Ausgabe 
25.10.1894 Erstes Blatt
 
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Nr. 250 Erstes Blatt.

Donnerstag den 25 October

1894

Der Lietzener -njtiger erscheint täglich, nut Ausnahme deS Montags.

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Siebener Anzeiger

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Neueste Nachrichten.

Wolffs telegraphische» Correfvondenz-Bureau

Berlin, 23. October. v. Hobe, der bisher in tür­kischen Diensten stand, ist mittelst Allerhöchster Ordre, unter Versetzung zu den Offizieren von der Armee, mit dem Rang eines Brigadecommandeurs zu dem 5. Armeecorps in Posen rommandirl worden.

Berlin, 23. October. DerReichsanzeiger" theilt eine Verordnung der niederländischen Regierung mit, wodurch die Einfuhr und Ausfuhr auf der Nordküste und Westküste der Insel Lomboek bei 1000 bis 5000 Gulden Strafe und Beschlagnahme der Waaren verboten wird.

Budapest. 23. October. Bei dem Grubenunglück in Anina wurden 61 Arbeiter getödtel. 14 Leichen sind nicht aufzufinden.

Triest, 23. October. Die YachtSphakteria" mit dem König von Griechenland an Bord, ist in Fiume ausgelaufen.

Rom, 23 October. Morgen findet unter dem Vorsitz der Papstes die erste Conferenz wegen Wiedervereinigung der dessidirenden orientalischen mit der römisch-katholischen Kirche statt.

Rom, 23. October. Ein heute vertheiltes Grünbuch betrifft die Einwanderung der Italiener in die Union- floaten; es stellt daS Einverständniß des italienischen Bot­schafters in Washington mit der amerikanischen Regterung über bie zu treffenden Mahnahmen fest.

Petersburg, 23. October, Vormittags 10 Uhr. Der Kaiser hat besser geschlafen. Der Appetit ist schwach, die Kräfte und die Herzthätigkeit sind nicht bester, das Oedem (Anschwellung) hat zugenommen.

Petersburg, 23. October. Dem Vernehmen nach ist die Vermählung des Thronfolgers auf morgen fest­gesetzt, jedoch sind anderweitige Dispositionen nicht auS- geschlossen.

Petersburg, 23. October. DieNowoje Wremja" meldet über die Ankunft der Prinzessin Alix von Hessen in Rußland: Auf der Grenzstation Alexandrowa wurde die Prinzessin von der Schwester der Großfürstin Jelistaweta Feodorowna empfangen und bis Livadia begleitet. Die Fahrt von Simferopol nach Jalta legten die Prinzessinnen bei prachtvollem Wetter in einem offenen Wagen znrück. Der Weg war mi: Triumphpforten geschmückt. In Aluschta wurde die Prinzessin Alix von dem Großfürsten-Thronfolger und dem Großfürsten Sergei Alexandrow'.tsch begrüßt. Hier war ein Frühstück servirt. , Nach 5 Uhr Nachmittags erreichten die Herrschaften Jalta. Der Thronfolger saß neben der Braut. In Jalta begrüßte eine dichtgedrängte Volksmenge das Brautpaar -aufs Herzlichste. Das Großfürstenpaar Wladimir ist gestern in Livadia eingetroffen. Der Psychiater Merschejewski ist aus Petersburg ein­getroffen.

Moskau, 23. October. Die Zeitungen veröffentlichen die AntwortSdepesche der Prinzessin Alix auf ein Be­grüßungstelegramm der Stadt Moskau anläßlich der Ankunft der Prinzessin in Rußland. Die Depesche lautet:Tief gerührt, daß Moskau meiner in dem Augenblicke gedacht hat, wo ich den Boden der neuen, mir schon lange theuren Heimath betrete, danken wir, meine Schwester und ich, herz­lich der alten und ersten Residenzstadt. Wir zweifeln nicht an der Innigkeit Ihrer Gebete um die Gesundheit für den ge­liebten Kaiser. Gott helfe unS! Alix."

Shaughai, 2s. October. Reuter Meldung. Der Com- mandant des DampfersChungking" berichtet, die Japaner hätten einen norwegischen Dampfer, vermutlichNor- denSkjoeld", beim Vorgebirg Schautung beschlagnahmt und nach Japan gebracht, da er Kriegscontrebande geführt habe. Einem Gerücht zufolge sei dem ConsularcorpS anempfohlen worden, die Ausländer vorsichtshalber zu warnen, zu geschäft­lichen oder Bergnügungszwecken in das Innere zu reisen, da dies für die Soldaten der Provinz Kiangsu vielleicht Beran- laffung wäre, die Reisenden zu mißdeuten.

Depeschen bei Bureau »Herold".

Darmstadt, 23. October. Die Prinzessin Victoria von Battenberg ist von Warschau nach hier zurückgekehrt. Der Prinz und die Prinzessin Heinrich von Preußen treffen morgen Vormittag wieder zum Besuch des Großherzogs von Heffen ein. Der Groß Herzog erhielt Nachrichten von der Befferung in dem Befinden des Czaren.

Berlin, 23. October. DieNordd. Allg. Ztg." schreibt : >Die von der KielerNordostsee-Zeitung" gebrachte Nachricht, daß der Kaiser die Bereitstellung der YachtHohenzollern"

ratisbeikage: Hießener Iamitienßkütte

befohlen habe, entbehrt nach eingezogenen Erkundigungen jeder I Begründung. Daffelbe gilt von der Nachricht, daß S. M. S. Wörth" zur Begleitung derHohenzollern" vorbereitet werde." I

Berlin, 23. October. Die Blättermeldung, daß Profeffor Leyden in der nächsten Woche zurückkehre, wird von unter­richteter Seite als völlig unbegründet bezeichnet, liebet die I Rückreise ist noch nichts entschieden.

Berlin, 23. October. DieKreuzzeitung" weiß zu den StaatSminist erium ss itzungen zu melden, daß in Sachen der Vorlage gegen die Umsturzbestrebungen Caprivi gelungen ist, für eine auf seine Veranlaffung ausgearbeitete Vorlage sowohl die Zustimmung des Staatsministeriums wie die allerhöchste Bewilligung zu erlangen.

Berlin, 23. October. DiePost" bestätigt die Meldung, wonach das auswärtige Amt gegen daS Unheil im Processe des Kanzlers Leist Berufung einzulegen beschloffen hat, sobald das Erkenntniß ausgefertigt ist.

Berlin, 23. October. Wie dieNationalzeitung" erfährt, läßt das Befinden der Fürstin Bismarck viel zu wünschen übrig.

Hamburg, 23. October. Der DampferJakob | Christensen" auS Bergen wurde im englischen Canal von einer englischen Fischerbarke in Grund gebohrt. Die Besatzung acht Personen ist ertrunken.

Köln, 23. October. DieKöln. Ztg." theilt mit, daß aus Anregung des Reichskanzlers voraussichtlich schon morgen die stimmführenden Minister der verbündeten Re­gierungen in Berlin eintreffen, um gemelnsamc- Besprech­ungen über die Maßregeln zu halten, die zur stärkeren Be­kämpfung der Umsturzbestrebungen zu treffen sind.

Karlsruhe, 23. October. Der Großherzog von Baden verlieh dem König von Serbien das Großkreuz vom Orden der Treue.

Mannheim, 23. October. Die Errichtung eines großen Bismarckdenkmals wurde durch das hiesige Comiiö beschloffen. .

Speyer, 23. October. Die Genickstarre tritt hier mehrfach auf; ein zehnjähriges Mädchen ist bereits daran gestorben.

Wien, 23. October. DasDeutsche Volksblatt" be­zeichnet das Gerücht, wonach der Ministerpräsident Fürst Windischgrätz zurückzutreten beabsichtige, als verfrüht.

Wien, 23. October. Mch den letzten hier eingetroffenen Nachrichten aus Petersburg soll der Zustand des Czaren gestern weniger günstig gewesen sein. Angeblich soll der russische Botschafter vertrauliche Depeschen erhalten haben, in welchen gesagt wird, daß die Katastrophe innerhalb der nächsten neun Tage zu befürchten sei.

Budapest, 23. October. DaS Grubenunglück in der Anina wurde durch Sprengung von taubem Gestein mit Dynamit verursacht. 25 Personen wurden zu Tage gefördert, 13 Personen sind noch im brennenden Schacht. Zweifellos sind diese sämmtlich tobt.

Rom, 23. October. Durch den bekannten Erlaß der Präfectur wurden 55 socialistische Gesellschaften Mailands aufgelöst. Bei dieser Gelegenheit wurden viele Haussuchungen vorgenommen, wobei Schriftstücke, Register und Abzeichen beschlagnahmt wurden. Es ist Alles ohne Zwischenfall abgelaufen.

Kopenhagen, 23. October. Der hiesigen russischen Bot­schaft gingen günstigere Nachrichten über daS Be- finden des Czaren zu; dagegen soll die Czarin sehr leidend sein. Sie hatte schon vor ihrer Abreise nach Livadia mehrere gefährliche Nervenschläge. Es verlautet, ihr hiesiger Arzt, der sie schon als Kind behandelte, werde nach Livadia reisen.

Charleroi, 23. October. In voriger Nacht ist der Samdre-Fluß derart gestiegen, daß an sieben Schiffen die Ankertaue geriffen sind und die Schiffe in der Nähe von Charleroi untergingen. Der Materialschaden ist sehr groß.

Paris, 23. October. Präsident Perier besuchte heute das Institut Pasteur und besprach in längerer Zeit mit Dr. Roux und Pasteur das Heilserum.

Paris, 23. October. Bei dem in Amiens veranstalteten Wettrudern schlug eine Segelbarke um. Särnrntliche Insassen derselben stürzten inß Wasser, zwei ertranken. Die Wettfahrten wurden sofort eingestellt.

London, 23. October. AuS authentischer Quelle wird berichtet, daß die Besserung im Gesundheitszustand des Czaren sich erhält.

Petersburg,23.October. DieTaufe der Prinzessin Alix von Hessen wird morgen in der Hauscapelle zu Livadia erfolgen. Der Großfürst Sergius fungirt als Tauf-

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pathe. Den Taufact vollzieht der russische Religionslehrer der Prinzessin. Das Befinden des Czaren wird alS wenig befriedigend bezeichnet. Die Schwäche ist wieder im Zunehmen. Zur Pflege der Czarin wurden zwei Kranken- Wärterinnen aus dem Moskauer Spital nach Livadia berufen. Nach hier eingegangenen Mittheilungen ist daS Befinden der Czarin besorgnißerregend.

H. Petersburg, 24. October. Das Befinden des Czaren ist nunmehr derart ungünstig, daß die heute stattfinden sollende Trauung des Thronfolgers fraglich ge­worden. Heute erschien eine Proklamation, worin der tritt Sohn des Czaren zum Thronfolger ernannt wird, falls de: Großfürst Nicolaus den Thron besteigt.___________

Sozialdemokratischer Parteitag.

Frankfurt a. M., 23. October.

Die heutigen Verhandlungen deS socialdemokratischen Parteitages leitet der zweite Vorsitzende Dr. Schwarze - Lübeck. Nach Eröffnung der Sitzung übermittelt Dr. Adler- Wien die Grüße der österreichischen Genoffen, die eben daran seien, sich die Waffe, die den deutschen Socialdemokraten zur Verfügung stehen, zu erkämpfen, daS allgemeine Wahl­recht. Auf der Tagesordnung steht der Bericht über die | parlamentarische Thätigkeit. Zunächst werden die dazu unter der Ruprik Parlamentarisches eingebrachten Anträge, nachdem diejenigen, die die Agrarfrage berühren, ausgeschieden und andere, die unter das CapitelTactik" rubrizirt waren, einbezogen sind, begründet. Die Anträge, sowohl die im gedruckten Bericht vorliegenden als auch die eingestellten, verlangen größtentheils von der ReichStagsfraction die Ein­bringung von Interpellationen und Anträgen im Reichstage

I über Veranstaltung von Statistiken über Arbeitslosigkeit, über Verbesserung des Alters- und Jnvaliditätsversichernngs- gesetzes, Erweiterung des Fabrikeninspectorats und Anstellung weiblicher Fabrikinspectoren, ferner, daß die Unterstützung

I aus öffentlichen Mitteln nicht mehr den Verlust der bürger­lichen Ehrenrechte zur Folge haben soll, daß der Impfzwang

I zu beseitigen sei, über die Handhabung der Vereinsgesetze u. s. w. Die Discussion wird von dem Referenten über die parla­mentarische Thätigkeit des Genossen Fischer, der seinen eigent­lichen Bericht zurückstellt, eröffnet, der die große Mehrzahl der Anträge abgelehnt wissen will, da sie weiter nichts be­zweckten, als die Fraclion zu gänzlich auSsichts- und ergebniß- losen Antragstellungen im Reichstage zu drängen. Die sich zu Wort Meldenden lesen sämmtlich Fischer und mit ihm der ReichStagsfraction den Text. Es sei ungehörig, die von den Genossen im Lande eingebrachten Anträge so ewsach in den Papierkorb fallen zu lasten. Werde auch wirklich von der Fraction verlangt, im Reichstag Anträge einzubringen, die ohne jedes practische Ziel seien, so würden die dadurck hervorgerufenen Debatten doch keineswegs nutzlos feilt, ihrel agitatorischen Characters wegen. Vielfach wird der Fractior zum Vorwurf gemacht, daß sie auf den bei früheren Parteitager gefaßten Beschlüssen in Bezug auf die Einbringung von An­trägen im Reichstag nicht nachgekommen sei, angeblich, weil sie vor den vielen Anträgen der anderen Parteien nicht habe dazu kommen können. Vor Eintritt in di: DiScussion hatte sich Vollmar, Namens der Bayern, damit einverstanden er­klärt, daß im Anschluß an die DiScussion über die erwähnten Anträge diejenigen betreffend die Tactik der socialistischen bayerischen Abgeordneten zur Sprache gebracht werden sollten, da Grillenberger, einer der Hauptopferstiere, am Donnerstag in Nürnberg sein müsse und doch gerne dabei sein wollte. Gegen die badischen Genossen Rüdt und Geck wurde während der Sitzung einPamphlet", wie Geck sagte, vertheilt, auch die, diese Angelegenheit betreffenden Anträge der badischen Genossen werden heute zur DiScussion gestellt, nachdem Rüdt verlangt hat, daß er sich vor dem Plenum vertheioigen dürfe, und dagegen protestirt hatte, daß die Sache einer noch heute zu ernennenden neungtiebrigen Be­schwerdecommission überwiesen werde. Ebenso verwahrte sich Bock, der in einer zur Verlesung gebrachten Resolution Magdeburger Genosten wegen seiner Haltung im Schuhmacher- strike angegriffen wird, gegen die Verweisung dieser Ange­legenheit in dte Commission.

Nachdem die um 3 Uhr wieder eröffnete DiScussion, in der es sich herausstellte, daß doch nicht die ganze Reichstags- fraction dem Referenten Fischer in Bezug auf die Behandlung der Anträge aus Parteikreisen Übereinftimmt, gegen 6 Uhr geschlossen war, kam es zur Abstimmung. Angenommen wurden die Anträge, welche die Reichstagssraction beauftragen, im Reichstage Anträge zu stellen, auf reichsgesetzliche Regel­ung und Erweiterung des Fakkikinspectorates und Anstellung