Nr. 252 Erstes Blatt.
Samstag den 27. October
1894
Gießener Anzeiger
Kenerat-Anzeiger
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Hcueftc Nachrichten.
Wolffs tclegrepMu#c* Korrespondenz- Bur ein-
Berlin, 25. October. In der gestrigen Schlußsitzung der AuSführungS-Commission des deutschen Anti- sclavereicomiteS hob Ministertaldirector Kayser die großen Verdienste der Geschäftsleitung und die bedeutsamen Erfolge für die humanen Ziele der Antisclaverei-Unternehmung unter Führung hervorragender Männer wie Wißmann, Baumann :c. hervor. Durch etwaige Fehler dürfe man sich nicht entmuthigen lassen. Ec sei nicht nur im Namen der Reichsregierung ermächtigt, die volle Anerkennung für das Geleistete auszusprcchen, sondern dürfe auch als Mitglied der Commission und in deren Namen dem Präsidium für die wahrhaft hingehende Arbeit den Dank aussprechen. Der Fürst von Wied dankte bewegt.
Berlin, 25. October. Stand der Herbstsaaten in Deutschland Mute October: Winterroggen 2,3, junger Klee 1,9; der Ernteertrag nach vorläufiger Schätzung für Winterweizen 1700, Sommerweizen 1520, Winterspelz 1570, Gerste 1780 Kilogr. pro Hectar.
Petersburg, 25. October. Wie aus Livadia gemeldet wird, wohnten der Großfürst-Thronfolger und die Prinzessin Alix gestern im Schlosse Orianda einer Seelenmesse für den verstorbenen Großfürsten Constantin Nikolajewitsch bei. Das Brautpaar besuchte darauf den Wasserfall von UtfchunSsu.
Yokohama, 25. October. Reuter-Meldung. DaS japanische Armcecorps, welches Hiroschima unter dem Com- mando des Marschalls Oyama verließ und gestern mit den Chinesen bet Port Arthur zusammengestoßen sein soll, ist bei Seikiossa aus chinesischem Gebiete gelandet. — Die japanischen Truppen im nördlichen Korea haben den Ualu- sluß überschritten und sind in die Mandschurei ein- marschirt.
Yokohama, 25. October. Reuter-Meldung. Bei dem Erdbeben tn den Bezirken Sakata, Aamagata und Akami sind an 3000 Häuser durch heftige Erdstöße zerstört und, soweit bisher bekannt, sind 260 Personen getödtet und eine große Anzahl verwundet worden.
Depeschen de» DurctM .Herold*.
Berlin, 25. October. Die stimmsührenden Minister der Bundesstaaten hielten heute unter dem Vorsitze des Reichskanzlers Caprivi eine Sitzung ab, in der sie über die Mittel gegen die Umsturzbestrebungen, sowie über die Steuerreform beriethen. ES wird versichert, daß diese Sitzung nichts mit der geschäftsordnungsmäßigen BundeS- rathssitzung zu thun habe. Mir der Ausarbeitung der Vorlage zur Bekämpfung der Umsturzbestrebungen sind der geheime Oberregierungsrath Philippsborn und Justizrath Seckendorf beauftragt. — Morgen Nachmittag findet in der Capelle der russischen Botschaft Hierselbst ein Bittgottesdienst für die Genesung des Czaren statt.— Das „Berl. Tagebl." meldet zur inneren Lage, daß in Sachen der Maßregeln gegen den Umsturz die Ansichten des Ministerpräsidenten Grasen Eulenburg isolirt dastehen. Die bayerische Regierung soll jeden Gedanken an eine Wiederholung der Ausnahmegesetzgebung zurückweisen, sowie jede Aenderung des Vereinsgesetzes für unnöthig halten, soweit diese das bayerische Gesetz betrifft. Der Regelung der^Frage von Reichs wegen dürfte die bayerische Regierung nicht beipflichten.
Berlin, 25. October. Das Antisclaverei-Comite hat sich formell aufgelöst. Die ihm gehörigen Schiffe find in den Besitz der deutsch-afrikanischen Gesellschaft übergegangen.
Berlin, 25. October. Aus Odessa wird gemeldet, daß Befinden der russischen Kaiserin hat sich derartig verschlimmert, daß eine Katastrophe befürchtet wird.
Berlin, 25. October. Die letzten bei der hiesigen russischen Botschaft eingegangenen Mittheilungen laffen eine Ver- Änderung in dem Befinden des Czaren und tn besten leichter Besserung nicht erkennen.
Berlin, 25. October. Die Bonner Studentenschaft erläßt einen Aufruf an die Commilitonen, um dem Fürsten Bismarck zu seinem 80. Geburtstage eine Ehrengabe der gesammlen deutschen Studentenschaft zu überreichen. Zn Berlin soll eine Versammlung von AbgeoDdneten sämmt- ltcher Hochschulen stattfinden, die das Nähere über die geplante Huldigung beschließen soll.
Wurzburg, 25. October. Der Main ist aus seinem Bette getreten. Das Master steigt fortwährend.
Karlsruhe, 25. October. Die Großherzogin von Baden überwies der Louife-Heilanstalt in Heidelberg die
Summe von 1000 Mark, welche sie vom Generalconful Karl Reiß in Mannheim anläßlich der EnlhüllungSfeier deS Kaiser Wilhelm Denkmals zu wohlthätigen Zwecken erhalten hatte, zur Anschaffung des Diphtherie-HeilserumS. Die Großherzogin hat bestimmt, daß vermittelst dieser Summe die Wirkung des Heilserums erprobt und wissenschaftlich untersucht werden solle.
Budapest, 25. October. Der Arbeiter Ambrozik gestand vor seinem Tode, mit anderen Arbeitern durch Verwendung mehrerer Dynamitpatronen daS Grubenunglück der Annina herbeigeführt zu haben.
Kopenhagen, 25. October. Hier eingetroffene Privatnachrichten bezeichnen den Zustand des Czaren als verschlimmert. Er könne fast nichts mehr genießen. Die Anschwellung des Unterleibs nehme immer mehr zu.
Rom, 25. October. Dr. Risso in Genua hat, wie nach hier gemeldet wird, ein neues Mittel gegen Diphtherie erfunden- dasselbe soll noch wirksamer sein als das Behring'sche Heilserum.
Brüffel, 25. October. Hinsichtlich der am nächsten Sonntag tn ganz Belgien stattfindenden Wahlen der Provinzialräthe herrscht abermals große Agitation. In den meisten wallonischen Provinzen stehen wieder drei Listen gegenüber, die clerikale, die liberale und die socialistische Liste.
Brüffel, 25. October. Entgegen den Meldungen verschiedener Blätter, daß der ehemalige Minister Beernaert das Portefeuille des neu zu schaffenden ArbeilSministeriums übernehmen werde, wird aus gutunterrichtcter Quelle gemeldet, daß dieses Ministerium vorläufig erst geplant sei und einen Theil der Reformen bilden werde, welche die Regierung der Kammer unterbreiten will.
Paris, 25. October. Dem „Siecle" zufolge wurde die betreffende Depesche, wonach der Abbruch der Verhandlungen mit der Regierung von Madagaskar bevorstehen soll, nur Castmir-Perier und Dupuy mitgetheilt. Eine Antwort soll sofort an Le Myre de Vilers abgegangen sein. Der „Figaro" fragt, wenn die Depesche eine friedliche Lösung voraussehen ließe, würde man sie dem Publikum unverzüglich mitgetheilt haben. Der „Gaulols" glaubt, daß auf Grund der seit zwei Tagen gewechselten Telegramme die Regierung heute, spätestens morgen definitive Beschlüste fasten wird. Die „Autorile" theilt mit, daß General Negrier ausersehen sei, die Expedition nach Madagaskar zu commandiren.
Paris, 25. October. Ein in der hiesigen russischen Botschaft eingelaufenes Telegramm auS Livadia erwähnt besonders dieThatsache, daß der Czar immer noch bei vollem Bewußtsein sei.
Paris, 25. October. Wie hier verlautet, wird die Vermählung des Großfürsten-Thronfolgers voraussichtlich jetzt nicht in Livadia stattfinden.
Brest, 25. October. Heute Nachmittag exp lodirte der Dampfkessel deS Kreuzers „Arethuse" bei dem Versuch, mit forcirtem Dampfdruck zu arbeiten. Sechs Arbeiter wurden getödtet, zwanzig verletzt.
Loudon, 25. October. Die „Morntngpost" bespricht die Eröffnung der zwischen Tunis und Bizerta fertiggestellten Eisenbahn, sowie die Gründung eines Militärhafens in der Nähe Maltas und sagt, daß beide Unternehmen wichtige Factoren in der Mittelmeerfrage bildeten. Es sei jetzt sehr leicht, Bizerta und Toulon miteinander zu verbinden, England müsse darum Maßregeln treffen, um die jetzige Sachlage definitiv zu regeln, wenn nicht ernste Covflicte zwischen Frankreich und England ausbrechen sollten.
Petersburg, 25. October. Es verlautet, ein französischer Chirurg solle nach Livadia berufen werden behufs eventueller Operation, falls nur eine Niere des Czaren afficirt sein sollte. Professor Bergmann tn Berlin soll die Operation abgelehnt haben.
Sozialdemokratischer Parteitag.
Frauksurt a. M., 24. October.
Der zweite von süddeutschen Delegirten eingebrachie Antrag lautet: „Der Parteitag wolle erklären: In Erwägung, daß die grundsätzliche Bekämpfung der herrschenden Gesell- schafts- und Staatsordnung aus der Gesammtthätigkeit der Partei hervorgeht - in weiterer Erwägung, daß die Gesammt- abstimmung über die Finanzgeschäfte der Einzelstaaten eine reine Zweckmäßigkeitsfrage ist, welche nach den örtlich und zeitlich gegebenen Umständen zu beurthellen ist, sowie im Hinblick auf die am bayerischen Parteitage gegebene Darlegung sind die von Berlin, Halle, Weimar, Braunschweig > und Magdeburg gestellten Anträge als erledigt zu betrachten."
Um diese beiden Anträge, eventuell den ersteren mit dem Zusatz Stadthagen handelt es sich in der weiteren Be- rathung. Zu dem von den Süddeutschen gestellten Anträge erhält zunächst das Wort v. Vollmar, der in längerer Rede darlegt, warum so und nicht anders beim Finanzetat in der bayerischen Abgeordnetenkammer abgestimmt worden sei. Gegen der Reichsetat stimmten die Socialdemokralen deshalb, weil l/s der Reichseinnahmen für Militärzwecke verwendet würden, und der Militarismus müste unter allen Umständen bekämpft werden. Anders liege es tn den Landtagen. Der bayerische Etat habe mit den Ausgaben für daS Militär gar nichts zu thun, da die Höhe des von Bayern für Militärzwecke aufzubringenden Betrages procentual nach dem im Reichstage genehmigten Militäretat für das gesammte deutsche Heer berechnet werde. Zu bewilligen habe in dieser Beziehung der bayerische Landtag gar nichts. Beim bayerischen Etat handle es sich fast ausschließlich um Ausgaben für Culrur- zwecke. Die socialdemokratischen Landtagsabgeordneten hätten im Einzelnen für diese Ausgaben gestimmt, sie theilwetse sogar selber beantragt, wie würde es nun ausgesehen haben, wenn sie im Gesammtetat gegen diese Ausgaben gestimmt hätten. Die Rücksicht auf ihre Wähler, unter denen sich auch viele kleine Eisenbahn- und Postbeamte befänden, denen sie Gehaltsaufbesserungen versprochen hätten, habe sie bewogen, für den Etat zu stimmen, ferner die Rücksicht auf die fernere Agitation, die sich bekanntlich auf das Land erstrecken solle, da tn dem Etat auch bedeutende Summen für Schaffung besserer Verhältnisse auf dem Lande ausgeworfen seien. Die Agitation werde ihnen durch die Annahme von gegen die Bayern gerichteten Anträgen jedenfalls sehr erschwert werden. Die bayerischen, namentlich die oberbayerischen Bauern, seien so unwissend, daß sie einfach der Socialdemokratie von vornherein den Rücken kehren würden, deshalb, weil sie eine öde Principicnreiterei nicht begreifen würden. Im Uebrigen bestreitet Vollmar, daß die Abstimmung für ober gegen einen Finanzetat eine principielle Frage sei, es sei eine reine Zweckmäßigkeitssrage, und polemisirt scharf gegen die fortwährend von Berlin, von wo bekanntlich alle Gutes komme, kommenden Einmischungen in die Angelegenheiten der PaNei- genosten tn den anderen Bundesstaaten. Besonders wendet er sich gegen Bebel und warnt eindringlich, die Reibereien nicht auf die Spitze zu treiben. Bebel begründet in längerer Rede seinen Antrag. Er behauptet im Gegensatz zu V o l l m a r, daß es sich um eine Frage des Prlncips handle. Ob durch Festhaltung am Princlp die Bauern abgestoßen oder angezogen würden, sei ganz gleichgiltig, wenn dieselben jetzt die Noth beten lehre, werde sie die Noth auch denken lernen-, Grillenberger erklärt, die bayerischen Führer der Social- demokratie hätten mit einer Bevölkerung zu rechnen, die zu 80 Prozent aus Kleinbauern bestehe. Sollte der Antrag Bebel angenommen werden, so würden sie sich in Bayern einfach nicht darum bekümmern. Die Norddeutschen verständen eben von bayerischen Verhältnissen nichts. Um 4 Uhr wird die Discussion vertagt. Aus der gestrigen Verhandlung ist noch nachzutragen, daß ein Antrag, auf ein Reichsvereinsgesetz hinzuwtrken, abgelehnt wurde und ein Antrag, den bekannten Urthetlsspruch deS Langenselbolder Amtsgerichts im Reichstage zur Sprache zu bringen, angenommen wurde,
Frankfurt a. M., 25. October.
Unter Vorsitz des Abg. Singer wird die Berathung über die bayerischen Angelegenheiten fortgesetzt.
Zunächst ergreift Auer das Wort, um den Bebel scheu Antrag zu unterstützen. Dann tritt er in energischer Weife v. Vollmar entgegen und bebauen, daß dieser in so rabiater Weise gegen die Preußen — namentlich Berliner — vorgeht. — Redner fährt weiter fort: Was Vollmar als spectfisch bayerische Eigenart dahinstellt, findet man auch in anderen Provinzen. Wenn Vollmar seine Taktik mit der Rücksicht auf die Bauern begründet, so täuscht er sich. Die bayerischen Bauern, er, Auer, selbst Bayer, bemerke das — sind für die Socialdemokratie kaum zu gewinnen. Wenn die Bauern erst für Slgl, dann für Vollmar schwärmen, so zeigt dies eben, daß sie an der Person, aber nicht an der Partei hängen. Die Bauernbundbewegung ist im Grunde gencmmen uneactionär zu nennen. Diese Specles von Capltallsten- bourgeois dreht nur aus Noth dem Centrum den Rücken und sehnt wohl schwerlich eine Gleichstellung mit ihren Knechten herbei. Für solche Socialdemokraten danken wir. Für mich ist nur die Cardinalfrage die, wie machen wir der Zerfahrenheit ein Ende, wenn wir nicht die gemeinsame Marschroute einschlagen wollen. Ich erwähne noch, daß die boyertsche Socialdemokratie nicht dazu da ist, um den Fortbestand des jetzigen bayerischen Staates zu sichern, höchstens doch ihn zu


