Nr 276 Zweites Blatt.
Samstag ben 24. November
1894
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Vermischtes.
♦ Czar Nikolaus II. auf der Schulbank. Französische Blätter bringen Mittheilungen über die Erlebnisse deS Herrn Lanson, der im Jahre 1886 als Professor deS Französischen für den Czarewitsch an den russischen Hof berufen wurde. Herr Lanson war Professor der Rhetorik am Lyceum in Toulouse gewesen. In Rußland bewohnte er mit seinem damals 18jährigen kaiserlichen Zögling hintereinander den Anitschkower Palast, Gatschtna, Livadia und Peterhof. Während Kaiser Wilhelm und Prinz Heinrich Gymnasium und Universitär besuchten, hat Nikolaus II. zum ersten Male seine Familie verlassen, als er als Lieutenant bei der Garde ein- trat. DaS zahlreiche Hin- und Herwandern des Hofes ließ eine feste Zeiteintheilung nicht zu. Die Arbeitszeit für ihn wechselte nach den Umständen. In Livadia war zum Bei- spiel der Morgen zum Studium bestimmt, Mittags prome- ntrte er in Gesellschaft des Kaisers und des Großfürsten Georg. Czar Alexander hielt auf eine Erziehung von unmittelbarer Nützlichkeit- so blieben die klassischen Sprachen ausgeschlossen. Die russische Cultur hat nicht die zahlreichen Anknüpfungspunkte an das klassische Alterthum wie die westliche- der griechische und lateinische Einfluß hat sich in Rußland erst im Anschluß an die westeuropäische Literatur geltend gemacht. Die Erziehung des Thronfolgers war daher naturwissenschaftlich und practisch. General Danilowitsch, der e'nen guten wissenschaftlichen Ruf genießt, unterrichtete ihn in Mathematik, Physik und Naturwissenschaften. Nichts wurde versäumt, ihm die lebenden Sprachen beizubringen - ein Lehrer des Englischen lebte im Schlosse. Der Professor des Deutschen kam von außerhalb. Die französischen Stunden wurden wie folgt gegeben: Herr Lanson gab seinem Schüler Stücke aus berühmten älteren und neueren Meistern zu lesen: Molisre, Bossuet, Victor Hugo, Lamartine, Müsset. Er überzeugte sich zunächst davon, daß der Czarewitsch das Wort verstanden halte, erklärte ihm dann die veralteten Ausdrücke und Wendungen. Dann begann die Erläuterung. DaS bildete den wichtigsten Theil des Unterrichts- der durch
dringende Geist und der seine Geschmack, den man Herrn Lanson nachrühmt, kann auf den lernbegierigen Schüler nicht ohne Einfluß geblieben sein. Der Czarewitsch sprach damals das Französische sehr geläufig und correct mit dem etwas süßlichen Tonfall, der den Russen eigen ist. Das Franzö- fische schrieb er fließend und nicht ohne Eleganz. Die Beziehungen zwischen dem Lehrer und 'seinem kaiserlichen Zög- ling waren sehr gut. Herr Lanson schildert ihn als intelligent, gutmüthig und heiter.
Verkehr, Coitö» «nd Vottswirthschaft.
A Over - Ohmen, 19. November. Gestern Nachmittag hielt Herr Landwirthschaftslehrer Reichelt von Alsfeld im Saale de8 htefigen Gemeindehauses einen Vortrag über „Bodenbearbeitung und Düngung." War die Versammlung auch ziemlich besucht, so hätte man doch in Hinsicht des durch die diesjährigen abnormen Witterungsoerhältnisse eines actuellen Interesses besitzenden Themas eine zahlreichere Betheiligung erwarten dürfen. Herr Reichelt leitete seinen Vortrag ein mit einem kurzem Ueberblick über Ziel und Mittel der Bodenbearbeitung. Als Ziel derselben ist das Erreichen eines Bodcnzustandes onzuseheo, der es ermöglicht, daß die Wurzeln der Pflanzen die Nährstoffe aufzunehmen vermögen. Dieses geschieht, wenn durch Wenden, Mischen und Lockeren des Bodens die tieferen Schichten nach oben kommen, damit sie durch die Einwirkung von Luft, Licht und Wasser zersetzt werden können. Ein tiefeS Ackern ist deshalb anzurathen, weil eben mehr Nährstoffe erschlossen und das Land cultursähiqer gemacht wird. Doch ist hierbei zu beachten, daß nicht auf einmal der wildere Boden nach oben gebracht werden darf, sondern nur allmälich, also stufenweise. Als Mittel zu diesem Zweck dient in erster Linie der Pflug, dann die Egge, die ft nippet und die Walze. Die noch meist in hiesiger Gegend gebrauchten niederen Pflüge mit hölzernen Streichbrettern erfüllen diesen Zweck nicht vollständig, weil ein genügendes Tiefackern durch sie nicht möglich ist. Auch ist bet hölzernen Streichbrettern die Reibung eine größere wie bet solchen von Eisen, mtthtn das Pflügen etn erschwertes. Für einen geeigneten Pflug soll der Landmann vor allem Sorge tragen. Die Stoppelfelder empfiehlt Herr Reichelt sofort nach der Ernte zu stürzen. Dann vermag das auf dem Boden liegende, ausgefallene Getreide und der Unkrautsamen aufzugehen. Ein zweites Pflügen zerstört beides und bedingt ein richtiges Zersetzen der Stoppeln. Hier müssen wir allerdings einwenden, daß bet den hiesigen Bodenverhältnissen dem Landmann meist etn doppeltes Pflügen der Stoppelfelder unmöglich ,ist. — Sind in der angegebenen Weise die Felder gepflügt, dann sollen fie im Frühjahr nicht noch
einmal aufgeackert werden, damit die im Bodm befindliche Wiuter- feuchttgkett aufgespetchert bleibt. Eine Bearbeitung mit Krupper und Egge genügt, um den Boden faataerecht herzustellen. Sind die Aecker beunkrautet, besonders mit der lästigen Quecke beseht, so muß eine tüchtige Bearbeitung mit Krupper unb Egge in die Kreuz und Quer stattfinden. In diesem Herbste, in dem der Boden in ganz ungewöhnlicher Weise von Wasser durchdrungen ist, muß etn Hauptaugenmerk auf die Wasserfurchen oder Wasserrtnnen gelegt werbe«. Man lege dieselben quer über die Gefälle, doch so, daß das Wasser nicht stagnirt, sondern abfließt. Auch die Furchen des Ackers sollen quer zum Gefälle laufen. Vielfach ist eS dem Landwirth nicht möa- lich gewesen, seine Stoppelfelder umzupflügen. Da da« Getreide so ungewöhnlich tief im Preise steht und die Hebung deS ViehstandeS als unbedingte Forderung für den Landmann gelten muß, so ist eine größere Verwendung der Ackerfelder zum Futterbau anzustreben. Zum Säen empfiehlt Herr Reichelt die Drillmaschine. Nicht bloß Vs der Saatfrucht wird durch fie erspart, die Saat kommt auch ta Reihen zu stehen, die Licht und Luft zulassen, so daß die Pflanzen sich kräftiger entwickeln können und Lagerfrucht fast ausgeschlossen erscheint. Ein Walzen unseres bindigen, schweren Badens erscheint weniger angebracht. Wird eS dennoch angewendet, so soll man hiernach noch einen leichten Eggenstrich vornehmen. In dem FaL allerdings, wo durch Frost das Wtnteraetreide gehoben wird, erscheint ein Walzen geboten. Um einem AuSwintern der Frucht vorzubeugen, möge man im Herbste über einen Morgen Land 36 biS 40 Pfund Chtlisalpeter streuen, die Pflanzen werden dann kräftiger nnd widerstandsfähiger. Ebenso interessante Mittheilungen wie über die Bodenbearbeitung gab der Vortragende über „Düngung". Der Dünger wird vielfach im Felde längere Zeit auf Hausen liegen gelassen. Das ist verwerflich, weil viele Nährstoffe ausgezehrt, der Dünger entkräftet wird und weil auf den Aeckern, aus dm Lagerplätzen sogenannte Gailstellen entstehen. Darum soll man ein sofortiges AuSbreiten und Unterackern des DüngerS vornehmen. Auch die Behandlung des Düngers geschieht noch vielfach falsch. Die Dungstätte darf weder unter Wasser stehen, da sonst der Dünger ausgelaucht wird, noch soll der Dunghaufen zu hoch liegm, da in diesem Falle die unteren Schichtm verbrmnm. Das letztere ist in der That sehr oft der Fall. Die Höhe des Dunghaufens betrage 1, höchstens 1,50 Meter. Der Dunghaufen muß durch Festtrete« dichte fernacht werden, damit das Stroh die Jauche aufsaugt und Zer- etzung erfolgt. Im Sommer versäume man nicht, den Dunghaufen mit Jauche oder in Ermangelung dieser mit Wasser zu begieß««, um einer Verbrennung des Düngers vorzubeugen. EmpfehlenSwerch bleibt es stets, den Dünger mit einem Stickstoff bindenden Stoff ni mischen. Zu diesem Zweck überdeckt man den Dunghaufen mit Erde oder streut SuperphosphatgipS darüber. Mit einem kurzen Ueberblick über die »Kunstdungmittel" schloß Herr Reichelt seinm sehr lehrreichen Vortrag.
Feuilleton.
Psghtbautrn-Bcwohner.
Von Friedrich Thieme.
(Nachdruck verboten.) (Schluß.)
Zu bemerken ist hierbei, daß das geschilderte Bauwerk den aus der Steinzeit stammenden Pfahlbauten angehört, daß aber auch solche aus der Broncezeit aufgefunden worden sind, welche sich von denen der älteren Periode durch ihre Anlage im tieferen Wasser und in weiterer Entfernung vom Ufer, sowie die auf besseres Werkzeug htndeutende geschicktere Zustutzung der benutzten Pfähle unterscheiden. Der Zweck der ganzen Anlage liegt auf der Hand. Dichte Wälder erfüllten die damalige Schweiz, wilde, gefährliche Bestien irrten darin umher. Die Nothwendigkeit, letztere zu überwältigen, um ihr Fleisch als Nahrung benutzen zu können, gab den Impuls zum Anschluß des Menschen an seinesgleichen, soweit hier nicht schon verwandtschaftliche und gesellschaftliche Gefühle ursächlich wirkten. Einigkeit macht stark — dieser Grundsatz war bereits von der Menschheit erkannt worden und führte zur Begründung von Gesellschaften, einmal behufs leichteren Erwerbs und andermal zur Erzielung größerer Sicherheit gegen die vierfüßigen Feinde. Gegenüber der von diesen drohenden Gefahr erschien die Wohnung auf dem Lande nicht sicher genug, das Wasser bot größeren Schutz — man wählte also das letztere als geeigneten Schauplatz für Ansiedelungen und Niederlassungen. Es läßt sich denken, daß den Urbewohnern Helvetiens mit ihren kümmerlichen Hilfswerkzeugen diese Arbeit nicht leicht geworden ist, mußten doch Hunderte von Bäumen gefällt, gespalten, bearbeitet und auf Kähnen — wahrscheinlich mittelst des Feuers zugerichteten großen Baumstämmen — an den Ort der beabsichtigten Ansiedelung gefahren, hier aber in den Boden ein- gerammt und verbunden werden. Denn mit Sicherheit ist anzunehmen, daß Niederlassungen, wie die von Wangen, wo 50,000 Pfähle gezählt wurden, weder zur gleichen Zeit noch von derselben Generation eingesenkt wurden. Der Ort wurde nach Bedürfniß der zunehmenden Bevölkerung allmälig ver- grölen — so nahm die Ansiedelung von Morges im Genfer See einen Flächenraum von 180,000 Quadratfuß ein und beherbergte nach mäßiger Berechnung eine Bevölkerung von 1244 Seelen. Im Neuenburger See dürste die Zahl der Bewohner einer Niederlassung 5000 Menschen betragen haben.
Im Ganzen schätzt Troyon die Bevölkerung der 68 dem [
Broncealter zuzuzählenden Niederlassungen auf 42,000
Personen.
Diese Zahlen lassen darauf schließen, daß die Pfahlbautenbewohner bereits Mittel und Wege gekannt haben müssen, sich für alle Jahreszeiten genügende Nahrungszufuhr zu sichern. Bei Mangel an Lebensrnitteln hätten derartig bevölkerte Orte nicht bestehen können. In der That wissen wir aus den vorgenommenen Untersuchungen der MahlzeitS- überreste, Waffen, Knochengeräthe u. f. w., welche sich in dem jetzt die Stelle der einstigen Dörfer bedeckenden Schlamm und Torf ^sehr gut erhalten haben, daß die Pfahlbautenbewohner der Schweiz bereits im Besitze der wichtigsten Hausthiere sowohl als auch etner großen Anzahl von nützlichen Pflanzen (weit über 100) gewesen sind. Rinder, Hunde, Ziegen, Schweine und Schafe dienten bereits den Zwecken des Menschen, auch das Pferd wurde hier und da schon als Reit- oder Zugthier benutzt. Außer Viehzucht wurde jedoch auch Ackerbau in primitiven Formen betrieben. Gerste, Weizen und Hirse wurde gezogen, erstere um als Brei genossen zu werden, während Wetzen und Hirse zur Brodbereitung verwendet wurden. „Ja, so unglaublich dies klingen mag," — berichtet Alsberg, dessen fesselnder Dar- stellung wir hier folgen — „von diesem vorgeschichtlichen Brode, oder richtiger gesagt Zwieback, denn dieses Gebäck hat bei einer Dicke von 1 bis l1/* Zoll einen Durchmesser von nur 4—5 Zoll — von diesem Gebäck sind sogar in verschiedenen Pfahlbauten-Ansiedelungen Reste aufgefunden worden und ebenso befanden sich unter den pflanzlichen Ueber- bleibseln jener Culturepoche verkohlte Aepsel, theils uugetheilt, theilS in zwei oder vier Stücke zerlegt und hinterdrein getrocknet." Auch Stämme der wilden Pflaume und Schlehe, Himbeer- und Brombeerkerne, Haselnuß- und Bucheckernschalen, Erbsen und Bohnen (letztere jedoch erst in den Bauten der Broncezeit) wurden entdeckt. Weitere Nahrungsmittel ge- währte die Jagd, welcher der Pfahlbautenbewohner mit Eifer obgelegen zu haben scheint, man fand Knochen und Reste vom Edelhirsch, ferner vom Reh, Igel, Dachs, Biber, Bär, Wolf, Elch, Urstier, Fuchs u. f. w. Das Fleisch der Füchse scheint in Zeiten des Mangels sogar als NahrungSmutel haben herhalten müssen, wie die an den Knochen dieses Thieres wahr- genommenen Mefferspuren besagen.
Auch Reste der Kleidung jener Menschen wurden gefunden, welche auS selbftgefertigten Geweben aus Flachs bestand. Außer der Kleidung stellten sich die Pfahlbauten
inhaber auch ihre Waffen und Geräthe selbst her, erst auS Stein, später aus Kupfer, und zwar letztere theils durch Hämmerung, theilS durch Guß. Vielfach diente auch Hirschhorn zur Bereitung von Werkzeugen und Waffen. So wurden u. a. Angelhaken, Messergriffe, Knöpfe, Nadeln, ja sogar Kämme daraus angesertigt.
Bekanntlich existiren noch heutzutage Völkerschaften, welche aus denselben Ursachen wie die Urbewohner der Schweiz ihre Wohnstätten auf Flüssen und Seen aufschlagen (z. B. die Papuas auf NeuGuinea) und es erscheint fraglich, ob die Wasserbauten der Urmenschen denjenigen unserer uncultivirten Zeitgenossen nachgeftanden haben. Alles bezeugt, daß die Phalbautenbewohner schon auf einer verhältnißmäßig vorgeschrittenen Culturstufe sich befanden. Allem Anschein nach ein Hirtenvolk, kannten sie offenbar bereits eine Art staatlicher Ordnung, sowie gewisse primitive sociale Einrichtungen. Schon die gemeinsame Ausführung so umfangreicher Bauten, wie die gemeinschaftliche Benutzung verschiedener Gegenstände — wie der Brücke, welche die Ansiedelung mit dem Ufer verband, oder der Leiter, welche die Verbindung mit der Oberfläche des Wassers ermöglichte — setzen bestimmte Abmachungen voraus, welche, wenn fie auch ungeschrieben blieben, doch sicher als unumstößliche Gesetze von den intelligenten Wassermenschen gehalten und geachtet wurden. Im Uebrigen denke man fich das Zeitalter der Pfahlbauten nicht etwa in allzu ferner Vergangenheit — als die alten Helvetier den Urstier und den Edelhirsch erlegten, da blühte schon in andern europäischen Ländern eine hohe Cultur. Verlegt doch die Wissenschaft das Ende der uns in den Pfahlbauten entgegentretenden Broncecultur in daS 8. bis 10. Jahrhundert der vorchristlichen Aera. Immerhin gaben uns die Schweizer Funde hochwichtige Aufschlüsse über eine interessante Epoche in bet Entwickelung deS Menschen, sie zeigen uns unsere Ahnen in den ersten Anfängen einer geordneten Cultur unb gestatten uns einen mehr als mittelbaren Blick in das Lebe« und Treiben ferner Jahrhunde te. Und wird es nicht immer ein wunderbares Ereigniß bleiben, daß einst die versunkene Pracht von Pompeji aus dem Schutte deS Vesuv unS hier nach mehr als 2500 Jahren etn Stück Urwelt in ihrer ganzen Wahrheit und Natürlichkeit wieder auferfteht auS dem Schlamm und Torf, in welchem eS beinahe drei Jahrtausende vergraben lag?


