— Der Gesetzentwurf über die Erweiterung der Unfallversicherung unterstellt alle noch nicht versicherungspflichtigen Betriebe in Handwerk, Handel, Fischerei und Canalschifffahrt der Unfallversicherung Seitens des Reiches. Diesen Betrieben gleichgestellt werden laut dem Entwürfe der Reichs-, Communal- und Staatsdienst, Veranstaltungen von religiösen, wohlthätigen, gemeinnützigen Zwecken u. s. w. Ferner können Betriebsunternehmer, deren Jahresverdtenst nicht 2000 Mark übersteigt, sich ebenfalls in die Unfallversicherung aufnehmen lassen, außerdem kann die Versicherungspflicht durch Statut auf Betriebsbeamte, Werkmeister und Techniker u. s. w. mit über 2000 Mark jährlichem Gehalt ausgedehnt werden. Träger der Versicherung ist für die staatlichen Betriebe der Staat, für die anderen Betriebe bilden theils örtliche Unfallversicherungsgenossenschaften, theils nach Betriebszweigen geordnete Berufsgenoffenschaften die Träger der Versicherung. Die Aufbringung der Mittel erfolgt im Allgemeinen durch das Capitaldeckungsverfahren, die Bildung von Berufsgenossenschaften geschieht auf Antrag von Betriebsunternehmern oder Unternehmerverbänden. Als Schiedsgerichte dienen die für die Jnvalidttäts« und Altersversicherung eingesetzten Schiedsgerichte. Die Aussicht über die Handhabung des Gesetzes führen das Reichsversicherungsamt und die Landesversicherungs» ämter. Im Uebrtgen sind namentlich die Bestimmungen des Entwurfes über die Organisation und über das Verfahren sehr eingehender Natur. Der ganze gewaltige gesetzgeberische Stoff ist in 140 Paragraphen gegliedert,- ausdrücklich betont die Begründung, daß der Entwurf den Schlußstein der Unfall- versicherungsgefetzgebung darstelle.
Ausland.
Budapest, 22. Juni. Das ungarische Oberhaus hat am Donnerstag die ihm zum zweiten Male unterbreitete Civilehe-Vorlage in namentlicher Abstimmung mit 12 8 gegen 124 Stimmen im Allgemeinen angenommen. Die vor dem Gebäude angesammelte riesige Volksmenge brach, als das mit so großer Spannung erwartete Abstimmungsresultat bekannt wurde, in stürmische Eljenrufe aus, die Budapester Zeitungen veranstalteten sofort Extra-Ausgaben über das Ereigniß. Auch im Lande ist die Nachricht von der endlichen Annahme des Ctvilehegesetzes durch das Haus der Magnaten mit großer Befriedigung begrüßt worden, wovon zahlreiche Kundgebungen Zeugntß ablegen. Mit diesem zustimmenden Votum der ungarischen Pairskammer kommt die Frage des Civilehegesetzes, nachdem sie Monate lang die öffentliche Meinung des Magyarenlandes in Aufregung gehalten, parlamentarisch wenigstens zur Ruhe. Da bei einer etwaigen nochmaligen Ablehnung der Vorlage Seitens des Oberhauses die durch letztere hervorgerufene politische Krisis neuen unberechenbaren Wendungen entgegengegangen wäre, so kann man die jetzt erfolgte Zustimmung des Oberhauses zu dem vielumstrittenen Gesetze nur als im Interesse der ungarischen Nation und des Landes liegend betrachten, denn andernfalls wäre Ungarn eine abermalige Periode voll schwerer Aufregungen kaum erspart geblieben.
— Das sogenannte „Inittativ - Begehren" in der Schweiz sördert recht sonderbare Dinge zu Tage. So haben jetzt 67 000 schweizerische Bürger mittels Initiative das Verlangen an den Bundesrath gestellt, daß von den eidgenössischen Zolleinnahmen sechs Millionen Francs unter die Cantone zu vertheilen seien. Der Staatsrechtslehrer Gobat in Bern bezeichnet dieses Begehren als einen Staatsstreich und meint spöttisch, wenn es für die Initiative keine Schranken gäbe, so könnten schon morgen 50 000 Bürger die Ernennung eines — Königs für die Schweiz fordern!
— In Rußland hat man einen neuen verbrecherischen Anschlag gegen den Czaren entdeckt. Auf der Bahnlinie Orel-Witebsk wurde eine Sprengminen-Anlage aufgefunden, deren Zweck es wat, den Hofzug bei der Durchfahrt des Czaren zu den Manöver« in Mittelrußland in die Luft zu sprengen. Infolge dessen ist die Anwesenheit des Kaisers Alexander bei diesen Manöver« wieder fraglich geworden. Ueberhaupt scheint die Entdeckung dieses neuesten Attentatsversuches tief verstimmend auf den Czaren eingewirkt zu haben, denn es verlautet, daß nun wahrscheinlich auch die geplante Reise des Herrschers zur Einweihung der Votivktrche in Borki unterbleiben werde.
Vermischtes.
* Der Liebesgram einer „Elfjährigen". In einem Haufe in der Märzstraße in Neu-Rudolphshetm gab es dieser Tage eine große Aufregung, hervorgerufen durch das unaufgeklärte Verschwinden der elfjährigen Tochter eines Miethers des Hauses. Endlich, es war mittlerweile 9 Uhr Abends geworden, und die geängstigten Eltern wollten schon die Anzeige beim Polizei-Commiffariate erstatten, erschien eine Frau, welche in der Waschküche zum Waschen vorbereiten mußte, mit der Meldung, daß sie die vermißte elfjährige Tochter in der Ecke der Waschküche hinter mehreren Waschtrögen versteckt gefunden hätte. Das Mädchen war schon ganz erschöpft, da sie längere Zeit keine Nahrung zu sich genommen hatte und in dem gewählten Verstecke Hungers sterben wollte, weil ihr „Verehrer", ein 15jähriger Handlungspractikant, ihr den Abschied gegeben hatte. In den Kleidern des Mädchens wurde folgender Brief gefunden, der nur zu sehr den Ausspruch: „Es gtebt keine Kinder mehr!" rechtfertigt. Derselbe lautete: „Fräulein M—! Da Sie mir nicht mehr entgegenkommen, so löse ich unser Ver- hältniß. Werden Sie glücklich! Dies wünscht ihr ergebener Joseph P." Die Eltern haben beschlossen, den Liebesgram ihrer „Elfjährigen" durch ein „drastisches Mittel" zu heilen.
titeratur nnd Annst.
— Die Abonnenten der -Modernen »unft* (Verlag von Rich. Bong in Berlin, Preis pro Heft 60'Pfg.) gelangen in der Folge der Lieferungen, von denen die uns soeben erschienene Nummer 19 vorliegt, allmälich in den Besitz eines prächtigen tllustrtrten Corn- pendiums dessen, was im Laufe eines Jahres in der Welt geschieht. Da finden wissenschaftliche Congresse, wie der Aerztetag in Rom, ihre Illustration durch charactertsttsche Streubildchen, wie die Illumination des Forum Romanum und ein vertrauliches Zwiegespräch zwischen Virchow und dem italienischen Cultusminister. Da wird die Erinnerung an große Tobte, wie den Grafen Schack, den Kunstästhetiker Pfau pietätvoll festgehalten und gepflegt. Die jüngsten eben auftauchenden Berühmtheiten des Tages auf den Gebieten der Kunst, der Wissenschaft und der Politik werden in wohlgetroffenen Portraits den Lesern vorgeführt. Wer sich für die Ereignisse in der Kunstwelt interessirt, vermag an der Hand kurzer Berichte die Entwickelung des gesammten Ausstellungswesens zu verfolgen. Bei alledem aber bewahrt sich die „Moderne Kunst" den Character eines Famtlienblattes im großen Stil, das der Unterhaltung nicht weniger dient, als der Belehrung. Fesselnde Romane und Noveletten, Skizzen und Feuilletons wechseln mit einander ab, während die Kunftbeilagen nicht nur den Kenner durch ihre vollendete Technik für den Augenblick erfreuen, sondern bleibenden Werth dadurch erhalten, daß sie sich gerahmt als ein prächtiger Schmuck jeden Familienzimmers erweisen. Die „Moderne Kunst" hat ihren beispiellosen Erfolg dem Umstande zu verdanken, daß sie sich an die große Masse des Publikums wendet und unter Wahrung des besten Geschmackes Jedem Etwas bietet.
Bei der Redaction eingegangene Bücher re.:
— Das neueste Heft (5) der unter der Redaction von Bertha von Suttner im Verlag von E. Pierson in Dresden erscheinenden Zeitschrift »Die Waffe« nieder V Bei reichem Inhalt und vorzüglicher Ausstattung kosten „Die Waffen nieder!" jährlich nur 6 Mark.
Technische Fortschritte.
— Gin neue- Verfahren, Rntzholz mit Hilfe der eiter trieit&t in kürzester Zeit zu imprügnire« und eonfervire«. Mehrere electrotechnische und chemische Fachblätter besprechen dieses neue Verfahren, um mit Hilfe der Electricität Holz binnen einer Stunde zu imprägniren. Der zu dieser Behandlung nöthige Apparat besteht aus zwei Kesseln, in welchen die präservirende Flüssigkeit sich befindet; ferner gehören zu dem Apparate eine Circulationspumpe nebst Motor, ein Dampfkessel und eine Dynamomaschine. Mittelst einströmenden Dampfes wird die zur Präservtrung dienende Salzlösung in der üblichen Weise erhitzt, gleichzeitig aber geht ein elec- trtscher Strom durch den Kessel, in welchem die Jmprägntrung vor sich geht. Nach einer Mtttheilung der „Land. Electr. Reo." erzielt die vereinigte Wirkung der Hitze und des electrischen Stromes, daß das Holz in einer Stunde sorgfältig tmprägntrt ist, während das bisherige Verfahren ohne Benutzung des electrischen Stromes 10 bis 40 Stunden erfordert. Es ist anzunehmen, daß diese neue Holz- conserotrungsmelhode bald etngeführt werden wird.
— Ein «euer Dampfpflug. Von den Preisrichtern der Ausstellung der Deutschen Landwtrthschafts-Gesellschaft in Berlin wurde der bekannten Dampfpflug-Fabrik von John Fowler & Co. in Magdeburg der höchste Preis, die große silberne Denkmünze, zuerkannt für bereit neue Erfindung, den Umwende-Dampfpflug. Dieser neue Dampfpflug ist im hohen Grade leistungsfähig und übertrifft bet Weitem die bisherigen Dampfpflüge.
— Berbefferte Eismaschinen für de« Transport gefrorenen Fleisches aus Australien Inach England. Welche Dimensionen jetzt der Export frischen Fleisches von Australien nach England mit Hilfe verbesserter Eismaschinen angenommen hat, welches Fleisch während der langen Reise durch Eismaschinen im gefrorenen Zustande und dadurch frisch erhalten wird, wird durch Angaben über die derartige Fracht eines einzigen Schiffes klar, welches neulich in London anlangte. Dasielbe brachte 70000 aus- geschlachtete Hammel, 9000 Schinken, 9000 Vorderschinken, 550 t Rindfleisch, 750 t frische Butter, 150 Kisten Rtnderherzen und Nieren, 150 Kisten Zungen, sowie 7 Faß Austern, Alles durch Kälte völlig frisch erhalten, mit.
— Wasserfeste Tapeten. Die Wände von Räumen, welche in mäßigem Erade der Feuchtigkeit ausgesetzt sind, wie z. B. Badezimmer, sowie viel Erdgefchoßräume (Parterrezimmer), werden vortheilhaft mit gefirnißten Tapeten beklebt, da diese gegen Nässe genügenden Schutz bieten. Mißlich ist nur, daß die frische Tapezirung mit der gefirnißten Tapete äußerst langsam trocknet, eben wegen der Undurchlässigkeit der Firnißschicht, und ferner, daß das durch den Firniß steif gewordene Tapetenpapier schwer anklebt. Auf einfache Weise kann man diesen Uebelstand vermeiden, wenn man nicht die bereits gefirnißten Tapeten in solchen Fällen benutzt, sondern gewöhnliche Tapeten, die man erst an der Wand nach dem Austrocknen, also nach ungefähr acht Tagen mit Firniß überstreicht. Man soll sich hierbei, nach einer Angabe der „Badischen Gewerbe-Zeitungs des gewöhnlichen Harzfirnisses, den jede Drogenhandlung liefert, bedienen. In England findet dieses leicht ausführbare und billige Verfabren schon lange vielfache Anwendung.
Unterhaltungen in Bad-Nauheim
von Sonntag den 24. Juni dis Freitag den 29. Juni.
Sonntag den 24. Juni, Nachmittags von 4 bis 10 Uhr auf der Terrasse: Concert von der Capelle des Großh. Hess. Infanterie- Regiments Kaiser WUHelm (Nr. 116) aus Gießen. Montag den 25. Juni, Nachmittags von 4'/, bis 6'/, und von 8'/s bis 9V, Uhr: Concert der Kurcapelle auf der Terrasse. Abends 8 Uhr im Saale: Theatervorstellung. Charleys Tante. Dienstag den 26. Juni, Nachmittags von 4 bis 7 Uhr: Concert der Kurcapelle auf der Terrasse. Abends 8 Uhr im Saale: Dramatischer Vortrag des Herrn Professor Alexander Strakosch aus Wien unter Mitwirkung des CvncertsängerS Herrn Wilhelm Geis aus Wiesbaden. Mittwoch den 27. Juni, Nachmittags von 3 bis 8 Uhr auf der Terrasse: Concert von der Capelle des Pionierbataillons Nr. 16 aus Metz. Abends 8 Uhr im Saale: Theatervorstellung. Flotte Weiber. Donnerstag den 28. Juni, Nachmittags von 4 bis 6'/> Uhr: Concert der Kutcapelle auf der Terrasse. Abends 8 Uhr im Saale: Tanz. Freitag den 29. Juni, Nachmittags von 4 bis 6Vs Uhr: Concert der Kurcapelle auf der Terrasse. Abends 8 Uhr im Saale: Theatervorstellung unter Mitwirkung der Kurcapelle. Die Glocken von Corneville. Vorläufige Anzeige: Samstag den 30. Juni, Nachmittags von 4 bis 7 Uhr: Concert der Kurcapelle auf der Terrasse. Abends 8 Uhr im Saale: Musikalisch-humoristisches Rainau-Concert des Herrn Duchow. Sonntag den 1. Juli, Nachmittags von 4 bis 9 Uhr (Pause von 7 bis 7Vs Uhr) auf der Terrasse: Concert der Kurcapelle zum Besten derselben.
Auf verdotenrn Wegen.
Es ist eine ungemein fesselnde Plauderei, die unter diesem Titel in dem neuesten Hefte von „Zur Gute« Stunde" (Berlin W., Deutsches Verlagshaus Bong & Co. Preis des Vierzehntagsheftes 40 Pfg.) enthalten ist. Mit den verbotene« Wege« meint der Verfasser die krummen Pfade des Wilderers. „Selbst Offiziere" — so plaudert er —, „ja solche, deren Ruhm später in die Blätter der Kriegsgeschichte unauslöschlich eingetragen wurde, haben seinerzeit den Forstbeamten die Köpfe heiß gemacht. „Nicht abfassen lassen!" heißt es zwar da, denn die Epauletten stehen auf dem Spiele.
Unter den königlichen Forstbeamten der Umgegend von Potsdam nennt man noch heute den Namen eines damals jungen Offiziers, der vor etwa zwanzig Jahre« auf eigene Faust mit unerhörter Gewandtheit die Jagd in den Staatsforsten ausübte, ohne jemals feines geheimnißvollen Treibens überführt werden zu können. Freilich — mehrfach war man ihm arg auf der Fährte, denn der Lieutenant, — nennen wir ihn von Schultze oder von Müller — den Forstbeamten nach Stand, Namen und Aussehen genau bekannt, durfte bet seinem Treiben auf keinerlei Schonung mehr rechnen, und es fehlte eben nur — nach alter Nürnberger Weisheit, die Hauptsache — das Abfassen. Aber der Lieutenant war an Findigkeit und Schneid der ganzen königlichen Jägerei „über". Und wie er's machte? Hier nur ein paar Beispiele.
Eines Mainachmittags — es begann schon zu dämmern — hörte der Förster von Templin im Jagen 3 der Potsdamer Forst in der Richtung auf den Kieskulenberg einen Schuß fallen. Er wußte, daß um diese Tageszeit auf einer dort befindlichen kleinen Wiesenniederung die Rehe auszutreten pflegten, eilte in Begleitung seines Hilfsjägers dahin und kam gerade noch früh genug, um den seines Gehörnes beraubten Bock, sicher aus das Blatt getroffen, am Wiesenrande vorzufinden, zugleich aber auch den Wildschützen im Walde schattenartig verschwinden zu sehen.
Es begann nun eine wilde Verfolgung, die Forstleute
theilten sich, ein paar Waldarbeiter schlossen sich ihnen an uud endlich — „endlich haben wir ihn!" rief der Förster schon in den immer mehr sich verengenden Kreis der Verfolger hinein, als der Verfolgte sichtbar wurde und selbst in sein Verderben zu rennen schien — geraden Wegs auf die Havel zu, die hier die Breite einer Viertelmeile hat. Jeder andere Ausweg war dem Gehetzten abgesperrt und — richtig — schon hörte man ihn auch im Uferröhricht brechen, dann das Rauschen des aufspritzenden Wassers und dann — war Alles still.
Ein rastloses Suchen begann. Er konnte nicht entkommen sein! Kähne wurden herbeigeholt, Hunde durchschnupperten den Röhricht nach allen Seiten, Laternen wurden angezündet, mit langen Stangen wurde das tiefere Wasser von einem am Rohr liegenden Holzfloß aus untersucht. Keine Spur! Längst war die Nacht herabgesunken, als man das Suchen aufgab.
„Der ist hin!" meinte der Förster. „Schade um den tüchtigen Kerl, aber — er hatte Recht, als er ins Wasser ging, mit feinem Lieutenant wäre es doch aus gewesen. — Morgen in aller Frühe werden wir weiter suchen, ich will inzwischen an das Bataillon schreiben!"
Der Brief an das Bataillon mit der Nachricht vorn Ertrinken des Lieutenant v. Schultze kam um Mitternacht an. Mit Tagwerden stand ein Detachement unter Commando eines Offiziers bereit, um nach Templin zu marschiren, die Wasserleiche aufzufischen.
„Rechts um — Bataillon marsch!" erscholl eben das Commando, als sich im zweiten Stock des Kasernenflügels ein Fenster öffnete. „Wohin so früh, Franz?"
„Mein Gott — Du — bist nicht ertrunken? — Bataillon halt! — Ich wollte eben Dich ausfischen! — Der Oberförster hat berichtet —"
Und Lieutenant v. Schultze lachte auf. „Die Grauröcke werden wohl wieder meinen Doppelgänger gesehen haben, — ich habe vorzüglich geschlafen, war gestern Abend bei PerponcherS zum Thee."
Lieutenannt v. Schultze trug bereits die Generals- Epauletten, als er einem nahen Freunde mittheilte: „Ich
habe damals die ganze Sache beobachtet — lag unter dem Floß — den Mund über Wasser — zwischen zwei Baumstämmen — hatte das von den jungen Enten gelernt. Nur einmal, als ein Hund mir nahe kam, mußte ich ganz untertauchen, übrigens befand ich mich ganz wohl im Bade. Die Förster ließen mir selbst den Kahn zurück, mit dem ich nach dem Tornow ruderte und den ich bann treiben ließ. In einem anderen Kahne ruderte ich zum „Kiwitt", wurde auf dem raschen Marsche nach Hause hübsch warm, zog mich flink um und suchte zum Ueberflusse mein Alibi irn Thee bei Perponchers."
Ein andermal traf die Meldung ein, der Lieutenant v. Schultze fei im Glinicker Forst bei Ausübung der Jagd gesehen worden, aber entflohen. Durch Besetzung der Glinicker Brücke sei ihm indessen die birecte Rückkehr ab- geschnttten und das Bataillon werde ersucht, „Weiteres zu veranlassen". Zu derselben Zeit, als der Bataillons-Com- manbeur noch mit dem herbeigerufenen Adjutanten darüber berieth, was zu thun fei, faß Lieutenant v. Schultze in voller Uniform In einer ersten Rang-Loge des Stadttheaters und unterhielt sich mit der Gemahlin feines Commandeurs.
„Der Doppelgänger fängt an, mir unangenehm zu werden," äußerte er in dem am nächsten Morgen folgenden Verhör. Daß aber der „Doppelgänger" in einem grabe des Weges kommenben Leichenwagen an der Glinicker Brücke die Blockade gebrochen — das verschwieg der Lieutenant. —
Die Wilddiebgeschichten sind einer der interessanten Beiträge der vorzüglichen Familienzeitschrift- weitere deS neuesten Heftes sind aber auch die „Reife durch Schweden" von Tavaftstjerna, „Bäder und Heilkuren" von Dr. Berger, „Nach Canossa" von O. von Oberkamp, „Schulstrafen" von I. Tews und die beiden werthvollen Romane „Feindliche Pole" von Aug. Niemann und „Diebe" von A. von Klinckow- stroem. Der Preis von „Zur guten Stunde" ist ein außerordentlich billiger, trotzdem gibt der Verlag noch die „Jllustrirte Klassikerbibliothek" (gegenwärtig Uhlands Gedichte und Dramen) jedem Hefte gratis bet.


