Ausgabe 
29.12.1894 Zweites Blatt
 
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Nr. 304 Zweites Blatt. Samstag dm 29. Dc-emb«

1894

Der chletzener Anzeiger erscheint tägliche mit Ausnahme des Montag«.

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Gießener Anzeiger

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Kuilleton.

Dir Geologie, ein Stiefkind in der Wissenschaft der Menschheit.

Don Heinrich Becker, Frankfurt a. M.

(Schluß.)

Abermals vergingen 200 Jahre; der Kampf ums Leben, der Streit mit äußeren Feinden ließ die Noth vergessen, welche die Vorfahren bestanden. Man fühlte sich sicher in den Häusern, die man hatte errichtet- man baute neue dazu auf einen Grund, den man dem See erst abgewann. In der Mitte dieses Jahrhunderts, als auch die Schweiz von Etseustraßen ward durchzogen, baute man eine Eisenstraße längs des Sees. Eine starke Kaimauer ward auf dem See- gruud errichtet und hinter ihr mit Erde ein Raum aus- gefüllt, der den Bahnhof, neue Hotels und andere Häuser mochte tragen. Im Sommer 1887 versuchte man, einen Hafendamm zu ziehen. Die Pfähle, die man eintrieb, blieben nicht hasten- der Seeschlamm wich aus, grundlos sanken sie zur Tiefe. Man begnügte sich mit einer Steinschüttung, die im Halbkreis den Hasen sollte bilden.

Es schien für die Baumeister keine Warnung- man hatte den Kai mit dem Bahnhof belastet, mit einem stattlichen Regierungsbau (für 2300,000 FrcS) - ein stolzes Gasthaus von vier Stockwerken (der Züricher Hof) stand darauf und viele andere Häuser nach der Ansicht der Ingenieure eine Belastung, die allein hinreichte, den Kai fest in den Unter­grund zu pressen. Man hatte aber nur die Inge nie urkunst befragt, nicht die Geologie. Eine schlimme Lehre mußte kommen, um zu überzeugen, daß man die beste Wissenschaft hatte vergessen.

Am 5. Juli 1887 kam das Verhängniß. Einige Tage zuvor schon riß der Kai- im See stiegen Blasen auf an dieser Stelle- eine Mauer bei dem Hause des Fischers Speck bekam Risse. Trotz dieser Mahnung ward Niemand ge­warnt, weder die Ingenieure, noch die Bewohner. Man vertraute auf die Wissenschaft unseres Jahrhunderts, auf die Technik- die Erinnerung an die Chronik war verblaßt, die alte Geschichte klang wie ein Ammenmärchen- es glaubte Nie­mand an den neckischen Wassermann, der die Menschen hinunter­zog. So mußte das Unsägliche geschehen.

Um 3 Uhr Nachmittags wandert der Restaurateur Spill- maun mit seinen Gästen im Garten und betrachtet die fuß­breiten Riffe, nichts besorgend. Da theilt sich der Boden zu ihren Füßen, der Kai auf 80 Fuß Länge und 30 Fuß

Breite stürzt hinab- der Restaurateur und sein Kind fallen in die Tiefe, die Gäste retten sich durch flüchtigen Sprung. Eine Schiffhütte, ein Haus und eine kleine Hütte stürzen hinab- ein Schiff wird in den See geschleudert, ein Fischer vom Strudel hinab- und wieder heraufgewirbelt. Sprachlos vor Schreck stehen die Menschen umher, bis eine Rettungs­mannschaft erscheint und die Häuser räumt. Trotzdem hat noch Niemand die Größe der Gefahr erkannt. Um 7 Uhr reißt ein zweites Stück vom Kai, 15 Häuser, 10 Hütten stürzen - zehn Gäste in einer Wirthschaft, die den Fall dis- cutiren, büßen die nutzlose Discussion mit dem Leben. Der Fischer Speck, deffen Mauer am Tage zuvor geriffen, -er vom Strudel in die Tiefe gezogen war, muß erst die dritte Warnung erhalten und zum Fenster hinausspringen, damit er dem Verhängniß entgeht.

Um 11 Uhr Nachts kommt der dritte Sturz, der de» Rest dahinreißt von dem, was überhaupt stürzen konnte- sechs Häuser sanken hinab, sechs andere werden zerstört. Ein Sturm bricht aus, Regengüsse schlagen herab- mit Grauen und Schrecken verbringen die Menschen die Nacht. Der Morgen bescheint eine öde Trümmerstätte- Reste von Mauern am Ufer, im See die Spitzen versunkener Häuser, schwimmende Balken, Sparren und andere Habe unglücklicher Menschen. 30 Häuser find versunken, 12 Menschen büßten das Leben ein, für Millionen Francs an Vermögen ist von den Wassern verschlungen. 150 Meter lang und 80 Meter breit ist das Gestade hinabgebrochen- eine ganze Gasse ist von der Erde verschwunden.

Jetzt erst, nachdem alles gesunken und zerstört war, waS finken mußte, beruft mau den Geologen. Professor Heim kommt von Zürich, er kann nur bestätigen, was sich natürlich mußte zutragcu, und kann erklären, waS jetzt nlÄ Warnung zu spät kommt. Was die Natur im Laufe der Zeiten hatte angeschwemmt, das hätte den Menschen zu vorsichtiger Be­nutzung sollen genügen. Darauf zu bauen, weitere Stücke dem See abzuringen, war unbedacht. Die Ingenieure hatten gethan, was nach den Regeln ihrer Technik berechtigt schien. Sie hatten aber das Wichtigste vergessen, sie hatten den Lehrmeister nicht befragt, dessen Wissenschaft allein ihr Thun hätte rechtfertigen können.

Dreiunddreißig Jahre waren 1887 verfloffen, seitdem Karl Vogt ein berühmtes Werk hatte geschrieben, in dem er seiner neuen Heimath ein Denkmal setzte, io groß, so schön, wie kaum ein anderer Künstler es nachgethan hat. Dreißig Jahre, ein ganzes Menschenalter! Die ganze Ge­sellschaft der Schweizer Baumeister und Ingenieure, die alle bei Bogt in der Schule sein konnten, hätte das Buch wie

Alexander seinen Homer auf ihren Feldzügen mit umher- tragen sollen - es wäre ihnen ein wahrerGuide gSologique gewesen. Sie ließen es zu Hause- vielleicht ist es ver­geffen, vielleicht aus der Mode gekommen wer sagt es?

ES sei fern von uns, nachdem der Unfall geschehen, den Männern einen Vorwurf zu machen, welche aus Nicht­achtung höherer Gesetze den Forderungen ihrer Zeit Genüge mochten leisten. Wer durch Luzern, Zürich, Lausanne und die anderen Seestädte der Schweiz wandert, der wird die ähnlichen Bauten am See finden, die der gleichen Gefahr ausgesetzt sind. Von Zürich ward berichtet, daß auch am dortigen 3 Kilometer langen Kai schon manche Häuser sich senkten. Von einer Stadt am Neuchateller See wird das gleiche gesagt. Wer den Rhein hinab wandert, von Basel bis Mainz, der findet auf 70 Stunden Länge aller Arten eine Versündigung an der Geologie in den Damm- und Kai-Bauten durch Einengung des Rheinstromes die selbst trotz dem großen Zusammenbruch im Winter 1882/83 nicht erkannt wurde. Die jüngste Geschichte von Ungarn, von dem Sturze von Szegedin bis zur Verwüstung bei Basarhely zeigt die gleichen Sünden. Selbst in England, dem Land der Techniker, mußte der Brückensturz am Tah- Fjord nach zwei Jahren schon die Ingenieure belehren, daß sie anstatt auf Felsen auf Sand hatten gebaut.

Von dem Erdsturz, der einst Sodom und Gomorrha in den ASphalt-See ließ versinken, von dem Thurmbruch zu Siloam, der die achtzehn Schuldlosen erschlug, zieht eine Kette von Ereignissen, welche die Menschheit konnte auf- rütteln, zu besserer Einsicht, größerer Vorsicht konnte mahnen. Die Menschen haben die Warnung nicht beachtet- sie haben nur wenig an Erkenntniß gewonnen. Denn was den Alt­vorderen an Wiffenschaft abging, daS fehlt unserer Generation an ruhigem Bedacht. Ströme übersetzen, Seen eindämmen, ! auf Eisen - Straßen die Welt durchjagen, zum raschen Gewinn, zu eiligem Vergnügen das ist heute der Grundgedanke, ' die Triebfeder für die ganze gebildete Menschheit. Es haben die Ingenieure und Baumeister, die Lenker der Gemeine des Staates nicht allein die Verantwortung: die ganze Mensch­heit trägt die Schuld an diesem tollen Rennen und Jagen! Von dem Thurm zu Siloam bis zum Erdsturz von Zug ist nur eine Kette von Unfällen, welche die Sorglosigkeit der Menschen hat verschuldet. Und schauen wir vorwärts in die \ Zukunft, dann kommen wir zu der eben so sicheren Ueber- 1 zeugung: kein Mensch wird klug durch Andrer Schaden, er spüre ihn denn am eigenen Leibe!

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