Nr. 280 Zweites Blatt. Donnerstag den 29. November
1894
Der
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Feuilleton.
Aberglauben.
Nach einer französischen Idee von A. Hill. (Fortsetzung.)
„Stein Herr — Herr — ?"
„Bröfigke, Ihnen zu dienen."
„Ach ja, richtig, Brösigke. — Nein, ich befinde mich sehr wohl, nur Appetit habe ich — einen wahren Wolfshunger — hahaha! — Sie auch — was?"
Herr Brösigke lachte ebenfalls. Ein breites, wohl- behaglicheS Lachen.
„Ich bin einer von den Glücklichen," sagte er dann, „die stets eines ausgezeichneten Appetits sich erfreuen — auch heute mache ich keine Ausnahme."
„Mein lieber Herr Bröfigke," rief ich nun rasch entschlossen, „speisen wir heute zusammen. ES ist lange her, seit wir unS nicht gesehen —"
„Zwei Jahre," unterbrach mich mein neuer Freund.
»Zwei Jahre. Damals, als Sie Lieutenant von Dömel besuchten, der so böse darniederlag —"
„Aber ja, — das war ja bei ihm, wo ich Sie kennen lernte. Unsere Bekanntschaft war freilich nur flüchtig — doch, ich weiß nicht, wie eS kommt. — Sie find mir so sympathisch. Lassen Sie uns Freundschaft schließen, Doctorchen. Sie begleiten mich jetzt zu meiner Familie — ich stehe nämlich im Begriff, mich zu verheirathen — und verbringen ein Paar heitere Stunden mit uns — wollen Sie?"
Doctor BröfigkeS ohnehin schon röthliche Gesichtsfarbe schillerte ins Violette. Stürmisch erfaßte er meine Hand und drückte fie wie in einem Schraubstock. Noch nie hatte ich so grose Hände gesehen, wie die seinigen. Die Natur schien sich sür die sonstige Kleinheit des Männchens an diesen Händen entschädigt zu haben. Bei näherer Betrachtung schien mir auch daS Aeußere des DoctorS nicht gerade distinguirt. Aber was lag daran? Gelehrte Leute halten oft nicht viel auf sich. — Lieutenant von Dömel, der sür
sehr wählerisch im Umgänge bekannt war, hatte ihn empfangen, und zudem — blieb mir denn eine Wahl? Ich faßte ihn also unter den Arm und eilte mit ihm zum Hause meiner Schwiegereltern. Unterwegs erbat er fich von mir die Erlaubniß, fich gleich nach dem Effen verabschieden zu dürfen, da er noch von einem Patienten erwartet würde. Mil Freuden sagte ich ihm daS zu.
Als wir einrraten, waren sämmtliche Familienmitglieder bis auf Cousine Emma versammelt. Aller Augen richteten fich auf mich, man ließ mich Revue passtren. O weh l
Meine Schwiegermutter kommt auf mich zu.
„Erlauben Sie, Mama, Ihnen meinen Freund Doctor Brösigke vorzustellen?"
„Seien Sie mir willkommen, mein Herr. Es freut mich, Sie bei uns zu sehen." Und mit verbindlichem Lächeln nimmt sie seinen Arm.
Trotzdem Frau Emma immer noch nicht gekommen, geht man zu Tische. Im Speisesaal bekommt Bröfigke seinen Platz neben einem alten Onkel, der ein steife- Bein hat, und einer tauben Tante angewiesen. Bedeutungsvoll flüstert meine Schwiegermutter dem Doctor zu: „Zwei interessante Fälle, Ihre Nachbarn. Mancher Ihrer Collegen wurde seither schon zugezogen, bis jetzt leider umsonst. Vielleicht, daß Sie —"
Sie kam nicht dazu, ihren Satz zu vollenden. Gerade als Bröfigke fich mit liebenswürdigem Lächeln niedersetzen wollte, kam ihm Janchen, welches seiner Herrin gefolgt war, unter die Füße und er versetzte ihm einen höchst unsanften Tritt. Der Hund stieß ein jämmerliches Geheul aus. Meine Schwiegermutter strafte ihren Gast durch einen höchst mißfälligen Blick. Die ganze Familie schaorte sich um Janchen und die bereits aufgetragene Suppe ward kalt. Da schellte es. ES wird Emma sein. Nein, eS ist eine Depesche:
„Habe ausgerechnet, daß wir zu dreizehn wären, komme daher erst nach Tisch. Emma."
Meine Schwiegermutter wird todienblaß, ihr Gatte feuerroth. Alle — denn die Familie ist durchweg sehr aber- gläubisch — scheinen beunruhigt, nur Brösigke nicht. Mit
Behagen leert er sein Glas, immer größere Portionen legt er fich vor. Kann denn ein Mensch nur so viel essen? Und wie kam ich nur dazu, dieses Ungethüm mitzubringen, diesen Fremden, der fich von wildfremden Leuten einladen läßt! O, ich war innerlich außer mir! — — — So geht eß ja immer. Ist unS Jemand von Nutzen, so übersehen wir alle- andere an ihm, doch sobald er unS im Wege ist, erblicken wir nur seine Fehler.
Nach und nach ward die Stimmung eine bessere. Der Doctor unterhielt sich angelegentlichst mit seinem Nachbar. Von was mögen sie nur reden?
„Aber zum Kuckuck," hörte ich den Onkel sagen, „ich habe keine. Mein Bein ist durch einen Schuß steif geworden."
„Jedermann hat welche," beharrte der kleine Mann, „man will eß nur nicht Wort haben. Und welche Leiden können daraus entstehen — ich weiß eS, denn ich habe schon unzählige Füße unter meinen Händen gehabt. Ich brauche nur Jemand anzusehen und ich weiß, wo ihn der Schuh drückt. Deßhalb sage ich Ihnen auch — Sie alle hier, die ganze ehrenwerthe Gesellschaft ist damit behaftet. Aber trotzdem sind Sie doch alle sehr liebenswürdige Herrschaften und ich kann eS mir nicht versagen, Ihnen ein „Hoch" dar- zubringen, bevor ich scheide."
Nach diesen Worten klopfte er anS GlaS, erhob fich und sagte mit dröhnender Stimme: „Meine Herrschaften? Ich werde die schönen Stunden, die ich mit Ihnen verlebte, nie vergessen und Ihnen stets dasür erkenntlich sein. Sollten Sie je meiner bedürfen, so rufen Sie mich — ich komme mit Freuden. Hier ist meine Karte, auf welcher Sie meine Adresse finden werden. Und nun, bevor ich scheiden muß, laffen Sie mich noch einmal auf baß Wohl von Ihnen allen trinken, — meine lieben neuen Freunde, fie leben bod)!1 Er leert sein Glas, verläßt den Saal und eine Minute später fällt die Hausthüre hinter ihm zu.
Hätte fich jetzt nur die Erde aufgethan, mich zu verschlingen!
(Schluß folgt.)
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