Ausgabe 
24.10.1894 Erstes Blatt
 
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Nr. 249 Erstes Blatt. Mittwoch den 24 Oktober

1894

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Gießener Anzeiger

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Deutscher Reich.

Berlin, 22. October. König Al exand er von Serbien ist am SamStag Abend nach viertägigem Auf- j enthalt am Berliner Hofe von der Wildparkstation bei Pots- i dam auS wieder nach Belgrad zurückgeretst. Der Kaiser ] und Prinz Heinrich hatten dem erlauchten Gaste das Geleite bis zum Bahnhose gegeben, woselbst fich die Majestäten in herzlichster Weise voneinander verabschiedeten. Die Rückreise des Königs ging ebenfalls wieder über Wien, wo der hohe Reisende am Sonntag Nachmittag eintraf und in einem Hotel Absteigequartier nahm und zwar unter einem Jncognito.

Die abermals zur Berathung gesetzgeberischer Maßnahmen gegen die Umsturzbestrebungen stattgesundene Sitzung des preußischen Staatsministeriums lott endlich im Allgemeinen eine Verständigung über das ge- > plante Vorgehen ergeben haben. Wenigstens wlssen Berliner Meldungen zu versichern, daß man sich in der gedachten Ministerconferenz über die Grundzüge der zu ergreifenden Maßregeln geeinigt habe und daß nunmehr das RetchS- justizamt mit Ausarbeitung eines TheileS des einschlägigen Materials beauftragt worden sei. Falls sich diese Nach­richten bestätigen was allerdings noch abzuwarten bleibt so würden also die in Aussicht genommenen Schritte gegen die Umsturzparteien neben dem preußischen Landtage, dem eine Abänderung des beftehnden Vereins- und Ver­sammlungsrechtes vorgeschlagen werden soll, auch die Gesetz­gebung des Reiches in Anspruch nehmen. In letzterer Be­ziehung verlautet weiter, daß eS sich um eine Novelle zum Reichsstrafgesetzbuche handele, die betreffende Vorlage solle der­artig beschleunigt werden, daß sie dem Reichstage bet seinem Zusammentritt unterbreitet werden könne. Im Uebrigen werden noch fernere Sitzungen des Staatsministeriums in der ganzen Frage angekündigt.

Fürst Bismarck weilt noch immer in Varzin, wo ihm de: diesmalige Aufenthalt ganz besonders zusagt- es sind daher auch über d<e Rückkehr des Altreichskanzlers nach Friedrichsruh noch keinerlei Dispositionen getroffen worden. Fest steht aber, daß Fürst Bismarck noch in Varzin den ihm zugedachten Besuch der Pommern empfangen wird- sollten eS die Umstände gestatten, so wird vielleicht auch der gleichfalls geplante Besuch der BiSmarckverehrer aus Hannover auf dem hinterpommerschen Landsitze des Altreichskanzlers noch zur Ausführung kommen.

Neueste Nttchvichten.

WolffS telegriphtscheS Torrefponbrnz-Bureio.

Berlin, 22. October. DieStatistische Correspondenz" beziffert Mitte October den Ernte-Ertrag auf Grund von Probedrüschen wie folgt: Winterweizen 1694, Sommer­weizen 1649, Winterspelz 1474, Sommerspelz 1300, Sommer­gerste 1814 Kilogramm pro Hectar. Der Stand der jungen Saaten ist: Winterweizen 2,4 , Winterspelz 2,3 , Winter­roggen 2,4, Klee 2,0. Die Witterungsverhältnisse werden für die keimenden und ausgehenden Saaten im Allgemeinen als günstig bezeichnet. Die Bestellung der jungen Saaten ist ohne wesentliche Störung verlaufen, ihr Stand berechtigt zu guten Hoffnungen.

Berlin, 22. October. Ueber den Zu st and des Cz aren bringen hiesige Blätter aus gemeinschaftlicher Quelle folgende Notiz:DaS Befinden des Kaisers von Rußland läßt zwar alles zu wünschen übrig und eine Genesung ist, menschlichem Ermessen nach, ausgeschloffen- dennoch übereile sich fast die gelammte Preffe, wenn sie den Czaren bereits al- einen tobten Mann behandelt. Wir glauben gut unter­richtet zu sein, wenn wir vermuthen, daß die Katastrophe nicht in kürzester Zett zu erwarten ist." Diese Bemerkungen sind nichts anderes, als das, was sich für jeden Kundigen auS der bekannten Natur der Krankheit des Czaren ergibt, deren letzte Stadien sich auch nach starken uraemischen Anfällen und starken Oedemen unter Umständen doch noch Wochen- und monatelang hinziehen können.

London, 22. October. Die Meldung des Bureau Reuter über Friedensverhandlungen zwischen China und Japan in Söul wird in hiesigen Kreisen nirgends bestätigt.

WB. Petersburg, 23. October. DerRegierungsbote" meldet: Gestern Abend 5!/2 Uhr trafen in Ltvadia ein: Die Großfürstin Jelissaweta Feodosowna und Prin­zessin Alix von Hessen. Der Thronfolger empfing seine Braut in Aluschta. Nach der Ankunft in Ltvadia begab sich Üe Prinzessin bittet zum Kaiser und zur Kaiserin und dann mit der Kaiserin und anderen Gliedern der Kaiserfamilie in die PalaiSktrche, wo Gottesdienst abgchalten wurde. Die Gefolgschaft empfing die Prinzessin am Ktrchenetogang.

DevsicVcn bes Buren.

Berlin, 22. October. Angesichts der Version über die Wortfaffung der Ansprache deS Kaisers am 18. October, soweit sie sich auf die Halbbataillone bezieht, erklärt das Berl. Tagebl." auf das Bestimmteste, daß bei der Militär­verwaltung auf einen Ausbau der Halbbataillone zu ganzen Bataillonen ernste Absichten nicht bestehen und in keiner Weise, z. B. bei dernEtatsarbeiten, in die Erscheinung treten werden.

Berlin, 22. October. Der Reichstag wird, wie nunmehr feststeht, am 2 2. November im neuen Hause zusammentreten. Vorher findet entweder eine Einweihungs­oder Schlußsteinfeier statt, woran der Kaiser theilnehmen wird.

Berlin, 22. October. Dem BundeSrath sind der Etat für das Auswärtige Amt, die Etats für die Verwaltung des Retchsheeres und der Kaiserlichen Marine, der Etat für das Reichs-Schatzamt, der Etat der Reichsschuld und die Voranschläge der Einnahmen des Reichs an Zöllen, Ver­brauchssteuern und Aversen, sowie an Stempelabgaben für daS Etatsjahr 1895/96 zugegangen.

Berlin, 22. Octvber. Sowohl hier als auch in Potsdam hatten heute zur Feier des Geburtstages der Kaiserin alle öffentlichen und zahlreiche Privatgebäude Flaggenschmuck angelegt. Um l1/* Uhr fand im Neuen Palais Familien- Frühstückstafel statt, zu welcher sämmtliche hier anwesenden Fürstlichkeiten Einladungen erhalten hatten.

Berlin, 22. October. Wie verlautet, hat die Kaiserin Friedrich an die Czarin ein langes Schreiben gerichtet, worin sie ihrer tiefen Trauer über daS große Unglück, das ihr Haus betroffen hat, in bewegten Worten Ausdruck gibt. Ferner wird versichert, daß der Kaiser, als er kürzlich in Darmstadt weilte, wiederholt bei Tafel zu dem Großherzog sagte:Was ich auS Livadia gehört habe, raubt mir jeden Appetit."

Berlin, 22. October. Aus Darmstadt wird gemeldet: In hiesigen Hoskreisen wird auf Grund einer heute Morgen etngegangenen Depesche bekannt, daß der Cz ar gestern Nach­mittag etwa eine halbe Stunde im Park von Livadia spazieren gegangen ist.

Kol», 22. October. DieKöln. Ztg." theilt mit, daß sich der deutsche Kaiser unausgesetzt aus Livadia über das Befinden des Czaren Bericht erstatten laffe. Das Blatt schreibt:Wenn auch die heute eingetroffenen Nachrichten tröstlicher klingen, so hat dies insofern nichts zu bedeuten, als es im Wesen dieser heimtückischen Krankheit liegt, kurz vor der Katastrophe etwas zurückzutreten, sodaß der Patient sich erleichtert fühlt." Betreffend die Zusammenkunft des Kaisers Wilhelm und des Prinzen Heinrich mit der Prinzessin Alix von Hessen erfährt dieKöln. Ztg.", daß das Zusammen- sein über eine Stunde gedauert und daß die Prinzessin sich tief erschüttert vom Kaiser getrennt habe. Man könne erwarten, daß der Verstand und die Willenskraft, welche Eigenschaften man der Prinzessin nachrühme, ihr einen be­deutenden Einfluß sichern werden.

Trier, 22. October. Zwischen Bürgermeister Neff und Feldmann aus St. Johann-Saarbrücken hat ein Pistol en - duell stattgefunden. Neff wurde amHalS leichtverwundet.

Wie«, 22. October. König Alexander von Serbien hatte heute mit Kaln o ky eine längere Conferenz.

Budapest, 22. October. Bei einer Explosion in den Aninnaschächten wurden 40 Todte constatirt, 26 Leichen sind geborgen. Außerdem wurden 40 Bergleute lebensgefährlich verletzt. Die Katastrophe ist durch die Unvorsichtigkeit eines Arbeiters entstanden.

Rom, 22. October. Im Vatikan ist ein herzlich ver­faßtes Danktelegramm des russischen Thron­folgers eingegangen, durch welches dem Papste die Sym­pathien der kaiserlichen Familie zugefichert werden, wegen dessen Wünsche und Gebete für die Genesung des Czaren.

Mailand, 22. October. In Imola wurden zahlreiche als gefährlich bekannte Anarchisten verhaftet.

Brüssel, 22. October. Bet den gestrigen Stichwahlen wurden hier sämmtliche 18 Candaten der klerikalen Partei mit 10000 Stimmen Majorität gewählt. In Lüttich, Charleroi und Verviers siegten die Socialisten. Die Kammer ist bis jetzt zusammengesetzt aus 104 Clerikalen, 5 Alt- und 15 Jungltberalen und 28 Socialisten. Deburlet, BaraS, Frere Orban wurden nicht wiedergewählt.

Paris, 22. October. Aus einem vom Justizministerium an sämmtliche Polizeipräfecten Frankreichs gerichteten Rund­schreiben geht hervor, daß vom 1. Januar bis zum 1. Sep­

tember d. I. 198 Anarchisten auS gewtesen worden sind, worunter 103 Italiener, 50 Belgier, 40 Deutsche und 3 Russen.

Paris, 22. October. Auf den Wunsch der Militär­behörden werden in den Knabenschulen Gewehrübungen eingeführt. Eine specielle Commission von Offizieren und Pädagogen ist mit der Organisation dieses neuen Lehrzweiges beauftragt worden.

Paris, 22. October. Die russischen Werthe find wegen der ungünstigen Nachrichten auS Livadia in starkem Rückgänge. Der Betrag der in Frankreich circulirender Russenwerthe wird auf 6 Milliarden geschätzt.

Paris, 22. October. Seitens verschiedener hiesige: ärztlicher Autoritäten wird die Hoffnung ausgesprochen, daß trotz der alarmirenden Depeschen der Czar die Krisis doch noch überstehen werde, da er im Allgemeinen eine kräftige Natur habe.

Barcelona, 22. October. Gestern wurden im Hause einer Vorstadt zehnDynamitpatronen entdeckt. Mehrere verdächtige Individuen sind verhaftet worden.

Petersburg, 22. October. Der Procurator der heiligen Synode, PobjedonoSzew, ist von Gursuff (Krim) nach Aalta übergesiedelt. Die Generalgouverneure der westlichen Provinzen wurden nach hier berufen.

H. Petersburg, 23. October. Die letzten Meldungen auS Livadia lauten wieder beunruhigend- die vorgestern ein­getretene Besserung ist wieder verschwunden. Die Kaiserin hat gestern die Prinzessin Alix nach deren Ankunft in die Kirche begleitet, wodurch die Meldung von einem Schlaganfall der Kaiserin dementirt wird.

Sozialdemokratischer Parteitag.

Frankfurt a. M., 22. October.

Der sozialdemokratische Parteitag wurde gestern Abend 7 Uhr in dem mit den üblichen Emblemen, Büsten von Marx und Lassalle, rothen Fahnen u. s. w. geschmückten Saale der Weißen Lilie" in unserer Vorstadt Bornheim eröffnet. Schon lange vor der festgesetzten Zeit war der nicht all­zugeräumige Saal überfüllt. Ueber 200 Delegirte sind an­wesend. Nach Absingung eines eigens compontrren Liedes durch den sozialdemokratischen Gesangverein, sprach Reichs­tagsabgeordneter Brühne einige Begrüßungsworte im Namen des Localcomites, worauf Liebknecht, mit Beifall begrüßt, fich in Reminiscenzen aus der an politischen Kämpfen reichen Geschichte Frankfurts erging, das stets in der vordersten Reihe gestanden habe im Kampfe für die Freiheit, erst durch die Bürger, dann durch die Arbeiter. Nach Liebknechts Rede wurde per Akklamation als erster Präsident Singer, als zweiter Schwarz-Lübeck gewählt, ebenso per Akklamation 9 Schriftführer und eine aus 7 Mitgliedern bestehende Man datSprüfungscommission. Als Arbeitszeit wurde nach ziemlich lebhafter Dtscussion der achtstündige Arbeitstag von 91 und von 37 festgesetzt. Die Verhandlungen werden etwa eine Woche dauern. Nach Schluß der Sitzung fand ein Commers statt.

Die erste Hauptsitzung des 5. Parteitages der sozial­demokratischen Partei Deutschlands wurde um 9 Uhr 25 Min. vom Vorsitzenden Singer mit einigen geschäftlichen Mitthei- lungen eröffnet. Eine große Anzahl Begrüßungsadressen sind eingelaufen, darunter vom Nationalcomitee der spanischen Arbeiterpartei, vom Nationalcomitee der französischen Arbeiter­partei, vonAuS dem Winterschlaf erwachten Bauern am Bodensee", von einerAnzahl sozialdemokratischer Rekruten", u. a. Silberberg-Budapest überbringt Grüße der ungarischen Sozialdemokraten, Dr. Adler aus Wien trifft heute Abend ein, um diejenigen der österreichischen zu überbringen. Nach­dem der Vorschlag Singers mit der Discussion über die beiden ersten Punkte der Tagesordnung:Geschäftsbericht des Parteivorstandes" undBericht der Controlleure" die DiScussion über die Anträge 1827, betr. Parteibeamte und Parteigeschäfte zu verbinden, angenommen,erstattet Gertsch- Berlin den Parteibertcht, d.h. er verweist auf den in der Presse veröffentlichten Bericht und beschränkt sich darauf, einige aus den Parteikreisen eingelaufene Beschwerden und Anträge von vornherein zu entkräften. Besonders eingehend beschäftigt er sich mit demFall Fischer". Genosse Fischer (früher Schriftsetzer) war tm vorigen Jahre kurz nach dem Kölner Parteitage aus seiner Stellung als 2. Parteisecretär aus- geschieden, um die Leitung der sozialdemokratischen Buchhand­lung in Berlin zu übernehmen. Mit diesem Vorgänge wurde nun von den Genossen im Lande der Umstand, daß auf dem Kölner Parteitage vom Vorstand der sozialdemokratischen Partei, dem Fischer damals noch angehörte, eine Erhöhung