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1894
Nr. 72 Erstes Blatt. Donnerstag den 29. März
Irr -ietzeurr Aasiger erscheint täglich, mit Lu-nahmr bei MontagS
Dir Girßrnrr AamilirnStätlrr ronbrn bcm Anzeiger wSchentlich brtimal bctgrlrgt.
Gießener Anzeiger
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2lmtlid?er Theil.
Rro. 8 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegebcn den 20. d. M., enthält:
(Rro. 2148.) Handels- und Schifffahrtsvertrag zwischen Deutschland und Rußland. Vom 10. Februar (29. Januar) 1894.
Rro. 9 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 20. d.
M., enthält: c
(Rro. 2149.) Gesetz, betreffend die Aenderung des Ge- fetzes über den Unterstützung-Wohnsitz und die Ergänzung des Strafgesetzbuchs. Vom 12. März 1894.
(Rro. 2150.) Bekanntmachung, betreffend die Redac- turn des Gesetzes über den Unterstützungswohnsitz vom 6. Juni 1870. (Bundes-Gefetzbl. S. 360). Vom 12. März 1894.
(Rro. 2151). Bekanntmachung, betreffend Ergänzung und Berichtigung der dem internationalen Uebereinkommen über den Eisenbahnfrachtverkehr beigefügten Liste. Vom 8. März 1894.
Gießen, den 27. März 1894.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
lich seinen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen kann oder in seinen Leistungen derartig zurückbleibt, daß ihm, wie dem Empfänger der Maare daraus die größten Nachtheile erwachsen. Außerdem kann die Schleuderconcurrenz meistens an ihre Arbeiter doch auch nur erbärmliche Löhne zahlen, und es erwächst daraus wiederum ein wirthschaftlicher Krebs- schaden. Die wirthschaftliche und geschäftliche Welt wird nur vom Nutzen erhalten und regiert, dies ist etn ehernes Gesetz, welches jeder Nationalökonom lehrt und jeder Geschäfts- mann auch in den Zeiten der schrankenlosen Concurrenz beachten sollte. Verluste und Nachtheile, die unbeabsichtigt in den Verhältniffen liegen, giebt es ohnedies genug, aber bewußt zu Schleuderpreisen liefern, wenn man nicht dazu gezwungen ist, die« sollte jeder Fabrikant, jeder Handwerker und jeder Kaufmann vermeiden, denn etn gewißer mittlerer Preis gehört zur Leistungsfähigkeit und zur wirthschaftlichen gesunden Eirculation und man darf getrost behaupten, daß bei angemeffenen Preisen sich alle Interessenten gut stehen, während bei Schleuderpreisen Lieferanten und Arbeiter nichts verdienen und die Käufer auch nur einen vorübergehenden Nutzen haben, denn der schlechte Verdienst wirkt hemmend auf alle Berufszweige.
Zur Bekämpfung der Schleuderconcurrenz.
Einer der schlimmsten geschäftlichen Auswüchse der Gegen- wart und zugleich die bedenklichste Schattenseite der Ueber- Produktion ist die Schleuderconcurrenz, die sich bei Waaren- offerten und öffentlichen PreiSauöschreibungen in der un- g.'steuerlichsten Weise unterbietet. Es muß ja zugegeben werden, daß der allgemeine Mangel an Kauflust nebst der übertriebenen Sucht des kaufenden Publikums, nur ja recht geringe Preise zu zahlen, in Wechselbeziehung mit der colos- salen Ueberproduction die hauptsächlichsten Ursachen der Schleudercoücurrenz sind. Dieselbe wird aber auch leider von den Lieferanten, den Fabikikanten, den Gewerbetreibenden und Kaufleuten oft in geradezu selbstmörderischer Weise unterstützt. Was soll man zum Beispiel dazu sagen, wenn bei PreiSauSschreibungen für Staats- und Gemeindebauten und ähnlichen Lieferungen die Anerbietungen oft 50 bis 100 Procent Preisdifferenz zeigen! Bei derartig niedrigen Preisen kann der Lieferant doch nichts mehr verdienen, er arbeitet sich und andere in den Ruin hinein, indem er selbst schließ-
Fettilleton.
Eine Aelns-Desteigung.
(Schluß.)
Im Fackelschein gingS über den knisternden Schnee an den steilen, mit 30 biß 40 Grad ansteigenden Kegel. Nach wenigen Minuten begann daS Dämmerlicht im Osten und zeigte unS den mühsamen Weg auf der festgefrorenen Asche, auf glatten Schlacken, zwischen den athemversetzenden Fuma- rolen hindurch. Eispickel und Bergstöcke kamen hier zu ihrem vollem Recht und thaten beste Dienste. Heller wurde eS und immer Heller- die flüsteren Massen des calabrischen Festlandes und der Insel Sicilien lösten sich langsam von den wallenden Nebeln der beiden Meere. Nun waren wir oben am schmalen Kraterrand, genau 55 Minuten nach dem Verlassen der Easa inglese. Und jetzt zuckte eS blitzgleich auf am Horizont südwärts von Calabrien. Ein leuchtender Punkt erschien, ein breiter Streifen, der sich rasch zur Eiform vergrößerte, dann zur vollen, rothgoldig glänzenden Scheibe. Die Sonne war aufgegangen und überfluthete die höchste Spitze des Berges mit rothem Licht. Je höher sie stieg, um so tiefer tauchte der Lichtschein hinab in die blaue Nacht. Nach Westen zu war noch alles in Dunkel gehüllt, verdeckt durch den Schatten deS gewaltigen Bergriesen, der weit über die Insel hinragte. Nun färbte sich Gipfel nach Gipfel der unteren Aschenkegel- die Schatten in den Shratern und die Schlagschatten der Kegel selbst leuchteten in tiefem Violett. Drüben in Calabrien glänzten die Bergspitzen auf, spater auch jene der sictlianischen Gebirge- das Riesendreieck des AetnaschattenS schrumpfte langsam ein. Nur im fernen Nordwesten brodelten die rosig glänzenden Nebel noch über dem Tyrrhenischen Meere- im Osten und Süden lagen die calabrischen und sicilianischen Küsten klar vor uns — vor unS, nicht unter uns- sie schienen aufzusteigen — so weit ist der Horizont.
Anderthalb Stunden waren wir in den wunderbar schönen Rundblick versunken, ohne zunächst dem etwa einen Kilometer
Deutscher Reich.
Darmstadt, 27. März. Wie der „Darmst. Ztg." aus C.'oburg berichtet wird, sind Seine Königliche Hoheit der Großherzog und Ihre Großherzogliche Hoheit die Prinzessin Alix am Samstag in erwünschtem Wohlsein dort eingetroffen und am Bahnhof von II. KK. HH. den Prinzessinnen Victoria Melita, Alexandra und der Erbprinzessin von Sachsen-Meintngen, sowie dem Erbprinzen Alfred empfangen worden. Die Allerhöchsten Herrschaften sind im PalaiS Edinburg abgestiegen. — Se. Majestät der König von Württemberg werden am 31. März zu Besuch des Grobherzoglichen Hofes hier eintreffen. Die Ankunft findet am genannten Tage Nachmittags 4 Uhr 16 Min. statt- die Rückreise wird am 1. April voraussichtlich um 12 Uhr 5 Min. staltfinden. Im Gefolge Seiner Majestät werden sich der Generaladjutant Generallieutenant Frhr. v. Falkenstein und zwei,Flügeladjutanten befinden.
weiten kreisrunden Krater die einer solchenENaturerscheinung doch gleichfalls gebührende Aufmerksamkeit zu zollen. Für unruhige Gemüther ist dort oben kein geeigneter Aufenthalts- ort. Gehts nach außen schon steil herab, so gehts nach innen noch steiler, und wer ins Rutschen kommt, der saust bis zum Mittelpunkt der Erde — wenigstens ist da kein Ende abzusehen. Oben herum erkennt man zerklüftete Schlacken, mit schlüpferigem Schwefel überzogen, der an vielen Stellen aus dem lockeren Gestein qualmt- weiter unten wallets und siedets und brauset und zischt. Im Uebrigen war der alte Herr manierlich, wahrscheinlich wegen beß seltenen Damen- besuche-- Steine warf er nicht, sondern beschränkte sich aufs Rauschen. Freilich, meinte Freund Wilhelm, Inhaber einer berühmten Ctgarrensabrik, die Sorte sei noch schlimmer als italienisches Regiesabrikat. Der Führer drängte zum Abstieg. Otto klomm aber vorher noch zwischen höllischen Schwefeldünsten und über heiße Asche hinauf zur höchsten Stelle des Kraterrandes, um die Bergspitze für seine Gipfelsammlung abzupicken. Der Abstieg vom Aschenkegel, saft noch mühsamer als der Aufstieg, ging rasch von Statten.
Im Zufluchthause fanden wir den dort zurückgebliebenen Reisegefährten, dem ein Anfall von Bergkrankheit die Theil- nahme an der letzten Kletterpartie verboten hatte, wieder wohl genug, um die Rückwanderung mitzumachen, unb tausend Meter tiefer war in der dichteren Luft alle Roth für ihn vorbei. Dieser Rückweg führte am sogenannten „Philosophenthurm" vorüber, einer altrömischen Ruine in fast dreitausend Meter Meereßhöhe, die vor Jahrhunderten wohl alß Schutzhütte gedient haben mag. Bald gelangten wir an den Rand beß „Valle del Bove", einer mehrere Kilometer breiten Schlucht östlich vom Gipfel, in welche von drei Seiten gefährlich steil, oft senkrecht die Felswände tausend Meter tief ab- stürzen. Dort unten in grausiger Tiefe qualmte gleichfalls ein Krater, nur noch undeutlich zu erkennen, weil die vom Sonnenschein hervorgelockten Dünste an den Hängen des Abgrundes herausquollen unb in mächtigem Nebelkranz den Berg kegel zu umlagern begannen. Dann schlitterten wir schräg abwärts auf dem glitzernden Schneefeld bis zu der großen Grube, in welcher der Schnee für den sommerlichen Bedarf
Neueste Uac^ricbtcii.
WolffS telegraphisches Eorrespondmz- Bureau.
Berlin, 27. März. Der „Reichßanzeiger" weist in seinem nichtamtlichen Thetle eine kürzlich von der „Kreuz- Kettung" gebrachte Erörterung über die gottesdienstlichen Verhältnisse in bür Marine zurück, wodurch der Eindruck hervorgerufen würde, daß an maßgebender Stelle diesem wichtigen Factor sittlicher Kraft nicht die gehörige Bedeutung beigelegt würde. Die „Kreuzzeitung" befinde sich im Irr- thum. Der „Reichßanzeiger" widerlegt verschiedene Behauptungen und sagt schließlich bezüglich des auf zwölf im AuSlande befindlichen Kriegsschiffen, wo sich kein Pfarrer befindet, stattfindenden LesegotteSdiensteß: „Wenn der Verfasser deS „KreuzzeitungS"-ArtikelS einen solchen LesegotteSdienst, wobei Evangelium, Predigt, Gebetvorlesung und Choralgesang stattfinden, mitgemacht hätte, würde er anders über den kirch lichen Sinn in der Marine denken."
Berlin, 27. März. Wie die „Voss. Ztg." meldet, ist die Expedition Uechtritz, welche am oberen Benne schwere, aber siegreiche Kämpfe mit den Eingeborenen bestanden hat, von dem Kamerun-Hinterland Comit« vorläufig nach Jola zurückberusen worden, da ein Vordringen nach Baghtrmi wegen der Abmachungen mit Frankreich überflüifig geworden ist.
Turin, 27. März. 5)le Deputationen des Zempliner CornitatS (Kossuths Geburtscornitat), der Hvnvedverein und der Pester Advocatenkarnmer sind hier eingetroffen. Die Parlamentsdeputation wird der Familie KossuthS offiziell das Beileid Ungarns auSdrücken und in der protestantischen Kirche einen Kranz am Sarge niederlegen. Auch die anderen Deputationen legen Kränze nieder.
Depeschen beß Bureau .Herold-.
Berlin, 27. März. Nach dem „Reichßanzeiger" chat der Neichßkanzler heute daß neue Reichstagsgebäude einer längeren Besichtigung unterzogen.
Berlin, 27. März. Der „Reichßanzeiger" publicirt folgende Auszeichnungen an die nachbezeichneten Ingenieure des Panzerschiffs „Brandenburg": den Königlichen Kronenorden vierter Klasse an die Maschinen-Unter-Jngenieure Krause und Weber, sowie den Civil-Ober-Jngenieur Blumenthal von der Schiffßbaugesellschaft „Vulkan". Mit dem Allgemeinen Ehrenzeichen wurden elf Maschinisten, mit der Rettungsmedaille am Bande ein Ingenieur decorirt.
der Stadt Catania ausgespeichert wird. In der unweit gelegenen Schneehütte hatten die Eseltreiber übernachtet und dort sanden wir auch unsere Mauleselein gesund unb wohlbehalten, wenn auch nicht gerade munter, auf einem schneefreien Aschenrücken unser harrend. Die Sonnengluth schmolz die weiße Hülle sichtlich weg ohne Spur von Schmelzwasser, das in dem lockeren Boden sofort versickerte. Nur an den halbkugelförmigen Büschen hielt sich noch etwas Schnee. So einladend zum Ausruhen nach beschwerlichem Marsche sahen sie aus, „weiche Riffen sanft wie Mooß bieten lockend ihren Schooß" - aber wie von der Tarantel gestochen fuhr mein lieber Freund auf, der ihrer Einladung gefolgt war, denn es waren „spine sante“, heilige Doren, ungeachtet ihrer Scheinheiligkeit stachelich unb borstig wie alle- in dieser Einöde.
Der vierstündige Ritt nach Nicolost erfolgte aus demselben Wege, den wir TagS vorher zurückgelegt hatten. Um i/26 Uhr Nachmittags rollte unser Wagen wieder in Catania ein. Dieser rasche doppelte Uebergang aus der üppigen Pflanzenwelt des Südens in die gemäßigte Cultnrzone, in die Waldregion, in die Felsenwüste, vorbei an den stummen Zeugen der unbekannten vulkanischen Gewalten, zuletzt in Schnee und Giß, und bann wieder hinab in den blühenden Sommer, ist von ganz eigenartigem, unvergeßlichem Zauber, als flöge man auf Fausts Zaubermantel quer durch Europa zum Nordcap. Noch übertroffen aber wird dieser Eindruck von dem wunderbaren Farbenspiel deS Sonnenaufgangs'droben auf der Höhe. Wer nach Sicilien fährt, versäume die A«tna- Besteigung nicht- sie wird die Krone feiner Reise sein."
Der Berichterstatter, Freund Otto, konnte seinen Vortrag durch große Wandkarten und eine Unzahl, theils von den Theilnehmern aufgenommener, theils erkaufter Photographien anschaulich machen. Proben von vulkanischer Asche, von Lava der verschiedensten Beschaffenheit und auch die mit dem Eispickel abgeschlagene Spitze beß Aetna wurden vorgezeigt. — In der nächsten Versammlung wird ein Mitglied ein;n Vortrag halten über „Wintertouren in den bayerischen Alpen". Alle Diejenigen, welche sich für den Gegenstand interessiren, sind willkommen.


