untergraben. Die bayerischen Genossen sind verpflichtet, gegen das Finanzgesetz zu stimmen; die Entschuldigung Vollmars, daß dies tm Jnteresie der Culturaufgaben geschehen sei, ist nicht stichhaltig. Nehmen Sie die Jnteresien der eigenen Brüder wahr und treten Sie an unsere Seite. — Nachdem gegen 12 Uhr die Dtscusston Über die bayerische Angelegenheit geschloffen und es noch zu scharfen persönlichen Bemerkungen zwischen Bebel, Auer, Vollmar und Grillenberger gekommen war, wurde zur namentlichen Abstimmung geschritten. Zunächst wurde der Antrag Oertel und Genossen abgelehnt, sodann der Zusatzantrag Stadthagen zum Antrag Bebel mit Hilfe der Süddeutschen gegen den Wunsch Bebels, Auers und anderer Parteiführer angenommen und schließlich der Antrag Bebel, wie er sich durch den Zusatzantrag Stadthagen gestaltet, abgelehnt, indem die Süddeutschen nunmehr dagegen stimmten. Alle anderen Anträge waren zurückgezogen worden..
In der Nachmittagssitzung stand die Agrarfrage auf der Tagesordnung. Dr. Schönlank und Vollmar refe- rirten. Schönlank ging in mehr theoretischer Weise auf die Entstehung der Agrarfrage ein, entwickelte die ländlichen 93er* hältniffe in den verschiedenen Gegenden Deutschlands und will sowohl die Landarbeiter wie die ganzen kleinen Besitzer, die nur noch Scheinbesitzer sind, als auch die mittleren Be* sitzer in den Bereich der Agitation gezogen haben, verspricht sich aber in Bezug auf die mittleren Bauern vorläufig nur den Erfolg, daß es möglich sein werde, sie durch Erleichterungen, die man ihnen verschaffen könne, und durch die Hilfe, welche man ihnen gegen wucherische Ausbeutung gewähre, zu neutralisiren, d. h. sie zu veranlaffen, der weiteren Entwickelung Gewehr bei Fuß zuzusehen. Vollmar befaßte sich in längerer, mit großem Beifall aufgenommener Rede mit der mehr praktischen Seite der Sache. Zunächst gab er allerlei Winke und Rathschläge, wie die Agitation zu betreiben sei. Früher sei der Bauer — Vollmar beschäftigte sich hauptsächlich mit dem mittleren Bauernstände — gewohnt gewesen, die Politik die „Herren" machen zu laffen, „die das gelernt hätten", etwa wie der Bauer das Ackern usw., allmählich fange aber auch der Bauer an zu denken. Jetzt, wo die Verhältniffe immer schlechter für sie würden, fange es an, unter den Bauern zu gähren, und es sei höchste Zeit, daß die Socialdemokratie, wenn sie ernstlich danach strebe, die politische Macht zu erlangen, Stellung zu der Bewegung unter den Bauern nehme, da es für die Socialdemo- kratie absolut nicht gleichgiltig sei, wohin sich diese Maffe des Volkes wendete. Sie bedürfe dieser Massen, gegen den Willen der ländlichen Bevölkerung lasse sich eine Umgestaltung der jetzigen gesellschaftlichen Ordnung nun und nimmer bewerkstelligen. Nun besäßen aber die Bauern nicht so viel Idealismus, daß sie sich auf ein zukünftiges socialdemokratisches Himmelreich vertrösten ließen, sondern sie verlangten, daß ihnen in ihrer jetzt unzweifelhaft vorhandenen Krise geholfen werde, daß ihnen in ihren wirthschastlichen Verhältnissen gegen die Ausbeutung durch Wucher usw. schon jetzt geholfen werde, gerade so gut, wie das die Jndustrie- arbetter auch verlangten. Es würde aber auch geradezu gegen das socialdemokratische Princip verstoßen, wollte die Partei der Verschuldung und Enteignung der selbstständigen Bauern durch das Großkapital ruhig zusehen, denn im Programm heiße es, die Partei bekämpfe jede Ausbeutung, der mittlere Bauer sei aber kein Ausbeuter, sondern ein Ausgebeuteter, und zwar nicht ausgebeutet durch den Großgrundbesitz, sondern durch das Großkapital. Auf dem Großgrundbesitz laste der Schuldendruck ebenso und noch mehr, als auf dem Bauernstände, nur daß sich der erstere durch Liebesgaben usw. zu helfen suche. Ohne die Bauernschaft könnte die Partei am Ende in die Lage versetzt werden, mit einer proletarischen Minderheit die Regierung zu übernehmen, und darauf müsse nothwendig ein Rückschlag folgen. Die socialdemokratische Partei habe keine Veranlassung, den Proletarisirungsproceß zu beschleunigen, sondern müsse ihn zu mildern suchen. Redner weist auf das Vorgehen der Socialisten in den verschiedensten Staaten hin, namentlich auf Frankreich, wo die socialistische Partei durch vernünftiges Eingehen auf die Wünsche der ländlichen Bevölkerung auf dem Lande die allergrößten Fortschritte mache. Man müsse dem Bauer auch zeigen, daß man ihn auch im zukünftigen Staate im ruhigen Besitz seines Arbeitsmittels, des Grund und Bodens belassen werde, gerade so wie man dem Tischler fein Arbeitsmittel, den Hobel, belassen werde, und daß er daun seine Leistungen an den Staat in Naturalien werde zu liefern haben. Andererseits werde man ihm die Arbeit erleichtern, indem man ihm den Maschinenbetrieb zugänglicher mache usw. Wolle man so lange warten, bis der Bauernstand zu Grunde gehe und dann der Socialdemokratie von selbst in den Schooß falle, so könne man lange warten, da der Bauernstand in seiner Zähigkeit so leicht nicht zu ruiniren sei, ganz abgesehen davon, daß durch das Zuströmen prole- tarifirter Landbewohner in die Städte auch die Lage der industriellen Arbeiter in den Städten verschlechtert werde. Während seiner Rede gab Vollmar allerlei Winke in Bezug auf die praktische Agitation, zu der sich voraussichtlich nur wenige Genossen eignen würden. Man müsse auf das Fühlen und Denken des Bauern eingehen, ihnen zeigen, daß man Verständniß für ihre Leiden habe. Vor allen Dingen müßten die Agitatoren den Hochmuth fallen lassen, den Bauer nicht in einer Weise anschwadroniren, wie das schon geschehen sei, daß dieser jeden Augenblick denken müsse, jetzt komme: „Schafskopf, verstehst Du mich jetzt?" Der Bauer sei politisch ungeschult, aber nicht dumm, wohl aber mißtrauisch und das mit Recht.
Cocafcs unb pteHttjköw.
Gießen, den 26. Oktober 1894.
** Ernennungen. Se. Königl.Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht, den RevisionScontrolleur bei dem Hauptsteueramte Darmstadt Heinrich Daniel Rausch zum
Districtseinnehmer der Districtselnuehmerei Laubach, den Hauptsteueramtsassistenten bei dem Hauptsteueramte Worms Johann Friedrich Rinn er zum Districtseinnehmer der Dislrictseiunehmerei Vilbel zu ernennen.
W. Umzug der Starkeuburgia. Der Umzug des CorpS Starkenburgia in die Gießener Starkenburg,, dem neuen Corpshaus an der verlängerten Wilhelmstraße, wird am Samstag mit allem Pomp vor sich gehen und sich zu einem Festzuge gestalten. An der Spitze des Zuges marschirt unsere Regimentsmusik, dann folgt eine Cavalkade von 16 Reitern in vollem Wichs, das Banner führend und begleitend, hinter welchen sich die ca. 150 übrigen Zugtheil- nehmer anreihen. Von der Pulvermühle um 3 Uhr ab- marschirend, passirt der Festzug die Neustadt, den Markt- und Kreuzplatz und marschirt den Seltersweg hinauf. Von den alten Herren find bis jetzt 80 angemeldet, 15 bis 20 Mitglieder der Bruder- und befreundeten Corps werden erwartet und sind theilweise schon eingetroffen.
** Neue Orgauisatiou der Forstämter. Mit Allerhöchster Genehmigung wird die Zahl der bisher bestandenen neun Forstämter auf sechs vermindert mit nachfolgender Benennung und Bezirkseintheilung: Es werden unterstellt: 1. Dem Forstamt Darmstadt (Amtssitz Darmstadt) die 14 Oberförstereien : Beffungen, Eberstadt, Ernsthofen, Griesheim, Kranichstein, Langen, Messel, Mitteldick, Münchbruch, Mönch- Hof, Mörfelden, Nieder-Ramstadt, Trebur und Woogsdamm- 2. dem Forstamt Lorsch (Amtssitz Lorsch) die 13 Oberförstereien : Alzey, Bingen, Gernsheim, Heppenheim, Jägersburg, Jugenheim, Lampertheim, Lorsch, Lindenfels, Mainz, Rimbach, Viernheim und Waldmichelbach- 3. dem Forstamt Seligenstadt (Amtssitz Seligenstadt) die 13 Oberförstereien : Babenhausen, Beerfelden, Dieburg, Dudenhofen, Erbach, Heusenstamm, Hirschhorn, Höchst, König, Lengfeld, Lichtenberg, Schaafheim und Zellhausen- 4. dem Forstamt Gießen (Amtssitz Gießen) die 10 Oberförstereien: Altenstadt, Butzbach, Gießen, Grünberg, Hochweisel, Ltch, Nieder-Eschbach, Ober-Rosbach, Schiffenberg und Treis a. d. L.; 5. dem Forstamt Nidda (Amtssitz Salzhausen) die 10 Obersörste- reien: Bingenheim, Büdingen, Düdelsheim, Eichelsdorf, Feldkrücken, Grebenhain, Laubach, Nidda, Ortenberg und Schotten- 6. dem Forstamt Ro m ro d (Amtssitz Romrod) die 11 Oberförstereien: Alsfeld, Eudorf, Grebenau, Hainbach, Homberg, Maulbach, Nieder-Ohmen, Romrod, Vadenrod, Wahlen und Windhausen. Die provisorischen Forstämter Lauterbach und Schlitz bleiben unverändert. Die neue Organisation tritt mit dem 1. April 1895 in Kraft.
** Neues Theater. Am Sonntag geht das ausgezeichnete Volksstück von Rudolph Kneisel „Die Lieder D d e s Musikanten" in Scene. Wir wollen nicht unterlassen, auf dies Werk besonders aufmerksam zu machen, da die von Ferd. Gumbert componirten Lieder einen ganz besonderen Reiz auf die Zuhörer auszuüben im Stande sind.
’* Stenographisches. Als einen bedeutenden Fortschritt auf dem Gebiete der Stenographie darf man wohl die vor einiger Zeit stattgefundenen Verhandlungen der badischen Landstände über diesen Gegenstand bezeichnen. Die badischen Stenographen Vereine hatten nämlich zu Anfang dieses Jahres an die Kammern eine Petition gerichtet, worin um Einführung des Stenographie-Unterrichts in den höheren Schulen gebeten wurde. Nach eingehenden Berathungen, in~ welchen eine Reihe von Abgeordneten sehr warm die Berücksichtigung des Gesuches empfahlen, und nach zustimmenden Aeußerungen der Regierungsvertreter wurde dasselbe in beiden Kammern der Großh. Regierung zur Kenntnißnahme überwiesen. Der Oberschulrath hat nunmehr auch die Einführung der Stenographie, und zwar nach Gabels berg er System, beschlossen, da nach den bei den Regierungen von Oesterreich, Bayern und Sachsen, welche Staaten schon seit Jahren stenographischen Unterricht in den Schulen besitzen, eingezogenen Erkundigungen dieses System vorzuziehen sei. — Hervorgehoben wurde ganz besonders, namentlich von practischen Juristen, daß durch die Wiedereinführung der Berufung in Strafsachen der Kurzschrift eine viel größere Verwendung in der Rechtspflege zu Theil werden müsse, als seither.
♦* Vou hessische» Behörden werden steckbrieflich verfolgt : Taglöhner Adam Heck aus Framersheim wegen Hausfriedensbruch 2C., von der Staatsanwaltschaft Darmstadt- Küfer Franz Kinsberger aus Fürfeld wegen Unterschlagung, und Schreinergeselle Philipp Grünewald aus Höllerbach wegen Diebstahls, vom Amtsanwalt Groß-Umstadt- Schirmflickerin Gertrude Steller aus Oberrosphe wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt, und Dienstknecht August Ter sch aus Guben wegen Diebstahls, von der Staatsanwaltschaft Gießen- Schirmflickerin Bertha Vilm etter aus Huckelheim wegen Unterschlagung, vom Amtsanwalt Büdingen - Schneider Philipp Roß aus Darmstadt wegen Verbüßung einer Gefängnißstrafe, vom Amtsgericht I. Darmstadt.
** Bessere Kaseraenkost. Da infolge der zweijährigen Dienstzeit die Soldaten mehr angestrengt werden als früher, so sollen sie auch eine bessere Kost erhalten. Es ist im nächsten Reichstage eine Vorlage zu erwarten. Die Fleischportionen sollen um 30 Gramm, die Gemüseportionen in der Kaserne auf die Höhe der während der Manöver bewilligten gebracht werden. Hierzu ist eine Fettzugabe von 40 Gramm geplant, welche sich in den Manövern auf 60 Gramm erhöhen soll, so daß als Regel die Gewährung eines warmen Abend- brotes stattfinden könnte, für welches den Mannschaften 15 statt 13 Pfennige, wie bis jetzt in Anrechnung gebracht werden sollen.
•* Die Zahl der Inhaber des eiserneu Kreuzes von 1870/71, nimmt naturgemäß von Jahr zu Jahr erheblich ab. Das preußische Heer und die unter Preußens Verwaltung stehenden Contigente zählen zur Zeit noch 844 Berechtigte, Sachsen 45, Württemberg 4 und Bayern 10 Berechtigte. Gegen das Vorjahr ist die Gesammtzahl um 40 gesunken. Auch die Zahl der Angehörigen der vormaligen schleswig-holsteinischen Armee aus den Jahren 1848—1850 ist gegenwärtig sehr gelichtet. Es beziehen noch Pensionen
aus dem Reichs Jnvalidensonds: 1 Bataillonscommandeur, 3 Hauptleute und ein Rittmeister erster Klasse, 6 solche zweiter Klaffe, 16 Premierlieutenants, 93 Secondelieutenants und 16 Sanitätsoffiziere - ferner Jnvalidenpensionen: 10 Feldwebel, Oberfeuerwerker und Wachtmeister, 104 Sergeanten und Unteroffiziere und 660 Gefreite, Gemeine und Spielleute. Endlich erhalten noch 74 Wittwen von verstorbenen Angehörigen der genannten Armee Unterstützungen. Die Ge* sammtzahl der Pensionierten und Unterstützten beträgt sonach noch 1002- im vorigen Jahre war die Zahl noch um 54 höher.
** Warnung. Neuerdings kommen auf Kirchweihen und auf Jahrmärkten und besonders auch in Verkaufslocalen Zuckerwaaren zum Verkauf, in denen eine aus einer kleinen Stahlzunge bestehende Blaseinrichtung eingefügt ist. Kleinere Kinder verstehen sich selbstredend, wenn man ihnen solche Näschereien reicht, nicht lange aufs Blasen, sondern sie machen sich gewöhnlich alsbald ans Vertilgen der Süßigkeit. Dabei kam es in den letzten Tagen wiederholt vor, daß Kinder diese Stahlzungen verschluckt haben. Nicht immer geht dies so leichterdings ab- denn bei einem zweijährigen Kinde blieb kürzlich ein derartiges Stahlzüngelchen im Schlunde stecken, so daß operativ eingeschritten werden mußte. Eltern sollten also ihren Kindern solche Zuckerwaaren nicht verabreichen, anderseits sollten aber auch solch' verhängnlßvolle Eßwaaren überhaupt nicht zum Verkauf kommen.
△ Ermenrod, 25. October. Gestern Mittag brach aus bis jetzt noch nicht bekannten Gründen Feuer aus in der Wohnung des Johannes Geiß dahier. Das Feuer griff rasch um sich, so daß bald nicht nur das Wohnhaus, sondern auch die Scheune und Stallung in Flammen standen- Den herbeigeeilten Löschmannschaften gelang es, das Feuer auf seinen Herd zu beschränken. Der Abgebrannte ist versichert, indeß ist der Brandschaden um so empfindlicher, als der Winter vor der Thür steht und alle Futter* und Stroh- Vorräthe verbrannt sind.
§ Homberg a. £>., 25. October. Wenn jemals unser „Kalt-Markt" seinen Beinamen nicht verdiente, so war das gestern der Fall; während sonst nicht selten schon der Winter seinen Einzug gehalten, hatten wir gestern einen sommerlichen Spätherbsttag. Infolge dieses schönen Marktwetters zeigte der Markt sehr starken Besuch und nahm den befriedigendsten Verlauf. Der Vieh markt war mit Schweinen sehr stark befahren, indessen machte man auch hier die Wahrnehmung, wie auf dem vor acht Tagen zu Grünberg stattgefundenen Gaüusmarkte, daß nämlich im Schweinehandel die Preise matter geworden sind. Man bezahlte für das Paar Ferkel' zweiter Güte 30 bis 35 und 35 bis 40 Mk., erster Güte 40 bis 45 und 45 bis 50 Mk., für das Paar Läufer (Einlegschweine) im Durchschnitt 70 bis 80 und 80 bis 90 Mk. Das sind allerdings noch recht hohe Preise, obschon die Differenz gegen den Maximalpreis der früheren Märkte ca. 10 Mk. beträgt.
vermischtes.
* Breitenbach a. tz., 24. October. Zur schrecklichen Wahrheit wurde dem Vater seines einzigen Kindes ein Traum. Ein gut beleumundeter verheirateter Knecht aus Hatterode ist im Dienst in der Nähe von Alsfeld. Auch heute verrichtete er die ihm zugetheilte Arbeit, als ihn PlLtz- Uch ein eigentümlich schwermüthiges Ahnungsgefühl überfällt-. Er denkt an sein Kind zu Hause, dem ein Unglück zugestoßen, sein könnte, und bittet den Dienstherrn, ihn doch nach Hause gehen zu lassen. Dieser jedoch, der ihm wohl die Gedanken ausreden will, heißt ihn an seine Arbeit gehen, was er auch tut. In der nun folgenden Nacht träumt diesem Manne, sein Kind sei ins Waffe: gefallen. Dieser Traum läßt benr Vater keine Ruhe mehr, er eilt heim mit Geschenken für seinen Liebling. Welche Gedanken mögen diesen braven Vater auf seinem meilenlangen Fußwege gekommen sein! Er eilt heim mit sorgender Seele. Zwischen Hoffen und Bangen kommt er endlich in seinem Dorfe an. Doch, o Schrecken, es ist, wie ihm geträumt. Sein Liebling ist am Morgen im nahen Flüßchen ertrunken und der weinende Vater kann ihm nicht mehr die lieben Augen zudrücken, da sein Kind trotz eifrigen Suchens bis jetzt nicht hat gefunden werden können. Das Wiedersehen dieser unglücklichen Eltern ohne ihr Kind kann sich jedes Elternpaar denken, welches seine Kinder lieb hat.
* Aurich, 22. October. Ein vor 42 Jahren als verschollen und tobt erklärter Mann, ber Schiffs- capitän G. L. Saathoff ans Westersanber in ber Nähe von Aurich, welcher im Jahre 1852 seine Frau und drei Kinder verließ und feit der Zeit nichts mehr von sich hören ließ, ist, wie man aus Emden schreibt, von Neuseeland, woselbst er ansässig gewesen ist, zu seiner Familie bezw. seiner e^ maligen Frau wieder zurückgekehrt. Diese ist jetzt 74 Jahre alt und war inzwischen mit einem bereits verstorbenen anderen Mann 20 Jahre lang verheiratet- sie hat indessen noch immer nicht den Gedanken aufgeben können, daß ihr erster Mann noch lebe. Vor einigen Tagen gelangte nun die Kunde ins Dorf. Der Verschollene befände sich in Aurich auf der Heimreise nach seiner ehemaligen Familien- wohnung, und wirklich, kurz darauf erschien er in seinem HeimathSdorse.
* Paris, 23. October. AuS Lyon wird eine gräßliche Missethat eines halbwüchsigen Jungen gemeldet. Ein junger Glase^ehrling, der 13jährige Marius Millard, wurde seines halben Monatslohnes im Betrage von 35 Fcs. beraubt und bann erdrosselt. Seine Leiche wurde gestern früh von einem Eisenbahnbeamten auf einem Bauplatze entdeckt. Der Knabe war mit zwei Taschentüchern, darunter sein eigenes, erwürgt worden. Der kleine Marius, ein höchst arbeitsamer Junge, unterhielt mit seinem kärglichen Lohne seine Eltern, die sich gegenwärtig ohne Arbeit befinden und


