Nr 172 Zweites Blatt. Donnerstag den 26. Juli
1894
Der Hießener Anzeiger rscheüu täglich, uut Ausnahme dcS MontagS.
Die Gießcncr A-amltienb kälter werden dcm Anzeiger wöchentlich dreimal deigelegt.
Gießener Anzeiger
Kemrat-Unzeiger.
Vierteljähriger Avonnementspreis: 2 Mark 20 Pfg. mit Bringcrlohn.
Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.
Redaction, Expedition und Druckerei:
Schulstraße Mr.7.
Fernsprecher 51.
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gieren.
Hratisöeikage: chießener Kamitienötätter
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den Agenden Tag erscheinenden Nummer bis Vorm. 10 Uhr.
Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Vermißtes*
Hochelheim, 22. Juli. Von einem herben Verluste wurde die Familie des Laudwirths Viehmann dahier plötzlich betroffen. Am 20. Juli Morgens überbrachte der Telegraph ihnen die Nachricht, daß ihr Sohn, welcher vorigen Herbst als Marine-Soldat in Wilhelmshaven eingetreten war, am 19. Juli Nachmittags dort beim Baden ertrunken sei. Sofort reisten die trauernden Eltern nach Wilhelmshaven, um die Leiche ihres Sohnes zu holen und in heimathlicher Erde zu bestatten. Am 22. Juli, Vormittags 11 Uhr, traf der Zug auf der Station Langgöns ein, dem die irdischen Ueberreste deS verunglückten Soldaten entladen und alsbald nach hier verbracht wurden. Von seinen Vorgesetzten wurde der so früh dem Leben Entrissene als ein braver, tüchtiger Soldat geschildert und allgemein ist die Theilnahme, welche Alle den trauernden Ellern entgegenbringen. W. B.
* Hamburg, 23. Juli. Gestern Abend 10 Uhr wurde auf der Elbe ein Ruderboot vom einem Harburger Dampfer übergerannt. Zwei Damen, Geschwister Sievers aus Wilhelmsburg, sowie der Jollensührer sind ertrunken.
* Pest, 21. Juli. Ein unerhörter, geradezu ans Mittel- alter erinnernder Vorfall ereignete sich in der Ortschaft Dragojest. Mehrere Pferde und Fohlen waren aus unbekannten Gründen verendet und das Volk verdächtigte nun eine 75jährige Greisin, Namens Marianczu Stanka, die Thiere mit ihren Hexenkünsten umgebracht zu haben. Die fanatischen Leute zündeten der armen, hilflosen Frau das Haus über dem Kopfe an und der Richter sowie die Geschworenen hatten alle Mühe, die mit Brandwunden bedeckte Greisin vor dem Flammentode zu retten.
* Auch ein Karlsbader Kurgast! Ein alter polnischer Edelmann, leidenschaftlicher Jäger, kommt aus Karlsbad und erzählt folgendermaßen: Naturalnie, meine Herren, Karlsbad helft auch nicht vor Alles, ick werd Ihnen erzählen, wie mir gegangen. War ich angekommen in Karlsbad und laß mir Doctor holen. Doctor, sag ich zu ihm, mir ist Morgens immer übel, helfen Sie mir von das Zustand, das ist Zweck, wenn ich hierher gekommen. Doctor, fühlt er mir an Puls und sagt: Hören Sie mal, Herr v. Sokolniki, Sie trinken wohl ein bischen viel? Was, sag ich, trinken? Gar nicht trink ich. So! sagte Doctor, dann machen Sie sich wohl wenig Bewegung? Sag ich, Doctor, habe ich doch große Güter und b>n ich naturalnie ganzen Tag unterwegs. So! sagte Doctor, dann haben Sie wohl viel Aerger in der
i Wirtschaft? Aerger? sag ich, gar nicht Aerger hab ich, | bin ich Gott sei Dank reicher Mann, brauch ich mich nicht zu ärgern wie deutsches Nachbar. — Na, sagt Doctor, dann erzählen Sie mal, wie leben Sie denn den Tag über? Ich erzähl ihm also: Sag ich, seh'n Sie, Doctor, um 9 Uhr steh ich auf, dann trinke ich Thee mit ein und zwei Cognac, aber von gutem alten Cognac. Potem, dann setze ich mir auf Pferd und reit ich in Wirtschaft oder auf Jagd mit Windhunden. Wenn ich komme zurück, dann nehme ich Frühstück, aber warmes. Zu Frühstück trinke Flasche Ungar, i kommt Freund, dann zwei und drei, wie so is. Nach Frühstück, dann lege ich mich aus Chaiselongue und les ich Zeitung „Dziennik poznanski" oder „Gazetta Torunska", aber nicht zu ärgern, blos zu „Zeitungslesen". Potem, dann geh ich auf Hof und beseh ich mein Pferd, was ich hab Tag vorher von Jud gekauft. Hat der Jud mich beluxt, dann hat er mich veluxt, aber ärgere ich mich auch nicht. Dann gehe ich zu Diner und trinke ich Flasche Bordeaux- kommt Freund, dann zwei, auch drei, auch vier, wie so is, aber Freund kommt immer. Bei Kaffee, naturalnie, Schnäpschen, auch zwei, auch drei, auch vier, aber immer von gutem alten. Wenn haben wir nach Diner geschlafen, dann laß ich anspannen und sehen wir auf Vorwerk und red ich mit Jnspector, aber ärgere ich mich gar nicht mit ihm, wie deutsches Nachbar, red ich nur mit ihm und fahre ab. Wenn kommen wir nach Haus, dann trinken Gläschen Grog, auch zwei, auch drei, aber immer von gutem alten Rum, Flasche zv 9 Mark. Potem, nachher wird Karten gespielt und Ungar getrunken, also wir fahren auf Birsch! Zu Abendbrod ganz frugal, kalte Küche, Majonnaise mit Hummern, albo Aal, albo Lachs und kaltes Fletsch, dazu trinken wir echtes Kulmbacher, vor drei Mann immer Achtelchen. Kurz vor Schlafengehen geh ich noch in Keller und hab ich zum Zuspitzen Flaschen von dem ganz alten guten Ungar; manchmal bleiben wir noch ein Weilchen sitzen, wie so is, und schlafen dann sehr gut. Sehen Sie, Doctor, so leb ich tagüber; aber was soll ich Ihnen sagen: anderes Morgen immer übel.
* Ein eigenartiges Unglück trug sich in Obergimpern bei Rappenau zu. Der 14jährige Adolf Fehl ging in den Wald, um ein Nest junger Eichhörnchen, das er entdeckt haben wollte, auszuheben. Als er zum Schrecken seiner Familie am Abend nicht zurückkehrte, wurde am anderen Morgen die Gemeinde vom Bürgermeisteramt zur Streife aufgeboten. Man fand den Knaben entseelt unter dem Baume liegen, auf welchem sich das vermeintliche Eichhörnchennest befand,
mit einem Biß am Hals- er hatte das Genick gebrochen. Ein Auge war ausgefallen. In dem Neste befand sich ein Marder mit mehreren Jungen. Es ist anzunehmen, daß, als der Knabe auf den Baum gestiegen war und in das Nest griff, der Marder herausfuhr, ihm den Biß beibrachte und der erschrockene Knabe, jäh herabfallend, seinen Tod fand.
* Das Sturmgepäck. Das Interessanteste an der neuen Gepäckausrüstung, wie sie in Hinsicht auf die Erleichterung der Traglast jetzt probeweise von einzelnen Versuchs-Abtheil- ungen verschiedener Regimenter getragen wird, ist unstreitig die äußerst practische Combination des Tornisters mit dem sogen. „Sturmgepäck". Der vorschriftsmäßig gepackte „Affe" hat unter seinem Felldeckel eine Art Tasche, in welcher sich die sogen, drei eisernen Rationen befinden, bestehend in Munition, Zwieback und Fleisch resp. Gemüseconserven. Dieser Deckel wird durch eine lange Stahlstange, die sogen. „Nadel" an dem Tornister festgehalten. Löst man die Nadel aus, fällt der Tornisterkasten mit seinem vollen Gepäck zu Boden und blos der Deckel mit den eisernen Rationen bleibt dem Mann. Dieses Gepäckstück, welches an dem Tornister- rtemen hängt, nennt man in Verbindung mit dem Mantel, dem Kochgeschirr und der Zeltbahn das „Sturmgepäck , welches auf keinen Fall abgelegt werden darf und auch während der Attacke beim Mann verbleibt. Erfolgt das Commando zum Auslösen der Nadeln, faffen die Mannschaften auch zugleich nach der im Tornisterkasten befindlichen Mütze, welche statt des Helmes beim Sturm getragen wird. Helm und Tornister bleiben bei der Attacke zurück. Obwohl das „Sturmgepäck" nur ein kleines Volumen aufweist, ist sein Gewicht doch auf nahezu 25 Pfund anzunehmen.
* Der Viehstaud in verschiedenen Hauptlauderu. Im ver
flossenen Jahre betrug der Viehstand an
in Pferden Rindvieh Schafen
Deutschland 3 836 256 17 555 694 13 589 612
Frankreich 2 852 632 13 364 434 21 504 956
Groß-
brittannien 2 079 587
Oesterreich 1 548 197
Ungarn 1 748 859
Rußland
ohne
Finnland 20 867 678
Vereinigte
Staatenv.
Amerika 16 081 201
11 207 554 31 774 824
8 643 936 3 186 787
4 879 038 10 594 831
27 622 656 48 220 119
53 090 568 45 048 017
Schweinen
12 174 288
6 377 100
3 278 030
3 549 700
4 803 639
10 742 074
45 206 298
Feuilleton.
Der falsche Preuße.
Von Georg Paysen Petersen.
(Schluß.)
Zum größten Erstaunen seiner Freunde, denen die guten Vermögensverhältniffe seiner Eltern ebenso wenig unbekannt waren, wie es ihnen entgehen konnte, daß Fritz den für den Eiujährigendienst erforderlichen Bildungsgrad besitze, mußte der Jüngling drei Jahre bet der Fahne dienen. Nun, es hat ihm, abgesehen von der empfindlichen Störung in seiner kaufmännischen Laufbahn, nicht geschadet, aber schwer ist es chm geworden, den neugierigen Fragen auszuweichen, die er nicht einmal immer überhören durfte, sondern bisweilen der Wahrheit gemäß beantworten mußte."
Hiermit schloß Senator Erich seine Erzählung, indem er hinzufügte: „Sie sehen, meine Herren, unsere Gesetze find streng genug, auch gegen jugendlichen Frevelmuth, und mir will scheinen, eine Milderung thäte nöthiger als eine Verschärfung, wenigstens sollte man einem unreifen Knaben seinen in jugendlichem Leichtsinn begangenen Fehltritt nicht zehn Jahre lang und langer nachtragen- ist solch ein Schlingel fich auch im Allgemeinen der Strafbarkeit seiner Handlung bewußt, so hat er doch nur eine sehr unklare Vorstellung davon, daß er nach vielen Jahren noch, daß er selbst noch in hohem Alter seinen Leichtsinn büßen muß."
Die Tafelrunde der „Freien Stadt Hamburg" mochte durch diese Erzählung anderen Sinnes geworden sein, im Gedächtniß der jüngeren Herren mochten die eigenen Jugend- thorheiten wieder auftauchen, die grauköpfigen Alten fich der Streiche ihrer Söhne und Enkel erinnern; genug, mancher der Herren, welche zuvor über eine zu milde Handhabung der Gesetze sich ereifert hatten, gab dem Senator jetzt unumwunden Recht- anders Herr Commerzienrath Winkler.
„Ihre Erzählung, oerehrtester Herr Senator, hat mich
begreiflicher Weise sehr interessirt," sagte er mit verbindlichem Lächeln, „aber gestehen Sie nur, daß Sie gar zu lebhafte Farben aufgetragen haben - im Leben dürste solch eine Häufung ungünstiger Umstände kaum jemals vorkommen. Welcher verständige Vater wird seinem zwölfjährigen Sohne ein falsches Geldstück anvertrauen, und welcher Krämer, sei er noch so empfindlich, von halbwüchsigen Burschen geprellt worden, wird in hellem Zorn sofort zur Polizei laufen oder gar der Staatsanwaltschaft beschwerlich fallen?"
„Ich habe Sie keineswegs mit Gebilden meiner Phantasie unterhalten, meine Herren," entgegnete Senator Erich. „Wenn ich aber wirklich hier und da übertrieben hätte, würde die Sache dadurch im mindesten anders? Genügt nicht eine Verurtheilung zu einem Tage Gesängniß, um das Lebensglück eines Knaben zu zerstören, um ihn auf immer zu brandmarken? Der Junge, welcher in einem schwachen Augenblick seinem Kameraden einen Federhalter stiehlt oder nur eine abgestempelte Briefmarke, der Schlingel, welcher aus Furcht vor Strafe die väterliche Unterschrift in seinem Schulzeugniß fälscht ober in demselben eine Radirung vornimmt, der Birnendieb unseres Herrn Commerzienraths und endlich der kleine Frevler, welcher im Uebermuth einen kaiserlichen Erlaß von der Mauer herunterreißt, wo er angeschlagen war, sie alle haben — sobald sie angezeigt werden — Gefängnißftrafe zu gewärtigen, und doch sind alle des Mitleids weit würdiger als mein Fritz es war. Mit der kurzen Gefängnißftrafe aber ist die Sache noch nicht erledigt, denn allen diesen Knaben ergeht es, wie es jenem unglücklichen Buben erging, dem fein erzürnter Vater am Ende einer tüchtigen Tracht Prügel eröffnete: „So, mein Sohn, das ist die erste Hälfte Deiner Schläge, die andere erhältst Du über acht Tagen."
Ein verständiger Vater würde seinem unreifen Sohne ein falsches Geldstück nicht anvertrauen, glauben Sie, mein Herr Commerzienrath? Er hat es ober dennoch gethan, obgleich er ein überaus verständiger Mann war- es war ja mein Vater, der mir den falschen Preußen gab, und jener
Fritz, dessen Geschichte ich Ihnen erzählt habe, bin ich selbst. Weßhalb sehen Sie mich so starr an? Ist es nur lieber- raschung, nur Erstaunen, ober liefern auch Sie in bleiern Augenblick noch einen Beweis bafür, baß ein ganzes Leben nicht bie Schmach auszulöschen vermag, welche in dem Vorwurf liegt: „Er hat gesessen!" Ja, meine Herren, wenn ich heute, nach fast vierzig Jahren, aus irgend einem Anlaß vor Gericht erscheinen müßte und gefragt würde: „Sind Sie vorbestraft?" so wäre ich gezwungen, zu antworten: „Mit zwei Jahren Gesängniß wegen Münzverbrechens," und am Tage daraus könnte alle Welt in den Zeitungen diese Neuigkeit lesen. Ich müßte selbst dann so antworten, wenn mir zur Seite meine beiden erwachsenen Söhne ständen, die eine solche Demüthigung ihres Vaters schmerzlicher noch empfinden würden als ich, der Fünfziger, welcher über manche unserer gesellschaftlichen Zustände ruhiger denkt als die leicht erregbare Jugend. Es liegt mir selbstverständlich fern, zu fordern, daß ein Knabe, welcher gleich mir in freventlichem Leichtsinn gesündigt hat, straflos ausgehe- das aber hoffe ich noch zu erleben, daß man solch einem Jüngling nach über- standener Strafe und nachdem er durch fein späteres Verhalten sich dessen würdig gezeigt, die Last der Schande abnimmt- ja, das schon würde mich mit Genugthuung erfüllen, wenn künftig bie Richter angewiesen würben, den Vorgeladenen nicht wie bisher kurzweg zu fragen: „Sind Sie vorbestraft?" sondern: „Sind Sie seit Ihrem achtzehnten Lebensjahre vorbestraft?""
Damit erhob fich Senator Erich und griff nach Hut und Stock, aber der Commerzienrath trat ihm entgegen, reichte ihm die Hand und sprach: „Sie haben Recht, werther Freund, vollkommen Recht - aus manchem nichtsnutzigen Schlingel ist später ein Ehrenmann geworden und es ist erbärmlich, ihm dann noch seine Jugendstreiche vorzuwersen oder ihn zu einem öffentlichen Bekenntniß derselben zu zwingen. Lasten Sie uns ein Gläschen trinken auf die Erfüllung Ihrer Hoffnung."


