1894
Nr. 149 Zweites Blatt. Freitag den 29. Juni
Der GUfttetr Artiger erscheint täglich, mit Ausnahme de- Montag-.
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Gießener Anzeiger
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vernrtschter.
* Berlin, 27. Juni. Heute Mittag wurden durch eine Benztnexplosion in einer Droguenhavdlung zwei Personen schwer verletzt.
* Sonderburg, 26. Juni. Aus einer von den Offizieren deS 3. Bataillons deS Regiments „Königin" veranstalteten Treibjagd erschoß der Lieutenant Müller durch unglücklichen Zufall seinen eigenen Burschen.
* München, 26. Juni. In der WittelSbacherstraße stürzte ein Radfahrer mit seiner Maschine die User« böschung hinab in die stark angeschwollene Isar und sank sofort unter.
• Die größten Bahnhofshallen in Europa. Kürzlich wurde der neue Bahnhof in Köln ohne große Festlichkeiten dem Verkehr übergeben. ES dürfte nun interessieren, in welchem Größenverhültnisie die Bahnhöfe Europas zu einander stehen und geben wir folgend eine kurze Uebersicht: Unter den Bahnhofshallen (Bahnsteighallen) in Europa ist die in Frank« furt (Main) die größte. Dieselbe besitzt 31 248 Qm. bedeckte Fläche und zeigt drei Schiffe von je 186 Meter Länge, 56 Meter Breite und 28,6 Meter Firsthöhe. Nach dieser Riesenhalle kommt die des Personenbahnhofs in Köln a. Rh. Diese ist 255 Meter lang, 92 Meter breit und 24 Meter hoch} sie bedeckt eine Grundfläche von 23 460 Qm. und besitzt ebenfalls 3 Schiffe, deren mittleres eine Breite von 65 Meter hat, jedes Seitenschiff ist 13,5 Meter breit. Das Mittelschiff in der Kölner Bahnhofshalle ist allein ungefähr 4,3 Meter breiter als die ganze Halle des Anhalter Bahnhofs in Berlin. Nach diestn beiden deutschen Bahnhofshallen kommen die Hallen des St. Pancras - Bahnhofes und der Cannon Street Station in London, sowie der Midland Station in Manchester. Erst hinter diesen fünf Hallen kommen der ‘ Größe nach diejenigen der Bahnhöfe in Berlin, welche man fälschlich vielfach für die größten Bauwerke dieser Art hält. Die größte Halle in Berlin ist die des Anhalter BahnhoseS ‘ mit 10 185 Qm. überdeckter Fläche, 167,5 Meter Länge, 60,7 Meter Breite und 34,2 Meter Höhe. Dann folgt die Halle des Lehrter Bahnhofes mit 6670 Qm. und die des Potsdamer BahnhoseS mit 6020 Qm. überdeckter Fläche.
* Drei Aufsätzcheu vou „seinem Dümmsten" theilt ein Lehrer in der Monatsschrift „Praxis der Volksschule" mit. Sie lauten: 1) LebenSlauf. Mein Vater heißt Wilhelm
und meine Mutter Krötchen. Mein Vater ist ein Taglöhner | und mein ältster Bruder ein Backsteinmöger. Meinem Vater fein Bruder lebt noch und ist mein Unkel. Ich hatte eine Schwester, die ist an einer Krankheit gestorben, die hieß Marie. ES ist mir auch ein Bub gestorben, der hieß Heinrich. Wie ich klein war, habe ich zwei Erdstöße erlebt, und feit vier Jahren gehe ich in die Schule. 2) Unser Wohnzimmer. Unser Wohnzimmer ist oben hinauf. ES ist zwölf Schritt lang, acht Schritt breit und fünf Schritt hoch. ES ist getapezirt. An den Wänden henken daS Luhterdenk- mahl, drei Pfeifen, Kaiser Friedrich und ein Kanalgenvogel. Unser Wohnzimmer hat eine Thür und drei Fenster, zwei auf die Gaß, eins hinten naus. In unferm Wohnzimmer wird gegeffen, getrunken, geschlafen und gearbeit. 3) Meine Pftngstferien. Ich war einmal im Wald. Ich war einmal in der Kihrche. Ich war einmal im Holzheimer Häuschen. Ich war einmal in Oranjenstein. Ich war einmal in Diez. Ich war einmal in LÜmmburg. Ich war einmal beim Metzger und beim Schuster. Ich war einmal beim Becker. Ich hab viel Spaß gehabt. Jetzt tstS forrbei.
* Immer geschäftsmäßig. Kaufmann (dem ein Söhnchen geboren wurde): „Minna, geben Sie mir rasch meinen Ausgeherock! Ich muß aufs Standesamt, damit der kleine Max gebucht werde!"____________________________________
Literatur und Knnft
— Die zielbewußte Planmäßigkeit in dem wettern Ausbau der Sammlung von .Meyer- Bolk-bLchern* kennzeichnet der Inhalt der soeben auSgegedcnen neuen Folge Nr. 1037—1056. Von besonderem Interesse ist daraus Joh. Fischart«, des berühmten, wttzsprudelnden Satirikers burleske« „Jesuitenhütleln" (Nr. 1055). Die wunderbare Welt des schlichten Volksliedes erschließt „Des Knaben Wunderhorn" Alte deutsche Lieder, gesammelt von L. Achim von Arnim und Clemens Brentano (Band I, Nr. 1041/45; Band II, Nr. 1046/50; Band III, Nr. 1051/54). Kein Geringerer als Göthe war eS, der dieser Fundgrube duftiger Lyrik gleich bet ihrem ersten Erscheinen hohes Lob spendete. — An Erzeugnissen ausländischer Literatur bringt die neue Folge von Meyers Volksbüchern in Nr. 1040: Ed. Bellamy, Mit geschlosienen Augen — Ein Schiffbruch. Aus dem Englischen von O. Dtttrtch. Bellamy, der Verfasser des berühmten „Rückblicks aus dem Jahre 2000" (vergl. Meyer« Volksbücher 9tr. 830/33), bietet mit den vorstehenden anstehend und fesselnd geschriebenen Skizzen eine ausgezeichnete Unterhaltungslectüre für Bader, Sommerfrischm, Etsenbahnsahlten rc. — Die in den voraufgegangenen Serien fo beifällig aufgenommenen Clafstkcr - Biographien sind fortgesetzt mit Nr. 1038: Ludwig Fränkel, Ludwig Uhlavds Leben und Werke, und 1039: Hans Zimmer, Theodor Körners Leden und Werke, während die Gesetzes
sammlung in .Meyer« Volksbüchern" durch den Inhalt der 9tr. 1037 „Allgemeine deutsche Wechselordnung und Wechselstempelfieuer-Oesetz" (TextauSgabe mit Anmerkungen und Sachregister), eine werthvan« Bereicherung erfahren hat. — Nr. 1056 beschließt die neue Folge mit einer kleinen Monographie über „Die Pferde und Esel , einem reizvollen und interessanten Abschnttl au« Brehm« metsterhaster Darstellung de« ThterlebenS. — Die Sammlung von „Meyer« Volk«-: büchern" verdient Jedem auf« Wärmste empfohlen zu werden, der von dem Verlangen nach Bildung und Erwetlrrurg feine« Wtsien« beseelt ist. Preis jeder Wummer geheftet und beschnitten nur 10 Psg
— .Wiener Mode.* Vor un« liegt da« schöne Heft, mit welchem daS Sommrrquartal der .Wiener Mode" beginnt. Der Umschlag, je zwei reizende Toiletten enthaltend, scheint un« in Bezug auf die Ausführung in leuchtenden Farbentönen noch gelungener alS gewöhnlich; er bezeichnet eine technisch höchst tnterestante Neuerung, eine Vereinigung deS Holzschnitte« mit der Chromozinkographie, wodurch bisher unbekannte Effecte erreicht werden. Wieder ein Beweis für da« unermüdliche Streben nach Vervollkommnung, dem die »Wiener Mode" ihre tonangebende Stellung verdankt.
- .«4. Hubert«-.* Jllustrirte Zeitschrift für Jagd und Hundezucht, Fischerei und Naturkunde. Verlag von Paul Schelt« lerS Erben, Eölhen, Anh. — „Der Kaiser aus der Auerhabniad", so betitelt sich ein Artikel in der neuesten Nummer der vorzüglichen Jagdzettschrist „St. Hubertu«", der wohl bet jedem weidgerechten deutschen JägerSmann da« größte Interesse erregen dürfte, da ber» selbe nicht nur den Birschgang deS allerhöchsten Weidmannes in Kaltenborn schlldert, sondern ihn unS auch als tüchtigen Schützen auf Scheibe und Thontauben vorführt. Eine zu dem Artikel gehörende Illustration zeigt uns den Kaiser auf Thontauben faßend, eine andere stellt den Moment dar, wo derselbe von dem Scheibenstand zurückkehrt, während die Herren de« Gesolge« die gutsitzenden Schüsse bewundern. DaS „Anblatten des Rehbocks" nennt sich eine auS der Feder des allbekannten bewährten Jagdschrtftsteller« Raoul Ritter von TombrowSki stammende Abhandlung, die nicht nur fach und zeitgemäß ist, sondern auch für jeden Weidmann praktische Rattz- schläge enthält. Wad) den Artikeln .Reisebriefe au« Nordamerika , „Die Forelle", „Wtldentenjagd auf dem Haff", Stretfzüge durch Wald und Feld (VII. Haubentaucher)" folgen die Abthetlungen Rucksack, Halali, WUddiebsgeschtchten, sowie eine Rath und Auskunft er- theilende Jagdpost. Die vier Seiten umfassende Rubrik „Bon unseren Hunden" beweist, daß der „St. HubertuS" auf dem Gebiete der Kynologie ganz Hervorragende- leistet und bestrebt ist, da« Möglichste zu bieten. Eine große Anzahl prächtiger Illustrationen, darunter mehrere in vorzüglich ausgefühltem Farbendruck, der jebem Salonblatt zur Ehre gereichen würbe, schmücken die Nummer. Wahrlich, solch eine Reichhaltigkeit beweist un« bte Güte unb Gediegenheit dieser Zeitschrift und wollen wir nicht verfehlen, alle Weidmänner und Hundeliebhaber auf diefelbe aufmerksam lu machen, sowie ihnen ein Abonnement zu empfehlen, das am besten bei der nächsten Postanstalt bewerkstelligt wtrd, welche den „St. Hubertu« für Mk. 1.40 pro Vierteljahr frei in« Hau« liefert. Probenummern sind zu jeder Zeit von der Erpedition in Cöthm (Anhalt) kostenlos zu beziehen.
B
Feuilleton.
I n letzter Stunde.
Erzählung von C. o. Falkenberg.
(Nachdruck verboten.)
Das war ein Halloh in Langcndorf, als Velten Steffens, der junge Erlenhofbauer, die schöne Lene, Tochter des Doppelhofbauern auS Rothhausen, zum Weibe nahm. Obwohl die Hochzeit nach altem Herkommen drei Tage lang in der Heimath der Braut festlich begangen ward, erhielten doch Langendorf und der Erlenh.of auch ihr gutes Theil von den Festlichkeiten beim Einzug der jungen Bäuerin; da ward geschaffen, gejubelt, getrunken, gegeffen und getanzt, daß allen der Kopf schwirrte. AlS der würdige Pastor aber den über« müthigen Belten bei Seite nahm und auf den Spruch deutete, den des Bauern seliger Vater hatte in die Etchenbalken des Erlenhofes emmeißeln laffen: „Der Herr soll deinen Eingang und AuSgang behüten ewiglich!" da zuckte der Hof. befitzer die Achseln und sagte spöttisch: „Wie, Herr Pastor, Sie wollen uns wohl die Freude nicht gönnen? Meinen Sie, daß unser Herrgott keine fröhlichen Gesichter leiden
Sie haben mich ganz mißverstanden," entgegnete ruhig der ehrwürdige Psnrrer, ,id) will Ihnen und Ihren Gnften die Freude nicht verderben, aber eS thut auch Noth, daß man an Gott denkt." .
Der Bauer biß sich auf die Lippen und memte dann. „Nach Zeit und Umständen, Herr Pastor- jetzt, dacht ich, wären wir beim Tanzen und nicht bei der Predigt.
Der Pfarrherr ging betrübten Herzens. Der eteffen« aber mit seinen Gästen setzte die Lustbarkeiten fort und Mancher wankte erst am Morgen mit schwerem Kopfe, mit müden Beinen und wehem Magen heim.
Diese eine Hochzeit gab daS Bild der neuen Ehe im Dorfe. Man hörte von den Steffens nichts, was gerlwezu böse oder schlecht war- aber Gutes redeten die Nachbarn von ihnen auch nicht. Der Erlenhof machte, wie man sagt,
ein großes Haus und allsonntäglich zogen dort Gäste ein und auS oder man machte per Wagen hier und dort Besuche. Aber immer lustig gingS da zu, das wußte Jedermann. — Nach Jahren hatte sich die Familie SteffenS um zwei Söhne vermehrt und der stolze Bauer pflegte zu sagen: „Ich kanns ja, ich habS ja."
Diele wollten schon wiffen, daß Velten einen zweiten Hof kaufen wollte - andere meinten, dazu reiche doch sein Geldbeutel nicht auS, denn daS Leben im Erlenhof kostete viel. Die Knaben wurden darüber zehn und acht Jahre alt. Jacob, der ältere, der Erbe des ErlenhofeS, war wie fein Vater, redegewandt, flüchtig, leicht zum Zorne gereizt, dabei aber oberflächlich im Lernen und fürs Aeußerliche eingenommen- schöne Pferde, edles Vieh, seltenes Geflügel, daS war feine Passion- Christoph, der jüngere, war still, fleißig im Lernen, voll tieferen Sinnes, liebte Bücher und Musik und galt daher für einen Bücherwurm. Auch war er beständig der Sündenbock Jacobs, wennS an Strafen ging.
DaS war nun ein Leben, als der arme Christoph sich eines Tages durch einen bösen Zufall daS Bein brach. Wie tobte der Erlenhofbauer, wie heulte die Bäuerin! Nur der alle Cantor Zimmermann hatte den Muth, zu fagen: „Was Gott thut, Herr SteffenS, da- ist wohl- gethan, — hoffen wir noch daS Beste!" DaS Bein heitte, aber eS war kürzer als vorher und Christoph hinkte nun für Lebenszeit.
Der alte Lehrer hatte recht: dieses Kreuz, dieses Unglück war Christophs Glück.
„'S ist nun doch ein Stubenhocker," meinte Belten, „zum ordentlichen Bauern ist er verdorben — na, wollen sehen, was wir für ihn thun können."
Mit einem Male hieß eS, Belten SteffenS habe die Thalmühle gekauft. Es bestätigte sich. Christoph erlernte die Müllerei in der Nahe- Jacob aber kam, jetzt ein schöner junger Mann, auf die Ackerbauschule.
Jahre vergingen. AlS Christoph fick feiner Lache sicher wußte, kehrte er heim und übernahm die Thalmühle - er verstand daS Geschäft und bekam Kundschaft genug.
Eines TageS ward er mündig und nun ließ Belten ihm d,e Mühle als sein Eigenthum zufchreiben. Er bekam auch noch ein ansehnliche« Stück Geld dazu- dabei aber erhärte Velten: „Siehst Du, Christoph, da« ist alle«, mehr hast Du nie zu erwarten. Wie Du Dich nun betten wirst, so wirft Du liegen."
„Ja, Vater, und ich danke auch schön," sagte Christoph gerührt.
„Schon gut- gehab Dich wohl!"
Der Jacob hatte ein halbes Jahr später auch auf der Ackerbauschule „auSftudirt". Aber wie kam der heim! Belten SteffenS mußte manchmal den Kopf schütteln, wenn er alles besser wußte: die Fruchtfolge, die Saatzeit, die Behandlung der Aussaat, die Berbefferung in der Düngung, wenn er vom Ersatz der Natur durch künstlichen Compoft docirte. Die studentische Kleidung, daS viele Biertrinken, eS paßte Belten wohl nicht- aber Jacob war nun einmal der Erb- fohn unb der Liebling des Hauses, der Mutter Stolz. Freilich, der letztere bekam einen argen Stoß, als nach und nach die Rechnungen folgten, die Jacob während feiner Studtrjahre nicht bezahlt hatte, — o weh! Diesmal ge- riethen Vater und Sohn aber denn doch heftig aneinander in der „befferen Stube". DaS Gesinde trug« umher- dann aber legte der Jacob die studennfche Tracht, daS Ver« bmdungSband unb den Sammetrock ab und versuchte mit« zuwirth schäften.
DaS ging noch fo ein paar Jahre hin. Man fah den Jacob oft im Felde, oft aber auch in der Stadt. — Da bekam Langendorf wieder etwas zu erzählen, denn eS war bekannt, daß Jacob SteffenS auf FreierSfüßen wandle. Und richtig, schon anderen TageS lief der Brautwerber mit einem von vielen Seibenbänbern geschmückten Hute im Torfe umher und lud zur Hochzeit ein: der Jacob und Klosterhof- bauerS schöne Eva waren ein verlobtes Paar. Daß nun Betten den Hof abgab unb sich auf daS Altentheil fetzte, war boch natürlich genug.
(Fortsetzung folgt.)


