Ausgabe 
24.6.1894 Erstes Blatt
 
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Menschen von Mainz hierher befördert worden seien. Die einen fordern energische Maßregeln, daß cs nicht mehr Vor­kommen könne, daß man zu jener kurzen Strecke über drei Stunden Fahrzeit brauche, die anderen drohen mit Rechnungen für an frisch mit Oelfarbe gestrichenen Wagenbänken be­schmutzte Kleider :c.; Alles hat sich verschworen gegen die Ludwigsbahn, die so schlecht für die Darmstädter gesorgt habe. Natürlich treibt auch der Spott seine Blüthen dabei, ein Blatt z. B. erzählt von einer Fahrt auf der LudwigS- bahn, die zu einemWaldseste" umgestaltet worden sei, der Zug habe nämlich öfters unterwegs so lange gehalten, daß man sich bis zur Weiterfahrt im nahen Walde etwas ergötzen, ja sogar wie Thatsachen bewiesen, Erdbeeren pflücken konnte. In einem anderen Blatte ist ein in großen Lettern gedruckter Oeffentlicher Dank" an die LudwigSbahn für diegernüih- llche pünktliche" Beförderung nach und von Mainz zu lesen. Doch wir wollen nicht mit einstimmen in jene Jeremiade, daS ist iodesien entschieden zu constatiren, daß eS auf dieser vielbesprochenen Fahrt rechthübsch" hergegangen sein muß und Ihr Correspondent dankt seinem Schöpfer, daß er eS vorgezogen, beim Anblick der wirklich gewaltigen Schlacht um die Billete am Sonntag Morgen, das Hasenpanier zu er­greifen und wieder seinen Penaten zuzueilen.

Im großen Saale des Kunstvereins dahier ist seit einigen Tagen eine Ausstellung vonGemälden arrangiert, die das berechtigte Interesse aller Kunstfreunde unserer Stadt erregt Hal. Der Berliner Maler Hermann Hendrich, ein Künstler, der schon einmal vor die Augen des Darmstadter Publikums mit einem seiner Werke getreten war, ohne indessen damals für sein GemäldeNach Siegfrieds Tode" gerade überall Beifall zu finden, hat eine CollectivauSstellung von 20 Bildern veranstaltet, die die damals von Bielen verkannte oder doch nicht richtig erkannte Eigenart ihres Schöpfers nunmehr deutlich ans Licht treten lassen. Der Künstler ist eben eine eigenartige Natur, die nicht gerne die von der großen Menge benützten Pfade wandelt, ohne daß er deshalb

so nach dem Sensationellen hascht, wie es leider bei vielen unserer Modernen geradezu zur Sucht geworden ist. Unge­mein viel hat Hendrich mit Richard Wagner gemein, seine Stoffe wählt er großentheilS aus der nordischen Mythologie, dem Ring der Nibelungen, dabei verschmäht er eS indessen nicht, auch Allegorisches und Symbolisches darzustellen. Meerlandschaften, deren bunte Farbenpracht jeden Beschauer entzückt, bilden daS Hauptcontingent der ganzen Ausstellung und lassen die Verwandtschaft der Kunst unseres Malers mit der Arnold BöcklinS erkennen, mit dem er die Belebung des Wassers durch Nixen, Drachen, Tritonen.rc. ganz gemein har. Vielleicht das interessanteste aller ausgestellten Werke ist Der fliegende Holländer", in dem der Hang zum Phantastischen, der Gegensatz Hendrichs zu den Naturalisten, so recht offen an den Tag tritt.

In dem Concertleben unserer Stadt ist eS jetzt ruhig, Concerte in Sälen ziehen nicht bei der Jahreszeit und dafür, daß in den Gärten keine abgehalten werden können, sorgt der täglich reichlich niederströmende Regen. Dagegen wird eifrig geschafft für die kommende Herbst- und Winter­saison. Herr Oberregisseur Werner hat eine Reise nach ver­schiedenen großen Bühnen gemacht, um die Lücken im Ensemble unseres HoftheaterS auSzufüllen, deren Resultate nunmehr bekannt werden. So ist für daS Fach deS jugendlichen Heldentenors Herr Wilhelm Hauschtld tu Stuttgart, ein geborener Münchener, gewonnen worden. Ferner wurde au Stelle des Herrn Steude für das Bonvivantfach ein Herr Ottbert vom Wallner-Theater in Berlin engagiert, außer­dem hat die erledigte Stelle eines zweiten Musikdirigenten eine Besetzung gefunden durch Verpflichtung des Herrn Rebock auS Prag, eines Künstlers, dem ein tüchtiger Ruf vorangeht. Auch in den Kreisen der Bürgerschaft wird eifrig gearbeitet, um im kommenden Herbste eine Dilettanten- aufführung deS Devrient schenGustav Adolf" zu Stande zu bringen.

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Nr. 145 Erstes Blatt. Sonnlaa den 24. Juni

1894

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Zum Bezug desGießener Anzeiger" für das 3. Vierteljahr 1894 laden wir hiermit ergcbenst ein. Wie bisher, wird derGießener Anzeiger" die Tagesereignisse in kurzer den Thatsachen entsprechender Weise zur Kenntniß seiner Leser bringen. Die neuesten Nachrichten der zuverlässigsten telegraphischen Nachrich­ten-Bureaus sowie zahlreiche Mittheilungen aus dem engeren und weiteren Vaterland halten den Leser stets über die Vorfälle in demselben auf dem Lau­fenden. Unterstützt durch an allen Orten der Provinz Oberhessen ansässige Berichterstatter, istfder Gießener Anzeiger" ferner in der Lage, die interessanten Vorgänge in der Provinz so frühzeitig wie möglich zur Kennttnß seiner Leser zu bringen, desgleichen wird den Begebenheiten in der Stadt Gießen die gebührende Besprechung im localen Theile des An­zeigers zu Theil werden. Der in der Provinz Oberhessen betriebenen Landwirthschaft wird der Anzeiger durch Veröffentlichung von allem Wissens- werthen aus dem Gebiete derselben besondere Berück­sichtigung zu Theil werden lassen, daneben aber auch die Beobachtungen und Erfahrungen in Haus- wirthschaft, Handel, Gewerbe und Industrie in den Kreis seiner Besprechungen ziehen. Ein ge­diegenes Feuilleton wird neben besonderen Ar­tikeln ernsteren und heiteren Inhaltes den erwünschten Unterhaltungsstoff bieten. Außerdem werden die Gießener Familienblätter", welche dem An­zeiger wöchentlich 3 mal beigelegt werden, und die stets ein gewähltes Feuilleton als Unterhaltungsstoff bringen, namentlich im Kreise der Familien eine beliebte Beigabe bieten.

Wir ersuchen nun namentlich auswärtige Leser, ihre Bestellung bei der Post baldgefl. aufgeben zu wollen. Neuhinzutretende erhalten vom Tage der Bestellung bis 1. Juli den Anzeiger kostenfrei zu- gestellt, wie wir auch gerne bereit sind, Probe-

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Hochachtend

Verlag desGießener Anzeiger"

Brühl'sche Druckerei (Fr. Chr. Pietsch).

Netteste Nachrichten.

Wolffs telegraphisches Co rreipondmz-Büreten.

Berlin, 22. Juni. Der Magistrat beschloß, die Berliner Gemeindeeinkommensteuer für das letzte Semester des EtatSjahreS 1894/95 in der Höhe von 100 statt 105 pCt. zu erheben.

Berlin, 22. Juni. DieStatistische Correspondenz" be­ziffert den Saaten st and in Preußen für Mitte Juni wie folgt: Winterweizen 2,6, Sommerweizen 2,5, Winter­spelz 1,9, Sommerspelz 2,0, Winterroggen 2,5, Sommer­roggen 2,7, Sommergerste 2,5, Hafer 2,5, Erbsen 2,5, Kar­toffeln 2,6, Klee 3,7, Wiesen 2,8. Die Ziffern bedeuten 1 sehr gut, 2 gut, 3 mittel, 4 gering und 5 sehr gering. Der anhaltende Regen läßt allgemein den Wunsch nach trockenem warmen Wetter laut werden. Der Stand der Weizenfelder ist nicht überall befriedigend, besonders wird stark über Rost geklagt, als Folge des an­haltenden Regens. Winterroggen hat eine ungünstige Blüthe- zett und wurde dadurch der Körnerertrag herabgemindert. Gerste ist vielfach vom Rost befallen worden. Kartoffeln haben mehrfach durch Frost gelitten, theilweise ist die auS- gesteckte Frucht verfault. Der junge Klee ist gut aufgegangen. Wiesen haben stark vom Frost gelitten.

Thorn, 22. Juni. Die W e i ch s e l ist seit gestern 2>/s Mtr. gestiegen und steigt schnell weiter. Heute Nacht wird daS höchste Wasser erwartet. Ein Dampfer steht bereit zur Hilfe­leistung , da man daS LoSreißen festgelegter Holztraften befürchtet.

München, 22. Juni. Die Schätzungsnoten des baye­rischen statistischen Saatenberichts variiren zwischen sehr gut, gut und ganz nahe an gut. Bessere Witterung ist dringend nöthig- über Beeinträchtigung der Heuernte wird vielfach geklagt.

Rom, 22. Juni. In der gestrigen Kammersitzung brachte Jmbriani eine Interpellation ein über die zu gründende deutsch-italienische Bank.

Loudon, 22. Juni. Eine Feuersbrunst fand tu FtnSbury in der Nähe der City statt und zerstörte achtzehn Waarenlager. Wie eS heißt, sind beinahe 2000 Arbeiter beschäftigungslos.

London, 22. Juni. Der norwegische SchoonerFormell", von Rotterdam nach Laguna gehend, ist in Dover mit sechs

I Schiffsleuten deS deutschen SchoonerSMarie Stahl" au- gekommen, der Mittwoch Nacht bei Beachyhead nach eine« Zusammenstoß mit demFarwell" untergegangen ist. Der Eapilän, der Steuermann, der Koch und der Schiffsjunge sind ertrunken.

Lattich, 22. Juni. Hier kamen einige vereinzelte Fälle choleraähnlicher Erkrankungen ohne epidemischen Character vor, in Jemappe gestern 10 Erkrankungen, in Seraing einige Fälle, von denen einer tödtlich verlief. Sämmt- liche Erkrankungen ereigneten sich in ungesunden Stadtvierteln'- die Erkrankten aßen Obst oder tranken unreines Wasser. Die Behörden ergriffen die nothwendigen Maßnahmen.

Petersburg, 22. Juni. Die russische Presse erhebt er­neute Klage, daß die deutsche Colonisation in Wol­hynien sich fast täglich verstärke- daS Gesetz vom 14. Juni 1892 verbiete zwar ausländischen Unterthanen, Immobilien und Ländereien außerhalb der städtischen Ansiedelungen im Gouvernement Wolhynien zu verkaufen oder zu arrondiren, dieses Gesetz werbe jedoch von den deutschen Colonisten auf jede Weise umgangen, wobei besonders die polnische Bevölke­rung im Gouvernement Wolhynien diese Gesetzumgehunge» auf jede Weise unterstütze.

Madrid, 22. Juni. In der Provinz Pantevedra kam eS anläßlich der Steuer-Einziehung zu ernsten Ruhe­störungen. Drei Bauern wurden getödtet und zahlreiche verwundet. Die Zahl der beschäftigungslosen Arbeiter in BiScaya nimmt täglich zu. Man befürchtet Ruhestörungen.

Tokio, 22. Juni. Das Gebäude der deutsche» Gesandtschaft ist durch daS heftige Erdbeben schwer be­schädigt und deßhalb zur Zeit unbewohnbar. DaS Personal blieb unverletzt.

Depeschen deS BureauHerold".

Berlin, 22. Juni. Der Kaiser und die Kaiserin haben sich mit dem Prinzen Adalbert heute Vormittag mittelst SonderzugeS von der Wildparkstatton nach Kiel be­geben. Auf dem Bahnhofe waren der Kronprinz mit den Prinzen Eitel Friedrich und August Wilhelm zur Verab­schiedung anwesend. Der Kaiser trug Admiralsuniform.

Berlin, 22. Juni. Wie dieBörsenzeitung" von par­lamentarischer Seite erfährt, stehen in der Besetzung der

Feuilleton.

Wochenbrikse aus der Residenz.

(Ortginalbericht für benGießener Anzeiger".)

Z. Darmstadt, 21. Juni.

Die Ludwigsbahn." Gemäldeausstellung. Bom Hofthealer.

Trotz des herrlichen Wetters zeigten am vergangenen Sonntag nicht nur die sonst so stark frequentirten, prächtig gelegenen Ausflugsorte in der Umgebung Darmstadts eine ganz bedenkliche Leer-, sondern auch in der Stadt waren die Restaurationen und Wirthschastsgärten lange nicht so bevölkert, wie man es sonst zu sehen gewohnt ist. DaS Mainzer Bundesschießen hatte sich für die für jeden Sport leicht em­pfänglichen Residenzler als gewaltig anziehender Magnet er- wiesen und die Freude darauf in unserer Stadt mag der der Bewohner der Feststadt selbst in vielen Beziehungen nicht sehr nachgestanden haben. Nun, da die Haupttage der Fest­lichkeiten kaum vorüber sind, sollte man annehmen, daß das Interesse, das noch vor einigen Tagen bei unseren Mitbürgern so rege war, auch jetzt noch nicht völlig geschwunden sei, sondern daß sie sich mit dem in Mainz Erlebten wenigstens noch einigermaßen beschäftigen würden. Weit gefehlt kein Mensch mehr spricht vom Schützenfeste das Gesprächs­thema der Männer am Biertisch, der Damen in den Kaffee­gesellschaften und der Jungen zu Hause und in der Schule ist einzig und allein die Ludwigsbahn, ja selbst unsere Tagesblätter widmen jenem, bei den kleinen Kindern, wie neulich in der Ständekammer bemerkt wurde, öfters als Schreckmittel gebrauchten Institute, spaltenlange Artikel. Und was reden und schreiben sie alle? Sie schimpfen und schimpfen, daß es eine Art hat und erzählen die schauerlichsten Mordgeschichten von der Fahrt am letzten Sonntag, daß nicht um auf den Plattformen und Trittbrettern, sondern sogar cuf den Wagendächern und in übelriechenden Viehwagen