Ausgabe 
27.5.1894 Drittes Blatt
 
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Rr. 121 Drittes Blatt. Sonntag den 27. Mai 1«94

Der frirjcxct A»teig«r rrschnnt täglich, tt lulnabmr brf Montags

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Siebener Anzeiger

Kenerat-H^nzeiger.

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HAartten, EspedtN» unb Druckerei:

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Aints- und Airzeigeblutt für den Kreis Gictzen.

Hratisöeitage: Gießener Kamikienklätter.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für de» salgenden Tag erscheinenden Numme^bis vorm. 10 Uhr.

totale» und provinzielles.

Gielen, den 26. Mai 1894.

* Ernannt wurden: am 17. Mai der Gefangenwär er am LandeözuchthauS in Marienfchloß Valentin Sch äfe r mit Wirkung vom 4. Juni d. I. an zum Gefangenausseher an gedachter Anstalt- am 19. Mai der Gerichtsvollzieher mit dem Amtssitze in Pfeddersheim Jacob Nicolaus Hemer zum Gerichtsvollzieher mit dem AmiSsitze in Mainz und der Gerichtsvollzieher mit dem Amtssitze zu Vilbel Jacob EgidiuS Reis zum Gerichtsvollzieher mit dem Amtssitze in PfedderS» heim, beide mit Wirkung vom Tage des Dienstantritts ihres DienstnachsolgerS an- an demselben Tage der Militäranwärter Nikolaus Hosfmann in WormS zum Kreisdiener bet dem Kreißamt Alsfeld.

Der Getreidemarkt. Im Getreidegeschäft hat auf die Nachricht von den mannigfachen Schäden hm, welche die Maisröste den Saaten zugesügt haben, eine etwas bessere Stimmung Platz gegriffen. Roggen und Wrizen sind daher vielfach wieder ein wenig im Preise gestiegen unb auch Hafer hat von der wieder eingetretenen befferen Stimmung des Marktes profitirt. Immerhin bleibt noch abzuwarten, da sich diese Tendenz erhalten wird, es dürste dies wesentlich von der Feststellung des UmsangeS der Frostschäden bei den Saaten abhängen. An der Berliner Productenbörse notltten : Weizen per 1000 Kilogramm von 127138 Mk., Roggen von 104 bis 114 Mk., Gerste von 90 bis 165 Mk., Hafer von 126 bis 164 Mk.

8 Homberg a. O., 25. Mai. Nachdem erst kürzlich Herr Oberförster Kutsch von Burg-Gemünden das seltene Jagdglück gehabt, einen 150 Pfund schweren Hirsch zu be­kommen, gelang eS jetzt Herrn Fritz Eckstein von Grün­berg gleichsalls einen kapitalen Hirsch zu erlegen. Die in hiesiger Gegend seltenen Thiere müssen auS angrenzenden Bezirken, darinnen Hirsche gehalten, hierher gekommen sein.

F. AuS dem Kreise Friedberg, 23. Mai. Unsere Zucker­fabrik hat im Jahre 1893 17 Procent Dividende gezahlt, diese- Jahr mllffcn wir mit dem dritten Theil vorlieb nehmen, denn wir erhalten für den Gentner Rüben statt 1 Mk. nur 85 Psg. und außerdem lagern noch 1520 000 Gentner Zucker, welche noch nicht verkauft worden sind, weil der Preis: 13 bis 14 Mark doch ein gar zu niedriger ist. Die Handelsverträge bringen uns nicht bloS schlechte Fruchtpreise, sie drücken auch btejenigen der anderen landwirthschaftlichen

Erzeugnisse. In Betreff der Zuckerrübenindustrie wirkt aus I das Sinken der Preise noch mit, daß nicht weniger als 14 Zuckerfabriken im Bau sind, die alle proSperiren wollen. Ende der achtziger Jahre galt der Zucker 2630 Mk., heute gilt er 1314 Mk., da werden die hohen Dividenden etwa- niedriger werden müssen.

A AuS dem Kreise Alsfeld, 25. Mai. Das konstante Anhalten der seitherigen nichts weniger als fruchtbaren Wetterlage hat die zu Beginn des Mai sehr günstigen land­wirthschaftlichen Aussichten erheblich zurückgehen laffen. Ent­gegen den optimistischen Mittheilungen aus anderen Gegenden, wie aus der Welterau, bleibt für uns die Thatsache bestehen, daß, wenn nicht bald Niederschläge und höhere Temperatur eintreten, wir einem ungünstigen Jahrgang wiederum ent­gegen gehen. Wohl ist der derzeitige Stand der Saat und des Grases entschieden bester, als um die gleiche Zeit des vorigen Jahres, allein zu wünschen bleibt bei solcher Wetter­lage viel übrig. Da sehlt vor allem in den Thalwiesen daS dichte Grundgras, weil die Feuchtigkeit mangelt. Die einzelnen hohen Blüthen- und Grasstengel, die die einige Tage an­haltende ungewöhnlich hohe Wärme hervorgebracht, lasten wohl oberflächlich einen guten Grasbestand vermuthen, der aber beim Nähersehen sich als Täuschung erweist. Eine gute Heuernte steht bis heute mithin nicht zu erwartm. Auch wächst nach der ersten Schur das zweite GraS bei diesen ungünstigen Witterungsfactoren nicht nach, so daß vollständige Deckung deS Futtermangels nicht absehbar ist. Das Korn ist wohl üppig emporgewachsen, aber der Wetzen kann nicht heraus auS dem Boden, der so hart, daß er gesprungen ist. Ebenso bedarf die Sommersaat, Hafer und Gerste, der Niederschläge dringend. Sie ist sehr schön aufgegangen, aber in ihrem Gedeihen jetzt gehemmt. Die zum Aussetzen be­stimmten Wurzelpflanzen, wie Dickwurz, Kohlrüben und Kiaut, müffen täglich begossen werden, sollen sie anders nicht zur Setzzeit noch zu unentwickelt sein. Ueberall mangelt der Regen, den wir in ausgiebigem Maße überhaupt in diesem Frühjahr noch nicht einmal erhalten haben. Tritt er in nächster Zeit ein, dann kann sich noch Alles in landwirth- schaftlicher Hinsicht bessern- bleibt er auS, bann werden die gehegten Befürchtungen sich leider erfüllen.

Vermischtes.

Der steckbrieflich verfolgte Postasfisteat Ullrich von Leipzig, der rach Unterschlagung e ncr Summe von ca. JL 180,000

Illt Wnnoncen»Bunaur des In- und Auslandes nehm«» Anzeigen für b<nGießener Anzeiger" entgege».

flucht g gegangen ist und in Alexander bad bei Wunsiedel in Bayern bereits verhaftet worden sein soll, hat am Donners­tag Frankfurt einen Besuch abgeplattet und seine offenbar durch die rasche Abreise auS Leipzig nicht ganz salonsähige Kleilung in dem EonfcctionSgeschäfte von LS. Herz In der Kaiselstraße gegen neue Garderobe umgetauscht. Ullrich be­trat gegen ,/22 Uhr daS Local, ließ sich Anzüge vorlegen, wählte nach kurzem Ueberlegen einen davon, den er sofort anzog. Auffallen mußte außer der Hast, mit welcher die Wahl getroffen wurde, der Umstand, daß er auf Befragen des Verkäufers, wohin er den ahm Anzug senden solle, er­widerte:Ich werde ihn abholen, oder vielleicht auch nicht, daS macht auch nichts." In dem zurückgelaffenen Anzug befand sich auch die Brieftasche des Durchgängers - der Ber« käuser machte ihn darauf aufmerkiam, woraus der erstere die jedenfalls m t Banknoten gefüllte Brieftasche hastig an sich nahm. In die Hände dcr Polizei sind natürlich mit den SUeibern nur einige roemge Gegenstände, die an unb für sich nicht wichtig, boch reichliche Anhaltspunkte sein dürften, gefallen : Ein F.äschchen Parfüm einer Le pziger Firma, eine Rechnung für Fräulein Helene......(über JL 10.70) von einer

Schneiderin ebenfalls in Leipzig und ein Bleistift, wie solche bei der Post verwendet werden. Ullrich drängte bei Bezah­lung des Anzuges sowohl dem Verkäufer als auch dem Zu­schneider Trinkgelder aus- da aber daS Trinkgeldgeben gerade bei solchen A Nässen kaum zur Tagesordnung gehört, hätte dieses allein den glücklichen Empfängern ausfallen müssen, die Anzeige sofort und nicht erst nach mehreren Stunden zu erstatten. Der den pp. Ullrich bedienende Verkäufer hat gestern Abend seine Wahrnehmungen bei der Polizei zu Protocoll gegeben. Der Angestellte erklärte, daß die ihm vorgelegte Photographie in allen Einzelheiten auf den Käufer des Anzuges stimme, nur fei daS Kopfhaar kürzer gewesen. Da Ullrich noch in einem anderen Geschäfte der Kaiserstraße Einkäufe besorgte, und vermuthlich um 2>/, Uhr noch in Frankfurt gewesen sein dürfte, so liegt die Derrnuthung nahe, daß er noch nicht verhaftet ist, da kaum anzunehmen ist, daß Ullrich bis zum Nachmittag resp. Abend bereits bis nach Wu.siedel gelangt sein sollte.______________________________________

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Erstes Deut^ohes Tuchversandtgeschäft Oettinger & Co., Frankfurt a. 31., Fabrik-Depöt.

Mo erulte Muster berettw'll git franco. 936

Feuilleton.

Noch einmal?

P,n Harry Eck.

lNachdruck verboten.)

Die Großmutter saß im Stübchen am Fenster unb blickte hinaus tn bas bämmernbe Licht. DaS Abenbgold stuthete über die stille Erbe unb Friebe lag über ber Natur. Friebe warS auch um sie her, nach manchen harten Stürmen, die ja keines Menschen Leben verschonen.

Die Erinnerung an so manches, baS einst sie erfreut ober betrübt, erhob sich au« betn bäntmernben Zwielicht vor ihrer bewegten Seele. Ach, wie oft hatte sie den Lauf ihres Lebens vor dem geistigen Auge vorüberziehen lassen- jene himmelstürmende Freude, als sic nach hartem Kampfe der Entsagung endlich doch dem Geliebten angehören durfte.

Die selige Zeit des Mutterglücks, als sie in die klaren Augen ihres Erstgeborenen blickte.

Und bann an bie Zeit ber Schmerzen, beS Herzbethörenden toilben Wehs, als sie den geliebten Mann zur letzten Ruhe gebettet.

Da hatte sie gemeint zu sterben. Aber baS menschliche Herz bricht stückweise. Nicht bieseS Leib, so schwer ihr Herz daran getragen, mar«, daS sie später daS herbste nannte, sie sollte noch größeres erfahren.

Um ihrer Kinder willen hatte sie die Kraft gesunden, daS Leben weiter zu tragen - sie waren ihr ein theurcS 83er« mächtniß des geliebten Todten- Paul, ihr Liebling, mit den braunen treuen Augen seines DaterS, unb Mariechen, bas btonbe feine, ihr eigen Gbenbilb. Paul war Soldat ge­worden, ein stolzer, schneidiger Soldat. Wie glücklich lächelten die alten Augen bei dem Gedanken. Seelengut war er, er hatte sein liebstes Spielzeug hingegeben, die leicht entfeffeltcn Thränenftröme seines Schwesterchens versiegen zu sehen- doch ein heißes, aufbrausendes Blut floß in seinen Adern, das der Mutter bange Befürchtungen unb Sorgen erweckte. Er hatte sich nie beherrschen können, unb wie sie gefürchtet

es war sein Verberben geworben. Sie wußte eS noch, als sei eS erst gestern geschehen.

Wie heute hatte sie gesessen unb in ben Abendhimmel hinauSgesehen - die Sonne sank soeben hinter den Hügeln, daS Abendroth fluthete am Horizont feurig roth und tönte sich weiter hinauf Heller ab, bis zum herrlichsten Gold.

Ihr war so leicht umS Herz gewesen, ein seliger Friede wehte um sie. Da war die HauSthür aufgegangen, ein Schritt ertönte, so hastig unb stürmisch, warum stockte ihr plötzlich ber Herzschlag war eS, baß ber Schritt ihr so bekannt vorkam?

Da hatte sich bie Thür geöffnet unb Paul, ihr Liebling, stürzte zu ihren Füßen nieder.

Mutter, Mutter," stieß er hervor,Dein Sohn ist verloren I"

Ein tiefe«, qualvolle« Stöhnen entrang sich der keuchenden Brust.

Entsetzt hob sie da« Haupt ihre« Lieblings empor unb gewahrte bie Tobtenblaffe, bie barauf lagerte- die Züge waren verzerrt, in ben Augen loderte eS wild.O Mutter," schrie er noch einmal auf,Dein Sohn ist zum Mörder geworden!" Da hatten die Kräfte sie verlassen, ganz plötzlich, sie war umgesunken.

Er aber sprang auf unb erhob bie gefalteten Hände zum Abendhimmel empor:Du Allgütiger, erbarme Dich und sende Deinen Blitz hernieder, mich Unglückseligen zu vernichten, ber ich so viel Glenb auf bas Haupt meiner Mutter gebracht."

Sie war bann roieber zu sich gekommen unb hatte ver­sucht, ihre wirren Gedanken zu sammeln, e« galt ja, einen Weg ber Rettung zu ffnben für ihren unglücklichen Sohn. Er kniete nteber, lehnte baß Haupt in ihren Schooß unb er« zählte ihr, wie e« gekommen.

Unzusammenhängenb wurde Satz um Satz herauSgestoßen, boch sie verstaub so viel, baß sein Vorgesetzter ihn im Der« bacht gehabt, bei einer ehrenrührigen Sache beteiligt gewesen zu sein unb baß er ihn vor den Kameraden darüber befragt - seine Antworten hatten den sonst wohlwollenden Ofsizier auf« 1 gebracht, böse Worte waren gefallen und Paul, in der furcht« I barsten Erregung, hatte angelegt und abgedrückt, ohne zu

wissen, toaß er that. Eist als er den Getroffenen blutend vor sich liegen gesehen, war ihm baß Geschehene zum klaren Bewußtsein gekommen, er hatte baß Gewehr hingeworsen unb war geflohen, ehe bie vor Entsetzen gelähmten Kameraden ihn hatten halten können.Ich bin bet der Mutter," hatte er geschloffen,mögen sie nun kommen und mich holen, habe ich Dich doch wieder gesehen!" Sie war da stumm hlnauß« gegangen, ein Gedanke war in ihrer Seele aufgestiegen, ließ sich der verwirklichen, so konnte sie aus Rettung hoffen. Wie findet doch Mutterliebe noch wunderbare Außwege, wo alle Hilfe fern, alle Hoffnung Thorheit erscheint. Zu dem Nach­bar, dem alten Schulmeister, war sie gegangen; sie wußte, er hatte für seinen ungeratenen Sohn eine Fahrkarte nach Amerika, dem Lande der Freiheit, gelöst und daß Schiff stach noch heute Abend in See. Wenn sie diese kleine Karte er­langte, so war daß Leben ihreß Sohne« gereitet. Sie hatte sich dem alten Manne entdeckt, zu seinen Füßen hatte sie ge­legen und ihn angefleht um seinen Beistand:Mein und meine« Sohneß Leben liegt in Ihrer Hand," hatte sie gesagt und daß war reine lautere Wahrheit.

Da war er schweigend zu dem kleinen Pult gegangen, hatte daß werthvolle Kärtchen heraußgenommen und dazu bie Papiere, alleß lag ja bereit, unb beides in ihre Hand gelegt. Ihren Dank hatte er abgewiesen, nur schweigen solle sie über das, was vorgefallen zwischen ihnen, unb bie Thränen waren ihm in den grauen Bart getropft.

Wie war sie ba geeilt, ihm die Rettung zu bringen! Furcht unb Hoffnung im Herzen - Furcht, baß es noch miß­glücken könne, Hoffnung, baß er, der Höchste, sie nicht ber« laffen werde, er hatte ja soweit sichtdarlich geholfen. Sie hatte ben Sohn noch an ihrem Lehnstuhl fnieenb gefunben, ben Kopf in die Kiffen gebrückt in bumpfem Hinbrüten. Er sah sich verloren, ber Gebaute raubte ihm Kraft und Muth; wäre man ba gekommen, ihn abzusühren, er wäre gefolgt, willenlos hoffnungslos. Er merkte nicht, daß bie Mutter heimgekommen, sie ging ab unb zu, bereitete alleß zu feiner Flucht er sah unb hörte nichts.

(Schluß folgt.)