Ausgabe 
25.8.1894 Erstes Blatt
 
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Nr. 198 Erstes Blatt.

Samstag den 25. August

1894

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Der chietzener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS MontagS.

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2lmtlid?er Theil.

Bekanntmachung,

betreffend Feldbereinigung in der Gemarkung Rüddingshausen.

Bei Prüfung des Grundbuchs rubr. Gemarkung hat sich ergeben, daß ein großer Theil der Grundstücke auf die Namen der jetzigen Eigenthümer noch nicht überschrieben ist.

Ich fordere deshalb die Grundbesitzer in der Gemarkung Rüddingshausen auf, spätestens innerhalb 3 Monaten dafür Sorge zu tragen, daß ihre Grundstücke auch im Grund­buche auf ihre Namen überschrieben werden, da die Ersatz­grundstücke nur dem im Grundbuche eingetragenen Besitzer zugetheilt werden und keine Rücksicht auf Zusammenlegung der auf verschiedenen Namen stehenden, jedoch einem Besitzer gehörenden Grundstücke genommen werden kann.

Gießen, den 15. August 1894.

Der VollzugS-Commissär

Dr. Wallau.

Großherzoglicher Kreisamtmann.

Deutscher Reich.

Berlin, 23. August. Der Kai ser widmet sich seit seiner Rückkehr aus England vorwiegend militärischen Besichtigungen, wie solche durch die angebrochene Manöverzeit in erhöhtem Maße bedingt werden. Soweit bekannt, reist der Kaiser am 1. September in das im östlichen Theile der Provinz Brandenburg gelegene Manövergebiet des Gardecorps ab. Was die vielverbreiteten Gerüchte über angeblich unmittelbar bevorstehende wichtige Entschließungen deS Monarchen in verschiedenen Angelegenheiten der inneren Politik anbelangt, so eilen sie offenbar den Thatsachen voraus. Wenigstens glaubt man in unterrichteten Kreisen nicht, daß derartige allerhöchste Entscheidungen schon in allernächster Zeit zu erwarten seien, sondern vielleicht erst vor Beginn der parlamentarischen Wintercampagne.

Immerhin streicht aber doch wieder ein etwas frischerer Luftzug über die Gefilde der inneren Politik, mag auch auf denselben die sommerliche Ruhe im Allgemeinen noch vorherrschen. Lebhaft wird die Preß- discussion über die Bekämpfung der socialdemokratischen Agitation weitergeführt, wie solche Erörterungen durch die in Aussicht gestellte Beschränkung des preußischen Vereins- und Versammlungsrechtes hervorgerufen worden waren. Vielfach schweift diese Discussion auch auf daS anarchistische Thema hinüber, infolge der anarchistischen Affairen in Berlin. Indessen treten bei Erörterung der Frage, ob und in welcher Weise ein Vorgehen gegen die anarchistische Bewegung in Deutschland geboten sei, ebensoviel Meinungsverschiedenheiten hervor, als dies bei den Betrach­tungen über die Eindämmung der socialdemokratischen Gefahr der Fall ist. Im Uebrigen läßt sich kaum mehr bezweifeln, daß die Tragweite der Anarchisten-Verhaftungen in Berlin in den ersten Meldungen hierüber erheblich übertrieben worden ist, hoffentlich läßt sich aber die preußische Regierung hierdurch nicht abhalten, den anarchistischen Brüdern etwas schärfer auf die Finger zu paffen.

In Fulda waren in dieserWoche die preußischen Bischöfe wieder zu ihrer üblichen Augustconferenz ver­sammelt. Ueber die hierbei gefaßten Beschlüsse ist indessen noch nichts in die Oeffentlichkeit gedrungen. Einiges Auf­sehen macht eine Unterredung, die der preußische Finanzminister Dr. Miquel in seiner thüringischen Sommerfrische Oberhof mit einem russischen Zeitungscorrespondenten gehabt hat. Dies hauptsächlich deshalb, weil sich Herr Dr. Miquel hierbei günstiger über den deutsch-russischen Handelsvertrag ausge­sprochen haben soll, als in Anbetracht der seitherigen Stellung­nahme des Herrn Dr. Miquel in dieser Angelegenheit wohl anzunehmen war. Der socialdemokratische Weizen blüht selbst in Gegenden, in denen man dies kaum für möglich halten sollte. Dr. Arons, Privatdocent an der Berliner Universität, hat schon mehrfach seine socialdemokratische Gesinnung bethätigt, u. A. durch Spendung von 300000 Mk. für die socialdemokratische Parteikasse. Der Cultusminister Dr. Bosse hat daher Veranlaffung genommen, der philo­sophischen Facultät der Universität Berlin Vorstellungen über die Lehrthätigkeit des Herrn Dr. Arons in Hinblick auf besten politische Gesinnung zu machen. Hierauf soll indessen die genannte Facultät den Beschluß gefaßt haben, von einem Eingriff in die Lehrthätigkeit des Herrn Dr. Arons abzusehen, da lediglich die wissenschaftliche Befähigung, nicht aber die socialdemokratische Gesinnung eines Docenten maßgebend für dessen Zulassung durch die Facultät sei, außerdem erachte ja

die Regierung die Socialdemokratie für eine gleichberechtigte politische Partei und pactire mit ihr.

Neueste Nachrichten»

Wolffs telegraphisches Eorrespondenz-Bllreiw.

Berlin, 23. August. DerReichsanzeiger" meldet über den Saaten st and im Deutschen Reiche Mitte August': Winterweizen und Sommerweizen 2,5, Winterspelz 1,9, Sommerspelz 2,0, Winterroggen 2,1, Sommerroggen 2,4, Sommergerste 2,1, Hafer 2,2, Kartoffeln 2,7, Klee 2,5, Wiesen 2,1. Die Zahlen bedeuten: 1 sehr gute, 2 gute, 3 mittlere Ernte. Die Erntearbeiten find, abgesehen von den östlichen GebtetStheilen, durch das Wetter überall er­schwert und verzögert worden. Der Roggen war bis August meistens eingebracht, in Süddeutschland meist gut, in Nord­deutschland theilweise nicht völlig ttocken. Der Weizen ist theilweise geborgen, theilweise verlieren die Körner durch Aus­wachsen an Mahlfähtgkeit. Dem Klee und den Wiesen ge­reichte die Feuchtigkeit zum Vortheil- der zweite Schnitt verspricht guten Ertrag. Der Roggenstrohertrag ist meistens überaus reich.

Glasgow, 23. August. In Folge eines Versuchs der strikenden Bergarbeiter, die übrigen Arbeiter am Arbeiten zu hindern, fanden 7 in der Nähe der bet Co ab ridge ge­legenen Bergwerke Unruhen statt. Der bekannte Führer der Bergarbeiter, Donaldson, und fünf andere Arbeiter wurden verhaftet. Die Polizei mußte den Eingang zur Grube besetzen.

Rotterdam, 23. August. Heute Morgen fand eine Ex­plosion statt auf einem der anläßlich des Besuches der Königinnen in Vli^ssingen liegenden holländischen Kriegs­schiffe. Sechs Soldaten der Bemannung wurden schwer, einer tödtlich verwundet.

Depeschm de» Bure« »fctrolb*.

Berlin, 23. August. Der Kaiser nahm heute Vor­mittag im N^ren Palais den Vortrag des Reichskanzlers, des Kriegsministers und des Chefs des Militärcabinets entgegen.

Berlin, 23. August. Eine Alarmirung der Berliner Garnison soll auf Befehl des Kaisers in der nächsten Zeit erfolgen. Die Alarmirung tritt an Stelle der beabsichtigt gewesenen Parade über die 5. Division.

Berlin, 23. August. Zur Meldung der Blätter über Ende Juli in Kamerun unter den Sudanesen der Schutz­truppe ausgebrochenen Unruhen erklärt dieNordd. Allg. Ztg.", daß nach den amtlichen Berichten die Sudanesen, welche trotz des Verbotes dem Branntweingenuß fröhnen, in ihrer Trunkenheit verschiedene Exceffe und Schlägereien ver­übt hätten. Infolge dessen verfügte der Gouverneur die Heimschtckung der unverbesserlichsten Trunkenbolde, während mehrere auf den anderen Stationen verwendet werden sollen, wo ihnen der Branntwein entzogen wird.

Berlin, 23. August. DerVoss. Ztg." wird aus Konstantinopel gemeldet, der zweite Chef des türkischen GeueralstabS, von'der Goltz-Pascha, welcher auf sechs Wochen nach Deutschland geht, nehme auf Einladung des Kaisers an den Kaisermanövern Theil. v. d. Goltz-Pascha soll noch mit einer besonderen Mission vom Sultan betraut sein. Gleichzeittg mit v. d. Goltz reisen siebzehn türkische Offiziere behufs militärischer Ausblldung nach Deutschland.

Wien, 23. August. Aus Sofia wird gemeldet, der Minifterrath habe auf eine Ankündigung Zankows, daß er demnächst nach Bulgarien zurückkehren werde, beschlossen, Zankow als dem Anstifter verschiedener Handstreiche, die Rück- kehr nicht zu gestatten. Demgegenüber hat nun Zankow er­klärt, er werde unbekümmert um die Folgen nach Bulgarien gehen- die Regierung möge gegen ihn unternehmen, was sie wolle. Zankow hofft an der Fürstin eine Stütze zu haben.

Paris, 23. August. Die für heute angesetzte große Pilgerfahrt nach Jerusalem mußte infolge der von der türkischen Regierung errichteten Quarantäne verschoben werden.

Paris, 23. August. Ministerpräsident Dupuy empfing gestern in Vernet-les-BainS- den Bischof von Perpignan.

London, 23. August. Nach Meldungen, welche aus Shanghai und zwar von chinesischer Seite kommen, sollen an den Schlachten am Freitag und Samstag je 25,000 Mann theilgenommen haben. Die chinesischen Geschwader des Nordens, des Südens und des CentrumS erhielten Befehl, sich im Golfe von Pe-Tschi-li zu concentriren. Der japa­nische Adel hat die Regierungsanleihe von 50 Mill. Dollars voll gezeichnet.

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London, 23. August. Auch bis heute hat die hiesige japanische Gesandtschaft noch keine Bestätigung über den angeblichen Sieg der Chinesen erhalten und erklärt, wenn die Japaner eine entscheidende Niederlage erlitten hätten, wäre ihr jedenfalls eine offictelle Meldung darüber zu­gegangen.

Petersburg, 23. August. Mit großer Bestimmtheit tritt hier die Nachricht auf, daß eine Verstärkung deS russischen Geschwaders im Stillen Ocean unmittelbar bevorsteht- dieselbe soll eine bedeutende sein. Von Kronstadt werden demnächst neun Kriegsschiffe zu diesem Zwecke in See gehen.

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Gießen, bett 24. August 1894.

** Fenerwehrfest. Eine hübsche Einrichtung auf dem Festplatz wurde von Seiten des Publikums fast gar nicht benutzt. Wir meinen den AuSstchtsthurm, welcher in dem rechten Theil (vom Festplatz aus) deS Eingangsportals errichtet ist. Wie unS die Besucher desselben versicherten, ist die Aussicht daselbst eine ganz herrliche und auch Abends beim elektrischen Licht der Anblick deS Festplatzes ein wahr­haft feenhafter. Wir hoffen, daß am Samstag und Sonn­tag der gegen ein mäßiges Entree zugängliche Aussichtspunkt fleißig aufgesucht wird. Wie wir weiter vernehmen, sind dem Festausschuß eine große Anzahl Festmedaillen übrig ge­blieben, da auswärtige Hausirer den Verkauf von nicht- offictellen Festmünzen zu jedem Preis forcirten. ES soll aus dem Festplatz versucht werden, die übrig gebliebenen zu sehr billigem Preis loszuschlagen. Wir empfehlen dieselben der Gunst des Publikums. Jeder Festbesucher wird sich gern ein Andenken mitnehmen.

** Brod-Revifiou. Bei einer gestern stattgehabten Revision des Brodes auf das Gewicht wurden einem auswärtigen Bäcker 23 ganz frische Brode weggenommen, die ein Minder­gewicht von 40 bis 110 Gramm pro 4 Pfd. Laib zeigten.

** Die diesjährigen Eommuualsteueru stellen sich nach einer imDarrnft. Tägl. Anz." enthaltenen Aufstellung für die Städte des GroßherzogthumS, in denen die Städteordnung gilt, wie folgt:

1894/95 gegen 1893/94

Steuersumme Mk.

Coöfficient Pfg.

Steuersumme Mk.

Coöfficient Pfg.

Darmstadt

1 149 896

26,673

1 049 000

25

Mainz

1 804 470

29,4

1 721 869

29,4

Gießen

395 686

28,8

375 572

28,2

Offenbach

620 287

25,8

605 100

25,8

Worms

483 000

27,744

467 600

27,698

Alzey

75 600

22,092

75 600

22,837

Daraus geht hervor, daß Mainz und Offenbach ihren vorjährigen Ausschlagssatz beibehalten haben, während bei Alzey eine kleine Ermäßigung, bei den anderen Städten eine Erhöhung vorliegt. In der Höhe des Ausschlagscoöfficienten wird Darmstadt von Mainz, Gießen und WormS über­troffen.

Bon den übrigen bedeutenderen Städten und Land­gemeinden OberheffenS führen wir noch mit ihren Steuer­summen und Ausschlagscoöfficienten auf: Friedberg 68820 Mk. bezw. 23,539 Pfg., Bad - Nauheim 46 000 Mk. bezw. 25,373 Pfg., Vilbel 27 300 Mk. bezw. 26,013 Pfg., Grün- berg 27 706 Mk. bezw. 27,470 Pfg., Büdingen 39 150 Mk. bezw. 27,738 Pfg., Lauterbach 34 000 Mk. bezw. 27,457 Pfg., Alsfeld 66 000 Mk. bezw. 28,524 Pfg., Schotten 27 500 Mk. bezw. 32,767 Pfg., Nidda 24 300 Mk. bezw. 34,832 Pfg., Schlitz 32 000 Mk. bezw. 36,419 Pfg.

Als Kennzeichen im Allgemeinen gleichartiger Verhält- nisse dient es, daß in den Städten mit Städteordnung die Ausschlagscoöfficienten keine allzu großen Unterschiede auf- weisen. Bet den vorstehend weiter aufgeführten sonstigen größeren Gemeinden find die Unterschiede schon wesentlicher. Viel bedeutender sind solche aber in den eigentlichen Dorf­gemeinden, in welchen auf der einen Seite ganz geringe Steuerausschläge Vorkommen, anderseits aber Steuerausschläge bis zu 60 Pfg. auf die Mark Steuercapital keine Seltenheit sind. Die in dieser Beziehung am höchsten belastete Ge­meinde ist Schmitten im Kreise Schotten mit 91,479 Pfg. Ausschlag auf die Mark Communalsteuercapital.

** Den 116rn. wurde, wie derDarrnft. Ztg." aus Seligenstadt mitgetheilt wird, der Besuch des dortigen Gasthauseszum Riesen" verboten. Die imRiesen" einquartierten Mannschaften wurden auSquartiert, auch die in den Stallungen des großen Gasthauses unter­gebrachten Militärpferde anderweittg eingestellt. Diese