Ausgabe 
29.9.1894 Zweites Blatt
 
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Nr. 228 Zweites Blatt.

Samstag den 29. September

1894

Der Siebener -«rriger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

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Gießener Anzeig er

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Vemnischtes.

Berlin, 25. September. In der frühen Morgen stunde hat der Zeichner Brüßler sich und sein dreijähriges Kind in seiner Wohnung, Markgrafenstr. 83, wegen NahrungS- sorgen vergiftet.

Berlin, 26. September. Ueber ein Geschenk für die kaiserlichen Prinzen beim Kaiserbesuch in Thorn wird derPoft" von dort geschrieben: Bei der Aufstellung der Gewerke anläßlich des Einzugs des Kaisers in die Stadt Thorn am SamStag Abend hatte auch daS Personal der Honigkuchen Fabrik von Hermann Thomas Aufstellung ge­nommen. Die kleidsamen Costüme der Conditoren erregten besondere Aufmerksamkeit, mehr aber noch ein von der Fabrik eigens zum Kaisertage hergestelltes Psefferkuchenhäuschen, das von vier Conoitoren bei der Spalierbildung getragen wurde. Der Kaiser fand daran solchen Gefallen, daß es sofort als Geschenk für die kaiserlichen Prinzen nach Potsdam gesandt werden mußte. DaS Häuschen ist aber auch ein wahres Kunstwerk, etwa 2 Meter lang und 1 Meter hoch und wiegt 2i/< Centner. Wände, Dach, Fenster, alles ist abgesehen von einem Holzgerüst aus Zucker oder Chocolade her- gestellt. Für mehr als 500 Mk. Material ist in dem Häuschen verarbeitet, auf besten Dach sich ein Firmenschild aus Choco­lade befindet.

* Biedenkopf, 26. September. Ein Riesenschwein schlachtete hier der Metzgermeister Carl Unkel II., Hainstraße. Das Prachtexemplar, welches aus der Zucht deS LandwirtheS Chr. Schneider in Oberdieten stammt und noch nicht ganz l1/» Jahr alt war, hatte ein Gewicht von 512 Pfund.

Cobleuz, 26. September. Nur durch große Geistes­gegenwart ist der Gemeindeförster von Oberheimbach dem Tode durch Wilderer entgangen. Nach einem Berichte derCoblenzer Zig." traf der Förster drei junge Leute beim Wildern- sofort legte einer der Wilderer aus den Beamten an, allein mit Geistesgegenwart kam dieser dem Angreifer zuvor und streckte ibn durch einen Schrotschuß nieder. Durch Schreck gelähmt, leisteten die beiden anderen Wilderer keinen Widerstand. Die Verwundung des einen Wilderers erwies sich später als nicht gefährlich.

Köln, 26. September. An einem Neubau brach heute ein Gerüst zusammen, wobei eine Anzahl Maurer in die Tiefe stürzte. Ein Familienvater blieb tobt, zwei weitere Arbeiter wurden nicht unbedeutend verletzt.

* Este», 22. September. Aus der Krupp'schen Gußstahl­fabrik ist vor einiger Z<it eine neue Zählung der Arbeiter

Feuilleton.

H e r b fl.

Des Laubes Färbung und Fallen.

Von Dr. Otto Gotthilf.

(Nachdruck verboten.)

Wenn erst die Blätter sich verfärben und die Bäume immer kahler und durchsichtiger werden, dann ist es vorbei mit den Freuden im Freien, man zieht sich wieder zurück in das gemüthlich warme Zimmer, tritt hoffnungsvoll ein in die Saison der Concertk, Bälle und Kränzchen. Da hat Niemand mehr Muße, an das dürre Herbstlaub zu denken, nur der Dichter verarbeitet es alljährlich als willkommenes Symbol der Vergänglichkeit. Und doch ist es höchst interessant, auch einmal von einem anderen Gesichtspunkte aus des Laubes Verfärben und Fallen anzusehen und Ursache und Wirkung genauer zu erforschen.

Tritt man im Spätherbst eines schönen Morgens hinaus in den Garten und sieht die hängenden Köpfchen der Blumen und Pflanzen, die welken, gelbbraunen Blätter der Bäume, dann sagt man meist traurig: Die sind heute Nacht erfroren, sie sind eben gegen Frost gar zu empfindlich. Betrachtet man aber ein Thermometer, welches die niedrigste Temperatur der Nacht verzeichnet hat, so ist man erstaunt, zu sehen, daß es zwar in der Nacht ziemlich kühl war, aber noch lange nicht zum Frieren gekommen ist. Erfroren können also die Pflanzen nicht sein. Ja, aber warum sind sie denn so plötzlich gclb und welk geworden?

Durch die niedrige Nachttemperatur ist das Erdreich, in welchem die Pflanzen wurzeln, sehr abgekühlt worden und daher haben die Saugwurzeln ihre Thätigkeit erheblich ein­geschränkt, denn sie bedürfen zur vollen Arbeit einer gewiffen Wärme. Sie saugen nicht mehr die für die Pflanzen nöthigen Stoffe, besonders nicht mehr genügend Waffer aus dem Boden auf. Da nun aber die Blätter Tag und Nacht viel Flüssigkeit verdunsteten, ihnen jedoch während der Nacht kein

und Beamten und der Familien-Angehörigen derselben vorgenommen worden. DaS Ergebniß der Zählung war folgendes: Jnsgesammt wohnten in Krupp'schen Wohnhäusern 5731 Beamte und Arbeiter mit 15581 Familien-Angehörigen, also zusammen 21312 Personen, in eigenen Häusern 701 Be­amte und Arbeiter mit 2404 Familien-Angehörigen, zusammen 3105 Personen, und in fremden Mietshäusern 10744 Be­amte und Arbeiter mit 25 673 Familien-Angehörigen, zu­sammen 36417 Personen. Im Ganzen sind auf der Fabrik u. s. w. beschäftigt 17176 Beamte und Arbeiter, welche 43658 Familien-Angehörige zählen, sodaß sich die Gesammt- zahl der Werkangehörigen mit den Familiengliedern auf 60 834 Seelen beziffert.

* Benrath, 25. September. Als gestern ein Ketten- Kämpfer bergwärts fuhr, legte sich die Kette über den an­hängenden Nachen, einen sogen. Flieger; um den Nachen freizumachen, stieg der Schiffsjunge hinein, wurde aber von der Kette erfaßt und in den Fluß geschleudert. Der Unglückliche verschwand sofort in den Wellen, die Leiche wurde noch nicht gefunden.

* Plauen, 22. September. Ein hiesiger Lehrer gab einem Schüler, welcher eine schriftliche Arbeit fehlerhaft ge­fertigt hatte, das betreffende Heft mit nach Hause zu dem Zwecke, die Unterschrift des Vaters unter die Arbeit zu er­wirken. Der Vater schrieb unter die Arbeit:Lehrer seine Schuld". Wegen dieser Bemerkung wurde der Vater in der gestrigen Sitzung des Schöffengerichts zu achttägiger Haft verurtheilt.

Wien, 27. September. Bei den Wasserleitungsarbeiten wurden 4 Arbeiter verschüttet. Einer wurde tobt, die drei anderen schwer verletzt hervvrgezogen.

* Daß derSegen der Coucurreuz" nicht nur in der Großstadt, sondern auch in den kleinsten Provinzialstädten wunderbare Blüthen treibt, zeigen wieder einmal in recht auffallender Weise zwei Inserate in derGenthiner Ztg." In derselben empfiehlt eine Schuhwaarenfabrik in Burg lederne Damenzugstiefel für 2,20 Mk., Herrenzugftiefel für 3,20 Mk , und berechnet für das Besohlen und Beflecken der von ihr gekauften Schuhwaaren, für Kinderstiefel 15 bis 40, Mädchen- und Knabenstiefel 5070, Damenstiefel 80 Pfg., Herrenstiefel 1,20 Mk. Auf derselben Seite aber steht noch folgendes Inserat von einem Geschäftsnebenbuhler: Achtung! Noch billiger als billig! Herrensttefelsohlen und -Absätze von l,10Mk. an und eine Cigarre zu- Damenstiefel­sohlen und -Absätze von 75 Pfg. an und eine Zucker- Cigarre zu". Auf nach Burg!

Citeratur und ICnnft.

- et. HrrbrrtirS, illustrirte Zeitschrift für Jagd und Hunde­zucht, Fischerei und Naturkunde. Verlag von Paul Vchettlers Erben, Göthen (Anhalt). Die neueste Nummer dieser ausgezeichneten Jagd- zeitschrifl bringt wieder eine Reihe ebenso hochinteressanter als lehr- : reicher Artikel und beweist unS sohin in Wort und Bild ihren ge- i diegenen Werth. Allen Jägern, Jagd- und Hundeliebhabern kann daher ein Abonnement dieser wirklich vorzüglichen Jagdzettfchrtit, deren Preis ein sehr billiger ist, das Quartal kostet durch die Polt bezogen nur 1.40 Mk. frei in das Haus, wirklich empfohlen werden. Die Expedition desSt. Hubertus", Paul Schettlers Erben j Eöthen (Anhalt), versendet gern Probenummern umsonst und portofrei.

In. würdigster Weife, welche gleichzeitig das Bestreben I verräth, dem gebildeten Les» Publikum in actuellen, von Fachgelehrten gelieferten pupulär-wtssenschaftlichen, sowie in belletristischen Beiträgen i erster Schriftsteller nur das Beste zu bieten, beschließt das soeben : erschienene 28. Heft der beliebten Familienzeitschrtst »Universums ; seinen 10. Jahrgang. Das Textmatertal des uns vorliegenden Heftes ; ist abermals ein äußerst reichhaltiges und interessantes, wie denn 1 überhaupt in Verbindung mit der glänzenden illustrativen Ausstattung ! die Zeitschrift sich thatsächlich als ein Universum der Unterhaltung und des WtffenS darstellt, weshalb wir ein Abonnement auf dieses vorzügliche Familienblatt nur wiederholt aufs Wärmste empfehlen können. Das Programm des neuen Jahrganges ist mit derselben ( Sorgfalt zusammengestellt. Namen wie Ganghofer, mit veffea neuestem RomanSchloß Hubertus" der 11. Jahrgang beginnen soll - ferner Rosegger, von Ompteda, H. Heiberg, Eufemia von Adleröfeld-Ballestrem, Rud. Lindau, E. von Wolzogen und viele andere bürgen für die Gediegenheit der zu erwartenden weiteren , Beiträge. _______________

Für meine Freunde. Lebens-Erinnerungen von Jac. . Moleschott. Hochelegant ausaestattet, mit Porträt Moleschotts in i Heliogravüre. 8°. 21 Bogen. Preis drosch. 6.50 Mk., in gediegenem Halbfranzband 8 Mk. Unter dem bescheidenen Titel LebenS-Erinner- unaen für meine Freunde" hat der im vorigen Jahre am 20. Mat ' in Rom verstorbene berühmte Gelehrte, Universitätslehrer und italienische Senator Moleschott, ein anziehendes und geistvolles Gemälde seines Werdens und Schaffens von seinem frühesten Ktndes- alter bis herauf zu den Früchten seines reich und vielseitig entwickelten Geisteslebens hinterlassen, das die europäische Gelehrtenwelt wie das « gebildete Latenthum in gleicher Weise mit lebhaftem Interesse erfüllen dürfte. Wer jemals aus dem geistigen Born MoleschottS, des be- : rühmten Physiologen, geschöpft hat, der empfindet im Voraus den Retz eines Buches, in dem sein Verfasser die mannigfach ineinander verschlungenen Lebensbeziehungen als Wirkung einer so glänzend gearteten Geistesentwicklung mit derselben Treue und Wahrheit I gleichsam unter der Lupe aufdeckt, die ihn bei seinen wissenschaftlichen , Darstellungen so glorreich auszetchnen. Die rührende Bescheidenheit in der Selbstbeurtheilung, von welcher das Werk durchweht ist, ver­bunden mit dem tiefen sittlichen Ernst und dem ungetrübten Sinn für Wahrheit, der auch vor dm äußersten Consequenzen des wissen­schaftlichen Denkens nicht zurückweicht, im Gewände einer anmuthtg fesselnde-', lichtvollen, jeden gelehrten Prunkes ermangelnden Dar­stellung, erheben diese Arbeit in ihrer Art zu einer Perle deutscher * Literatur.

Ersatz durch die Wurzeln zugeführt worden ist, so mußten fie natürlich vertrocknen.

Die hauptsächlichste Ursache des Welkens der Blätter ist also eine Gefährdung der Ausdünstung, der Transpiration. Man kann dies auch experimentell nachweisen. Wenn die Erde in einem Topfe, in welchem eine lebhaft transpirirende Pflanze, z. B. eine Melone, kräftig wächst, nur bis auf einige Grade über dem Nullpunkt abgekühlt wird, so tritt nach kurzer Zeit ein Welkwerben des Laubes ein unb zwar auch bann, wenn ble Feuchtigkeit bes Bodens und ber Luft, sowie die Temperatur ber letzteren für die Pflanze noch voll­kommen hinreichend ist. Die Blätter verwelken einfach deshalb, weil ber durch bie Transpiration verursachte Wasserverluft von ben burch bie Kälte des Bodens unthätig gewordenen Wurzeln nicht mehr ersetzt werden kann.

Eine merkwürdige, aber ganz natürliche Folge dieser Erscheinung des Welkwerdens ist ferner die bekannte That- sache, daß auf den Höhen der Gebirge die Pflanzen viel früher welken, als im Thale und in den Niederungen. Eigentlich sollte man das Gegentheil erwarten, da ja in den höheren Gebirgslagen der Boden erst viel später von Eis und Schnee befreit wird und die Pflanzen also auch bedeutend später zum Grünen und Blüben kommen. Bedenkt man z. B., daß in den Alpen die Lärchenbäume und die Heidel- beergebüsche an der oberen Grenze der Wälder ihre jungen grünen Nadeln und Blätter ungefähr einen Monat später hervorschieben, als in den Thälern, so sollte man erwarten, daß dieser langen Verzögerung im Beginne der Entwickelung auch eine ausgiebige Verspätung im Abschluffe der Jahreszeit entsprechen und daß der Laubfall an der oberen Waldgrenze auch um einen Monat hinausgeschoben sein würde. Dem ist jedoch nicht so. Dieselbe Lärchenart, welche hoch oben am Bergesabhange um mehrere Wochen später grün geworben ist, wirb doch im Herbste schon wieber um mehrere Wochen früher gelb, und wenn die Heidelbeergebüsche in der Thal­sohle noch mit dunkelgrünen Blättern geschmückt sind, leuchten die Gebüsche derselben Art ans den Lichtungen der Wald-

streifen an der oberen Holzgrenze schon in tiefem Purpur. Aber in jenen höheren Gebirgsregionen stellen sich eben auch Reif und Schnee viel früher ein und wenn letzterer auch an den sonnigen Stellen wieder schnell abschmilzt, so wird doch durch das Schneewasser der Boden bedeutend abgekühlt. Zudem nimmt die Länge der Tage rasch ab und die Sonnen­strahlen vermögen die Wärme, welche dem Erdreich in den länger gewordenen Nächten durch Strahlung verloren geht, nicht mehr zu ersetzen. So sinkt die Temperatur des Bodens, in welchem die Pflanzen wurzeln, rasch herab, und die nächste Folge davon ist die Arbeitseinstellung der Saugwurzeln, die weitere Folge das Verfärben, Welken und Abfallen der Laub- blätter, welche den Transpirationsverlust nicht mehr zu ersetzen vermögen.

Umgekehrt müssen aus demselben^Grunde bte Baume in solchen Gegenden und Ländern, wo die Erdkrume auch zur Herbst- und Winterzeit etwas sommerliche Wärme zurückbehält, noch im grünen Laubschmuck prangen, wenn ihre Brüder tm Norden nur noch welke Blätter aufzuweisen haben oder gar schon völlig entlaubt sind. Dies hat in der That Professor Kerner von Marilaun in einer Mulde nächst der Solfatara bei Neapel beobachtet. An jener Stelle ist der Boden das ganze Jahr über ziemlich warm und stets etwas feucht.

Unter dem Buschwerke verschiedener südlicher Sträucher gewahrt man dort auch einige Exemplare der gewöhnlichen Stieleiche (Quercus pedunculata), deren Laub sich bekanntlich bei uns verfärbt und im Winter abfällt. An den erwähnten Exemplaren bei der Solfatara hingegen fand Kerner noch Ende April das Laub des verflossenen Jahres schön grün und fest an den Zweigen haftend, obschon bereits neues Laub aus den Knospen hervorzusprießen begann.

Diese Wahrnehmung zeigt also deutlich, daß trotz der vorgerückten Jahreszeit das Welken der Blätter dann nicht erfolgt, wenn das Erdreich warm genug ist, um die Saug« wurzeln in ihrer Thätigkeit nicht zu hindern.

(Schluß folgt.)