1894
Rr 278 Zweites Blatt. Dienstag den 27. November
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gestorben- Einer liegt noch unter dem eingestürzten Bau und ist ebenfalls tobt. Die Feuerwehr ist eifrig mit den Rettung-- arbeiten beschäftigt.
♦ Ein Jubiläum. Vierzig Jahre sind jetzt verstossen, fett die erste Nähmaschine nach Berlin kam. Sie gelangte im Jahre 1854 in den Besitz deS Schneidermeisters Pommerenke, besten Familie heute noch baS chrwürbige Jnventorstück ausbewahrt. Obgleich bk ersten Versuche zur Herstellung von Nähmaschinen bis in das vorige Jahrhunbert zurückreichen, ist boch erst vor einigen vierzig Jahren die Nähmaschine in practischen Gebrauch gekommen. Auf ber Lonboner Ausstellung von 1851 befanben sich nur brei, auf ber Pariser Ausstellung von 1856 erst 14 Nähmaschinen. Die zum ersten Male in Berlin eingesührte Maschine war gegen die heutigen in ihrer Eonstruction noch sehr unvollkommen. Sie kam aus Amerika. Das Aufsehen, baS sie erregte, war so groß, baß nach ihrer Aufstellung König Friebrich Wilhelm IV. selbst die Schneiberwerkstatt aufsuchte unb mit großem Jntereste ber Arbeit ber „eisernen Nähmamsell" zuschaute. Auch Papa Wrangel erschien unb würbe so begeistert von ber Maschine, baß er ihrem Besitzer am anberen Tage eine ganze Schneider- compagnie vom 2. Garde-Regiment zu Fuß schickte, damit die Leute baS Maschinennähen lernen sollten. Er hatte sich aber bie Sache zu leicht vorgestellt- bk Grenadiere konnten mit bem „kuriosen Dinge" nicht fertig werben, namentlich rrß ihnen allzu ost ber Zwirn. Das erste ArbeitSerzeugniß ber „eisernen Nähmamseü" war eine für ben König bestimmte Steppjacke, welche ber Monarch bei einem zweiten Besuche, ben er in Begleitung ber Prinzessinnen in ber Werkstatt machte, als Geschenk annahm. Weniger Glück hatte ber Meister mit einer zweiten Steppjacke, bie er für Papa Wrangel bestimmt hatte. Bei ber Ueberreichung sagte Wrangel trocken: „Danke schön, lieber Sohn, baö iS aber nichts for mir." Dann wandte er sich zu seinem damaligen Adjutanten, Herrn von Natzmer, unb übergab biesem baß Geschenk mit den Worten: „Da, lieber Natzmer, haft Du baß DingS, verbrauch es mit Gesundheit."
lehrhaften Wendung und allgemeinen Nutzanwendung zu schließen.
Von dieser Seite zeigt er sich auch in den beiden Sckwänken, welche von der Frankfurter Bühnenleitung anläßlich des 400jährigen Jubiläums einstudirt worden waren.
Sowohl „Frau Wahrheit will Niemand her- bergen" wk „DaS heiß Eysen" sind nach Form und Inhalt echte Hans Sachse, sie haben auch noch einen cultur- historischen Werth, denn sie verdeutlichen die primitivste Art des deutschen Lustspiels. Die Frankfurter Regie ließ es sich angelegen sein, das alte, rohe Schaugerüst, baß noch gänzlich von allen Jllufionsmitteln absieht, so herzustellen, baß wieber auf Stunben ein Stückchen altbeutschen Lebens unb Treibens vor unseren Augen erstanb unb ähnliche Empfindungen in uns wach würben, als wie vor etlichen Monaten auf ber Wiener Musik- unb Theaterausstellung, wo man auch eine geschickte unb passenbe Anleihe bei ber Vergangenheit ber Kaiserstabt gemacht unb ben „Hohen Markt", ein Stück Alt- Wiens, aus Holz unb Pappe aufgebaut hatte.
An den realistischen Hans Sachs schloß sich in Frankfurt unmittelbar der ideale HanS Sachs in jener künstlerischen, weihevollen Auferstehung und Verklärung, die Richard Wagner in seinen „Meistersingern" dieser volksthüm- lichen Poetengeftalt gegeben hat, indem er aus ihr einen überlegenen Vermittler zwischen polaren Gegensätzen, zwischen naturalistischer Phantasie und langweiligem Schablonen- thum schuf.
Sudermanns „Schmetterlingsschlacht" gibt zu keinen freundlichen Erwägungen Anlaß. Es ist hier nicht i die Frage mehr, ob der Dichter in diesem jüngsten Werke auf der Höhe seiner früheren Productionen steht — es handelt sich für unser Gefühl einfach nur um die Frage: soll daß jetzt Stil werden, daß eine Premiere bei ihrem Erscheinen auf einer der hauptstädtischen Bühnen sich erst durch Unlust, Gedankenlosigkeit und offenkundige Ungezogenheiten den Weg zu bahnen habe, bevor überhaupt ein vernünftiges Wort über sie an den Tag gelangt? Wenn Vorgänge, wie sie sich in Berlin bei der „Schmetterlingßschlacht" abgespielt haben, zur Gepflogenheit werden sollten, so müßte die Folge davon sein, ' daß die Schriftsteller allgemach den Standpunkt Lord Byrons j acceptirten, der es für sein Theil nie begreifen konnte, daß ; feinfühlige Naturen sich einer solchen Behandlung aussetzen ; mochten.
In Wien war «an gegen Sudermann schon um vieles
kreuz des AndreaSordenS. Wie in Hoskreisen vorlauter, kommt der Czar im nächsten Frühjahr nach Wien und Berlin. — Der Großfürst SergiuS soll an Stelle deS Großfürsten Wladimir berufen werden.
Petersburg, 24. November. Bei der Abreise der französischen Militär-Deputation hatten sich in den Straßen große Volksmengen angesammelt, welche den Offizieren stürmische Ovationen darbrachten und in die Rufe: „Hurrah" und „Vive la France“ auSbrachen.
Petersburg, 24. November. Die Meldung über die angeblich beabsichtigte Demission des Ministers von Giers wird von unterrichteter Seite als erfunden bezeichnet- GierS werde, so lange cs ihm seine Kräfte erlauben, im Amte verbleiben. ,
Petersburg, 24. November. Die Kaisertn-Wtttwe wird voraussichtlich in den nächsten Tagen schon zu dem schwerkranken Großfürsten Georg abreisen und wird mit demselben aus den Rath des Proseffors Leyden hin, je nachdem eß der Gesundheitszustand des Großfürsten erlaubt, Meerfahrten an der Küste des Mittelmeers unternehmen.
Petersburg, 24. November. Czar NicolauS machte gestern in Gemeinschaft seiner Braut einen längeren Spaziergang. Das Publikum brachte auf dem Wege herzliche Ovationen dar.
Petersburg, 24. November. Mit Bezug aus eine in auswärtigen Zeitungen verbreitete Meldung über ein Unwohlsein deS Königs von Dänemark wird mitgetheilt, daß der König in Folge einer ganz unbedeutenden Der- letzung des Fußes während einiger Tage das Gehen habe vermeiden müssen, bereits aber wieder vollständig her- gestellt sei.
Alle Annoncen-Bureaux dcS In- und AnStandr- nehme» Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" enlqege».
Venuischtes.
* Leipzig, 24. November. Heute Mittag ist in der Charlottenstraße hicrselbst ein Neubau ein gestürzt. Acht Menschen wurden verschüttet, von denen sieben unter den Trümmern hervorgezogen werden konnten. Alle waren mehr oder minder schwer verletzt- einer ber Verletzten ist bereits
artiger, unb baS Frankfurter Publikum ist viel zu bank- bar für bie reichen Genüsse, welche cS biesem starken Talent verbankt, als daß es so tactloS sein sollte, den Gestalten und Situationen deS Autors nicht von vornherein ein gewisses Vertrauen entgegenzubringen. Der gebildete Mensch wird angesichts ber Charoctere unb Begebenheiten, bk ihm ein Schriftsteller von Bedeutung vorführt, doch wohl zunächst den Gedanken haben: jedenfalls hat ber Autor sich mit all diesem eingehender beschäftigt und daS Für und Wider gründlicher abgewogen als ich, ber ich heute mit bieten Dingen zum ersten Male in Berührung trete. Bevor ich ihn kritifire, ist es also meine Pflicht, mich ganz in seinen Plan unb Ideen- gang zu versetzen.
Die Frankfurter Presse ist denn auch von biesem Staud- punkte aus an ihre Aufgabe herangetreten unb hat festgestellt, baß von ber „Schmetterlingsschlacht" zwar nicht jene starke Anziehungskraft auSströme wie von den früheren Werken, ©übermann aber auch in ihr lebensfähige Typen unb In- bbibualitäten aufgegriffen habe.
Eleonore Dufe hat Frankfurt a. M. auf ihren Gastspielen jetzt zum zweiten Male berührt und ist wieder geschieden als „Siegerin" und „Lorbeergekrönte". Gab eß denn für sie, die unbestrittene Königin im Reiche moderner Schauspielkunst, so etwas wie feindliche Mächte, bie Heber- geworfen werben mußten? i Allerbings so etwas AehnlicheS! Die Düse hatte einen Kamps zu bestehen mit ber Mißstimmung unb Enttäuschung, bie ihre alten, verstaubten Rollen bem Publikum zu bringen brohten. Man wünschte etwas Neues, aber jebenfalls nicht mehr bie abgebankte DumaS'sche Camelien- bame! ES mußte daher schon ein großes Vermögen künst- lerischer Kraft eingesetzt werden, um dieses Manco auSzn- gleichen. Aber die Gewalt ihrer wunderbaren, einzig da- stehenden Persönlichkeit brach siegend durch die Hinderniffe, welche sie sich, vertrauend auf die eigene Stärke, selbst errichtet hatte.
Die „Magda", die „Santuzza", die „Locandiera", bas sinb Gestalten, bie sich nachgerade fast unlöslich mit der künstlerischen Individualität von Eleonore Düse verknüpft haben. Wer ihr Aufgehen in diese Frauen bewundern durfte, wird die ReminiScenzen an jene unvergeßlichen Stunden nie einbüßen.
Feuilleton.
Frankfurter Theatrrdries.
(Originalbericht für den .Gießener Anzeiger".) ।
(Nachdruck verboten.)
foanß SachS Feier. — Sudermanns „Schmetterlingsschlacht". Das Gastspiel der Düse.
Dr. M. HanS Sachs, das ist so ein Name, über welchem alle Parteien sich die Hände reichen, ein Name, deffen bloßer Klang Allen wohlthut und der niemals zu einem Streit- und Loosungswort benutzt werden könnte. ES ist dies eine um so bemerkenswcrthere Erscheinung, als die Zeit, welcher der wackere Meistersinger angehört, eine der ftreit- unb kampflustigen war, welche bie beutsche Geschichte kennt, unb Gährungsftoffe aller Art in sich barg und HanS Sachs ohnehin eine Poetennatur war, die sich durch die Jntereffen dcS Tages anregen ließ. In Welt- und Stadtchronik hat er mit geübtem Blick gelesen, war auch bekannt mit dem, was sich in grauer Heidenzeit zugetragen haben sollte, aber am wohlsten unb freiesten hat sich seine Muse augenscheinlich immer da gefühlt, wo sie sich an das unmittelbare Leben anschließen konnte. In seinen „Fastnachtsspielen unb Schwänken" hat Sachs daß Tüchtigste unb Geiünbeste gegiftet, unb in biefen entwickelt er auch am klarsten ben Grundzng seines Wesens: ben Humor, baß heißt in seinem Falle: bie Fähigkeit, bei ben Gebrechen unb moralischen Schäden ber Menschen bie Seiten aufzuspüren, welche baö, was übel begonnen, am Enbe noch zum guten, erbaulichen Ende hinausführen können. Hans Sachs ist ein strenger Sittenrichter, unb er sagt, wenn auch mit lachendem Munde, bon dem kleinen bretternen Gerüst herab den lieben Nächsten die bittersten Wahrheiten, aber er würde seiner Poeterei nimmer froh geworden fein, wenn er nichts weiter gcthan hätte, alS den Zeitgenoffen an einer Reihe sichtbarer, in Fleisch und Bein daherwandelnder Erscheinungen bewiesen: so seid ihr nun im Durchschnitt, so erbärmlich ift's um euch bestellt, so laßt ihr euch beständig von eurem Eigenwillen und niederen Trieben unterjochen. Nein, ber Nürnberger Meister schafft mehr- er läßt seine Menschen nicht m der Sackaaffe, in die sie sich verrannt haben, er legt auch mit wenigen, aber deutlichen Strichen den Weg an, der aus ber Enge wieder in bie Freiheit führt, unb er glaubt es sich unb feinem Hörerkreise schulbig zu sein, bas Ganze mit einer
Deutsche- Reich.
Berlin, 24. November. Im Laufe beS heutigen Vormittags traf hier ber Kronprinz von Italien zu kürzerem Besuche beim Kaiser ein.
Berlin, 24. November. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht die Ernennung ber Ministers für Lanbwirthschaft, Domänen unb Forsten Freiherrn von Hamm erstem - Loxt en unb bes Justizministers Schönste bt zu Bevollmächtigten zum BunbeSrath.
Berlin, 24. November. Aus Varzin wirb gcmelbet, daß der Kräftezustand der Fürstin Bismarck immer noch nicht derartig ist, um die Uebersiedelung nach FriedrichSruh vorzunehmen. Die einzige Tochter des fürstlichen Paares, Gräfin Rantzau, versieht bei ihrer Mutter in liebevollster Fürsorge die Krankenpflegedienste. Profkffor Schweninger, der vor einigen Tagen wieder abgereist ist, wird in nächster Zeit zurückerwartet._________________ ~
Ausland.
Lemberg, 24. November. In einer Delegirtenversamm- lung der polnischen Vereine wurde beschlossen, von der V c r. anstaltung einer allgemeinen Nationaltrauer zur Erinnerung an die vor 100 Jahren erfolgte dritte Theilnng Polens abzusehen. Im nächsten Jahre sollen nur gewisse Gedenktage gefeiert und ein Fonds für die Errichtung eineß polnischen Gymnasiums in Teschen gebildet werden.
Paris, 24. November. In diplomatischen Kreisen tritt daß bestimmte Gerücht auf, daß die Ernennung deS Fürsten Lobanow zum russischen Reichskanzler sicher bevorstehe.
London, 24. November. Gestern schloß eine starke Polizeiabtheilung den bekannten Sportverein „Albert- club" und verhaftete 112 beim Glücksspiel überraschte Mitglieder, darunter zahlreiche bekannte Persönlichkeiten. Die Affaire erregt große Sensation.
Petersburg, 24. November. Der Czar verlieh acht fremden Fürsten, darunter dem Prinzen Heinrich daß Groß-


