Nr. 277 Zweites Blatt. Sonntag bett 25. November
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1891
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Ueber Socialdemokratie und die Pflichten der Gesellschaft
schreibt die „Norbd. Allg. Ztg.":
Wir haben eS stets zurückgewiesen, wenn von dem berechtigten Kern der Socialdem'okratie gesprochen wurde, weil an dem, waS wirklich das Wesen der Gocialdemokratie auSmacht, auch nicht ein berechtigter Faden ist. Man kann lediglich sagen, daß bestimmte Bestrebungen, die von der Socialdemokratie gemißbraucht werden und in deren Mißbrauch ein wesentlicher Theil ihrer Stärke besteht, legitim find. Und die Bekanntschaft mit diesen Bestrebungen «nd Zettzügen, sowie ihre objektive Würdigung bildet allerdings die Voraussetzung, ohne die an eine das Uebel wirklich hebende und nicht verschlimmernde Bekämpfung der Social- demokratie gar nicht zu denken ist.
Das gilt vor Allem von den in der Neuzeit sich kräftiger regenden Bestrebungen des Arbeiterstandes, seine wirth- schaftliche Lage bester zu gestalten. Dagegen läßt sich, wenn Vernunft über diesen Bestrebungen waltet, die Position der Arbeitgeber nicht an der Hand unsinniger Schlagwörter behandelt wird und nur loyale und gesetzmäßige Mittel zur Anwendung gebracht werden, nicht- etnwenden. Zumal von StaatSwegen wäre eine principielle Parteinahme gegen solche Bemühungen ein schwerer Fehler. Hand in Hand mit diesem Streben geht die Hebung des Selbstgefühls der Arbeiter, die Entwickelung eines empfindlicheren Ehrgefühls. Auch dieser Punkt will sorglich beachtet sein. Und endlich tritt uns der Zeitzug, der nach Natur, Wahrheit und Gerechtigkeit drängt und der uns allenthalben aufstößt — wenn auch zum Theil wie in der Kunst und der Literatur, noch in Carricatureogestalt — auch auf dem Gebiete der socialen Bewegung entgegen. DaS Gefühl für sociale Dissonanzen ist geschärft- schroffe Abstände in der äußeren Lage, die nicht ausreichend innerlich begründet erscheinen, werden bitterer als früher kritifirt- Ueberfluß, gepaart mit Müßiggang, wird als ein unerträgliches Gegenbild gegen Elend, trotz Strebsamkeit undj Arbeitslust, empfunden- man will eS zum mindesten erreichen, daß Fleiß und Pflichttreue jedem die Bürgschaft geben sollen, daß er und die Seinen ohne Erniedrigung des Selbstgefühls durch Almosenempfang vor Mangel und Hunger bewahrt bleiben.
Das alles — um es bet diesem flüchtigen Ueberblick
Feuilleton.
Wochenbriesr aus der Residenz.
(Originalbericht deS „Gießener Anzeiger".)
Z. Darmstadt, 23. November.
Sine allgemeine Stndenteuversammlung. — Vom Großher-ogl. Hoftheater.
Eine eigentümliche Bewegung beherrscht seit einiger Zett alle Kreise der hiesigen Studentenschaft und macht nun fett dem letzten Dien-tag Abend auch unter der Bürgerschaft von sich reden. An diesem Tage fand nämlich in dem „Schützenhofe", einem der größten Säle der Stadt, eine öffentliche allgemeine Studentenversammluug statt, welche außerordentlich zahlreich besucht wurde, so daß in dem wetten Raume kein Plätzchen mehr zu finden war. Als Präsidt- render der Versammlung fungierte der Vorsitzende des StudentenauSschuffes, welch Letzterer auch die Versammlung ! einberufen hatte. Unter den zur Besprechung stehenden i Punkten der Tagesordnung befand sich einer, der allgemeines i Interesse beanspruchen dürfte: ein von der gesammten deut- > scheu Studentenschaft der Anstalt zu stellender Antrag gegen den Zuzug gewisser Ausländer, die die hiesige Hochschule zu besuchen beabsichtigen könnten. Wie ich von durchaus glaubwürdiger Seite vernehme, stellt momentan das Ausland, besonders Rußland, Polen und Bulgarien 10 Prozent aller Besucher der Hochschule. Gewiß ist dies ein sehr ehrendes Zeugniß für das Ansehen und den Ruf der Anstalt. Indessen scheint die Studentenschaft nicht sehr entzückt von allen jenen Ausländern zu sein. Offenbar angeregt von gewiffen Vorgängen am Polytechnikum in Karlsruhe faßten auf Antrag des Ausschusses die versammelten Studenten einstimmig den Beschluß, an die Direction der Hochschule eine mit möglichst vielen Unterschriften seitens der deutschen Be- sucher der Anstalt versehene Petition zu senden, worin gebeten wird, Maßnahmen zu treffen, nicht gegen die Auf- nähme aller vom Auslande Kommenden, sondern nur gegen Diejenigen, die auf Grund ihrer Zeugnisse und Exammas weder andere deutsche Hochschulen, welche bereits Bestimmungen betr. Aufnahme von Ausländern eingeführt haben,
bewenden zu lassen — sind Tendenzen, unter deren Ausartung wir leiden, denen ein gesunder Kern aber nicht bestritten werden kann und die vor allen Dingen — in diesen gesunden Seiten — absolut nicht mehr zurückgedämmt werden können. Bis jetzt hat sie leider vorwiegend die Social- demokratie in ihren Dienst gezogen. Diese — innerlich durchaus unbegründete — Verkoppelung läßt denn auch ernennen, wie viel die Gesellschaft, der Arbeitgeber und Brod- herr in jeder Gestalt, zur Bekämpfung der Umsturzbewegung thun kann: durch humane Gesinnung und deren Bethätigung, durch tactvolle, wohlwollende und gerechte Behandlung der Arbeiter und Bediensteten, endlich durch das gute Beispiel des Fleißes und verständiger Lebensführung, das der Arbeitgeber und jeder social Hochstehende selbst gibt und zu dem er die ©einigen anhält. Die Folgen von Fehlern und Anstößen auf den bezeichneten (Gebieten trägt unter den heutigen Verhältnissen nicht mehr der Einzelne, sondern die gesammte Gesellschaft- sie wirken in breitem Maße subversiv und fordern so mit derselben Dringlichkeit die Gegenarbeit durch Vorstellungen und Mahnungen seitens des wohlgesinnten TheilS der Bevölkerung und ihrer Organe heraus wie die social- revolutionäre Bewegung.
Nicht minder fällt der Gesellschaft die Pflicht zu, den Irrwegen der oben geschilderten Tendenzen entgegenjutreten. Die wirtschaftlichen und socialen Gleichheitsträumereien, die nie verwirklicht werden können und, wenn verwirklicht, uns in einen Zustand der Stagnation, der Lahmlegung der kräf- tigsten Antriebe deS Fleißes hmeinführen würden, sind als Utopismus aufzuweisen. Die proletarischen, wirthschaftlich unsinnigen Vorstellungen von der Ruchlosigkeit deS Reichthums und jeder Art von Luxus find mit Nachdruck zu widerlegen. Der Werth ideeller Güter, wie glorreicher Familientraditionen, und der Nutzen socialer Abstufungen für die Gesammtheit ist dem rohen Neide gegenüber klarzustellen. Dem psychologisch geschulten Urtheil, das den Menschen nimmt wie er ist, und auf dieser Grundlage auch Socialpolitik treibt, ist gegenüber der öden Doktrin, die mit Phantasiefiguren Gesellschaftssysteme baut, sein Recht zu wahren. Das find Aufgaben, die der Presse und den öffentlichen Rednern der Orb- nungSparteten zufallen. Und von den sich äußerlich ihnen zuzählenden Organen und Candidaten für die Volksvertretung, die im Gegentheil die schlechten Jnstincte der
besuchen dürfen, noch an Hochschulen des Auslandes eventl. sogar ihrer Heimath zum Studium zugelassen werden können. In Karlsruhe und Berlin habe man solche Bestimmungen getroffen. ES stehe deshalb zu befürchten, daß die hiesige Hochschule von Elementen überfluthet werde, die sowohl in wissenschaftlicher, wie in „manch anderer" Beziehung den an sie zu stellenden Anforderungen nicht genügen. Die Studentenschaft bittet dann im Weiteren um ein Regulativ überhaupt über den Besuch der Hochschule seitens Angehöriger des Auslandes und um die Bestimmung, daß Stipendien an Ausländer nicht verliehen werden, wenn Angehörige des Deutschen Reiches zugleich mit jenen als Bewerber auftreten. Man darf gespannt sein, welchen Erfolg die Petition hat. Offen bleibt für uns Laien immerhin die Frage, ob bei der ziemlich großen Anzahl der hier studierenden Ausländer — sogar eine Verbindung „Nauka" existiert, jedoch nur von Bulgaren gebildet — schon Zustände, wie die in der Petition berührten, herrschen, oder ob die erbetenen Maßnahmen eher ein Präservativmittel gegen das Eintreten jener bedeuten sollen? —
Eine ganze Reihe ungemein interessanter Abende stellt der Repertoir-Entwurf unserer Hofbühne für die nächste Zeit in Aussicht. In der Oper vor allem wird der am nächsten Sonntag zur Feier des Allerhöchsten Geburtsfestes Ihrer König!. Hoheiten des Großherzogs und der Großherzogin stattfindenden hier erstmaligen Aufführung des „Dämon" von dem leider vor einigen Tagen verstorbenen genialen Russen Anton von Rubinstein, mit großer Spannung entgegengesehen. Für diese Oper wurden sowohl neue Dekorationen durch den Hoftheatermaler Karl Schwedler gemalt, als auch neue maschinelle Einrichtungen durch den Hoftheater-Maschinenmeister Richter getroffen. Die Hauptrollen („Dämon" und „Tamaro") liegen in den Händen des Herrn Weber und Fräul. Borchers. Auch die kleineren Partien find sämmtlich nur mit den ersten Kräften besetzt. Der Festoper voraus geht, wie schon mitgetheilt, ein von Otto Roquette gedichteter scenischer Prolog „Fe st grüße". Ferner steht uns in der Kürze de» berühmten Tenoristen Max Alvary Besuch in Aussicht und zwar wird er in der Wagner'schen Oper „Die
Maffe umbuhlen, gilt wiederum, waS wir oben von anderen inbirecten Förderern der Socialdemokratie gesagt haben: fie find als nicht minder gefährlich zu betrachten und zu behandeln als die Führer und Preßorgane der Umsturzbewegung selbst.
VernMschtes.
* Einen großartigen Schmuggel in Uhren und Saccharin hatten ein Zugführer und ein Wirth in M. - Gladbach betrieben. Beide sind kürzlich verhaftet worden. Während der die holländischen Züge leitende Zugführer die Uhren au» Holland über die deutsche Grenze schmuggelte und darauf an den inzwischen flüchtigen Crefelder Uhrenhändler Floeth ablieferte, wurde das Saccharin, auf den ein Zoll von 250 Fr. für daS Kilogramm ruht, aus Deutschland nach Roerwoud an den dortigen Käufer geschmuggelt. Mehr als für 100 000 Mark Saccharin sind auf die geschilderte Weise tu diesem Jahre ohne Verzollung nach Holland gebracht worden. Das bei dem Wirthe Vorgefundene Saccharin, 40 Beutel zu je 1 Kilogramm, wurde ausgeliefert. Die Rechnung der Behörde über hinterzogenen Zoll soll eine außerordentliche Höhe erreichen.
* Gute AnSrede. Ein in der Kopenhagener Sportwelt wohlbekannter, humoristisch veranlagter Radfahrer erschien kürzlich vor Gericht, angeklagt, auf dem Fußgäugerpsade, welcher nach der Kirche von Lyngby führt, gefahren zu sein. — Der Richter schrie ihn mit den Worten an: „Haben Sie wirklich gewagt, auf dem Trottoir zu fahren?" — Der Radfahrer nickte zustimmend. — „Sie zahlen vier Kronen Strafe!" — Der Angeklagte nimmt vier Geldstücke au» bei Tasche und legt sie auf den Tisch. — „Aber bitte, Herr Richter, dürfen Prinz Waldemar und Prinzeß Marie auf jenem Trottoir radfahren?" — Der Richter reibt sich die Nase. — „Sicherlich, — nein. Sind Sie zum ersten Male angeklagt?" — „Jawohl," antwortete der Sünder. — „Ra, dann wollen wir Sie für diesmal mit einem Verweis bavon- laffen." — Der Velocipedift steckt fein Geld wieder ein, verbeugte sich und geht weg. Als er aber die Thür erreicht, ruft ihm der Richter nach: „He, Sie — wann sahen Sie denn eigentlich den Prinzen und die Prinzessin auf jenem Trottoir fahren?" — „Ich — Herr Richter, — in meinem Leben noch nicht," sprachS und ging mit schalkhaftem Lächeln seiner Wege.
Meistersinger von Nürnberg", die am 400jährigen Geburtsfeste von Hans Sachs eingetretener Hinderniffe halber ausfallen mußte und nunmehr am 2. December stattfindet, die Partie deS „Walther Holtzing" singen. Außerdem wird der Gast noch in WaguerS „Tannhäuser" und ii der Möhul'schen Oper „Josef und seine Brüder" gaftiren. Die „Tannhäuser"-Aufführung findet zum Besten des Hoftheater- und Hofmuflk-Pensionsfonds statt und ist von der Direction in sehr anerkennenswerther Weise schon jetzt angesetzt worden, nicht wie früher erst am Ende der Saison, wo Alles längst theatermüde und baß Wetter schon für den Besuch ungünstig war. — Der Spielplan beß Schauspiels kündigt zwei Gastspiele des auch im vorigen Jahre mit starkem Erfolge hier ausgetretenen „Schlierseer Bauerntheaters" an. Wie verlautet, spielt die Gesellschaft am ersten Abend: „Die Ausgestoßenen" und am zweiten „Jäger blut", ein allerdings in Darmstadt von der nämlichen Truppe schon einmal gegebenes Stück. Al- Novität wird dann die nächste Zeit noch Rudolf PreSberS „Der Schuß" bringen, ein sociales Drama, das von einer Reihe namhafter Bühnen ebenfalls zur Aufführung vorbereitet wird, nachdem eS im Sommer dieses Jahres bei seiner Premiere in Baden-Baden einen tüchtigen Erfolg ge- habt hatte. Ferner wird nach Meldungen hiesiger Blätter Lope de Vegas Lustspiel „Der Tugendwächter" in der Bearbeitung des Berliner Kritikers Eugen Zabel ein» studirt, außerdem ein kurzes Singspiel „Der Teufelsbanner", daß einem Novellenstoff aus Boccaccio nachgebildet fein soll, ebenso steht uns die Premiöre des Fulda'schen Lustspiels „Die Kameraden" noch im Monat December in Aussicht.
Einen erlesenen Kunstgenuß gewährte daß Hosmusik- Concert vom letzten Montag, in dem namentlich unser Orchester excellirte. Die Sängerin des AbendS, Fräulein Sophie Schröter aus Hamburg, errang freundlichen Beifall. Der nächste Solist für bte Hofnmfik-Eoncene soll, wie man hört, ber geniale spanische Violinvirtuose Pablo be Sarasate sein.


