Ausgabe 
24.6.1894 Drittes Blatt
 
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Nr< 145 Drittes Blatt. Sonntag den 24- Juni

1894

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Mertien, und Druckrr«:

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Amts- und Anzeigeblutt für den Tireis Giefzen.

Innahmr von Anzeigen zu der Nachmittags für de« falgenden Tag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr.

Hratisöeitage: chießener Kamikienblätter.

IR« Lanoacen-Bureaur des In- und Auslandes nehm« Iizrigrn für den .Gießener Anzeiger" entgegen.

2lmtlid?er Theil.

Bekanntmachung.

Betreffend: Feldbereinignng in der Gemarkung Staufenberg; hier den allgemeinen Meliorationsplan.

In der Zeit vom 26. Juni bis einschließlich 10. Juli d. Js. liegen auf dem Bürgermeisterei-Bureau zu Staufenberg die Arbeiten der rubricirten Feldbereinigung nämlich:

1) der allgemeine Meliorationsplan,

2) der Erläuterungsbericht,

3) das Protocoll über die Prüfung des allgemeinen Meliorationsplans

zur Einsicht der Betheiligten offen.

Termin zur Entgegennahme von Einwendungen gegen diese Arbeiten habe ich auf

Mittwoch, den II. Juli d. I.,Nachmittags von 4 bis 5 Uhr"

in das Gemeindehaus zu Staufenberg anberaumt. Die in diesem Termin nicht erscheinenden sind mit Einwendungen ausgeschloffen.

Gießen, den 21. Juni 1894.

Der Vollzugs - Eommiffär: Dr. Wallau, Gr. Kreisamtmann.

Bekanntmachung, betreffend oie Prüfung der Bewerber um die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Militärdienst im Herbst 1894.

Diejenigen jungen Leute, welche beabsichtigen, sich der im Herbst 1894 stattfindenden rubr. Prüfung zu unterziehen, werden hierdurch aufgefordert, ihre deßfallsigen Gesuche um Zulaffung bei Meidung des Ausschluffes von dieser Prüfung

spätestens bis zum 1. August 1894 bei der unterzeichneten Commission einzureichen.

Hinsichtlich der Anbringung der Gesuche wird im Spe- ciellen das Folgende bemerkt:

1. Das Gesuch ist bei der unterzeichneten Prüflings - Com- Mission nur daun anzubringen, wenn der sich Meldende im Großherzogthum Hessen seinen dauernden Aufenthalts­ort hat.

Feuilleton.

Das Dlorseblümchrn.

Nooellette von Friedrich Bücker.

(5. Fortsetzung.)

Hinter der Station Medweshaja sahen wir zum ersten Male südwestlich von uns die Contouren des 20,000 Fuß hohen Elbrus Gebirgsstockes und doch mußten wir noch zwei­hundert Werst zurücklegen, ehe wir nur die Dorberge des Kaukasus erreichten. Endlich schimmerte Stawropol mit seinen goldenen Kuppeln aus dem Kaukasus hernieder, doch bildete ein Hinderniß, eS zu erreichen, ein mit dichtem Ge­büsch besetzter, viele Werst langer Wafferriß, der westlich umgangen werden mußte. Bor dieser Schlucht wurden wir noch einige Zeit durch ein Gewitter feftgehalten, welches sich mit unheimlicher Schnelligkeit zu'ammenzog. Der Donner rollte fast ununterbrochen, Blitzstrahl auf Blitzstrahl durch- zuckte die Luft und aus den schwarzen Regenwolken goß ein tropischer Regen hernieder. Schon schien alles vorüber zu sein, schon blaute der Himmel wieder über uns, da flammte es dicht vor uns noch einmal grell aus und dem blauweißen Blitze folgte auf dem Fuße ein Praffeln und Knatrern, em Rallen und Grollen, als ob alle Kanonen der Welt entladen würden. Unser Dreigespann stieg kerzengerade in die Höhe und ich stieß einen Schrei aus. Der Professor fragte mich, ob ich das Kegelschieben der Himmlischen fürchte und tagte dann zum Wcttergolt, wie Archimtdes dazumal zrm rdmüchen Krieger:Störe meine Kreise nicht!" Mick erinnerte dieser letzte ungewöhnlich heftige Blitz, der aus blauem Himme hcrniederzucktc, au die berrltchen Worte unseres schiller in seinerBraut von Messina", die ich hier, fern von dem Cen­trum deutschen Geisteslebens, gern diesen Blättern anvertraue und im Herzen bewege:

Auch aus entwölkier Höhe

Kann der zündende Donner schlagen, Darum in Deinen fröhlichen Tagen Fürchte des Unglücks tückische Nähe! Nicht an die Güter hänge Dein Herz,

2. Die Zulassung zur Prüfung kann nicht vor vollendetem | 17. Lebensjahr erfolgen.

3. Das Gesuch raufe von dem Betreffenden selbst geschrieben sein. Auch erscheint es zweckmäßig, wenn die nähere Adreffe angegeben wird.

4. Dem Gesuche sind folgende Papiere beizufügen:

a. Geburtszeugnife;

b. Einwilligungs-Attest des Vaters oder Vormundes mit der Erklärung über dessen Bereitwilligkeit, den Freiwilligen während einer einjährigen activcn Dienstzeit zu bekleiden, auszurüsten, sowie die Kosten für Wohnung und Unterhalt zu übernehmen. Die Fähigkeit hierzu ist obrigkeitlich zu bescheinigen und muß die Unterschrift des Vaters oder Vormundes beglaubigt fein;

c. ein Unbescholtenheitszeugnife, welches von der Polizei- Obrigkeit oder der vorgesetzten Dienstbehörde aus­zustellen ist;

d. ein selbstgeschriebener Lebenslauf.

5. In dem Gesuche ist außerdem anzugeben, in welchen zwei fremden Sprachen (von Französisch, Englisch, La­teinisch und Griechisch) der sich Meldende geprüft sein will.

6. Ist bereits früher ein Gesuch um Zulassung zur Prü­fung eingereicht worden, so bleibt dem erneuten Gesuche nut ein Unbescholtsnheitszeuguife beizulegen.;

Ueber die Anforderungen, welche an die zu Prüfenden gestellt werden, gibt die Prüfungs-Ordnung (Anlage 2 zur Wehr-Ordnung vom 22. Novbr. 1888 RegierungS-Blatt Nr. 5 von 1889) Aufschluß.

Bezüglich des PrLfungstermins, sowie des Locals, in welchem die Prüfung stattfindet, erfolgt entweder weitere Bekanntmachung ober schristliche Mittheilung.

Darmstadt, den 30. Mai 1894.

Großh. PrüfungS-Commission für einjährig Freiwillige.

Der Vorsitzende:

Freiherr v. Gemmingen.

Bekanntmachung,

betr. Vorträge über Obstbau im Kreise Gießen.

Herr Landwirthschaftslehrer Reiche l t wird am Sonntag, den 24. Juni, Nachmittags 3 Uhr, 'zu Kloster Arnsburg einen Vortrag über landwirth-

schaftlichcn Obstbau halten, wozu hiermit ergebenst em» geladen wird.

Gießen, den 11. Juni 1894.

Der Vorsitzende

des Bezirksvereins Gießen des Oberheff. Obstbau-Veieins Dr. Wallau.

Straßen-Sperre.

Die seitherige Sperre der Kreisstraße MainzlarDaub» ringenGießen für den Fuhrwerksverkehr wird hiermit auf­gehoben.

Gießen, den 23. Juni 1894.

Großherzogliche- Kreisamt Gießen.

o. Gagern.

(befunden: 1 Armband, 1 Taschenmesser, 1 Schirm, 1 Paar Handschuhe, 1 einzelner Handschuh, 2 Taschentücher, 1 Päckchen Baumwolle, 1 Badetasche mit Inhalt, 1 Metermaß, 1 Peitsche, 1 Riemen, 1 Paar Schuppenketten und 1 Gußrohr-

Zngeflogcn: 1 Kanarienvogel.

Gießen, den 23. Juni 1894.

Grobherzogliches Polizeiamt Gießen.

Fresenius.

Deutsches Reich.

Darmstadt, 22. Juni. Der König von Sachsen kommt Montag den 2. Juli zum Besuch des Großherzogs hierher.

Berlin, 22. Juni. Aus der bevorstehenden N o r d l a n d s - fahrt de- Kaisers werden folgende Herren, theil- al» Mitglieder des Gefolge», theils als Gäste, den Monarchen begleiten: Hausmarschall Freiherr v. Lynker, Contre-Admiral und Chef des Marine CabinetS Freiherr v. Senden - Bibran, Flllgeladjutant und AbthtilungSches im Militär-Cabinet Oberst u. Llppe, die Flügeladjutanten OberstlieutenautS v. Molike unb Graf v. Hülsen - Haeseler, MajorS Graf Molike und v. Jacobi, Leibarzt Prof. Dr. Leuthold, Graf Schlitz gen- Görtz, der Botschafter in Wien Graf Philipp zu Eulenburg, der preußische Gesandte bei deü Hansastädten o. Kiderlen- Wächter, Premierlieutenant v. Hülsen, Prof. Dr. GUßfeldt und Marinemaler Saltzraann. Im Gefolge der Kaiserin auf der nämlichen Reise werden sich die Hofdame Frl. v. Ger». | dorff und Kammerherr von dem Knesebeck befinden.

Die das Leben vergänglich zieren!

Wer besitzt, der lerne verlieren, Wer im Glück ist, der lerne den Schmerz.

Morse ist von Berus Maler; er begründete in New« York die Narionalmalerakademie mit, und schmückte daö Innere des Repräsentantenhauses zu Washington mit den Porträts aller Mitglieder. Auf einer Reise nach Europa kam er auf die Idee des Schreibtelegraphen, während andererseits von einem auf demselben Schiffe Mitreisenden Engländer Namens Jackson Anspruch auf diese Idee erhoben wurde.Diese Idee deS Andern," sagt Profeffor Ende, taucht in England immer wieder von Zeit zu Zeit auf und gleicht so dem AlpenröSlein, daS in kalten Jahren durch den mächtigen Gletscherfuß anscheinend vernichtend gedeckt wird und doch wieder grünt und blüht, wenn ein warmer Sommer den Bordringling wieder bis zu seiner gewöhnlichen Grenze zurückgeschmolzen hat. Morse war nicht nur ein geschickter Maler, sondern auch ein genialer Erfinder. Selten, daß eS einem Menschen glückt, sich in zwei so verschiedene Begabung erfordernden Feldern zugleich hervorzuthun.

Der Kammerdiener deS Attache von Wormstall dehnte und reckte sich auf seinem Lager, gähnte und drehte sich auf die andere Seite, um noch ein halbes Stündchen zu schlum- Hern, nachdem er einen Blick auf seine über dem Bette hävgende Taschenuhr geworfen und gesunden, daß der Zeiger erst auf neun Uhr zeigte. Der Diener konnte das mit gutem Gewissen, weil sein Herr seit vierzehn Togen nie vor hn, selten vor elf und häufig erst um zwölf das Lager ver» ließ, ihm am vergangenen Abend anbefohlen hatte, ihn nicht vor Mittag zu wecken.

Kaum aber hatte der Diener es sich wieder bequem gemacht, als der Klang einer Glocke durchs Zimmer gellte, die dicht neben der Thür angebracht war und in die Ge­macher feines Herrn leitete. Der Diener schnellte empor, obwohl der Schall noch in der Luft zitterte, mußte er doch glauben, sich gelauscht zu haben, weil er den Blick nach der

Schelle richtete und Draht, Glocke und Klöpsel wirklich in vibrirender Bewegung sah.

Dem Herrn muß etwas passirt sein," rief er und war mit einem Sprunge ouß dem Bette. Aber so sehr er sich auch beeilte, m die Kleider zu kommen, dem Gebieter mußte es zu lange währen, denn zum zweiten Male ertönte die Schelle.

Zu seinem nicht geringen Erstaunen saß der Attache in feinem Morgencostüm, einer schwarzen Sammetjoppe, vor seinem Schreibtisch und schrieb eifrig an einem Briese. Was aber dem Diener vornehmlich ausfiel, war daS klare, frische Aussehen seines Herrn, denn er war in letzter Zeit verdrieß­liche Mienen und mürrisches Wesen gewohnt.

Der gnädige Herr sind schon aufgestanden?" fragte er mit einer Miene, die halb Befremden, halb Freude au»- drücken sollte. ,

Nimmt Dich das Wunder?" warf der Attache, ohne von seiner Beschäftigung auszublicken, mit schalkhaftem Lächeln hin.

Freilich war eS auf Seiten deS Diener», sich heute zu wundern, denn der Herr hatte heute wieder mit einem Male ein Metall und eine Klangfülle in der Stimme, wie er e» cm ihr in der letzten Zeit nicht gewohnt war.

Befahlen koch der gnädige Herr, nicht vor Mittag ge­weckt zu werden."

Ganz recht, allein wie Du siehst, bin ich nun einmal aufgestanden und wünsche nun meinen Kaffee so bald wie möglich zu erhalten."

Ein höhere» Roth auf den Wangen deS Dieners verrieth die innere Freude über da» Gehörte.

Kaffee?" wiederholte er,der gnädige Herr trinken ja jetzt immer Thee" ...

Ich weiß, ich weiß," lief der Attache mit jenem tm Eifer der Arbeit so leicht angenommenen gereizten Tone.

(Fortsetzung folgt.)