Ausgabe 
29.4.1894 Drittes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 99 Drittes Blatt. Sonnlaa den 29. April

1894

Dct #*4wr **|de« alchnnt täglich, mt» lulnobmc bei Kontag«.

Die diäten »eetrttBlCatUt erben bewi Ingriger Htetlt* tretet!

k«W

Gießener Anzeig er

Keneral-Mnzeiger.

FVrtwtjätmfci

S IRtrf SO Pstz. W» vringerlehÄ.

D«L bie Post bc*ef* t Mark bO »N

BAornen, «pebMte und Drucker«:

Xeflrejr >1.1,

Kerusprecher AL

Aints- und Zlnzeigeblntt für den Tireis Gietzen.

F~ Hratisbeikage: chießener Aamikienßkätter

nnelmt »oe Anzeigen zu bei Nachmittags für bew felgenben Lag erldjetntnbtn Nummer bis Bonn. 10 Uhr.

Alle Annoocen-Vureaux bes In- und Auslandes nehnm» Anzeigen für bew .Gießener Anzeiger- entgegen.

Amtlicher Ttzeil.

Bekanntmachung, betr. die Einsendung der für die Landeswaisenanstall zu er­hebenden Collecten und Büchsengelder.

Im Kreise Gießen sind In der Zeit vom 1. Februar 1893 bi» dahin 1894 in den einzelnen Gemeinden die nach­stehend verzeichneten Beträge für die Landes-Waisenkasse ein­gegangen.

Man bringt die» mit herzlichem Danke für die Geber hierdurch zur öffentlichen Kennlniß.

Gießen, den 26. April 1894.

Grobherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Vcrzcichnist der im Kreise Gießen in der Zeit vom 1. Februar 1893 bis dahin 1894 eingegangenen Waiseubüchseagelder.

Mk.

Alba» 1.19

Allendorf a. b. Lahn 2.02

Allendori a. d. Lda. 2.71

Allertshausen

»lten-BMeck 2.10

Annerod 4.43

Bellersheim 1.

Beltershain 3.28

BerSrod 1.48

Bettenhausen 2.33

Beuern 3.40

Birklar.75

Burkhardsfelden 1.80

Glimbach 1.85

Daubringen 2.84

Dors Gill -.40

Eberstadt.57

Ettingshausen 1.40

Garbenteich 2.10

Geilshausen

Gießen 247.-

Göbelnrod 4.60

Großen Buftck 5.79

Großen-Linden 3.61

Grünberg 6.85

Grüntngen 121

Harbach.26

Hattenrod56

Hausen 1.34

Heuchelheim 1.70

Holzheim 2.20

Hungen 16 25

Inheiden 5.70

Kesselbach

Klein Linden 3.99

Langd 9.21

Lang Göns 8 55

LangSdors50

Lauter

Leihgestern 115

zu übertragen 356.12

Mk.

Uebertrag 356.12

Lich 19 07

Lindenstrulh 150

Lollar 5.20

Londorf65

Lumda-

Mainzlar.80

Münster 1.20

Muschenheim 1.08

Nieder Bessingen.34

Nonnenrolh 1.38

Obbornhoien.60

Ober,Bessingen.60

Ober-Hörgern 803

Odenhausen .

Oppenrod 2.

Queckborn 1.42

Rabertshausen - .

ReinhardShain 5 50

Reiskirchen 2.30

Rodheim 10.80

Rödgen.30

RölhgeS 4.15

RüddingShausen 2.15

Ruttershausen 3.37

Saasen 3.27

Stangenrod 1.

Staufenberg 6.15

Steinbach 4.20

Stetnheim 1.32

Stockhausen30

TraiS-Horloff 1.10

Tret» a. d. Lda. 2.85

Trohe 1.20

Utphe 6.49

DiUtngen 2.32

Watzenbo-n 6.05

WeickariShain 2.20

Wliershatn -.30

Wieseck 315

Summe 47046

Bekanntmachung, betr. die Zulassung von Loosen auswärtiger Lotterien zum Vertrieb im Großherzogthum.

Das Grobherzogliche Ministerium des Innern und der Justiz hat dem Vorstand des Vaterländischen Frauen-Hülss- Vereins vom Rothen Kreuz zu Hamburg die Erlaubniß er- theilt, die Loose einer vom 24.26. October d. Js., zur Förderung der Bestrebungen dieses Vereins zu veran- staltenden Verloosung von Silbergegenständen (3. Serie) innerhalb des Großherzogthums zu vertreiben.

Nach dem von der zuständigen Behörde genehmigten Verloosungsplan dürfen 120000 Loose ä 3 Mark ausgegeben werden und müssen 170000 Mark zum Ankauf von Ge- winnsten verwendet werden.

Gießen, 26. April 1894.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Die landwirthschaftl. Haushaltungsschule zu Lindheim, Provinz Oberhefsen.

Die zu Lindheim von dem landwirthschaftlichen Verein für die Provinz Oberhessen' und dem landwirthschaftlichen Bezirksverein Büdingen seit fünf Jahren gegründete HauS- haltungsschule har die Aufgabe, Mädchen im Alter von etwa 1620 Jahren die Gelegenheit zur Aneignung derjenigen Kenntnisse und Fertigkeiten zu geben, welche zur Führung einer wohlgeordneten, einfachen bäuerlich- bürgerlichen Haushaltung erforderlich sind, sie an Reinlichkeit, Pünktlichkeit und Fleiß, Ordnung und Unter­ordnung, sowie an Sparsamkeit im Haushalt zu gewöhnen, und auch auf Geist und Gemüth bildend einzuwirken.

In dieser Lehranstalt erhalten die Mädchen Unterricht und practische Anleitung im Kochen, indem die Unterweisung hierin abtheilungsweise an zwei Kochherden erfolgt und aus die Erlernung der Zubereitung einer schmackhaften und kräftigen sogen. Hausmannskost gerichtet ist, im Conserviren von Nahrungsmitteln, wie Einmachen von Gemüsen und Früchten, Etnsalzen von Fleisch, Räuchern von Fleisch und Wurftwaaren, im Backen, Waschen, in der Behandlung der Wäsche und Kleidung, im Bügeln, Putzen, im Molkereiwesen, und zwar in der Behandlung der Milch und Bearbeitung von Butter und Käse in der der Anstalt zugehörigen, in dem Anstaltsgebäude eingerichteten Molkerei, in der Bestellung und Ausnutzung deS Gemüsegartens, sowie Unterricht in der Zucht und Pflege des Schweins und des Geflügels. Es werden ferner die Mädchen in der Fertigung weiblicher Handarbeiten gründlich unterwiesen, und zwar im Stricken, Flicken, Stopfen und Weißnähen mit der Hand und der Maschine, und erhalten Anleitung zum Kleidermachen, wobei sie sich für den eigenen Bedarf und für denjenigen ihrer Familie beschäfttgen dürfen.

Auch wird in den Fortbildungsfächern, nämlich im Rechnen, in der Abfassung von Aufsätzen und Briefen und in der Buchführung Unterricht ertheitt, wie auch Unterweisung in den Anfangsgründen der GesundheitS- und Krankenpflege erfolgt.

ES ist in der Anstalt für eine geist- und gemüthSbildende Lectüre gesorgt, und wird der Gesang gepflegt. Ein Clavier ist der unentgeltlichen Benutzung der Mädchen überlasten.

Die unmittelbare Leitung und Beaufsichtigung der Anstalt ist einer Vorsteherin (Hausmutter) und einer Assistentin (Jndustrielehrerin) übertragen, welche beide in dem Anstalt»- gebäude wohnen. Außerdem ertheilen in der Anstalt noch der Großherzogliche Kreisarzt zu Büdingen, ein Landwirth- schaftSlehrer und ein DolkSschullehrer Unterricht.

ES finden jährlich zwei UnterrichtScurse von je fünf Monaten statt, in welchen jede Schülerin für Unterricht und Logis 20 Mark bei dem Eintritt und für Kost und Ver­pflegung pro Tag 1 Mark in Monatsraten pränumerando zu entrichten hat. Außerdem sind noch etwaige Ausgaben für Arzt und Apotheke zu bestreiten.

Vom Tag des Eintritts an, also während deS Cursu», dürfen die Mädchen ohne Erlaubniß oder Auftrag der Hausmutter außerhalb der Anstalt nicht verkehren und haben sie sich der eingeführten Hausordnung unweigerlich zu fügen. Insbesondere ist ihnen auch Ehrerbietung, Ge­horsam und Unterordnung gegen das Aussichts- und Lehrer­personal, Freundlichkeit, Verträglichkeit und liebevoller Verkehr untereinander, und endlich Treue, Fleiß und Sorgfalt bet den Arbeiten zur strengsten Pflicht gemacht.

An Sonn- und Feiertagen werden die Mädchen ver­anlaßt, den Gottesdienst ihrer Confession zu besuchen, wobei die Hausmutter bezw. die Assistentin die Begleitung über­nimmt. Morgens vor dem Frühstück, vor und nach dem Mittagesten und Abends vor dem Schlafengehen findet gemein­sames Gebet statt.

Besuche von Eltern und Schwestern sind gestattet, solche anderer Personen nur unter Begleitung eines Mitglied» bei Ortscomito».

In die Anstalt sind mitzubringen: 1 Bettdecke, 1 Unter­bett, 1 Kisten (Bettstelle und Matratze werden gestellt), 1 doppelter Ueberzug, 1 weißer Bettüberwurf, 1 Wasch­becken, 6 Hemden, 4 Handtücher, 2 Bettjacken, 1 Kleider­bürste, 1 Schuhbürste, 1 Trinkglas, 1 Zahnbürste, 1 Regen- schirm, 1 Nähstein, Zeug und Leinwand zur Anfertigung bezw. Unterhaltung von Kleidern, Hemden und Bettwäsche, Wolle und Garn zu Strümpfen und Socken rc. und 2 Vor­hängschlößchen.

Am Schluffe deS Eursus findet eine Ausstellung der gefertigten Arbeiten, die Uebergabe von Zeugnissen Über Betragen und Leistungen, sowie eine feierliche Entlaffung der Schülerinnen statt, wozu deren Eltern und Angehörigen ein­geladen werden.

Fenilleton.

Wochendriefk ans der Nesiden).

(Originalbericht für denGießener Anzeiger".)

Z. Darmstadt, 27. April.

Rückblick auf die Festtage. Die Naquetlefeier. Nene Feste. Vom Hoftheater.

Nun sind die herrlichen Festtage, die unserer Stadt die Vermählung unseres Landessürsten gebracht hat, in raschem Laufe vorübergezogen. Darmstadt hat sich des prachtvollen Festkleides allmalig wieder entledigt und die Straßen der Residenz zeigen seit wenig Tagen wieder ihr gewöhnliches Aussehen. Auf die glanzvollen Festtage selbst und auf all das SehenSwerthe, waS sie gebracht, hier nochmals einzu­gehen, würde sich nicht verlohnen, Ihre Specialberichte haben ja den Lesern deSGießener Anzeiger" ausführlich erzählt, welche Fülle seltener Festlichkeiten sich hier in so kurzer Frist abgespielt hat, da kann sich Ihr Correspondent das Nachtragen von Einzelheiten wohl versagen. Aber doch sei auch hier nochmals feftgestellt, daß alle die Tausende von Fremden, die in diesen Festtagen unsere Gäste waren, gleich den Ein­wohnern, wahrhaft entzückt sind von der Pracht deffen, wa» sie hier gesehen und erlebt. Gewiß mit Recht haben die auswärtigen Blätter säst übereinstimmend berichtet, daß sich wohl selten der Opsersinn und die Liebe eines Volkes zu seineip Fürstenhause so unmittelbar und ergreifend gezeigt habe, wie in der hessischen Residenz, wo sich die Bevölkerung des ganzen Landes in der Zeit vom 20. bis 23. April ein Stelldichein gegeben zu haben schien. Waren doch die Mit­glieder fast sämmtlicher hessischen Kriegervereine darunter

viele von weit her erschienen und hatte doch die akademische Jugend der Ludoviciana und der Technischen Hochschule bereit­willig den Rest ihrer Ferien geopfert, um ihrem Rector magnificentissimuß an seinem EinzugStage begeistert zu huldigen. Welch reiches Feftgewand Darmstadt angelegt hatte und in welch großartiger Weise die Illumination verlief, darüber ist imGießener Anzeiger" ausführlich berichtet worden, aber es soll auch hier nochmals auf die musterhafte Haltung deS Publikums und auf das in jeder Beziehung hoch anzuerkennende Verhalten der Polizei und ihrer Behörden hingewiesen werden. Ist doch so. unwahrscheinlich dies scheinen mag, wenn man bedenkt, daß z. B. am Hauptfesttage, dem Freitag den 20. April, nach angestellter Schätzung weit über 100 000 Menschen in Darmstadt weilten nicht ein einziger ernster Unglücksfall vorgekommen, wie die Darmstädter Preffe übereinstimmend berichtet hat. Da sei denn auch nochmals gebührend sestgestellt, daß die Gunst des Himmels uns nicht, wie so vielfach befürchtet worden war, im Stiche gelaffen, sondern Überaus gnädig bedacht hat. Unvergeßlich werden die Festtage gewiß Jedem bleiben, der sie miterleben durfte. Die Hauptstraßen find übrigens in ihrem Festgewande photographisch ausgenommen worden und schon jetzt sind sehr gelungene Ansichten von den hiesigen Kunsthändlern zu be­ziehen, sie bilden sicherlich ein willkommenes Andenken an die glanzvollen Einzugsfeierlichkeiten.

Von dem stillen Feste, das inmitten all des lauten Jubels der letzten Tage unser greiser Dichter OttoRoquette begangen hat, habe ich Ihren Lesern schon berichtet. Für heute bleiben noch Einzelheiten nachzutragen. Noch manche sinnige Huldigung für den Dichter ist nachträglich bekannt geworden. DerAkademische Verein" an der Technischen Hochschule hatte für den letzten Mittwoch einen Vortrags­

abend zu Ehren Otto Roquettes angesagt, wobei Herr Hos- schauspieler Edward mehrere Dichtungen deS gefeierten Lehrer» unserer Hochschule recitirte. Am SamStag dieser Woche soll dann im städtischen Saalbau eine gemüthliche Familienfeier zu Ehren des Dichter» stattfinden, bei der verschiedene Decla- mattonen und Lieder, deren Autor Roquette ist, von hiesigen Künstlern und den Chören mehrerer Gesangvereine vor­getragen werden sollen. Bei der großen Beliebtheit de» Dichters in unserer Stadt ist eine äußerst zahlreiche Be- theiligung zu erwarten, und so hoffe ich denn, rat nächsten Briefe des Näheren über die interessante Feier berichten zu können.

Jndeffen rüstet sich Darmstadt schon wieder zu einem neuen großen Fest. Im Juli soll hier bekanntlich das große mittelrheinische Musikfeft abgehalten werden und eS werden dafür schon seit Wochen die eifrigsten und umfaffendften Vorbereitungen getroffen. Der rührige PreßauSschuß sorgt dafür, daß daS Publikum über den Fortschritt deS schönen Unternehmens ständig unterrichtet wird und nach diesen Mtt- theilungen ist an einem glänzenden Gelingen gar nicht zu zweifeln. Unter den Solisten finden sich Namen allerersten Range», einer derselben, der von Elisabeth Leifinger aus Berlin, ist dem Darmstädter Publikum ganz besonder» gut bekannt, da die Künstlerin hier schon manchen großen Triumph gefeiert hat. In der großen Festhalle auf dem Exercierplatz, die sich während der Tage des Volksfestes wieder trefsiich bewährt hat und das ist für daS Musikfeft die Haupt­sache eine vortreffliche Akustik besitzt, sollen die großen Concerte abgehalten werden.

Ein recht reichhaltiges und intereffante» Programm bietet uns noch der für den Rest der laufenden Spielzeit aufgestellte Plan de» HoftheaterS. Engelbert Humperdinck»