Ausgabe 
23.6.1894 Zweites Blatt
 
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Der Kleiner Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme dcS Montags.

Die Gießener A-a mitien v satter werben dem Anzeiger wöchentlich dreimal drigrlegt.

Zweites Blatt. Samstag den 23 Juni

Gießener Anzeig er

General-Anzeiger.

1894

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Citeratur und Kauft»

In derLeipziger Zeitung" vom 7. August 1893 urtheilt Herr Dr. G. Oertel über die Zeitschrift .Dieb »Urtt geh-U der Sausfra«!^(Verlag von Friedrich Schirmer in Berlin, W.9) wie folgt .Dieses Llatt ist unter den vielen neuerdings entstandenen FrauendläUern eines der empfrhlcnSwerthesten. ES beachtet die der Weiblichkeit gezogenen Grenzen, berückstchtigt immer den eigentlichen Beruf der Frau, sucht in seinen Leserinnm die Ueberzeugung van der hohm Bedeutung und btm tiefen Ernste dieses Berufes zu wecken und zu nähren und ist bemüht, der Mutter, der Gattin, der Haus­frau bei den alltäglichen Sorgen und Arbeiten mit bewährtem Rothe zur Seite zu flehen. WaS es bietet, ist gut und brauchbar: die Äustätze regen zu ersprießlichem Nachdenken an, zerstreuen Irrthümer, vertiefen die Anschauung, festigen die Ueberzeugungev; die practtsch« Winke sind daheim und auf der Reise, in der Küche und am Wit« tische, in dem Gesellschaftszimmer und in der Kinderstube, im Garten und im Felde, bei der Arbeit und bei Feiten, in gesunden und kranken Tagen recht wohl zu verwerthev- Für Handarbeiten nn» Schneidereien werden hübsche Muster und practische Schnitte rnttge- theilt, Küchenzettel und Kochrezepte fehlen nicht. Gedichte zu häus­lichen Festm und Märchen für die Kleinm find gewiß willkommeue Beigaben." Hierzu sei bemerkt, daß die ZettschriftDies Blatt gehört der Hausfrau" feit Lctober v. I. alle 14 Tage eine rnch illustrirte Modennummer bietet, also auch in Beziehung über die iortschreitmdm Neuerungen der Mode stets auf dem Lausenden er­hält. Ter im neum Jahrgänge erscheinende Roman:RenatmS Geschwister", von U. von Eck gehört zu bin besten Erzählungen für das weibliche Geschlecht und findet begeistertm Beifall Jede Buch­handlung und Postanstalt liiertDietz Blatt gehört der Hausfrau" zum Preise von 1 Mk. 40 Psg. vierteljährlich frei ins HauS. Probe­nummern sendet gratis und franco der obm gmannte Verleger.

Das Petroleum-Weltmonopol.

Eine der bedenklichsten wirthschaftlichen Erscheinungen, die unsere fortschreitende Cultur zu verzeichnen hat, sind zweifellos jene Vereinigungen von Producenten oder Händlern, die unter dem Namen von Kartellen, Ringen, Syndikaten oder Trusts den Betrieb in verschiedenen Zweigen der In­dustrie oder des Handels in ihre alleinige Botmäßigkeit zu zwingen suchen. Keiner dieser Ringbtldungen hatte jedoch bisher Dank der naturgemäßen, jenen Monopolen hinderlichen Entwickelung einen Umfang angenommen, der sie als eine große allgemeine und dringliche Gefahr erscheinen ließ. Der Fall tritt aber jetzt ein. DaS immer näher rückende Petroleum- Weltmonopol stellt sich als eine Gefahr dar, die so gewaltig, so umfassend austritt, daß gleichmäßig die gesammte Cultur- Welt von ihr bedroht wird.

Erstanden ist unS jener gewaltige Feind in demfreien" Amerika. Die Standard - Oil» Company, welche schon vor mehreren Jahrzehnten begründet wurde, saugte bereits in den sechziger und siebziger Jahren eine große Zahl der amerika­nischen Petroleum»Unternehmungen auf. Als sie sich dann vor 12 Jahren mit ihrer größten Gegnerin vereinigte, bekam sie fast den gesammten amerikanischen Petroleumhandel in ihre Hände. DieS gewann auch für unS ernste Bedeutung, denn der deutsche Handel, der sich nur auf wenige ein­heimische Petroleumquellen stützen kann, ist von dem amerikanischen Handel fast ganz abhängig. Eine gewaltige Steigerung deS Petroleumpreises erschien schon damals als unvermeidlich, wenn nicht noch ein Hinderniß bestanden hätte.

Amerika hat auf dem Petroleummarkt einen starken, mächtigen Gegner, nämlich Rußland, daS eine umfangreiche Petroleumproductton aufwetst. Wie in Amerika, so hatte sich auch in Rußland die Pertoleumindustrie in wenigen Firmen concentrirt, und zwar in die der Firma Nobel und der Gebr. Rothschild in Paris. Durch die Concurrenz dieser beiden Häuser einmal untereinander, dann aber vor Allem dem amerikanischen Ring gegenüber behielt der Petroleumpreis auf dem Weltmarkt einen mäßigen Stand, ja, er sank sogar in Folge der scharfen Concurrenz tiefer, als es unter gewöhn- lichen Verhältnisien zu erwarten war.

Diese gewaltige, dem Monopol gegenüber errichtete Schranke ist jetzt zum Theil gefallen. Die russischen Petroleum- Producenten haben wie behauptet wird, unter der Aegide des Finanzministers Witte ein Uebereinkommen behufs gemeinsamer Regelung der Production abgeschloffen. ES ist ein Syndicat gebildet worden, welches die Lieferung von ge­reinigtem Oel aus die 89 Mitglieder vertheilt und durch strenge Conventionalstrafen Uebertretungen zu hindern bemüht ist. Die Ausfuhr des Petroleums wird lediglich von einem gemeinschaftlichen Comite besorgt. Dieses russische Syndicat ist nun weiter mit der Standard - Oil - Company zu einer Einigung gelangt. Die beiden Parteien haben gleichsam die Welt unter sich getheilt. Die Standard Oil-Company erhält als Absatzgebiet ganz Amerika, Westeuropa, ausschließlich Italiens, und Westafrika, einschließlich des westlich von Griechenland gelegenen Nordasrikas- den Ruffen ist Ost­europa, Ostafrika und ganz Asien zuertheilt worden. Behufs Australiens scheint ein Uebereinkommen noch nicht erzielt zu sein.

Diese bedenkliche Einigung zwischen dem russischen und dem amerikanischen Ring ist jedoch noch nicht erzielt- ihr Zustandekommen wird fürs Erste durch ein Hinderniß noch hinauSgeschoben. Das russische Syndikat hat eS zur Be­dingung gemacht, daß die Standard-Oil-Company zuerst jede amerikanisches Oel beziehende Concurrenz zu beseitigen habe. Diese noch nicht unterjochte Concurrenz besteht aus einer Bremer und einer Mannheimer Firma (besonders kommt die letztere, die Firma Philipp Roth, als die größere und widerftandSfählgste in Betracht), die ihren Rohstoff von einigen wenigen noch nicht unterjochten amerikanischen Pro- ducenten beziehen.

So bereitet sich also eben vor unseren Augen der Ent­scheidungskampf in dem dreißigjährigen Petroleumkriege vor, dessen Hauptwaffe die Unterbietung im Preise ist. Gelingt es dem gewaltigen amerikanischen Feinde, diese beiden letzten Gegner zu besiegen, so ift das Weltmonopol des Petroleums eme nicht zu ändernde Thatsache. An diesem AuSgang deS Kampfes ist aber kaum zu zweifeln, und keine Mittel und Wege gibt es, den beiden bedrohten Kämpfern zu Hilfe zu eilen.

ES gilt also, der nahenden Monopolgefahr ernsthaft ms Luge zu blicken. Die bisherige Entwicklung des Petroleum- kriegeS war eine für die Consumenten günstige, da das Kampfmittel der Preisunterbietung den Verbrauchern außer­

gewöhnlich billige Preise einbrachte. DieS wird jelbstver- stündlich anders werden, sobald daS Weltmonopol thatsächlich besteht, denn Monopole schließt man nicht ab, um die Preise zu verbilligen, sondern um sie zu vertheuern. Trotz alledem können wir jene Gefahr der drohenden Petroleumspreiserhöhung nicht als eine unabwendbare ansehen. Wenn auch die Unter­jochung der beiden erwähnten Firmen gelingt, und wenn man auch die Erwägung, daß zwei Monopolanten nicht so einig und deshalb nicht so gefährlich sind als einer, nicht als wesentlich ansehen will, selbst dann können wir noch keinen Grund zu ernstlicher Furcht erblicken. Das wirthschastliche Leben enthält in sich selbst Corrective, die dafür sorgen, daß auch die blühendsten Bäume nicht in den Himmel wachsen. Sowie der Preis des Petroleums steigt, würde auch der Eifer, neue Petroleumquellen zu entdecken, steigen, und immer neue Gegner würden dem Cartell erstehen. Und fänden sich diese Gegner nicht oder gelänge eS dem Ringe, sie zu be­siegen was dann? In dem Maße wie der Preis des Petroleums steigt, würden daS GaS, daS electrische Licht und all die anderen vorhandenen oder noch zu entdeckenden Licht und Wärmespender stärker begehrt und benutzt werden. Die Folge davon würde eine geringere Nachfrage nach Petroleum sein. Ermäßigten dann die Petroleum-Producenten nicht freiwillig den Preis, das Ende vom Liede wäre der Ersatz des Petroleums durch andere gleichwerthige oder höher- werthige Factoren. So würde daS Petroleummonopol durch sich selber untergehen. Diese Erwägungen zeigen, daß wir der näher rückenden Gefahr mit Kaltblütigkeit entgegenschauen können.

VermifdpteiL

* Rübesheim, 21. Juni. ImHotel Jung" brach heute Nacht durch Explosion einer Petroleumlampe ein Brand auS. Unter den Hotelgästen entstand eine Panik. Zwei Schützen ließen sich an zerschnittenen und zusammengekoüpsten Betttüchern auS dem zweiten Stock zur Erde nieder, wobei der eine sich schwere Verletzungen zuzog. Der Schaden ift erheblich, jedoch der Hotelbetrieb nicht gestört.

Leipzig, 21. Juni. Heute Nacht brach in dcm Hause Klostergaffe 8 Großseuer auS. DaS Gebäude brannte total auS. Neun Personen wurden mit Lebensgefahr von der Feuerwehr gerettet, zwei werden vermißt. Von den Ver­mißten wurde der eine, der 60jährige Maurer Schmidt, tobt unter den Trümmern hervorgezogen.

Posen, 21. Juni. In Golluchavo bei Pleschen ist eine ganze Familie infolge GenuffeS von giftigen Pilzen schwer erkrankt. Drei Kinder find bereits gestorben.

Die Ausbesserung des Juliuslhurms in Spandau hat daS Reichsschatzamt angeordnet. Das äußere Mauerwerk des Thurmes, dcr bekanntlich den Kriegsschatz birgt, ist stark verwittert. Die morsch gewordenen Steine werden heraus- gestemmt und durch neue ersetzt. Zur Ausführung dieser Arbeit ist aber ausdrücklich bestimmt worden, daß ein fest­stehendes Gerüst um den Thurm nicht aufgestellt werden darf- die Maurer müffen von Leitern aus arbeiten. DaS Gerüst ist jedenfalls auS dem Grunde vermieden worden, damit nicht Jemand mit Hilfe desselben durch die Luken in daS Innere eindringen kann. Die UmfaffungSwauer ist 2*/, Meter dick- der Schatz befindet fich jedoch in einer besonders gemauerten Kammer.

Bon ben deutschen Schutzgebieteu. ES umfaffen daS Schutzgebiet Togo 60 000 Qkm., Deutsch-Ostafrika 995 000, das Kaiser-Wilhelmsland in Neu-Guinea 181 500, der Bis­marck-Archipel 52 200, der nordöstliche Theil der Salomon- Inselgruppe 22 200, das Schutzgebiet der Marschall-Inseln 400 Qkm. In Togo haben sich niedergelaffen 72 Europäer, darunter 63 Deutsche, in Kamerun 204 Europäer (127Deutsche), in Südweftafrtka 969 Europäer (614 Deutsche), in Deutsch- Ostafrika rund 750 Europäer (rund 500 Deutsche), im Schutzgebiet der Neu - Guinea - Compagnie 178 Europäer (99 Deutsche) und in den Marschall-Inseln 67 Europäer (32 Deutsche).

* Spatzeufreie Qrtschaste» in Deutschland. In einer neuerdings erschienenen bibliographischen Arbeit von Dr. Joh. Fickel wird auf die seltsame Thatsache hingewiesen, daß der AllerweltSvogel Spatz in verschiedenen Orten deS sächsischen Voigtlandes überhaupt nicht vorkommt. ES find dies angeblich die Orte: Kottenhaide, (Settengrün bci Adorf, Brotenseld bei Schöneck, Stangengrün bei Reichenbach, sowie Vogelsgrün und Schnarrtanne. Im Anschluffe an diese Notiz, die neuer- dings die Runde durch die sächsischen Blätter macht, wird I aus Littau gemeldet, daß in den GebirgSdörfern Oybin und Ham in der sächsischen Oberlaufitz der Sperling ebenfalls

sehU. Aus welche Ursachen diese Thatsache zurückzuführen ist, konnte bisher noch nicht festgeftellt werden.

* Was die Hauptsache ist. Eine Militärpensionistenfrau hatte sich vor dem Amtsgerichte zu München zu verantworten, weil sie von gepfändeten Gegenständen die amtlichen Siegel entfernt hatte. Sie entschuldigte ihr Vergehen mit den Worten:Sehens, Herr Amtsrichter, bei unS verkehren lauter schöne Leut' und da hat sich mein Mann mit denWapperln" geschämt. Wir haben dieselben wieder sorgfältig abgelöst und auf einen weißen Bogen Papier aufgeklebt. Da schauens her, ich hab s mitgebracht, an keinem einzigen Wapperl iS waS pasfirt. DaS kann ja doch gleich fein, wo die Wapperl san, d Hauptfach iS, daß da san und daß no ganz san. Und davon können Sie sich selbst überzeugen, daß nix fehlt und AllcS tn Ordnung ist."

* 6in reizendes Geschichlcheu aus dem Postleben, daS den Vorzug hat, völlig wahr zu fein, ereignete sich vor Kurzem in einer größeren Stadt deS Herzogthurnö Braunschweig. Eine Dame in G. in Thüringen, die vonPostaufträgen" gehört, aber daS eigentliche Wesen dieser zweckmäßigen modernen Einrichtung offenbar nicht erfaßt hatte, sandte der Postdirection zu ... . im Herzogthurn Braunschweig unter der BezeichnungPostauftrag" einen Bries. Letzterer enthielt einen Fünfmarkschein und denAuftrag", für dieses Geld doch em.'N recht hübschen Kranz zu kaufen und ihn an Fräulein 3E , deren Geburtstag am soundsovielten sei, abzu­liefern. Diesem ebenso naiven wie erheiternden Verlangen gegenüber wollte die Postbehörde nicht den starren Bureau- kraienstandpunkt geltend machen. ES wurde sofort ein Bote zu einem Blumengeschäfte gesandt, ein stattlicher Kranz ein­gekauft und dem GebuNStagSkinde rechtzeitig überbracht. Nachdem dies geschehen war, wurde die Briefschreiberin benachrichtigt, daß die Angelegenheit prompt erledigt worden fei, gleichzeitig aber hinzugesügt, daß man unterPostauftrag" denü doch etwas wesentlich anderes verstehe, als die Schreiberin gedacht habe, und daß die Post daher nicht verpflichtet ge­wesen sei, einen derartigen Austrag auszuführen.

* Humoristisches. Ein netter Freund. Richter: Sie Haven also genau gesehen, daß der Angeklagte Ihrem Freunde EinS herunter gehauen hat?" Zeuge:G'wiß- ich hab' noch denkt: dem schad'S nichts!"

Itnivcrfitäts Nachrichten.

Der Gesammtbesuch der deutschen Universitite» beträgt in diesem Sommer 28105, gegen 27 646 und 28 053 Ui den beiden letzten Semestern. Don der Gesammtzahl treffen (die beiden entsprechenden Zahlen der letzten zwei Semester finb in Flammer* beiaefüat) 3236 (3260, 3557) auf die evangelischen und 1445 (1310, 1386) auf die katholischen Theologen, 7590 (7259^ 72ftf) auf bte Juristen, 7999 (7813, 8131) auf die Mediclner, 2951 (2939, -Ä2J) auf die Philosophen, Philologen und Historiker, 2696 (2367, 2327) auf die Studirenden der Mathematik und Naturwissenschaften. »H ben evangelischen Theologen ift der Rückgang, bei ben Juristen die Zunahme der letzten Jahre nicht unterbrochen, bei ben Medicincr* aeiat sich von Sommer zu Sommer, wie auch von Wwter zu »Sinuc eine regelmäßige langsame Abnahme, die Zahl der Philologen iu* Mathematiker hebt sich feit einigen Semestern wieder, nachdem sie vorher sehr stark gefallen war. .

Bonn, 19. Juni. DerGeneralanzeiger' meldet, Professor Kayser in Hannover sei als Nachfolger deS Professors Hertz an die hiesige Universität berufen worden.