Ausgabe 
30.9.1894 Zweites Blatt
 
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1894

Rr. 229 Zweites Blatt. Sonntag dm 3«. September

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Gießener Anzeiger

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Amtlicher Theil.

Bekanntmachung.

Betr.: Die Abhaltung landwirlhschaftlicher Vorträge.

Herr Landwirthschaftslehrer Leithiger von Alsfeld wird

Sonntag den 7. October 1894, Nachmittags 3 Uhr,

zu Hungen im Solmser Hof einen Vortrag über Boden- bearbeitung zur Wintersaat halten.

Zu diesen Vorträgen werden alle Mitglieder des land- wirthschaftl. Vereins und alle Freunde der Landwirthschaft hierdurch eingeladen.

Die Herren Bürgermeister der oben genannten und benachbarten Gemeinden werden hierdurch ersucht, auf möglichst zahlreichen Besuch der Versammlungen hinzuwirken.

Gießen, den 21. September 1894.

Der Director des landwirthschaftlichen Bezirksvereins Gießen. _________________________C. Jost.

Vermischter

Hannover, 26. September. Der 12. deutsch evangelische Kirchengesang-Vereinstag wurde heute durch Staats- ralh Hallwachs-Darmstadt eröffnet. Bennigsen hielt Namens der Staatsregierung, Profeffor Bonnwetsch Namens der Uni­versität Göttingen und der Stadtsyndikus Namens der Stadt Begrüßungsansprachen. Alsdann wurde ein Huldigungs­telegramm an den Kaiser abgesandt.

» Mülhausen i. 6., 26. September. Seit einem am letzten Mittwoch in der htesigen.chemischen Fabrik ausgebrochenen Brand ist ein Arbeiter dieser Fabrik Namens Wuchner spurlos verschwunden. ES ist seftgestellt, daß der Arbeiter an jenem Tage Morgens ö1/^ Uhr an die Arbeit gegangen ist und dir Fabrik nicht verlassen hat. Seine Arbeit bestand darin, seinen Mitarbeitern vorzuschaffen. An jenem verhängnißvollen Morgen hatte Wuchner aus sieben eisernen Behältern Nitrobenzin nach größern Sammelbehäl­tern abzulassen. Letztere, sechs an der Zahl, von einem Meter Durchmesser und drei Meter Höhe befinden sich in einem Bassin, stehen aber ko tief, daß deren obere Kante mit dem Boden der Fabrik eben ist. Aus den erwähnten vielen

Raume nun erfolgte eine fürchterliche Explosion und hier I begann auch der Brand. Bon den sieben Gefäßen waren I sechs geborsten und das siebente barst während des Brandes. Hier hielt sich Wuchner auf und ist auch nicht herauSgekom- men. Nachdem der Brand gelöscht worden, war der Boden mehr als einen Meter hoch mit kochender Salzsäure und Nitrobenzin bedeckt. Letzteres hatte 81 Grad Wärme und entwickelte eine solche Hitze und einen derartigen Gestank, daß die Rettungsarbeiten am ersten Tage unmöglich waren. Dann aber ging man ans Werk und arbeitete bis Samstag Abend 6 Uhr, aber der Verschwundene kam nicht zum Vor­schein. Es wird angenommen, daß, wie sonderbar eS auch klingt, der Körper Wuchners sich in der Flüssigkeit vollständig aufgelöst habe. Man hat an Ort und Stelle Versuche an- gestellt mit Fletschstücken, Knochen und Gebiffen von Thieren, die nach zwei Stunden gänzlich aufgelöst und verschwunden waren. Einige Gefäße mit Flüssigkeiten aus jenen Räumen sind zu genauerer Analyse in die chemische Fabrik nach Thann geschickt worden.

* Einen reizenden Beitrag zumCapitel vom unlauteren Wettbewerb bringt derGeschäftsfreund", ein Fachblatt der Textilindustrie: In einer kleinen Stadt Schleswigs hatte eine Firma S. Gardinen für 8 Pfg. das Meter ge­kauft. Um den Artikel als Lockmittel zu benutzen, annoncirte sie:Gardinen für 6 Pfg. das Meter." Ein Concurrent F., der nebenan wohnt, beauftragte eine Frau, ihm von diesen billigen Gardinen 20 Meter zu kaufen. Am nächsten Tage laS man eine Annonce, worin Herr F.Gardinen für 4 Pfg. das Meter" anbot. Herr S. ist neugierig auf diese Gardinen, die noch billiger sind als die seinen und er läßt durch eine Mittelperson die 20 Meterzur Probe" kaufen. Wie überrascht war der Treffliche, als er seine eigene Wsare wiedersah.

verkehr, £an0< trat volksroirthschaft.

(daher der obige Name); die Einschnitte zwischen den Bürsten sind sammetschwarz. Die Raupen sind im Oclober ausgewachsen, ver­kriechen sich dann im MooS oder in den Haidefträuchern am Fuße der Stämme und verpuppen sich dort in einem Kordon. Der Spinner kommt Ende April, Mai oder Juni als Falter aus der überwinterten Puppe aus und sitzt am Tage still auf den Baumästen; Nachts findet die Paarung statt. Das Weibchen legt seine Eier (bis zu 300 Stück) am Stamme dicht nebeneinander in einer Scheibe ab, die rote auf der glatten Rinde aufgekittet erscheint. Nach zwei bis drei Wochen schlüpfen die jungen Räupchen aus. Sie sind schwärzlich und lang­haarig und zeigen noch nicht die für die erwachsene Raupe typischen Haarschöpfe auf dem Rücken. Nachdem sie vorerst ihre Eierschalen verzehrt, erklettern sie den Stamm und beginnen ihr Vernichtungs- werk. Der Spinner selbst ist weißgrau und von gedrungenem Körperbau mit wollig behaarten Vorderbeinm, welche in der Ruhe­lage dicht aneinander gelegt und vorgestreckt werden (daher der Name Streckfuß). Weibchen 23 mm lang, Flügelspannung 52 mm; Männchen etwas kleiner; die Vorderflügel sind bestäubt und haben zwei dunkelere Querbänder und einige andere dunklere Zeichnungen; Hinterflügel weißlich. Es kann vorkommen, daß der Rothschwanz ganze Wälder entlaubt. Ta sch en berg erwähnt folgende Mittheilung des Oberförsters Fickert auf Rügen:Der stärkste Fraß des Roth- schwanzes kam während deS warmen Sommers 1868 zu Stande, in welchem sämmtliche Buchen der Stubbenitz auf einer Flache von nahezu 2000 ha schon zu Ende August vollständig entlaubt waren. In dem oben bezeichneten Buchenwald Darmstadts war das durch den Raupenfraß erzeugte Knistern so geräuschvoll, daß dem der Gegend Nahenden eS vorkam, als regnete eS. Der Schaden, den ein solcher Raupenftaß anrichtet, besteht darin, daß zunächst kein Zu­wachs an Holz für das betreffende Jahr entsteht und daß besonders die Bäume dermaßen geschwächt sind, daß sie keinen Samen zu bilden vermögen. Zudem ist in den in Verjüngung stehenden Bestanden der junge Aufwuchs in Gefahr, vom Unkraut überwuchert zu werden, das sich in Folge des am Boden angehäuften Raupenkotes in üppigster Weise entwickelt. Ebenso ist da« Wild durch die überall am GrasrouchS haftenden Raupenhaare gefährdet, da diese bedenkliche Entzündungen der Rachenhöhle und der Athmungsorgane Hervorrufen. Auch ist es wiederholt vorgekommen, daß das Stallvieh, dem mit Laub aus solchen Waldungen gestreut wurde, bedenklich erkrankte, so daß also der Verdacht sehr nahe liegt, daß die in der Laubstreu enthaltenen Raupenbälge und Haare auch beim Stallvieh ihre ver­derbliche Wirkungen zeigen. Nach den Mittheilungen in der Straßb. P." hat die Forstverwaltung oben bezeichneter Gemeinden kein Mittel unversucht gelassen, diese Gefahr von dortigem Walde abzuroenden oder doch abzuschwächen. So wurden über Winter mancherorts kahlgefreffene Waldbestände dem Schweine-Eintrieb geöffnet, damit so der Boden durchwühlt und die Puppen des Falter« vernichtet würden. Auch ließ man stellenweise auf kleineren ^- herben die Puppen durch Arbeiterinnen sammeln und vernichten. Da in diesem Monat (September und October) die Raupe von den Bäumen herabsteigt, um stch zu verpuppen, dürfte sich außerdem noch empfehlen, gerade jetzt wiederholt die Raupen am Stamme durch Arbeiter abkehren, in Gefäßen sammeln und durch heißes Wasser tobten zu lassen, wodurch sicher ein nächstjähriger Raupenfraß abgeschwächt würde.

kleinern Behältern wurde das Nitrobenzm durch eine höl­zerne Rinne in die Behälter im Bassin geleitet. In diesem

Der Rothschwanz, Dasychira pudibunda. Kaum sind die Schäden geheilt, die in den letzten Jahren der Nonnenfraß auch in den Waldungen im südwestlichen Deutschland anrichtete, so hört man schon wieder von einem neuen Raupenfraß in den schönen Laubholzwaldungen in Lothringen und Elsaß (Bitsch, Niederbronn). Auch in dem Buchenwalde Darmstadts (in der Um­gegend deS Herrgottsberges) fanden wir zu Tausenden diesen Schädling. Es ist die Raupe des Rothschwanzes (auch Buchenspinner, Streckfuß genannt). Die erwachsene Raupe ist schwefelgelb ober mehr braunlich- gelb, ber Rücken bes vierten bis siebenten Ringes trägt eine Haar­bürste, der des elften einen langen Pinsel von rosenrother Farbe

Fruilletsn.

Wochrndriefe ans der Residenz

(Originalbericht für dmGießener Anzeiger".)

Z. Darmstadt, 27. September.

Fürsteubesnche. Aus dem Kmstlebeu. Herbstmeste.

Darmstadt wird sür die Einbuße, die es durch das «ehrwöchentliche Fernbleiben des Großherzoglichen Hofes, der bekanntlich abwechselnd in Jugenheim, Auerbach und Wolfsgarten in der Sommerfrische weilte, erlitt, reichlich entschädigt werden. Das Eintreffen des hohen Bräutigams unserer verehrten Prinzessin Alix, deS Großfürsten- ThronfolgerS von Rußland, wird heute erwartet. Der hohe Herr soll dem Vernehmen nach mehrere Wochen hier verweilen und wenn er von Darmstadt wieder Abschied nimmt, wird wohl auch Prinzessin Alix ihre alte Heimath verlaffen, wo sie so viel Liebe und Verehrung genoß. Hier sei auch die Gelegenheit wahrgenommen, um allen den albernen Gerüchten über den angeblich verspäteten Besuch des Thronfolgers am hiesigen Hofe en^gegenzutreten. Hier weiß Jedermann, daß der Thronfolger von Rußland gar nicht früher erwartet wurde und daß auch die Beziehungen des hessischen Hofes zu dem russischen nach wie vor sehr herzlicher Natur find. Eine gewiffe Preffe freilich, die nicht genug Sensationsnachrichten ersinnen kann, scheint wieder einmal alles bester zu wisten, als andere Leute, man muß nur eben auf alle von ihr verbreiteten Neuigkeiten kein Ge­wicht legen. Den Bund des jungen Paares begleiten sicher die Segenswünsche aller treuen Hesten, denn man kann ge­trost behaupten, daß wohl noch kaum eine Prinzessin sich in allen Kreisen einer solch tiefgehenden Verehrung erfreut habe, als gerade Prinzessin Alix, die liebliche jüngste Tochter unseres verewigten Großherzoglichen PaareS. Noch im Laufe der allernächsten Zeit wird dann der Besuch Seiner Majestät des Deutschen Kaisers erwartet. Der Herrscher soll am 15. October Vormittags hier eintreffen, eine Gala­tafel und die Veranstaltung einer großen Hofjagd sind nach

Preßberichten für diesen Besuch vorgesehen. Für den Abend I plant man eine große Galavorstellung im Hoftheater und I dabei soll VerdisAida" zur Aufführung gelangen. Die Oper wird hier in großartiger Ausstattung gegeben, darum scheint man gerade sie als Festvorstellung auSersehen zu haben. Am 16. October soll dann bereits die Abreise Kaiser Wilhelms erfolgen. Der Kaiser beabsichtigt, sich von hier aus direct nach Wiesbaden zu begeben, wo die Enthüllung des Denkmals seines Großvaters und die Einweihung des neu erbauten Wiesbadener Hoftheaters am 16. k. Mts. ge­feiert werden soll. Auch von einem Besuche des Kaisers Franz Josef von Oesterreich spricht man viel, doch scheint noch immer nicht bestimmt zu fern, wann dieser statt- finden soll. Die Darmstädter find auf diese Fürstenbesuche natürlich sehr gespannt, fie bringen immer die Entfaltung intereffanter militärischer Schauspiele und locken ganze Schaaren von auswärtigen Besuchern in unsere Residenz.

Mit dem Besuche des russischen Thronfolgers hängt es vielleicht zusammen, daß im H o f t h e a t e r für den 21. October Rubinsteins, des großen russischen Tondichters, OperDer Dämon", vorbereitet wird. Wie bestimmt verlautet, soll der greise Componist selbst zur Premiöre se nes Werkes nach Darmstadt kommen. Sonst steht im Hoftheater noch ein in­teressantes Gastspiel der schwedischen Sängerin Frau Sigrid Arnolds en bevor, die im Occober als Mignon, Lakme und Carmen gastiren soll. Auch Ernst Possarr vom Münchener Hoftheater, August Junker mann, der be- kannte Reuterinterpret, sowie die Mitglieder des hoch origi­nellen Schlterfeeer Bauerntheaters sollen als Gäste auf unserer Hofbühne erscheinen. Die Engagements neuer Mit­glieder sind immer noch nicht abgeschlossen. So gaftine in dieser Woche Frl. Eichel sh etm vom Casseler Hoftheater mit außergewöhnlichem Erfolg als Gretchen imFaust". Dieselbe Dame soll heute den jungen Goethe in Gutz­kows LustspielDer Königslieutenant" darstellen. Künftigen Sonntag gastirr ein Herr Gerharts von Brünn als Faust in Gounods OperMargarethe" und am Donnerstag soll ein Candidat für das Basfistenfach in MozartsZauberflöte" | den Sacastro singen. Man sieht, an Gastspielen ist kein

Mangel, möchten dieselben auch zu einem erfreulichen Re­sultate führen. Im Spielplane der letzten Tage fand Madame Sans-Gene" wieder ein volles Haus, bas Stück scheint in der That ein zugkräftiger Kassenmagnet zu sein. Die Concertsaison wird demnächst ein großes Con- cert des Orchesters vom Skalaiheater in Mailand eröffnen. Die Künstlerichaar, die eS bildet, kommt von Berlin, wo sie in der AusstellungItalien in Berlin" großen Beifall ge­funden hat. lieber den Beginn der Hofmufik-Concerte ver­lautet noch nichts, indeffen ist der Munkverein schon eifrig an der Arbeit mit Proben für sein Eröffnungsconcert. -r Mir zu dem Berichte über das künstlerische Leben der letzten Zeit gehört wohl auch die Erwähnung der Schlußfeier der Mitwirkende« beim Gustav Adolf-Spiel. Nachdem schon Ende der vorigen Woche ein gemeinsamer Ausflug alle Mit- wirkenden vereinigt hatte, fand gestern nochmals eine solenne Nachfeier im Saalbau statt. Der warme Dank der Besucher des Festspiels kam auch dabet zum Ausdruck und eS bleibt nur zu hoffen, daß die dilettantischen Spieler auch in künf- tiger Zeit thre Kräfte gerne wieder dem schönen Zwecke der Volksspiele weihen möchten.

Jndeß ist Darmstadt wieder einmal in das Stadium der Herbstmesse eingetreten. Auf dem Ludwigs- und Ernst'Ludwigsplatze dudeln die Carroussels den ganzen Tag darauf los, daß es eine Lust ist, diesem wunderbaren Getöne zu lauschen. Wenn nur wenigstens immer nur eine dieser Riesenorgeln in Thätigkeit wäre. So aber will jede ihre Tonfülle und den Reichthum ihres Repertoires zeigen, da entsteht denn ein wackrer Höllenspectacel und die Bewohner der heimgesuchten Straßen, soweit sie nicht Geschäftsleute sind, werden mit der Institution der Meffe innerhalb der Stadt immer unzufriedener. Die liebe Jugend freilich hat gute Tage, für sie bedeutet die Messe eine Festzeit und sie wäre wohl auch mit der Verlegung ihres Schauplatzes am wenigsten zufrieden. Auf eine nähere Beschreibung aller Wunder und Sehenswürdigkeiten muß ich leider verzichten, da würden Ihre Leser am Ende gar neidisch auf uns, die wir solch erlesene Genüsse geboten bekommen.