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Nr. 99 Zweites Blatt. Sonntag den 29. April 1894
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Anrts- und Anzeigeblutt für den Akveis Gieren.
Hratisßeikage: Hießener Aamikienblätier.
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Zur Abrüstungsfrage.
Seit einiger Zeit wird in der europäischen Tagespreise wieder einmal das alte Thema von der Abrüstung Europas behandelt, namentlich seitdem mit dem definitiven Abschlüsse deS deutsch - russischen Handelsvertrages die Bürgschaften für die fernere Erhaltung des BölkerfriedenS eine kaum zu leugnende Vermehrung erfahren haben. Da sich die allgemeine politische Lage gegenwärtig in der That außerordentlich beruhigend auSnimmt, so ist eS schließlich ganz natürlich, wenn die Erörterungen über die Abrüstungsfrage vielfach ungemein hoffnungsvoll gehalten sind und wenn hierbei allen Ernstes die Vermuthung ausgesprochen wird, daß sich Europa in vielleicht nicht mehr zu ferner Zeit seines drückenden Waffen- kletdeS wirklich entledigen könne. Gewiß wäre nun schon vom rein wirthschaftlichen Standpunkte aus der Eintritt einer allgemeinen „Entwaffnung" in Europa höchst wünschenöwerth. Seufzen doch die meisten Völker und Länder unter dem Drucke der hochgesteigerlen Militärlasten, während anderseits daS Erwerbs- und WirthschaftSleben fast überall noch bis zu einem gewiffen Grade darniederliegt. Daneben sprechen auch culturelle, sociale und ethische Gründe für die endliche Herstellung einer dauernden Völkerharmonte auf der Grundlage einer allseitigen Abrüstung, einer Harmonie, die den mancherlei großen gemeinsamen Aufgaben der Nationen Europas wie dem Gedeihen der einzelnen Länder sicherlich nur förderlich sein würde.
Aber so schön und verlockend sich auch der Gedanke einer allgemeinen Abrüstung Europas präsentirr — immer und immer wieder sieben die realen Verhältnisse, die rauhe Wirklichkeit zu mächtig seiner Verwirklichung entgegen. Vor Allem wirken die Grundursachen, welche zu dem heutigen „bewaffneten Frieden" führten, noch immer fort, wenn sie auch im Laufe der Jahre scheinbar mehr und mehr in den Hintergrund getreten sind. In dieser Beziehung ist die bekannte Petersburger Zuschrift in der Wiener „Polit. Corresp." in Sachen der verschiedenen AbrüstungS - Erörterungen auf jeden Fall sehr bemerkenSwerth, denn es wird hierin die wahre Lage der Dinge richtig und treffend characterisirt. Die erwähnte Mittheilung betonte in ihren wesenilichften Punkten, daß trotz der zweifellos aufrichtigen Friedensgesinnungen der Regierungen wie Völker keine Macht selbst nur an eine tbeilweise Abrüstung denken könne. So lange die politischen Ursachen, welche die einzelnen Staaten zu ihren unausgesetzten Rüstungen veranlaßt hätten, noch fortwirkten, so lange vermöge auch keine Macht ernstlich an eine Herabminderung ihrer Heeres- macht zu denken, im Gegenthnle, es müßten etwaige Der- befferungen im Heerwesen des einen oder des anderen Staates sofort auch bei den übrigen Staaten zur Anwendung gebracht werden. Und ganz richtig weist hierbei diese Kundgebung auf den seit den Ereignissen von 1870/71 bestehenden Gegensatz zwischen Deutschland und Frankreich als die eigentliche Ursache deS gegenwärtigen schwer bewaffneten Zustandes Europas hin. Im Lause der letzten Jahre sind zwar die Revanchegelüste jenseits der Vogesen dem äußeren Anscheine nach etwas verblaßt, aber doch lebt nach wie vor in der Seele des französischen Volkes der heiße Wunsch nach Wiedergewinnung Elsaß - Lothringens fort, mag er gleich zur Zeit von den wahren Vaterlandsfreunden wie von den Chauvinisten in Frankreich nur als ein theueres Vcrmächiniß gepflegt werden. Bei der Unberechenbarkeit des französischen Volks- characterS jedoch wird Deutschland vor Allem seinem großen westlichen Nachbar gegenüber auch fernerhin stark gerüstet dastehen müffen, eS wird auch weiterhin an seinen westlichen Grenzmarken gute Wacht zu halten haben, besonders, da Frankreich in seinem Grenzgebiet an den Vo- gesen soeben zur Bildung eines neuen starken Armeerorps schreitet.
Und dann: Wer von den Großmächten sollte denn mit der ^Abrüstung beginnen, wie sollte denn der ganze Modus einer freiwilligen Entwaffnung Europas überhaupt geregelt werden, wo würden die Bürgschaften für die factische und loyale Durchführung einer vielleicht auf einem diplomatischen Gongtebeschließenden Abrüstung sein? Man siehr, auch nach dieser Seite hin stellen sich die Fragen der Praxis und die Verhältniffe der Wirklichkeit dem angeregten Plane als fast unüberwindliche Hinderniffe entgegen und so wird es wohl mit dem jetzigen stark gerüsteten Zustande Europas noch auf lange Zeit hinaus sein Bewenden haben. Immerhin wäre es schon als ein großer Fortschritt zu betrachten, wenn die Völker endlich zum Mindesten auf die bisher unausgesetzten Versuche verzichten wollten, einander in den KriegSoorberei- tungen zu übertreffen.
Dermtfc^tc».
* Eine muthige und freimüthige flernnatur war der seinerzeit in Grünberg in Schlesien seines Amtes als Volksschullehrer waltende „alte Püschel", der am 15. Sept. 1890 im Ruhestande gestorben ist. Dieser Mann hat Zeit seines Lebens in allen von ihm durchgefochtenen Streitigkeiten selbst seinen höchsten Vorgesetzten gegenüber die größte Offenheit gewahrt. Man fand eS bequem, ihn für einen „Sonderling" zu nehmen. Einmal indessen riß der Geduldsfaden und man war geneigt, den Alten für unzurechnungsfähig zu halten. Daß er aber seine fünf Sinne sehr wohl beisammen, zugleich aber auch Herz und Mund auf dem rechten Fleck hatte, werden die Leser aus folgenden Briesen von seiner Hand ersehen. An den Minister von Raumer schrieb er unter dem 10. October 1858: „Aber Herr Minister, das muß ich Ihnen doch sagen: Ehe ich glaube, von Ihnen Hilse zu erlangen, eher glaube ich, daß Gott in den Mond ein Loch macht, aus welchem für meine Familie und mich ganze Hemden, Strümpfe, Schuhe und Kleider herabfallen! Meines Nachbars Jagdhund braucht täglich für drei Silbergroschen Brot, ich habe für eine Person meiner Familie täglich 14*/a Pfennig. Eines Lehrers, der täglich 150 K nder unterrichtet!? Ist das nicht zum Lachen!? O, es ist gräßlich. Weiß so etwas der König??" — Ein Brief an den Minister von Bethmann - Hollweg vom 7. Juli 1861 lautet: „In dieser Stimmung lassen mich der Herr Minister noch einige Gedanken niederschreiben, von dem Standpunkte eines Sterblichen zu einem Sterblichen. Sie halten mich gewiß für einen ungeschliffenen Grobian, aller feiner Regungen bar. Sie irren sich hierin. Ich dränge mich nie zu großen Herren, um mit ihnen Kirschen zu effen; wenn sie aber mir dennoch Stiele und Kerne ins Gesichr werfen, so geschieht dies nicht ungestraft, ich sammele alle zusammen und werfe dann solchen
Unrath mit zehnfacher Kraft zurück. Sie lächeln wohl dazu, wenn ich armer Schulmeister von Ehrgefühl spreche!? Muß man denn durchaus seine Urahnen unter den Raubrittern dell. Jahrhunderts nachwetsen können, um auf Ehre Anspruch zu machen!? Wenn Sie glauben, ich bin deö Ehrgefühl- bar, so ist dies eitel Thorheit. Mein Rock ist grob, doch der darunter steckende Kerl hat Gefühle und will nicht wie fein Kittel behandelt fein. In meinem Leben war ich noch nie berauscht. Können Sie da- von sich auch sagen? Oder von vielen Andern? ES ist allerdings ein Leichte- gewesen, mich für unzurechnungsfähig zu halten und mir den KreiSphysiku- ins Hau- zu schicken. Allerdings der beste Weg, Jemand verrückt zu machen, bei unS gelingt - jedoch nicht!"
* Die Kleinen Privatiers in Paris. Paris bot kürzlich stellenweise ein seltsames Schauspiel, welches an die Be- lagerung-zeit erinnern konnte. Lange Reihen von Menschen, Männer und Frauen, Arbeiter, Dienstmädchen, kleine Hand- werker, Marktfrauen standen des NachtS in langen dichten Reihen vor den Mairien und einigen großen Bank- Instituten, Crödit Lyonnais, ©ocietö Gönärale, Comptoir d'Escompte und warteten scherzend, frierend, effcnb und trinkend, manchmal auch zankend, den Morgen ab. ES waren sämmtlich Leute, welche ihre Ersparnisse in der Tasche, bei der Eröffnung der Kaffen um 9 Uhr Vormittags anwesend sein wollten, um sich an der Z w e i - Milltonen-Anleihe der Municipalitär zu betheiligen, die, wie schon gemeldet, dann 60sach überzeichnet wurde.
* Al8 Kaiser Joseph II. durch seinen Leibarzt Über sein nahes Ende Gewißheit erhalten, verbot er ausdrücklich, öffentliche Gebete für ihn anzuordnen, indem er sagte: „Wer mich liebt, wird für mich beten, die mich nicht lieben, will ich auch nicht zum Beten nöthigen."
Behörde.
Oberen
bei der
Nachrichten über den Saatenstand im Grotzherzogthum Hessen um die Mitte des Monats April 1894.
Bemerkungen: Die Vegetation ist Infolge ber anhaltenb warmen Witterung außergewöhnlich weit vorgeschritten und die Früjahrsfelbbestellung konnte frühzeitig begonnen werben. Der Mangel an Niederschlägen hat di» jetzt im Allgemeinen noch nicht geschadet; nur in ber Provinz Oberhess-n scheint ein nachtheiliger Einfluß vereinzelt bereits hervorgetreten zu sein. Besonbers im Kreise Gießen ist für Seringer^e^B^den^^ibe\acn e n’^nb ohne Schaden durch den Winter gekommen, und ihr Stand ist hn Allgemeinen gut bi- sehr aut Nur die Erhebungsbezirke Heppenheim und Flonheim nottrien für Winterroggen und Oppenheim für Winterwetzen einen nur mMel- mäßigm Stand. Das Sommergetreide geht, soweit dies bis jetzt zu beurteilen ist, gut auf; im Kreise Friedberg ist ledoch der Stand nur mittelmäßig. Alte Kleefelder (auch Luzerne) und Wielen zeigen einen mittleren bis guten Stand; dagegen zeigen sich in den einjährigen Kleefeldern die nachtheiligen Folgen ber 1893:r Dürre und in ber Procinz Ober Hessen zum Tbeil auch ber Mangel an Niederschlägen in diesem Frühjahr. Viele junge Kleefelder müffen wegen des unbefriedigenden Standes umgepstügt werben. Die Weinberge zeigen ßit ausgereistes Holz, das in der Entwickelung oerhältnißmäbig weit vor ist.
Provinzen
S
Note 1 — sehr guter, 5 -
a a t e n ft a n b.
2 — guter, 3 — mittlerer, -- sehr geringer Stand.
4 —
geringer,
Wegen Auswinterung rc. umgepflügte Flächen in Procent ber Anbaufläche ber betr. Frucht.
und
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Weizen
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1
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3
Provinz Starkenburg.
1
Kreis Bensheim......
9
—
1
—
1
—
2
2
—
2
2
—
—
—
—
2
„ Darmstadt......
2
—
2
—
2
—
—
—
— !
—
—
—
—
—
3
„ Dieburg......
1,5
1
—
—
2,5
—
1,5
2
—
2 5
1
—
—
—
—
4
„ Erbach.......
2
—
2
—
1
—
—
—
5
2
—
—
—
—
5
„ Groß-Gerau.....
1
—
—
1
—
1
—
—
1
2
—
—
—
—
6
„ Heppenheim.....
—
—
2
—
3
—
—
—
4
3
—
—
—
7
„ Offenbach.....
25
—
-
2,5
—
—
—
3,5
2
—
—
—
—
Durchschnitt für Starkenburg
1,8
1
1.7
—
2.2
— 1
1,5
- 1
—
3
2
—
—
—
—
Provinz Oberhesfen.
2
2
8
Kreis Alsfeld.......
—
—
—
• —
—
4
—
—
—
—
—
9
„ Büdingen......
2
—
—
—
2
—
—
—
3,5
—
—
—
—
—
10
„ Friedberg......
2
3
—
—
2
—
3
3
_
3
3
—
—
—
11
„ Gießen.......
2
—
—
-
2
—
2
_
3
x
—
-
—
—
12
„ Lauterbach......
2
——
—
—
2
—
—
—
3
—
—
-
-
—
13
Schotten.....
2
—
—
2
—
—
—
3
2
—
—
Durchschnitt für Oberhessen
2
3
—
—
2
—
3
2,5
—
3,3
2 5
—
—
—
Provinz Rheinhessen.
1
14
Landw. DereinSbeztlk Alzey
2
—
—
—
2
—
2
2
—
2
—
1
—
—
—
—
15
„ „ Bingen
1,5
—
—
—
1
_
—
—
3,5
—
—
—
—
16
„ Flonheim
2
—
—
—
1 3
—
1 —
—
3
3
2
—
—
—
17
„ „ Ingelheim
2
—
1,5
—
1 —
—
3
3
2
—
, —
—
18
„ Mainz
2
—
—
, 1
2
—
2
2
2
—
—
I ——
19
„ Nieder-Llm
2
—
—
—
2
—
—
—
3,5
3
1,5
—
—
j —
20
„ Oppenheim
3
—
—
—
2
—
2
2
—
3
3
2
—
—
10
21
, „ Osthofen
2.5
—
—
—
2
-
2
—
—
2
—
2
—
—
22
Pfeddersheim
2
—
—
—
2
2
2
—
2,5
3
1
—
—
—
23
„ Wöllstein
1
—
—
—
1
—
1
1
—
1
1
1
—
—
24
Wörrstadt
1
—
—
—
1
—
! -
—
—
—
1
—
—
1 —
25
„ Worms
2
-
2
—
2
—
| —
—
3
3
3
—
—-
—
Durchschnitt für Rheinhessen
2
2
1 —
1.7
—
1,8
1,8
1 —
2,6
2.6
1,7
—
—
—
Durchschnitt für bas Großherzoglhum
1,9
2
1,8
—
2
1 -
2,1
2,1
1 —
3
2,4
1,7
—
1 —
—
—


