Nr. 24
1894
Dienstag den 30. Januar
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Deutscher Reich.
Berlin, 27. Januar. Der heutige Geburtstag des Kaisers wurde am frühen Morgen durch einen Choral eingcleitet, der von der Schloßkuppel herab ertönte. Gegen 8 Uhr marschirten die Spielleute der 2. Garde-Jnsanterie- brigade mit der Musik des 4. Garderegiments an der Wohnung des Kaisers vorbei durch Portal I des Schlosses, die Straße Unter den Linden entlang und wieder zurück, von einer großen Menschenmenge begleitet. Nachdem im Innern des Schlaffes die Geburtstagsfeier im engsten Familienkreise begonnen hatte, meldeten sich zur Gratulation der Oberhofmarschall Graf Eulenburg und andere Hofchargen. Während ttberall die Glocken zu läuten begannen, zogen die Soldaten regimentweise zum Gottesdienste im Lustgarten. Gegen 10 Uhr hatten sich die anwesenden Allerhöchsten und Höchsten Gäste im Pfeilersaal des Schlosses versammelt; die Generaladjutanten, Minister, Botschafter, Generalfeldmarschälle, die Häupter der fürstlichen Familien, der Reichskanzler, die Ritter res Schwarzen Adler - Ordens begaben sich bittet in die Kapelle zum Gottesdienst. Von den Herrschern der auswärtigen Mächte waren schriftliche und telegraphische Gratulationen eingegangen. Nach der Beglückwünschung wurde der Gottesdienst abgehalten- der Kaiser trug die große ge- Itickle Generalsuniform. Nach dem Gottesdienst begann im weißen Saale die GratulationScour, bei welcher der Kaiser dtm Reichskanzler herzlich die Hand bot. Während der Cour feuerte die Leibbatterie deS 1. Garde-Feldartillerieregiments •ben Königssalut von 101 Schuß ab. Nach der Cour begab sich der Kaiser mit seinen fürstlichsten Gästen zur großen Paroleausgabe nach dem Zeughause, am dem ganzen Wege von dem Publikum auf das Lebhafteste begrüßt. Hierzu war eine Compagnie des 2. Garderegiments zu Fuß mit Fahne, Spielleuten und der Regimentsmusik, dem Haupteingang des Zeughauses gegenüber im Paradeanzuge aufgestellt. Bei Annäherung des Kaisers präsentirte die Compagnie, die Musik spielte die Nationalhymne. Se. Majestät schritt die Front lder Compagnie ab und begab sich in das Zeughaus. Die Parole für Königsgeburtstag lautete: „Es lebe Se. Majestät der Kaiser und König!"
Berlin, 28.Januar. Anläßlich des Geburtstages des
Kaisers war die Stadt noch festlicher geschmückt als gestern. Alle Staats- und zahlreiche Privatgebäude waren beflaggt und mit Guirlanden geschmückt. In den Schaufenstern sah man vielfach Kaiserbüsten- vor dem Schloß erwartete ein zahlreiches Publikum die Auffahrt zur Gratulation. Die Illumination war wie alljährlich großartig. Das Wetter war das denkbar beste, ein richtiges Hohenzollernwetter.
Berlin, 28. Januar. Unter dem herrlichen Zeichen der Wiederversöhnung zwischen dem Kaiser und dem Altreichskanzler ist diesmal der Geburtstag des Monarchen begangen worden. Kein Wunder, wenn daher das diesjährige Geburtsfest des Kaisers allenthalben in deutschen Landen mit besonderer Freudigkeit gefeiert worden ist, während es am Berliner Hofe selbst in sichtlich gehobener Stimmung aller Theilnehmer gefeiert wurde. In dem vorangegangenen Besuche des Fürsten Bismarck hat man wohl auch die Ursache davon zu erblicken, daß diesmal eine größere Anzahl auswärtiger Fürstlichkeiten als Gäste bei Kaisers Geburtstag am Berliner Hofe weilten, wie die Könige von Sachsen uud von Württemberg, der Großherzog von Heffen, der Herzog von Altenburg, der Erb- großherzog von Baden, Prinz Fr. August von Sachsen usw.
Berlin, 28. Januar. Der Kaiser hat anläßlich seines Militärjubiläums u. A. eine Verfügung erlassen, durch welche bestimmte Erleichterungen des Jnfanteriegepäcks angeordnet werden.
Berlin, 28. Januar. Hinsichtlich der öffentlichen Veranstaltungen am Geburtstage Sr. Majestät des Kaisers hatte der Minister des Innern, Graf Eulenburg, unterm 23. Januar folgenden Erlaß an die Regierungs- Präsidenten gerichtet: „Se. Majestät der Kaiser und König wünschen, daß die an Allerhöchstihrem Geburtstage veranstalteten öffentlichen Lustbarkeiten und Musikaufführungen um 12 Uhr Nachts ihr Ende erreichen und nicht über die Mitternachtsstunde hinaus auf den Sonntag ausgedehnt werden." — Dem Fürsten Bismarck hatte auch die Berliner Studentenschaft eine Ovation zugedacht. Diese Kundgebung ist jedoch vereitelt worden, weil die Polizeibehörde die Anfangs zur Spalierbildung ertheilte Genehmigung nachträglich zurückgezogen har. Weiterhin war noch ein Fackelzug in Aussicht genommen, der aber unterbleiben mußte, weil Fürst Bismarck
schon vorgestern Abend nach Friedrichsruh zurückzukehren beabsichtigte.
Berlin, 28. Januar. DaS „Militär-Wochenblatt" bringt zu Ehren des 25jährigen Militärjubiläums deS Kaisers eine Darstellung der militärischen Laufbahn Allerhöchst- deffelben und hebt dabet die erfolgreiche Fürsorge des Kaisers für alle Waffengattungen hervor. Der Artikel schließt: „Eifern wir seinem Vorbilde nach! Gehören wir Soldaten ihm an, wie er sich uns bet seiner Thronbesteigung zugesagt hat: So gehören wir zusammen, ich und die Armee, so find wir für einander geboren und so wollen wir unauflöslich fest zusammenhalten, möge nach Gottes Willen Friede oder Sturm sein!"
Berlin, 28. Januar. Wie die „Post" erfährt, hat der Kaiser dem Fürsten Bismarck als Präsent den Stoff zu einem grauen Militärmantel verehrt.
Berlin, 28. Januar. Gegenüber der Mittheilung, daß Bismarck und Caprivi eine dreiviertelstündige Unterhaltung geführt haben, glauben einzelne Blätter feststellen z« können, daß diese Unterredung nicht stattgefunden hat. Welche Meldung die richtige ist, läßt sich, bis ein officiöfer Bericht erschienen ist, vorläufig nicht ermitteln.
Berlin, 28. Januar. Nach der „Voss. Ztg." hat Herr v. Ploetz, der Präsident des Bundes der Land- w irth e, beim Bekanntwerden der Versöhnung zwischen Kaiser und Bismarck sich sofort nach Friedrichsruh begeben, um den Fürsten vom Besuch in Berlin abzuhalten. Dort angekommen, erhielt er die beruhigende Versicherung, daß Bismarck noch gegen den russischen Handelsvertrag sei und nicht glaube, daß der Kaiser mit ihm über Politik sprechen werde.
— Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht folgendes kaiserliche Schreiben an den Minister der geistlichen rc. Angelegenheiten: „Zur Förderung des Studiums der klassischen Kunst unter den Künstlern Deutschlands will Ich aus Meiner Schatulle einen Preis von 1000 Mk. jährlich stiften. Diesen Preis werde Ich an Meinem jedesmaligen Geburtstage demjenigen Künstler verleihen, welcher aus einer von Mir ausgeschriebenen Concurrenz als Sieger hervorgehen wird. Sowohl die Stellung der Aufgabe als auch die Verleihung der Preises behalte Ich Mir Selbst vor. Als erste
Feuilleton.
Str Widerspenstigen Zähmung.
Wie die moderne Shakespeareforschung übereinstimmend anerkennt, gehört „Der Widerspenstigen Zähmung" zu den Jugendarbeiten des Dichters. Die Fabel des Stückes soll orientalischen Ursprungs sein und wurde schon vor Shakespeare für die englische Bühne dramatisch behandelt. Unter Benutzung theilS dieser älteren Comödie, theils der ^Untergeschobenen" („gli Suppositi“) von Ariost hat unser Dichter ein Lustspiel geschaffen, das bei aller Derbheit des Humors und vielleicht gerade wegen dieser frischen, ursprünglichen Derbheit noch heute nach dreihundert Jahren ein Zugstück aller größeren Bühnen ist. Freilich bedarf es der aus- gebildetsten schauspielerischen Kunst, soll das Werk nicht für Den modernen Geschmack den Character des Possenhaften annehmen, sollen nicht die feinen Züge verloren gehen, durch die der große Brite sein Werk weit über die benutzten Vorbilder erhoben hat. Eben darum ist die Wiedergabe stets nur alS das Vorrecht größerer Bühnen mit Kräften ersten Ranges angesehen worden.
Mit gütiger Erlaubniß der Verlagsbuchhandlung von Wilhelm Engelmann in Leipzig drucken wir nachstehend einen Thetl der Ausführungen ab, durch die Gervinus in seinem großen Werke über Shakespeare (I. Band, 3. Aust., S. 176 ff.) unser Stück beleuchtet:
Die Hauptfigur unseres Lustspiels (the shrew) gehörte zu den Lieblingsgegenständen einer frohsinnigen, lachlustigen Zeit- Gedichte und Schwänke erzählten von ketfischen Weibern- in einer Farce, Tom Tiler und sein Weib, wurden die Leiden eines unterjochten Ehemannes schon 1569 von Kindern auf* geführt - in Chettles Griseldis bildet die Episode von dem «välschen Ritter und der shrew, die er heirathet, das Gegenstück zu der geduldigen und sanften Heldin des Stückes. Von einem Unbekannten existirt dann die Zähmung einer Widerspenstigen, das Stück, auf welches Shakespeare sieine Zähmung der Widerspenstigen gründete. Das ältere Stück ist 1594, wo es schon mehrmals aufgeführt war, gedruckt- dies hindert nicht, daß es geraume Zett älter sei. Vs ist in einer bekannten Sammlung von Sleevens (six old jplais) «bgedruckt worden. Der intriguenhafte Theil des Stückes ist viel roher als bei Shakespeare- auch wo die
Scene beibehalten ist, ist sie weit plumper als in dem Originale. Die Auftritte eines heiteren Schlags, wie die zwischen Katharina und Grumio und die mit dem Putzhändler und I Schneider, sind am meisten so vorbereitet, wie sie geblieben i sind. Der Abstand zwischen dem bombastischen Pathos der j Scenen zwischen den Verliebten und den gemeinen Unfläthig- feiten der burlesken Partien ist so groß, daß man auch hier wieder inne wird, was der Dichter selbst in seinen gröberen Erzeugniffen alles verschönert hat- es begegnen hier einzelne Ausdrücke, für welche Shakespeares Feder, wie unfein sie unserem Geschlechte vorkommen mag, zu allen Zeiten zu keusch war. Die Vergleichung beider Stücke weist nicht ein Ver- * hältniß aus, wie das des Shakespeare'schen Heinrich VI. zu Greenes, sondern der Dichter hat durch die durchgehende Veredelung von Stoff und Form dieses Werk zu seinem Eigen- thume gemacht.
Wir deuteten schon an, daß die Zähmung der Widerspenstigen aus zwei gegensätzlichen Theilen besteht. Die Ge- schichte des gebildeten Lucentio, der zwar von Studenten- streichen voll, doch wenigstens vielleicht auch um Lernens Willen nach Padua kommt, begleitet von einem gewandten Diener, der auf dem Fuße ist, mit seinem Herrn die Rolle tauschen zu können, seine schlaue und feine Werbung um die wohlgezogene Bianca, die in allen schönen Künsten bewandert ist, bildet ein Jntriguenspiel von feinerer Anlage im italienischen Geschmack. Das Gegenstück hierzu, die Werbung des groben Petruccio um die zänkische Katharina, ist ein ächtes Volks-Characterspiel. Mit diesem letzteren Theile, dem Mittelpunkt des Stücks, wollen wir und allein beschäftigen, um zu sehen, wie der Dichter den Uebergang aus der flacheren Personenzeichnung, die man in allen Jntriguenstücken gewöhnt ist, zu der gründlicheren Entwickelung der Charactere macht, durch die er uns weiterhin in seinen Werken überall verwöhnt hat.
Der Handel zwischen Petruccio und Katharina läßt sich zu einer bloßen Posse, und zwar zu einer ganz gemeinen Paffe, er läßt sich, wenn man will, bis in den Koth herabziehen. Es ist traurig, zu sagen, daß ein Mann wie Garrick das wirklich gethan hat. Er hat das Stück unter dem Titel „Katharina und Petruccio" zu einem Spiele von drei Acten zusammengezogen, hat den feineren Theil, die Werbung um Bianca, herausgestrichen und den derben Rest in eine plumpe Carricatur herabgewürdigt. Das Spiel des Paares war
nach dem Gebrauche, der nachher stehen geblieben ist, ein roh ausgelassenes: Woodward spielte damals den Petruccio in solcher Wuth, daß er seine Mitspielerin (Ms. Clive) mit der Gabel in den Finger stach, und als er sie von der Bühne wegreißt, zu Boden warf. So wird das Stück noch jetzt in London als eine Schlußfarce, mit allen widerlichen Ueber- labungen einer ganz gemeinen Poffenreißerei gegeben, selbst nachbem 1844 in Haymarket bas ächte Stück mit Beifall roieber gegeben worben ist.
Wenn ganz Englanb in Garricks Rücken ftänbe, so würben wir breift behaupten, baß unsere Comöbie von bem Dichter so nicht gemeint war. Das Stück ist holzschnittmäßig aller* bings behanbelt! ber Gegenstanb, falls er nicht in pedantische Moralisation fallen soll, erträgt gar keine andere Behandlung. Selbst in bem gewöhnlichen Verkehr wirb bie Frage von ber Unter- ober Ueberorbnung bes Weibes immer in übertreibenben Scherz gezogen - ber berbe Humor mußte bem Gegenstanbe seine Färbung geben. Den belben Figuren, um bie es sich hanbelt, geht ber Schmelz höherer Naturen ab- bas mußte so sein, benn unter anberS gearteten konnte bas Verhältniß nicht statthaben. Der roerbenbe Mann, Petruccio, ist aus grobem Thone geformt- er kommt nicht wie Lucentio um bes Stubirens willen nach Pabua, sonbern um Gelb zu heirathen. Man bietet ihm biese reiche Wiberbellerin an, im Scherz, unb er geht, bas sieht selbst sein Grumio burch, in einer Art launiger Renommisterei barauf ein. Von feiner Art unb Sitte ist er nie gewesen- er geht schlecht gcHeibet einher - seine Diener auf ben kleinsten Anlaß am Ohre zu ziehen unb zu prügeln, ist ihm geläufig- dabei ist er aber gereift unb erfahren, hat bie Menschen kennen unb zu behanbeln gelernt. Die Keiferin zu bänbigen, kann ihn nicht schreck« n, da er sich bewußt ist, neben männlicher Kraft bie Spiele bes Scherzes unb ber schmeichelnben Galanterie zu verstehen und im äußersten Falle bas Feuer ber Wiberspenstigen nicht wie ein Winb nur schüren, sondern wie ein Sturm ausblasen zu können. Er ist Soldat, Jäger unb Seemann, jebes eine schon genug, um eine schroffe Mannheit auszubilben, eine biS- ciplinarische Natur, bie unnahbar unb imponircnb ist. Er wirb von Katharina mit einem Holzapfel verglichen, unb ich wüßte auch nicht, womit man gewisse harthäutige, muskel- stramme Gesichter gebienter Solbaten sprechenber vergleichen könnte. (Schluß folgt.)


