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Nr. 117
Der Hiehener Anjeifler erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
Die Gießener Familien v tälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
1894
Zweites Blatt. Mittwoch den 23. Mai
Gießener Anzeig er
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———
Feuilleton.
i Die Geschichte eines Lungenbratens.
Humoreske von Franz Karl Jilek.
(Nachdruck verboten.)
Ob denn ein Lungenbraten auch eine Geschichte haben könne? Diese zweifelnde Frage sehe ich im Geiste auf den Purpurlippen mancher holden Leserin schweben. Nun, genaue Auskunft darüber zu ertheilen, vermag auch ich nicht, da ich nie das beneidenSwerthe Glück genoß, Küchenchef zu fein und als solcher das Bratspieß-Scepter zu schwingen, von dem selbst die Lungenbraten-Unterthanen, diese vornehmen Basallen im Reiche der Küchenfee, erzittern.
Leider waren all meine persönlichen Lungenbraten-Be- kanntschaften nur von sehr kurzer Dauer, da ich alle „zum Fressen gern" hatte und als Beweis meiner inneren Zuneigung sobald als möglich auch aufzuessen suchte, waS mir aber nur bet kleineren Bekanntschaften gelang. Unter solch kurzwährenden Verhältnissen konnte ich — trotz deS intimen und vertrauten Characters derselben — nur selten Einsicht in die Erlebnisse meiner Lungenbraten nehmen. Und doch behauptet so manche dralle Küchenfee und mancher frische Soldat, daß eS Lungenbraten gegeben, die sehr romantische und interesiante Abenteuer erzählen könnten, wenn sie noch lebten.
Eine solche interesiante Gestalt war auch mein seliger Lungenbraten. — Ehre seinem Andenken.
Ich sage: mein Lungenbraten, weil ich den Gigenthums- Anspruch mit Fug und Recht erheben darf, da ich ihn geistig
verarbeitete und verdaute, denn gegesien haben ihn andere, I — weder ich, noch der, für den er bestimmt war.
DaS ist eben daS Interesiante an der ganzen Geschichte.
Wie daS kam, läßt sich nicht so leicht erzählen — als man allenfalls einen Lungenbraten (wenn man einen hat) verspeisen kann — denn die Sache ist etwas heikler und diScreter Natur.
Die merkwürdige und ergötzliche Geschichte, in welcher der „tückische" Zufall, dieser deus ex machina, eine leitende Rolle spielte, trug sich in einer ansehnlichen Provinzstadt zu, die ein berühmter Archäologe daselbst die „westliche Pforte" Ungarns nannte. Hier erblickte der Held meiner Geschichte, der im wahren Sinne deS Wortes zum Spielball deS Zufalls wurde, daS „Licht der Welt".
Wie alle Lungenbraten, wurde auch mein Held in schonungsloser Weise von dem Wesen, desien Fleisch und Blut war, loSgeriffen. Ueber seine Jugend läßt sich nicht viel sagen. Bekanntlich wachsen die Lungenbraten nie, da sie vollständig ausgewachsen zur Welt kommen — höchstens werden sie im Verlaufe der Zeit nur noch kleiner.
Da sich mein Lungenbraten durch äußere und innere Vorzüge von seinen Kameraden gleichen Alters vortheilhaft unterschied, sollte er in einem gastronomischen Institute ersten Ranges, welches „Casino" heißt, der „höheren" Ausbildung theilhastig werden.
Doch daS Fatum wollte es anders.
Bevor ich in meiner Lungeubraten-Erzählung fortfahre, die gewiß schon manchem Gourmand daS Wasser im Munde zusammenfließen macht, muß ich ein wenig auSholen- doch nicht um den lieben Lesern in boshafter Weise die Zähne
lang zu machen, sondern zum besieren verständnisie der Handlung.
Am schönsten Platze der Stadt wohnte in einem nette» Stockhause (nicht zu verwechseln mit dem gleichen militärische» Worte) ein wohlbeleibter Schulpotentat, desien Machtsphäre sich über daS ganze gleichnamige Comitat erstreckte.
Aus den hohen Fenstern einer Gar^onwohnung geniß er einen herrlichen Ausblick auf die waldbekränzte Hügelkette im Westen der Stadt. Zu seinen Füßen sproßte und grünte ein junger öffentlicher Park. Doch waS war dies alles im Vergleiche zu dem wohlthuenden Anblick eines staatlichen Schul- palaiS für „höhere" Mädchen, das der Blick in schräger Richtung bequem erreichen konnte.
Auch an einem schönen Junitage deS Jahres der „großen Eisenbahnunglücke" im 19. Jahrhundert ruhten die Blicke des Beherrschers aller Schulen eines ganzen ComitatS mit liebevollem Wohlgefallen auf dem staatlichen Schul-Harem. Meine neugierigen Leserinnen dürften aber durchaus nicht denken, daß unser Schulpascha — ein jovialer, liebenswürdiger Garton, der an der Grenze des „Mittelalters" stehen mochte, — durch ein Faible für daS Ewig-Weibliche sich zu dem staatlichen Schulpalais htngezogen fühlte. Nein, hochderfelbe erinnerte sich bei diesem Anblicke nur stets mit Vergnügen daran, daß man dort mit dem großen Staatslöffel und daher gut koche. Ich muß nämlich verrathen, daß Herr t. ein Gourmand war, dem das Genie der Kennerschast für „gute Bissen" und daS Feingefühl für einen „guten Tropfen" sozusagen angeboren war?
(Schluß folgt.)
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