Nr. 281 Zweites Blatt. Freitag dm 30. November
1894
Ter chießener ünzciger mdicint täglich, mit Ausnahme des MontagS.
Die Gießener Ara mitten 0 fätter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal bcigdegt.
Kichemr Anzeiger
Kenerat-Wnzeigcr.
Vierteljährige A6oneemenl5ptrt>: 2 Mark 20 Pfg. mit vringerlohn.
Durch die Post bezöge» 2 Mark 50 Pfg.
Redactiou, Expedition und Trudrrei:
Schutstraße?lr.7. Fernsprecher 51.
und Anzrigeblntt für den Äveis (Siefaetu
Hratisöeikage: Hießener Kamikienötätter
der
a Anzeigen zu der Nachmittag« für den ag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.
springe auf.
„Ist er möglich? O, mein Gott, also doch wahr!"
vernichte-
* Siu Roman an8 dem Beben. Der über Vorgänge aus Osfizierkreisen gut unterrichtete Berliner seuilletonislische Mitarbeiter der „Hamburger Nachrichten" schreibt seinem Blatte: „Durch die Berliner Blätter ging kürzlich die Notiz, ein Arbeitshäusler von altem Adel sei als Greis in der Charitö verstorben. Von interessirter Seite ist mir neulich der Roman dieses Mannes erzählt worden. Da seine Verwandten sich zum Theil in hohen Staatsstellungen befinden, so will ich ihn, um jede Andeutung auf seinen Namen zu vermeiden, Baron X. nennen. Baron X. gehörte in der That dem ältesten märkischen Adel an. Er studirte Jurisprudenz, trat aber nach dem ersten Staatsexamen zur Armee über und wurde in einem glänzenden Cavallerie- Regiment Offizier. Sein Leichtsinn war unbeschreiblich und von seinen tollen Streichen wußte man nach Jahren nach feiner Verabschiedung Wunderdinge zu erzählen. So sollte er einst seinem Wachtmeister, der ihm ein störrisches Pferd zugeritten, eine Tasche mit Cigarren geschenkt haben, in der jede Cigarre mit einem Hundertthalerschein umwickelt war. Wenn er aus seiner Garnison nach Berlin suhr, benutzte er gewöhnlich einen Extrazug, und wenn er in das Theater ging, nahm er sich eine Loge allein. Eine sehr thörichte Geschichte endigte mit seiner Verabschiedung. Baron X. war ein Mann von colosialer Körperkraft. Ein kleiner Kaufmann in feiner Garnison hatte ihn einmal geärgert- Baron X. ging in den Laden deS Krämers, packte den Mann und schob ihn kopfüber in eine Häringstonne, so daß der arme Teufel um ein Haar erstickt wäre. X. erhielt daraufhin seinen Abschied und widmete sich nunmehr ganz dem Sport- er war ein perfekter Reiter, hatte aber das Unglück, sich bei einer Schnitzeljagd einen complicirten Oberschenkelbruch zuzuziehen, der ihn für alle Zeiten daran verhinderte, noch einmal einen Gaul zu besteigen. Seine Sportpafsion wandte sich von da
ab leider mehr den Auswüchsen der Rennplätze, dem Zotalv sator und den Buchmachern zu- er kam in schlechte Gesell- schast und in Spielerhände und verlor eines Abends den Rcst seine- Vermögens, gegen 50,000 Thaler, auf einen Schlag. Reiche Verwandte halfen ihm nach Amerika hinüber- Baron 3E. wurde drüben Bierküfer, Hausknecht, Clark, Ausrufer und noch vieles Andere, aber nichts Rechtes. Eines Tages erschien er von Neuem, verlumpt und verkommen, in der alten Welt. Wieder halfen die Verwandten, doch X. war bereits auf einer Stufe moralischen Niedergangs an- gelangt, von der aus ihm kein Emporringen mehr gelang. Er war zum Trunkenbolde geworden. In Folge einer Ge- fangnißstrafe, die er sich durch einen in höchster Noth be- gangenen Diebstahl zugezogen, sagte sich seine Familie vollends von ihm los. Er sank tiefer und tiefer und wurde schließlich im Arbeitshause ausgenommen, wo er über vierzig Jahre hindurch verblieb. Kurz vor seinem Tode entwich er eines Tages- man fand ihn Nachts total betrunken, die leere Schnapsflasche in der Hand, im Friedrichshain. Man schaffte ihn nach der Charite, wo der Elende einige Stunden später in einem Anfall von Delirium starb — ein von der Natur mit reichen Gaben ausgestatteter, auf die Höhe deS Lebens gestellter Mann, der sich mit eigener Hand das Grab seiner Existenz geschaufelt hatte . . ."
* Einem bübischen Streich zur Erzielung billiger Ein- kaufspreiie ist man in den ländlichen Kreisen der Mark auf die Spur gekommen. In der Netzebruchgegend waren in letzter Zeit mehrfach Rindern die Zungen durch Messerschnitte unheilbar verletzt worden, so daß die Thtere schleunigst zum Schlachten verkauft werden mußten. Jetzt ist nun ein Fleischermeister, der in der dortigen Gegend seine Einkäufe an Schlachtvieh zu machen pflegt, verhaftet worden unter dem Verdacht, den Thieren die Verletzungen absichtlich beigebracht zu haben, um auf diese Weife billiges Schlachtvieh zu bekommen.
Alle Annoncen-Burcaux deS In» und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" t'Ngt^-n.
„WaS gibt es — was ist los?" tönte es im Chor.
„Lesen Sie selbst," und ich reichte Mama daS Blatt.
„Gestern begrub man einen unserer besten Hühneraugen- Operateure, Herrn August Brösigke," liest meine Schwieger- mutter mit vibrirender Stimme. „Ein Schlaganfall hat den verdienstvollen Mann mitten in der Ausübung seines Berufe« hinweggerafft."
Schluchzend fällt Mama nur um den Hals.
„Glauben Sie nun an die UnglÜckSzahl.?" rief sie au«. „O, ich wußte es ja — ich wußte eS ja! Aber wie froh und glücklich können wir nun fein, meine Kinder, daß da« Schicksal gerade diesen Mann und nicht eines der Unirtgen gewählt hat."--
Vierzehn Tage nach diesem egoistischen AuSspruch hei- rathete ich meine Else. — Els Monate find seitdem vergangen. Wir schreiben den 10. October und ich halte einen Pracht- buben in den Armen, den mir meine süße Else geschenkt. Meine Schwiegermutter wirthschaftet im Hause herum, — die Verwandten finden sich ein, um den Neugeborenen zu be- wundern.--Da — mitten in unseren Jubel hinein höre
ich eine bekannte Stimme, die mich zu sprechen verlangt. Die Thür geht auf und herein tritt — Bröfigke — Brösigke, den ich so gut und tief begraben hatte.
„Ah, mein Freund!" rief er, „Sic hielten mich gewiß für tobt. Ein ganzes Jahr haben wir uns nicht gesehen. Aber ich bin dem Rufe eines reichen Ruffen gefolgt, der mich zu seinem Leib-Hühneraugenoperateur machte. Meine Stellung ist eine glänzende. Gerade eben bin ich auf Urlaub hier und habe vorhin von Lieutenant von Dömel erfahren, welches Glück Ihnen beschieden worden ist. Da konnte ich e- mir denn nicht versagen, Ihnen schnell im Vorbeiweg die Hand zu drücken. — Möge der kleine Bursche noch recht viele Geschwister bekommen." Und mit breitem Lachen schüttelt er mir die Hand. Dann ging er.
Meine Schwiegermutter sieht mich an. „Sre haben mtch getäuscht, Gustav?" ,
„Ja, Mama, das that ich. Und tch habe recht gethan. Ihre fixe Idee würde Sie getödtet haben, Else und ich waren unglücklich geworden. Die Folgen meines frommen Betruges aber find glückliche gewesen. Wir feiern ein frohes Tauffeft und keines der Familie fehlt dabei, trotzdem wtr heute den 10. October haben. Sind Sie nun überzeugt, daß der Aber- glaube ein Lhörichter Wahn ist? Die Zahl dreizehn, verschüttetes Salz, der Freitag, — das alles sind bedeutungslose Dinge. — Und nun, Großmama, küffen Sie Ihren Enkel und erinnern Sie sich, wenn Sie ihn in den Armen halten, daß Sottvertranen weit beffer ist, wie Aberglauben.
Was blieb mir weiter übrig? Ich mußte mich in die Verschiebung der Hochzeit fügen.
Ich hätte nun denken sollen, daß die Mutter ElsenS sich zufrieden geben würde. Aber durchaus nicht. Sie ward von Tag zu Tag unruhiger und trotzdem der Gesundheitszustand der Familie ein sehr guter war, lauerte sie mit wahrer Gier darauf, daß sich die böse Vorbedeutung erfülle. — Ich ertappte mich manchmal auf dem Gedanken, daß, wenn das Schicksal nun doch einmal ein Opfer haben müsse, es sich nicht lange besinnen und kurz entschloffen die alte Tante auswählen möge, die für uns alle leicht entbehrlich war.
Eines Abends kam Mamachen auf eine neue Idee. — „Ich weiß nicht," sagte sie sinnend, „ob sich die traurige Vorbedeutung, die sich an die Zahl dreizehn knüpft, nicht nur auf das laufende Jahr, sondern am Ende gar auf zwölf Monate eines solchen erstreckt. Die Unglückszeit wäre mithin erst am 10. October nächsten Jahres um."
Ein eisiger Schauer Überlief mich. Auch Else erbebte. ES ist für sicher anzunehmen, daß meine Schwiegermutter ihre fixe Idee fo weit treibt und unsere Hochzeit abermals, dieses Mal auf ein ganzes Jahr, zu verfchieben beabsichtigt. — Früher als sonst verabschiedete ich mich heute. Ein Ent- schluß war in mir gereift, er mußte sofort ausgeführt werden. Der Chefredacter der X.'schen Zeitung, das Familien-Organ meiner Schwiegereltern, ist ein intimer Freund von mir, er muß mir helfen. Ich eile zu ihm und als ich ihn eine Stunde später verlaffe, ist mein Herz um einige Gentner 6 H Erst zwei Tage später finde ich mich wieder im Hause meiner Braut ein. Die Damen fitzen stickend bei der Lampe,
Papa lieft die heutige X.'sche Zeitung.
„Was gibt es Neues?" fragte ich harmlos.
„Nichts Besonderes- Politik — nichts wie Polittk."
„Und im Vermischten?"
„DaS lese ich principiell nicht."
„Wie? Das Unterhaltendste lesen Sie nicht? — Wenn Sie gestatten, lese ich den Damen ein wenig daraus vor. Gewiß wird es auch Ihren Beifall finden."
Und damit ergreife ich freundlich lächelnd die Zeitung. Aber während ich mich umwende, um die Lampe zurecht zu rücken, vertausche ich heimlich daS Blatt mit einem vorher bereitgehaltenen, welches Dank der Hilfe meines Freundes, des ChefredacteurS, für meinen Zweck eigen« präparirt worden war. Und nun fange ich zu lesen an. Aber aus einmal stoße ich einen wohleinstudirten Schrei auS und
Feuilleton.
Aberglauben.
Rach einer französischen Idee von A. Hill.
(Schluß.)
Die Karte ging von Hand zu Hand. Wieherndes Gelächter begleitete den Rundgang. In schön gestochener Schrift war die Bestätigung deffen darauf zu lesen, was ich ahnte: „August Brösigke, Hühneraugen-Operateur, alter Markt 4.'
Also das war mein Freund? Aller Augen find neugierig auf mich gerichtet. — WaS soll ich thun? Es bleibt mir nur übrig, die Wahrhett zu bekennen, und so erzähle ich denn harklein die Geschichte unseres Zusammentreffens und wie sich alles zugetragen.
Große Heiterkeit begleitete meine Rede- man erklärte Vröfigke für einen äußerst nützlichen Menschen und ich bemerke sogar mit stiller Freude, wie sich einige der Anwesenden seine Adreffe heimlich notirten. Ich würde mich wieder frei und glücklich gefühlt haben, wenn nicht meine Schwiegermutter noch immer in recht trüber Stimmung gewesen wäre. AIS die Gäste sich entfernt hatten, machte sie derselben in folgenden Worten Luft:
„Mein lieber Gustav, das überlebe ich nicht!"
Mein Schwiegervater, Else und ich gaben uns nun die größte Mühe, sie zu beruhigen — umsonst! Sie blieb dabei, daß dadurch, weil wir zu dreizehn bei Tisch gesessen, eines der Familienmitglieder, womöglich sie selbst, dem Tode verfallen fein müsse. Alle Gegenreden waren umsonst. Plötzlich fuhr sie auf. - „Ihr seht, wie ich leide," rief sie fast schluchzend, „erfüllt meine Bitte, ich beschwöre Euch. Wir können dem Schicksal nicht entgehen, aber wir können es vielleicht mildern, wenn wir eS gefaßt erwarten. Dazu würden sich aber schlecht die Vorbereitungen zu einer Hochzeit eignen. Heute haben wir den 10. October, Ihr habt In vier Wochen heirathen wollen, verschiebt die Trauung bis zum Januar. Wenn (das böse Omen sich verwirklicht, so muß eS sich noch in diesem Jahre erfüllen, versprecht mir, daß Ihr so lange warten wollt."
„Mama," rief ich, — „unsere Hochzeit verschieben — unmögl^s z^i Monate?" entgegnete sie. „Ist bis dahin kein Trauerfall eingetreten, fo soll Eure Hochzeit he glänzendste werden, die man je gefeiert. Erfüllen Sie aber meinen Wunsch nicht, Gustav, dann werden Sie Schuld daran fein, wenn ich selbst es bin, die vor Angst und Bangen sterben wird."
Citcratar rrnd Xnnft
- Mit gewohnter Pünktlichkeit, oder in n-ch größerer Reichhaltigkeit al« früher, stellt fick auch in diesemJadr<- dec kleine Hav«haltvngS.«alender ein, der von der Ucbig« tfdWk Ertract^Eompagnie den Kunden gratis verabfolgt wird. Wie m mb Jahren zuvor enthält der Kalender eine Fülle vorzüglicher, thetlS einfacher, thetlS erlesener Koch-Recepte, mit einer besonderen «b- tbetlung Krankenkost, und fertig zusammengestellte Menu«, mit den durch die Jahreszeit gebotenen ZMhaten.
— «inen elegant ansgestattete« literarische« Weitz- nachts-Katalog veiabiolgl auf Verlangen gratis die hiestge um» - Buch- und Kunsthandlung Aree« & TaschS. Der Katalog, welche« als Titelblatt die Gießener Johannetzktrche schmückt, gibt werthoolle Fingerzeige bei Auswahl eines guten Buches für den WeihnachlS' lisch Aber auch auf wissenschaftlichem und künstlerischem Gebiete sind die Novitäten verzeichnet, die der rührige deutsche Buchdanva auf den Büchermarkt gebracht hat. Auch der Bilderfchmuck deS Catalogs selbst läßt auf die Gediegenheit der empfohlenen Werke schließen.
- Die Photographische Gesellschaft i« Berlin versendet soeben einen reizend ausgestatteten Weihnachtsdertcht im Format und Umfange einer Kunstzeitfchrift. Der Bericht behandelt die Publikationen des Tahres 1894 und ist mit ca. 30 kleinen Abbildungen nach einigen der neu herausgegebenen Photographien und Photogravuren geschmückt. Der Text ist in klarem flüssigen Sille geschrieben und schildert mit anschaulicher Lebendigkeit die Gegenstände und den Werth der einzelnen Bilder. Der Bericht wird jedem Kunstinteressmtm auf Verlangen unentgeltlich zugesendet.
— Walter. Erlebnisse und Abenteuer eines jungen ®c«tfd)tn in Norwegen. Erzählt und illustrirt von Eduard Jos. Muller. Leipzig und Frankfurt a. M., Kesfelring'fchr Hopuchhandlung Verlag — VIII und 328 Seiten gr. 8°. Mit ca. 50 Illustrationen, wovon 12 Vollbilder. Preis 4.50 Mk. Wenn der Zweck ein« Jugendschrist ist, zu unterhalten, zu belehren und zu bilden, so em- spricht das Buch feinem Zwecke vollkommen- auch der Erwachsene wird es mit Jnteresfe lefen. Die Ausstattung macht der Bnlag^ buchhandlung alle Ehre; sie ist so vorzüglich, daß der Preis auch nach dieser Seite hin als ein äußerst niedriger bezeichnet werden kanN. Wir empfehlen es aufs beste.


