Nr- 277 Drittes Blatt. W Sonntag den 25. November f«94
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Gedanken am Todtensefl.
Wieder klingen die Todtenglocken durch Stadt und Land mit ihrem ernsten Ton, der durch Herz und Seele schneidet, und läuten das Jahr aus, das die Kirche benannt hat. — Wir gedenken an diesem letzten Sonntag des KirchenjahrS der Tobten des letzten Jahres, unserer Tobten, um die wir unser Leben lang trauern, und an unfern eigenen Tod. Das stimmt ernst und traurig.
Auch die Natur stimmt dazu. Auch in ihr wird der Todtensonntag eingeläutet. Nicht mehr die Glöcklein der Blumenkelche sinds, die läuten, wie einst zur Frühlingsfeier, sondern das fallende Laub, das die Erde deckt und blutig färbt, und der brausende Nordwind, der durch die kahlen Aeste fegt. Und die Sonne scheint so müde, der Himmel ist so bleiern, und die Nebel steigen auf und nieder. ES ist, als ob die Schöpfung das alte Lied vom Sterben sänge und die Predigt dazu hielte:
Wos ist der Menschs Ein fallend Laub, Und bald, ach bald de8 Todes Raub!
Aber seltsam! Die Menschenkinder hören diese Predigt nicht gern, obgleich sie selbst, ihr Leib, ihr Leben, ihr Leiden die gleiche Predigt hält. Wie Ludwig XIV. von Frankreich nicht duldete, daß das Wort Tod in seiner Umgebung ausgesprochen wurde, so flieht man jeden Todesqedanken. Und doch, ein großer Theil der Kinder unserer Zeit steht unter dem finstern Pessimismus, der von den alten griechischen Weisen bis zu den modernsten Philosophen den Trauerton zu seiner Losung macht: Leben ist Unglück, Sterben ist Glück- nur Todeßblüthe ist das Leben, nur Lebensblüthe ist der Tod.
Aber wie dem auch sei, an ernsten Gedanken kommt am Tvdtenfest keiner vorbei.
Ernste Gedanken stellen uns an die Gräber unserer Entschlafenen, denen wir schon so manche Thräne nachgeweint, und doch nicht stille werden. Warum mußte der Vater so früh sterben und die unversorgten Kinder in einer Welt des Elends, unfähig, den Kampf ums Dasein zu kämpfen, zurück- lasten? Warum sank daß treue Weib ins Grab, ehe das Glück, das lang ersehnte und heiß erflehte, kaum zu blühen begann? Warum raubte unS Gott daß einzige Kind, unfern Sonnenschein und unsere Freude? Warum stirbt der begabte hoffnungsreiche Jüngling, der Eltern Stolz und Hoffnung,
I
Feuilleton.
Die Perle.
Humoreske von Graf Günther Rosenhagen.
„Gesucht per sofort ein Mädchen. Nur solche, die perfekt kochen und gute Zeugnisse aufzuwetsen vermögen, werden aufgefordert, sich in den Nachmittagsftunden zwischen fünf und sieben Uhr zu melden."
So inserirten wir in sämmtlichen in unserer Stadt erscheinenden Blättern. Meine Frau hatte sich zuerst an eine Bermiethfrau wenden wollen, aber die traurigen Erfahrungen, die wir das letzte Mal mit einer derartigen Dame gemacht hatten, bewogen sie doch endlich, von dem gewöhnlichen Wege abzuweichen.
Also wir inserirten, und kaum hatte am nächsten Nachmittag die Uhr auf meinem Schreibtisch, die nach dazu vierzehn und eine halbe Minute vorgeht, fünf geschlagen, als sich das erste Mädchen melden ließ. Dieser Ersten folgten in einem Zeitraum von 20 Minuten fünfunddreißig Andere, und entsetzt ergriff ich Hut und Stock, um dem Hause zu enteilen. Mochte meine Frau sehen, wie sie mit den in- und durch- -einanber sprechenden Jungfrauen fertig würde.
Als ich am Abend heimkehrte, eilte mir meine Frau freudestrahlend entgegen: „Denk' Dir nur, ich habe bereits ein Mädchen gemiethet. Morgen hält sie bereits ihren Einzug, ich glaube, dieses Mal wirklich einen guten Griff gethan zu haben. Lies nur dieses Zeugniß."
Ich ergriff den Zettel, den sie mir reichte:
„Nur mit schwerem Herzen trenne ich mich von meinem Mädchen Meta Ruckel. Drei Jahre ist sie bei mir im Dienst gewesen und hat sich stets zu meiner vollsten Zufriedenheit geführt. Sie ist ohne Uebertrcibung tatsächlich eine Perle. Wenn ich sie gehen lasse, so geschieht es, weil ich in den nächsten Tagen von hier fortziehe und das Mädchen nicht zwingen will und kann, mich nach einer andern Stadt zu begleiten."
„Diese Einleitung bereitet mich auf Vieles vor", ent* gegnete ich, „darf ich fingen, wie viel Lohn Du mit ihr verabredet haft?"
und der verruchte Be^bücher, der lebensmüde Greiß, oie verkrüppelte Jammergestalt, das m Lump n gebullte Bettelweib, sie alle möchten und können nicht sterben. Warum? — Warum? — Ach wie viele Fragen werden erst einst beantwortet, wenn alle Räthfel des Lebens sich lösen vom Standpunkt der Ewigkeit!
Ernste Gedanken führen an andere Gräber, Gräber des Glücks und der Hoffnungen, der Erwartungen und Wünsche.
Wie ist deine Kraft zusammengebrochen! Wie liegt dein Geschäft darnieder! Wie wurden deine Pläne durchkreuzt!
Was hast du Alles begraben müssen!
W«s find Hoffnungen, was sind Emwürfe, Die der vergängliche Sohn der Stunde Aufbaut auf betrüglichem Grunde!
Ernste Gedanken führen an die Gräber auf dem großen Kirchhof unseres Volkslebens und Vaterlandes, nicht bloß an -die im letzten Jahre frisch aufgeworfenen Hügel großer Männer, deren wir dankbar gedenken, ich meine die Gräber, in die Volkswohlsahrt, Friede und Kraft gebettet sind.
Ernste Gedanken zeigen den Strom der Genußsucht und Wollust, der zerstörend und verwüstend Stadt und Land durchfluthet und manchen edlen Gedanken und gute Regung mit fortreißt - sie sinnen über den ßuftgräbern, die Unzucht und Trunksucht aufgeworfen, über die Frage, wie das Volk, die Reichen wie die Armen, die Jugend zumal, ein neuer Geist der Sittlichkeit und der Kraft erfüllen könne, sie suchen nach allerlei Hilfe und Lösung brennender Fragen und Heilmittel offener Schäden.
Ein neuer Geist, eine neue Straft, ein wirksamer Trost, eine dauernde Hilfe lieg* nur in den Kräften des Chrlsten- thums. Der Herr, der einst dem Leichenzug vor Nains Thoren entgegentrat und Halt gebot, ist noch heute der Fürst des Ledens und hält feinen Königszug durch die Welt. Sein (Seift kann durch jedes Grab, ja über das Todtenfeld einer ganzen Welt wehen und Leben wecken.
Lassen wir ihn wehen! Bleiben wir nicht in Todesgedanken und Flnsterniß! Oeffnen wir dem Leben unsere Herzen und Häuser!
Auf einem Kirchhofe der Reichshauptstadt, der Grabstätte der freireligiösen Gemeinde, war der Spruch zu lesen:
Macht euch das Leben ernst und schön, Kein Jenseits gibts, kein Auferstehn!
Etwas verlegen sah meine Frau vor sich hin und spielte mit den Fingern auf dem Tisch: „Daß Ihr Männer auch alle so furchtbar prosaisch seid und immer nur an das Geld denkt. Etwas mehr Lohn mußte ich ihr natürlich geben, mit den 50 Thalern, die der andere Küchendragoner erhielt, wäre sie selbstverständlich nicht zufrieden gewesen."
„Mach' es kurz, bat ich, „wieviel erhält sie?"
„Nun, wenn Du es absolut wissen willst — hundertzwanzig Thaler fest, sechzig Mark zu Weihnachten und ein Drittel der Trinkgelder."
Leise pfiff ich durch meinen hohlen Zahn: „Aber, liebes Kind, das ist ja unerhört — bedenke doch, das Mädchen hat so gut wie Nichts zu thun. Wir sind drei Personen und haben eine Kinderfrau, einen Diener und dann noch das Mädchen —"
„Aber bedenke", unterbrach mich meine kleine Frau, „sie ist doch eine Perle und Perlen sind immer theuer."
Von ganzem Herzen stimmte ich innerlich bei, ich hatte meiner Frau zu ihrem Geburtstag, der in den nächsten Tagen war, ein Perlenkollier gekauft und der Hut war mir vom Kopfe gefallen, als ich den Preis hörte. Wenn schon die tobten Perlen so theuer waren, durfte ich mich nicht wundern, wenn die lebenden auch angemessen bezahlt sein wollten.
Am nächsten Tag hielt Meta ihren Einzug. Meine Erwartungen waren auf das höchste gespannt, aber ich kann wohl sagen, daß sie noch übertroffen wurden. Sic war mittelgroß, schlank und zierlich gebaut, hatte ein hübsches Gesicht, gute Manieren, war leise und gewandt- kurz und gut, ich konnte nicht umhin, meiner Frau meine Anerkennung über die Acquisition, die sie gemacht, auszusprechen.
„Und denk Dir mal", flüsterte meine Frau mir zu, „was mir am meisten an ihr gefällt — sie hat feinen Bräutigam."
Ungläubig sah ich sie an! „Das kann ich mir nicht denken, so hold, so schön, so reinlich und dann keinen Bräu- tigam, das glaub ein Anderer."
„Aber wahr ist e5 doch", bestätigte meine Frau, „ich habe sie gestern gleich darnach gefragt. Als Antwort rümpfte
Zu ihm bewegt sich ein Leichenzug. Wohl spielt die Musik die alte christliche Weise, die noch immer mit ihren Klängen am trostreichsten ist: JesuS meine Zuversicht, aber in dem Herzen ist keine Zuversicht und kein Trost. Wohl steht auf den Kränzen: Dem Kämpfer für Freiheit und Licht. Aber die Freiheit ist der Knechtschaft des Todes gewichen, das Licht dem Dunkel deS Grades. „Lebewohl!" ruft man dem Todlen nach — in schneidender Ironie- — es gibt kein Jenseits, kein Leben, kein Wiedersehn. Halbtodt zieht man die Wlttwe vom Grabe, die sich von der Hülle deS (Satten nicht trennen will. Haltlos, trostlos, hoffnungslos geht die Schaar dahin, nach Hause, selbst in den Tod. —
Und nun ein ander Bild! Dort leuchten vom Kirchhofs- thor die goldnen Worte:
Saat, von Gott gesät, Am Tage der Garben zu reisen."
Und droben auf der Höhe steht ein Kreuz, wie es über dem Leben der Entschlafenen stand, so über den Gräbern, aber über dem Kreuz strahlt die Krone und die Inschrift deß Wortes, das der sterbende Apostel PauluS gesprochen: Ich habe den guten Kampf gefämpfet, ich habe den Lauf vollendet, ich habe den Glauben gehalten- hinfort ist mir beigelegt die Krone der Gerechtigkeit. Da geht auch ein Leichenzug hinauf. Aber über ihm leuchtet die Sonne und steht der Himmel offen. Jesus lebt, nun ist der Tod mir der Eingang in das Leben! Aus die Nacht des TodeS folgt der Morgenglanz der Ewigkeit. —
Nach dem Tvdtenfest feiert die Kirche den Advent des Herrn. Die untergehende Sonne des KirchenjahrS weist auf den Aufgang aus der Höhe, und die Todtenfeststimmuug weicht dem Adventsruf: „Siehe, dein König kommt zu dir, Hosianna dem Sohne Davids, Hosianna in der Höh!"
Stehen wir in dieser Zuversicht, dann überwinden wir Todesangst und Todesgedanken.
Der Dickter der Befreiungskriege, der echte deutsche Mann, der fromme Christenmensch Ernst Moritz Arndt fragt einmal: Wer ist ein Mann? und gibt die Antwort! Wer beten kann und Gott dem Herrn vertrauen. Und derselbe Dichter ruft siegesgewiß auf der Höhe feine- Lebens auö: „Geht nun hin und grabt mein Grab, Denn ich bin deS Wandern« müde. —
Wein nicht, mein Erlöser lebt, Hoch vorn finstern Erdenstaube
sie die Nase und sagte schnippisch: „Mit so etwas hielte sie sich nicht auf."
„Nun, uns kann es nur recht fein", bemerkte ich, „nun wollen wir uns aber Alle an die Arbeit begeben und die Perle mag ihre glänzenden Eigenschaften beweisen."
Die nächsten Tage gingen dahin wie im Traum. Meta war wirklich vorzüglich, man hörte, sah und merkte überhaupt nichts von ihr, stets war alles fix und fertig und doch sahen wir nie, daß sie irgend etwas that. Als meine Frau eines Morgens zu ihr sagte: „Heute müffen wir wohl das Tischzeug waschen", bemerkte sie gekränkt: „Aber, gnädige Frau, das ist schon alles besorgt, ich bin um zwei Uhr aufgestanden, die Wäsche trocknet schon im Garten."
Sprachlos stürzte meine Frau zu mir in das Zimmer: „Denk' Dir nur — sie hat schon gewaschen — was meinst Du — sollen wir ihr nicht ihren Lohn erhöhen?"
Aber ich lehnte diesen Vorschlag ab, obgleich auch ich mit Meta sehr zufrieden war, denn sie kochte meisterhaft. Noch nie hatte ich so gute Saucen, so gute Braten gegessen und stets stand die Suppe mit dem Glockenschlag auf dem Tisch. Sie war wirklich eine Perle, von allen Seiten wurden wir um den Schatz beneidet und ein mit der Feder bewanderter Freund, der eines Mittags von Metas Rehdraten nicht genug hatte bekommen können, feierte mich in eine« längeren EpoS als „Perlenbesitzer".
So waren mehrere Wochen vergangen, ohne daß mir auch nur den geringsten Fehler an ihr bemerkt hätten. Da rief ich sie eines Abends zu mir in das Zimmer: „Höreu Sie mal. Meta, es ist ja beinahe unheimlich, daß Sie nie auSgehen. Haden Sie denn nicht irgend Jemanden, den Sie hier besuchen können? Ewig arbeiten muß der Mensch auch nicht, eine Zerstreuung und ein kleines Vergnügen ist zum Leben unbedingt nothwendig."
Sie hone mir aufmerksam zu: „Ja, ja, der Herr haben wohl Recht, ich habe nur nicht darum bitten mögen, da ich erst so kurze Zelt hier bin. Allerdings, was mein Verlobter ist, der schrieb mir schon manchmal, ob ich mich nicht einmal freimachen könnte."
„Was!" rief ich, innerlich erfreut, daß meine Menfcheu-


