Ausgabe 
23.12.1894 Zweites Blatt
 
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Sonntag den 23. December

1894

Nr. 301 Zweites Blatt.

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger.

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Alle Mann an Deck!

(Aus derParole".)

Meder geht ein Vereinsjahr zur Rüste! Der Jahres­bericht lautet recht erfreulich r der Verein hat so und so viele xeue Mitglieder gewonnen, das Vermögen hat sich um so und so viele Mark vermehrt, gar viele Mitglieder konnten Unter­stützungen erhalten, die Vereinsfeste wurden in patriotischer Weise gefeiert usw. Höchst erfreulich! Aber sind wir auch dem Hauptziel deS Vereins entsprechend näher ge- kommen? Haben Treue zu Kaiser und Reich, zu Fürst und Vaterland sich mehr und mehr befestigt? Sind die Mit­glieder jetzt endlich nach fast füufundzwanztgjährigem Bestehen des Vereins in sich und untereinander so gefestigt, daß der Verein im Stande ist, einen starken Wall zu bilden gegen diejenigen, denen nicht Religion, nicht Vaterland, nicht Familie heilig ist? Hand aufs Herz! Nein, und abermals nein! Jeder Vorsitzende legt sich wohl solche Fragen am Ende des Vereinsjahres vor und, da er sich bewußt ist, Alles gethan zu haben, wa- in seinen Kräften steht, so möchte ihm die Hand erlahmen und er möchte selbst dann, wenn die dankbaren Kameraden in Anerkennung des bisher guten Willen« ihn einstimmig wieder zum Vorsitzenden wählen, die Flinte ins Korn werfen, um einem andern, Tüchtigeren, den Platz zu räumen.

Aber wird'S dadurch bester werden? Kaum! Wenn auch die Fortschritte eines Vereins viel von einer geschickten Leitung abhängen, so ist doch ein Vorsitzender, ein ganzer Vorstand trotz größter Aufopferung nicht in der Lage, die hohe socialpolitische Aufgabe der Kriegervereine ihrem Ziele näher zu bringen. Dazu gehören eben mehr, ja viele Männer I Und wo stecken denn diese geborenen Stützen der Krteger- vereine?

Als Se. Majestät die Erwartung aussprach, daß die Offiziere der Reserve und Landwehr sich an den Krieger- veretnen beteiligten, war es doch gewiß nicht die Allerhöchste Willensmeinung, daß diese Betheiligung in der Zahlung des laufenden Beitrages und in dem gelegentlichen Besuch eines Vereinsfestes oder eines patriotischen Festmahls bestehen sollte. Wir können ja den Beitrag der Herren Offiziere gut ge­brauchen, denn die Ansprüche an die Kasse werden, je älter und schwächer die Mitglieder werden, immer größer. Aber vor Allem brauchen wir ihr Herz und ihren Geist!

Aber auf welche Weise sind die Herren heranzuziehen? Sollte man an geeigneter Stelle darauf hinwirken, daß ihnen ihre Pflichten gegen die Kriegervereine klargelegt werden? Unsinn? Das würde wie Zwang aussehen und uns die Herzen nicht gewinnen- und diese brauchen wir vor allen Dingen. Und was von den Offizieren gilt, gilt von den meisten Gebildeten, mögen sie Mitglieder sein oder nicht. Wie wenig Gebildete gehören, wenigstens in den kleineren

Feuilleton.

Weihnachtsbilder.

(Nachdruck verboten.) n.

Das Knabeuspielzevg.

E. Die Klage unserer Frauen und Töchter, daß es so schwer halte, passende Weihnachtsgeschenke für dieHerren" ausfindig zu machen, meldet sich noch nicht, wenn es gilt, den Bescheertisch für dieBuben" zu richten, wenngleich der Kreis, in welchem sich die Wahl bewegen kann, hier schon ein weit engerer ist, eS wenigstens war.

Ueber Pickelhaube, Säbel, Kanone, Bleisoldaten, Schaukel­pferd und Festung kam die frühere Generation selten hinaus. Und dieser Grundstock des Knabenspielzeugs ist auch geblieben und wird sich voraussichtlich noch sehr, sehr lange behaupten, ungeachtet des RufsDie Waffen nieder!" welcher von den Lippen hochherziger Menschenfreunde immer eindringlicher wiederholt wird. Aber wenn auch der große Völkerfriede schon vor der Thür stünde, so ist doch nicht anzunehmen, daß er dem Soldatenspiel unserer Kinderwelt sofort den Garaus bereiten würde. Denn in diesem gibt sich schließlich doch noch etwas Anderes zu erkennen als die Luft zum Raufen und die wilde Freude am Drauflosschlagen, nämlich: der Sinn für glänzenden Schmuck, für forsches Wesen, für strammes, adrettes Auftreten. Eine gebildete Erziehung kann viel dazu beitragen, daß das Kriegsspiel der Buben nicht anSartet, sondern einen vornehmeren Character gewinnt. Das Festungsspiel, das Aufftellen der Truppen, das Ent­werfen eines FeldzugsplanS rc. ist schon geeignet, die be-

Städten, deü Kriegervereinen an, und wie wenige von diesen | sehr wenigen lassen sich in den Versammlungen sehen? Aber das kann einem doch keinen Spaß machen, alle paar Wochen den Sonntag Nachmittag in Gesellschaft von Arbeits­leuten und kleinen Handwerkern zuzubringen und sichan- kameraden" lassen. Diese Vertraulichkeit setzt sich dann wo­möglich im täglichen Leben fort und . . ."

Spaß? mein Freund; hier kann von Spaß nicht die Rede sein; hier herrscht bittrer Ernst. Die Aufgabe der Kriegervereine ist eine hohe, eine heilige! Die Krieger­vereine sind nach meiner Ansicht wenn nicht das einzige, so doch das hauptsächlichste Mittel zur Unterdrückung der Umsturzideen- aber sie müssen eben danach sein. Wir find in Deutschland mehr als VI4 Million Kriegervereinler- oh! wenn diese alle so recht mit vollem Herzen bei der Sache wären! Und wie viele Mitglieder würden es fein, wenn jeder alte Soldat einem Verein angehörte! Welche Macht!

Und was dieGesellschaft von Arbeitern und kleinen Handwerkern" betrifft, so ist unter diesen Leuten so Mancher, der in seinem kleinen Finger mehr Patriotismus hat, als Viele, die sich den Kopf voll Gelehrsamkeit gepfropft haben oder auf ihren Geldsäcken behaglich ruhen, im ganzen Leibe haben. Kommen Sie nur in die Versammlungen: Sie können dort manches gute deutsche Wort aus einfachem Munde hören, Sie können dort in manches treue deutsche Auge blicken, Sie können manche ehrliche deutsche Hand drücken. Und waS dieVertraulichkeit" betrifft, die sich ins tägliche Leben fort- pflanzen soll, so habe ich dergleichen nie bemerkt. Ich gehöre meinem Verein zwanzig Jahre an, bin von Anfang an srkunvltty, nicht etwa heravlassenv gegen Die $tam«uten gewesen und habe nie darüber zu klagen gehabt, daß die Mitglieder in Versammlungen, bei Vergnügungen oder im Privatverkehr je die Grenze überschritten hätten, die uns gesellschaftlich von einander trennt. Ja, ich möchte behaupten, daß, je herzlicher ich mit ihnen verkehrt habe, sie um so höflicher und rücksichtsvoller gegen mich gewesen sind.

Also kommen Sie immerhin in die Versammlungen, nehmen Sie an den Verhandlungen Theil- zeigen Sie den Leuten, daß die Kriegerveretnssache auch Ihnen heilig ist. Sprechen Sie nach Schluß der Versammlung freundlich mit ihnen, befestigen Sie bei ihnen ihre richtigen Ansichten, ver­bessern sie die falschen- beschäftigen Sie sich besonders mit denjenigen Mitgliedern, die nicht so ganzsicher" sind. Die Leute sehen in dem Offizier auch im Bürgerrock ihren Vor­gesetzten und vertrauen sich seiner Führung gern an- sie sehen in dem Gebildeten den geistig Ueberlegenen, deres besser wissen muß", und lassen sich gern von ihm überzeugen. Gerade der gebildete Mann soll der Sauerteig sein, der dem Verein die gewünschten Eigenschaften beibringt. Und Ihr alten braven Leute, die Ihr nicht den sogenannten gebildeten Ständen angehört, die Ihr aber ebenso gut dem Vaterlande 1

scheidenen Anfänge zu späteren strategischen Kenntnissen zu legen. Jm Uebrigen gewahren wir die Tendenz, das Leben und die Beschäftigungen des Friedens in das Bereich der Spielwaren hineinzutragen, tn den letzten Jahren in unverhältmßmäßig höherem Grade als ehedem, und deshalb ist eine Wanderung durch die Spielwaarengeschäfte um die Weihnachtszeit nicht nur amüsant, sondern in vielen Stücken auch belehrend.

Man begnügt sich nicht mehr damit, die natürliche Lust der Buben am bunten Rock zu nähren, man faßt bei dem Spielzeug, das man in ihre Hände legt, jetzt auch schon den einstigen bürgerlichen Beruf deS Erwachsenen inS Auge, und somit ist gerade in das Knabenspielzeug ein wirklich ideller Fortschritt, nicht nur einer nach Seiten des LuxuS und der größeren Kostspieligkeit gekommen.

Spielend, im eigentlichen Sinne deS Wortes, werden jetzt unseren Buben schon eine Menge mechanischer und physi­kalischer Kenntnisse beigebracht, die zum Stoff der Phyk- stunde gehören. Die den meisten Knaben angeborene Neigung, den Mechanismus der Spielsachen zu ergründen, sich über das Woher und Warum klar zu werden, eine Neigung, die gewöhnlich das sehr betrübende Resultat deS EapurmachenL nach sich zieht, sucht man jetzt positiv zu verwerthen, indem man die Wißbegierigen an einer Menge Spielfachen die Kraft des Dampfes und der Electricttät kennen lehrt und es ihnen ermöglicht, diese Kräfte selbst in Bewegung zu setzen. Die magnetischen Goldfische" waren früher so ziemlich das einzig Bemerkenswerthe in dieser Richtung. Wie hat sich nun aber das Gebiet erweitert. Daß wir im Zeitalter des Dampfes und der Schienen leben, das vergessen wir beim Anblick der neuen und neuesten Spielsachen auch keinen Augenblick. Auf

gegenüber Eure Schuldigkeit im Soldatenrock gethan habt, thut sie auch jetzt im Bürgerkleide! Kommt Alle zu uns! ES wird Euch nicht leid werden;* wir empfangen Tuch Alle mit offenen Armen.

Da hört man immer schreien:Ach, die Socialdemokraten nehmen immer mehr zu, wie soll das werden?" Mir kommt das immer so vor, als wenn ein Kind inS Wasser gefallen ist und das geehrte Publikum wimmert umher:Ach, daS arme Kind! es muß wohl ertrinken!" 'und keiner wagt fein lumpiges Leben, um eS zu retten. Und ums Leben handelt es sich ja Gott fei Dank noch nicht, wenn man alle Jahre ein paar Male in den Kriegerverein kommt. Laßt dann ein Dutzend verkappte Umstürzler im Verein sein, auch zwei Dutzend, meinetwegen noch mehr wir bekomme'» sie alle! Sie können uns nicht entgehen. Bedingung aber ist: Alle Mann an Deck!

Dr. Sand er - Waren.

Citeratur und Knnft

Im Verlage von C. von Münchow ist soeben ein neuer Plan von Siegen erschienen, der an Vollständigkeit nichts zu wünschen übrig läßt. Er umfaßt nicht nur die eigentliche Stadt, sondern auch einen großen Theil deS Weichbildes. Im Nordm finden wir noch den Rodberg und den Wieseckerweg, im Osten den Philofophenwald und daS Schützenhaus, tm Süden den Aulweg und im Westen die Hardt verzeichnet. Der Plan ist trotz der Fülle von Einzelheiten von großer Ueberfichtlichkett. Jede Straße, jeder Platz u. s. w. ist ohne Schwierigkeit aufzufinden. Die Häuser der Stadt sind mit den nachher genannten Ausnahmen nicht eingezeichnet, b« wegen des nicht großen Maßstabes (1 : 5000) Genauigkeit doch nicht möglich gewesen wäre. Dagegen sind sämmttliche staatlichen und stadttfchen Amtsttellen. alle öffentlichen und diebedeutendsten PrivatgebSude, die Sehenswürdigkeiten u. f. w. mit Hilfe eines alphabetischen Ver­zeichnisses leicht zu finden. Hierdurch erhält der Plan den Werth eines zuverlässigen Führers durch die Stadt. Die Ausführung ist sehr sauber und geschmackvoll. Dadurch, daß nur eine Farbe, bk mattbraune jur Verwendung kam, wird bad Auge nicht wie bei vielen anberen Plänen, verwirrt. Der Plan, der auch als Beigabe zum neuen Adießbuch erscheint, zeichnet sich außerdem noch durch seine außerordentliche Billigkeit aus, er kostet nur 75 Pfennig.

- Die Kritik, Wochenschau des öffentlichen Lebend. Heraus- gegeben von Karl Schneibt. Verlag von Hugo Storm, Berlin W., Glebttscbstr. 35. Abonnementspreis vierteljährlich 5 Mk. Einzelne Hefte 50 Pfg. Mit einer edlen Sprache in gewählter an­ziehender Darstellung tritt diese Wochenschrift odjecttv und mit voller Sachkenntniß krittstrend, anregend und überzeugend auf allen Gebieten des öffentlichen LebenS (Politik, Kunst, Wissenschaft, Handel, Ver­kehrswesen rc.) sowie in allen Fragen der Neuzeit, welche sich in den Vordergrund drängen, auf. J-ber, der hinstchilich der bezeichneten Gebiete nach Klarheit strebt, wird auf btefe sich selbst am besten empfehlende Arbeit ganz besonders aufmerksam gemacht. Inhalt des 11. Heftes: Der Parlamentskrach. Die Fähnrichtspressen. Don Dr. Carpin. Colontalpoltttsche Wünsche. Von E. Jacobi. Social-philosophische Briefe. Von Dr. H. Eckener. Eine drohende Weltkrisis. Von E. Gordon. Ein Göthe-Brevier: Don O. E. Hartleben. Aus revolutionären Geheimpapieren. Sprech­saal (Virchow und die Affen. Die Literatur des RamschbazarS.) ' Dom Bücherttsch.

I einem Tische steht in allerliebsten Modellen daS ganze Eisenbahngetriebe vor uuS da. Kleine Locomotiven gab eS beim Spielwaarenhändler ja schon sehr lange, das Neue besteht nicht in den einzelnen Gegenständen, sondern in ihrer Verbindung, in der Veranschaulichung des ganzen complicirten Betriebs! Da finden wir z. B. eine Berg­bahn, deren Schienengeleise zwei Meter lang läuft und die ganz nach den erprobtesten Systemen organifirt ist, ferner eine gewöhnliche Eisenbahn, aber mit allem Zubehör: Weichenstellung, Drehscheibe, Signalstangen, elektrischen Bogen­lampen usw.

Als theuer, aber nichtsdestoweniger als preiswürdig, weil zweckdienlich, fällt uns eine Telephonstation ins Auge, die 40 Mark kostet und jedenfalls dem glücklichen Besitzer die Bekanntschaft mit einem der wichtigsten Verkehrs­mittel unserer Zeit bedeutend erleichtert.

Zu den verschiedenen Bau- und Handwerkskasten, welche es schon immer gab und die von jeher ein gesuchter Artikel waren, haben sich nun noch gesellt: ein vollständiger Druckerkasten, vermittelst dessen der kleine Knabe sich die Etiketten seiner Hefte und Bücher in schönster Druckschrift stellen kann, ein Experimentirkasten, dem der freund­liche Geber, um seine Güte voll zu machen, zur Completirung noch das WerkDeS Knaben Experirnentirbuch" hinzufügen dürfte, ein Kasten, der Alles enthält, waS man zur Kerb - schnitzerei braucht und was dergleichen schöne und nützliche Sachen mehr sind.

So wirdallmälig vom Spiel z<r ernsten Arbeit ein zwangloser, angenehmer Uebergang geschaffen.

(Fortsetzung folgt.)