 20,000 Soldatenkinder. Auch bei dem Regiment von Thadden (Halle) war fast die Hälfte der Soldaten mit Frauen versehen. Auf den Kriegszügen steigerten sich die Desertionen ost in erschreckender Weise. Nach jedem Nachtmarsch, nach Lagerungen am oder im Walde, nach verlorenen Schlachten war die Zahl der Ausreißer immer sehr groß. Verkündete die Lärmkanone der Garnison, daß ein Soldat davongelaufen, so wurde die ganze Umgegend lebendig. Die Sturmglocke wurde gezogen und die ganze Bauernschaft machte sich zu Fuß oder zu Pferde auf die Suche nach dem Flüchtling. Wer einen Deserteur einbrachte, erhielt von der Kriegskasse 12 Thaler. ,Aus Lässigkeit bei« Nachsetzen standen harte Strafen: für baß Dorf 100 Thaler, für die Stadt 200 Thaler und für den Landrath oder Edel­mann des betreffenden Bezirks 100 Dukaten. Den wieder eingebrachten Desetteur erwartete eine furchtbare ©träfe: daS Spießruthenlaufen. Beim zweiten Fluchtversuch erhielt er dieselbe ©träfe, beim dritten die Kugel.

Nun zum Schlüsse noch eins. Beim Lesen des letzten TheileS dieser Skizze hat sich dem Leser vielleicht die Frage aufgedrängt:Wie konnte eine Armee, bei welcher die Desertionen so häufig vorkamen, die großen Thaten der drei schlesischen Kriege vollbringen?" Die Antwort darauf mSge ein Mann geben, der sich aus baß Sriegsühren gründlich verstaub unb bem man baher ein Unheil in bieser Sache schon zuttaueu bars: Kaiser Napoleoft L; er sagte:Nichl baß preußische Heer hat sieben Jahre lang Preußen gegen die drei großen Mächte venheidigt, sondern Friedriä der Große."