Ausgabe 
28.10.1894 Zweites Blatt
 
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Nr 253 Zweites Blatt. Sonntag den 28. October L89F

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Literatur und Aunft.

Das vor Kurzem auch in diesen Blättern angezeigle Werk: frftr «eine freunde. Lebentertunerungen von Jac. Moleschott" ist nunmehr in der hiesigen Verlagsbuchhandlung »on Emil Rotb complet erschienen und liegt im Buchhandel vor- räthig vor. Verschiedene große Tagesblätter baden sich bereits mit dem Buche beschäftigt und ihm eingehende Besprechungen gewidmet. Aus Vielem, waS z. B. dieZüricher Post" über Molefchotw Erinnerungen ihren Lesern belichtet, wollen wir Einiges hier »orführen:

Ein Buch von seltener Art; einfach und herzlich, ohne alle Prätention, auf jedem Blatt die noble Persönlichkeit kündend, in welcher feiner Künstlersinn dem strengen Forschergeist die Waage hält."

Mit einer kritischen Betrachtung vonLiebigs Theorie der Pflanzenernährung" sich einführend, erregte Moleschott gegen die Mitte der Vierziger Jahre die Aufmerksamkeit. Wett entfernt verstimmt zu werden, äußerte Liebig sich freundlich, und Alexander von Humbold meldete, BerzeliuS habe die Arbeit gelobt. Eine Weile practicirte Moleschott al« Arzt in seiner holländischen Heimath; aber der wissenschaftliche Drang riß ihn heraus, zurück nach fteibdberg, wo er Prioatdocent wird und eine Lehre der Nahrungsmittel für das Volk schreibt. Schon diese Schrift lockte Feinde; man witterte den Materialisten. Zwei weitere Publikationen,Physiologie des Stoff­wechsels in Pflanzen" undDer Kreislauf des Lebens" machten rasch Epoche, doch der Kühnheit sollte ihre Strafe werden. Kuno Fischer war das Recht zu boctren genommen worben; bte Reaction ersah sich als zweites Opfer Moleschott aus."

Am 26. Juli 1854 würbe ihm vom Rector im Namen bes engeren Senates bebeutet, daß, falls er weiter sich unterfange, durch Schrift und Wort die Jugend zu verderben, unsittlich und frivol zu lehren, ihm die venia legendi entzogen werde. Die Hörer erließen einen Protest, der Streit pflanzte sich aus den Boden der Presse hinüber und die Vertreter des alten und des neuen Glaubens gerietben scharf zusammen. Moleschott selber verzichtete aus eine Lehrthätigkeit ohne Lehrfreiheit und überlegte, waS zu beginnen sei, da kam--

ein Ruf nach Zürich."---

In innigem Zusammenhänge mit dem vorhin genannten Erst­lingswerke Moleschotts steht auch eine von ihm unternommene Reise nach Gießen. Lassen wir ihn selbst erzählen.

Es war im Jahre 1844. Das Gespräch über Liebigs An­schauungen vom Pflanzenleben lag damals so in der Lust, wie fünfzehn Jahre später die Lehren Darwins. Es währte denn auch nicht lange, daß Reinwardt davon zu reden anhub Er erzählte mir, daß er als Mitglied der Teyler'ichen Gesellschaft eine Beurtheilung »on Liebig« Theorie der Pflanzenernährung zur Preisbewerbung hervorgerusen und es sei eine Arbeit eingegangen, die ihm aller Beachtung werth zu sein schien. Und nun kam eine kurze Darlegung des Inhaltes jener Schrift, nach der ich mirs nicht verbergen konnte, daß der ehrwürdige Mann, ohne es zu ahnen, meine Arbeit vor mir

zufammenfaßle und seiner Anerkennung werth sand. Man denke sich, welche Mühe ich hatte, mich auf meinem Stuhle ruhig zu halten und meine Zunge zu verbeißen, da ich ja auf die Gefahr hin, bei der Preisverthellung gar nicht berücksichtigt werden zu können, un­erkannt bleiben mußte! Und es gelang mir, die nölhige Ruhe zu bewahren.

Jndeß mein Zagen war in Hoffnung, meine Hoffnung beinahe in Zuversicht verwandelt. Nun wünschte ich, bevor die Entscheidung fiel, die ja LtedigS Unwillen hätte erregen können, den großen Forscher und genialen Denker persönlich kennen zu lerntn, ebe etwa auf seiner Seite eine Spannung entstanden wäre. Ich reifte also von Heidelberg nach Gießen. In Frankfurt wurde ich in einen Stellwagen geladen, in den man nicht soviel Personen pfropfte, als er Plätze enthielt, sondern einfach soviele als sich überhaupt daretndrängen ließen. In einer kalten Octodernachl saß ich, verschnupft, zwischen zwei Nachbarn, mit denen ich immer einige Rippenstöße wechseln mußte, wenn ich meines Taschentuches bedürftig war.

Nach einer solch unbequemen Reise kamen wir in Gießen an, als die Nacht noch graute. Sowie ich auszestiegen war, fragte ich nach demRappen", dem Wirthshause, in welchem damals alle Naturforscher, die nach Gießen kamen, einkehrten. Dieselbe Stimme, die mir auf der Fahrt so nahe gewesen, gab mir sosort freundlich Bescheid. Ich schlief ein mit dem Vorsatze, mich gütlich zu thun und mich am folgenden Morgen behaglich auszuschlafen. Aber ich war schon früh bei der Hand, zu früh, um so große Häupter wie Liebig und Bischoff, meinen ehemaligen Lehrer der Physiologie aus Heidel­berg, besuchen zu können. Ich wagte es bet einem Jüngeren und hatte mir als solchen Hermann Kopp ersehen. Ich schelle an seiner Thür, die Magd sagt mir, der Herr Professor sei da, aber er liege noch zu Bett, er sei sehr spät von der Reise nach Hause gekommen. Natürlich wollte ich mich sogleich bescheiden zurückziehen; das Dienst­mädchen beschwörte mich, es nicht zu thun, sie werde immer gezankt, wenn sie einen Fremden unangemeldet abziehen lasse. Während ich noch mit ihr unterhandle, höre ich dieselbe Stimme vom Stellwagen und vomRappen" mir freundlich zurufen, ich möge doch herein­kommen, und eine ha»be Minute daraus saß der nachmals so berühmte Hermann Kopp in einem unbeschreiblichen Morgengewande mir gegenüber, indem er mir auf die lebhafteste Weise seinen Streit mit Schrötter in Mannheim über die Volumeotheorie auseinandersetzte. Ich habe im späteren Leben öfters das Glück gehabt, Hermann Kopp wieder zu begegnen. Und wir haben uns immer an der Erinnerung dieser ersten Zusammenkunft ergötzt.

Zu mehr bürgerlicher Stunde besuchte ich Liebig und Bischoff und wurde von Beiden srrundlich ausgenommen. Liebig zeigte mir sein Laboratorium und Bischoff lud mich zu einer Gesellschaft auf den Gleiberg, wo ich mehr Gießener Lustbarkeit als Gießener Wiffm- schaft zu shauen bekam.

Im December erhielt ich die Nachricht, daß mir der Preis zugesprochen worden. Der erste Eindruck war eine mächtige Freude, für meinen Vater, für die Familie Luden, für meinen Lehrer DelffS.

Aber auch die Nachfreuken wurden mir nicht verkürzt. An üicbtfl konnte ich meine Arbeit erst im Herbste 1845 übersenden. Ich schrieb ihm dazu, daß ich hoffte, er würde nicht verkennen, wie ich, trotzdem ich es wagte, seine Ansichten zu bekämpfen, für ihn die wärmste Verehrung und Begeisterung hegte, was sreilich mehr mir als ihm zur Ehre gereichte. Im November 1845 antwortete mir Liebig mit folgenden Worten:

Werthester Herr Doctor!

Ich bin Ihnen vielen Dank schuldig für die gütige Uebetfenbunfl Ihrer Preisschrift. Weit entfernt, daß ich durch Widerspruch verletzt werden konnte, ist mir derselbe erwünscht, indem er dazu beiträgt, um das Korn von der Spreu zu sichten, und wenn dies, wie bei Ihnen, mit Geist und gentlemanlike geschieht, so habe ich Ursache genug, uw io zufriedener zu sein......

Mit dem Ausdruck der sreundschastlichsten Hochachtung ganz der

»Ihrige

Dr. Justus Liebig."

Unter den einzelnen Caplteln des Buches: Erste Kindheit, Knabenjahre, Mittelschule, Hochschule, Utrecht, Heidel­berg, Zürich, nimmtHeidelberg" den breitesten Raum ein und dürste wohl auch die lebhafteste Spannung des Leser« Hervorrufen. Eine Reihe auf dem Felde bet Wissenschaft, Kunst unb Politik gleich gefeierter Namen, welche bte zweite Hälfte unseres Jahrhunderts illustriren, treten hier zu dem damals in der Blüthe seines Lebens siebenden Autor in Verbindung und fesseln uns durch die lebmbige unb von ben ebelften menschlichen Gefühlen getragene Kritik, womit er sie gleichsam in verklärter Darstellung vor unser geistiges Auge führt.

Wer benverschrieenen Materialisten" Moleschott nur aus bet Perspective seiner Gegner kennt, bet wirb arg enttäuscht sein über die hohe sittliche, nicht selten weihevolle Würbe, das weiche, seelen­volle Gemüth, die tiefe Begeisterung für alles Edle, Große und Schone auf menschlichem Gebiete, das aus diesem Buche spricht und uns an manchen Stellen wie Dichterhauch anrnuthete.

Moleschotts Lebenserinnerungen bieten zugleich noch eine Fülle methodischer Winke für die an Hochschulen Lehrenden und Lernenden. Kein strebender, nach Gedankenklarheit ringender Akademiker wird das Buch ohne tiefen Dank gegen seinen Verfasser aus der Hand

8 Wer sich selbst ober einem Heben Freunbe eine köstliche Gabe aus den Weihnachtstisch legen will, der greife zu MoleschottSLebmS- erinnerungen".

Katechismus bet Tanzkunst. Ein Leitfaden für Lehrer und Lernende nebst einem Anhang über Choreographie von Bern­hard Klemm. Sechste, vermehrte und oetbefferte Auflage. Mit 82 Abbildungen. In Original-Leinenband 2.50 Mark. Verlag von I. I. Weber in Leipzig.

Feuilleton.

Eine Heirsth im vorigen Jahrhundert.

Aus dem Tagebuche einer allen Dame. Von L. Heinau.

(2. Fortsetzung.)

Aber," fragte meine Freundin,tote soll ich Dich nennen und unter welchem Namen soll ich Dich vorstellen?"

Nenne mich Molly, wie Du mich immer zu nennen pflegst- mein Gemahl kennt mich nur unter dem Namen Marie, unb bann leihe mir ben Namen Deiner Cousine, MrS. Mary Morley, welche ich bei Dir in London kennen lernte."

Es schien meiner Freundin nicht angenehm, hieraus ein« zugehen, ober sie that vielmehr so, als ob sie mein Vorhaben nicht billige- im Grunde ihres Herzens liebte sie unschuldige kleine Jntriguen und Geschehniffe- sie lachte gern über einen lustigen Scherz, hier fürchtete sie nur, daß Mr. Norword, der von ernster Gesinnung und älter als sie war, den Scherz nicht billigen würde. Als ich aber sagte, ich wolle die ganze Schuld auf mich nehmen, ließ sie sich überzeugen und begab sich nun hinunter, um mit dem Grasen zu sprechen.

ES währte nicht lange, so erschien sie wieder und meinte lächelnd:

Ich habe mich nicht getäuscht, eS ist Dein Gemahl, er sieht sehr gut aus unb macht den Eindruck eines edlen, liebenswürdigen Mannes, unb", fügte sie lachend hinzu,was für eine glückliche Frau Du an seiner Seite einmal wirst, vermagst Du Dir jetzt noch gar nicht vorzustellen!"

Diese Neckerei erregte aber meinen Zorn unb ich fand es unter meiner Würbe, meiner Freunbin zu antworten, ich schwieg auch noch weiter still, als sie erzählte, er wünsche nur deßhalb Mrs. Cooper genannt zu werben, weil er nicht wolle, daß man in der Grafschaft von seiner Ankunft erfahre, bis er sich seiner Frau vorgestellt habe.

Unb dies, scheint mir," sagte Anna,ist sehr zart« fühlend und hübsch von ihm, er vermeidet dadurch das bös« willige Reden der Nachbarn."

Ach," antwortete ick,er scheint wirklich große Eile zu haben, seine Frau kennen zu lernen, da er heute hier ge­blieben ist, um Dir einen Besuch zu machen."

Er konnte dies nicht unterlaßen," erwiderte sie, I nach unserer Bekanntschaft in Frankreich und nachdem er erfuhr, daß wir uns in demselben Hause befänden. Doch | scheint er nicht zu ahnen, daß ich Deine beste Freundin bin."

Wie sollte er das wissen, ich habe ihm nichts über mein Privatleben rnitgetheilt und er hat noch nicht verlangt, etwas davon zu erfahren," sagte ich außerordentlich verächt­lich, was vielleicht bei dieser Gelegenheit gar nicht ange­bracht war.

Ich hatte das größte Verlangen," fuhr meine Freundin, mich von der Seite betrachtend, fort,Dich ihm zu ver- rathen, weil ich so hingeriffen von seiner Liebenswürdigkeit war- nur der Gedanke, daß ich Dir gelobt hatte, nichts zu sagen, hielt mich davon ab- außerdem fürchtete ich, daß er davonlaufen würde, ohne Dich gesehen zu haben, während ich sicher bin, daß er nicht fortläuft, sobald er Dich gesehen hat. Wir werden heute Abend miteinander soupiren unb ich habe ihm schon gesagt, eine Cousine von mir befänbe sich auch hier."

Ich betrachtete mich jetzt prüfend in dem jämmerlichen kleinen Spiegel, der in dem Zimmer hing, und seufzte tief, da ich mit dem Resultate nicht zufrieden war- ich wünschte eine Schönheit zu sein, um Rache zu nehmen für eine Vernachlässigung.

Gib Dich nur zufrieden, Liebling," spottete Anna, die heute in einer unerträglichen Nccklaune schien,Du könntest jedenfalls häßlicher sein, als Du bist!"

Als ich meine Haare zum dritten Male änderte, meinte sie:Tröste Dich nur, diese Haarfrisur ist außerordentlich wohlkleidend und es würbe sicher ganz unmöglich sein, Dich durch irgend eine Mobethorheit zu einer Vogelscheuche zu entstellen."

Als ich nun sah, daß sie mich immer auölachte und gar kein Mitgefühl hatte, verbannte ich Angst und Zweifel in den tiefsten Winkel meines Herzens- denn wie hätte ich es ertragen können, verschmäht zu werden- ich war stolz, und der Gedanke, von ihm zurückgewiesen zu werden, war mir unerträglich - so folgte ich ihr mit Beben hinunter.

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Ich war vollkommen die Beute einer peinlichen Ver­wirrung, die ich nicht zu begreifen vermochte, als ich herein' trat, daß icv es nicht wagte, den Lord anzublicken, fürchtend, ihm meine Bewegung zu verrathen. So saß ich dunkel erglühend mit niedergeschlagenen Augen da, ohne auch nur den geringsten Versuch zu machen, mich in die Unterhaltung zu mischen, doch fühlte ich, daß mein Gemahl mich von Zeit zu Zeit ansah, obgleich er durchaus nicht versuchte, mich tu das Gespräch zu ziehen.

Am anderen Tage zeigte er gar keine Eile, seinen Weg fortzusetzen, sondern machte uns das Anerbieten, uns bis Wickham zu begleiten, da es für Damen sehr unsicher sei, in dieser Gegend ohne männlichen Schutz zu reisen.

Auf dieser Fahrt war es, wo er zuerst baß Wort an mich richtete und ich hörte den einschmeichelnden Wohllaut seiner Stimme und bemerkte den seltsamen Reiz seiner tiefen Augen, welche in Frankreich so viel Unheil angerichtet haben sollten. Obgleich ich ihn zu Haffen glaubte, .begriff ich, daß viele Frauen seine Worte und Blicke nicht vergeßen konnten- fein einnehmendes Aeußere machte mich zornig und ich spähte unaufhörlich nach irgend einem Worte, einer Handlung, welche ihn in meinen Augen herabsetzen konnten- aber ich fand keine. Der Aufenthalt in Frankreich hatte ihn das feinste Benehmen Frauen gegenüber gelehrt- die knabenhaften Fehler, die aus der Nachlässigkeit seiner Erzieher entsprangen, weil er zu viel den Leuten überlassen war, verschwanden, sobald er zu ernster, edler Männlichkeit herangereist war.

Er begleitete uns biß Wickham und als meine Freundin ihn einlud, einige Zeit dort zu bleiben, ging er mit sicht- barem Vergnügen daraus ein. Diese Bereitwilligkeit erregte aber meinen Zorn, denn sie bewies die Gleichgiltigkeit, die er für seine Frau hegte- auf der anderen Seite fühlte ich mich aber wieder geschmeichelt und getröstet, da meine Unterhaltung und meine Persönlichkeit ihn so feßelten, daß er die Reise vergaß. Wohl mochte auch Annas Liebens­würdigkeit ihn bewogen haben, länger zu bleiben, doch war dies nicht der Fall, wie ich bald Gelegenheit hatte zu erfahren.

(Fortsetzung folgt.)