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Freitag dev 23. März
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1894
Nr. 69
Zweites Blatt
Gießener Anzeig er
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Der
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Feuilleton.
Bflersrgkn.
Eine Ostergeschtchte von Victor Blüthgen.
(Fortsetzung.)
„Hat die Kleine denn nicht ein einziges Mal schriftlich Ungefragt, was Dein Schweigen zu bedeuten habe? Oder hattet Ihr die Prüfung miteinander verabredet?"
„Keines von beiden. Zu Anfang quälte mich die leidenschaftlichste Sehnsucht nach ihr, plagte mich die Erinnerung m die Vergangenheit dieser Liebe . . dann wurde das alles über meinen angestrengten Studien blasser und blasser . . ich hatte ein Gefühl, als ob ich eine Fieberkrankheit überstanden hätte und in der Genesung wäre. Eine gesunde Nüchternheit überkam mich, mir wurde so hell zu Muthe, als wäre mir die Welt um mich herum neu geschenkt, nachdem sie mir eine Zeitlang genommen gewesen. Nur ganz vereinzelt überfiel mich eine Stunde der Sehnsucht und Reue — bald darauf war das wie weggeblasen. Und heute kann ich völlig ruhig an fie denken, — da- Einzige, was mich noch peinlich berührt, ist die Möglichkeit, ihr zufällig zu begegnen. Ich wehre den Gedanken daran mit beiden Händen ab. Du siehst, ich habe höchst vernünftig gehandelt und ich bin dahin gekommen, daß ich es für ein Verbrechen an dem Mädchen halten mühte, sie aufs Neue an mich zu ziehen."
„Richtig, richtig, ganz meine Meinung. Famos, Heinz, daS hast Du großartig gedeichselt — dafür mußt Du mal eine Frau kriegen, die sich gewaschen hat . . Prosit auf die zukünftige Frau Doctor!"
Heinz trank ohne sonderlichen Enthusiasmus. „Und doch —" sprach er halb für sich.
„Na — und doch?"
„Ich wollte, eS wäre anders gekommen. Das Mädchen dauert mich, ganz frei von Gewifiensbiffen bin ich nicht."
„Ach, Unsinn!"
„Ja, wenn ich wüßte, daß sie ebenso denkt wie ich, mnerlich ebenso frei ist . . schließlich habe ich ihr doch etwas weiSgemachl und habe sie sitzen lassen."
„Junge, daS sind Jugendthorheiten, das wird alles überwunden. Sei froh, daß Du glücklich darüber weg bist . . Weißt Du, komm mit, ich gehe noch ein 'paar Stündchen ins Casino, wir feiern Dync Genesung mit einem Parüechen."
Der behagliche kleine Mann erhob sich, aber Heinz blieb fitzen.
„Laß mich hier, Onkel- ich bin etwas schlaff nach der Aufregung von heute früh und werde mich lieber zeitig hinlegen."
„Wie Du willst."
Der junge Doctor blieb einsam am Kamm sitzen. Das Feuer sank zusammen, blaue und goldene Flämmchen tanzten auf der Asche und verschwanden wieder. Dann und wann jauste ein Windstoß durch den Schlot hernieder.
„Im Sommer blank, Im Winter krank, Im Frühling begraben--"
murmelte Heinz vor sich hin und dachte an seine Studentenliebe. Er war nicht zufrieden mit sich, aber er hatte abgeschloffen, fest und bewußt.
Morgen ist Ostern.
* * *
„Weißt Du, nun laß endlich den Unsinn!" Der Musikus Sonnemann, ein mittelgroßer Mann mit auffallend blutlosem Gesicht und starkem blonden Schnurrbart, brummte eS verdrießlich. Er saß am Tische in dem kleinen bescheidenen Stübchen mit dem alten dünnen Urväterhausrath und hatte ietne Posaune zwischen die Kniee geklemmt — eben tauchte er bto Putzlappen frisch in den Napf auf dem Tische und rieb an dem Instrument weiter.
Die Mutter auf dem Sopha, eine kleine, gealterte Frau, ließ den Strickstrumpf sinken. „Gott, das kannst Du doch dem Mädchen nicht verdenken, jetzt, wo fie weiß, daß Taufing in der Stadt ist. DaS rührt doch natürlich wieder alles bet ihr auf. Er geht schlimmsten Falles schließlich fort und dann st s gut. Sie wird fich schon wieder saffen."
Edith lehnt in einem hochlehnigen Korbstuhl abseits vom Tische, wohin das Licht der grünschtrmigen Lampe nur mit ichwacher Dämmerung dringt. Der Korbstuhl knarrt, wie fie tastig das Taschentuch hebt und über die Augen fährt.
„Der Barer hat recht, Mutter. Heinz ist die Thräne nicht werth. Der Vater hat in der ganzen Sache recht cetabt."
Sie ist ein schlankes, feingliederiges Mädchen mit einem jener blaffen Gesichter, welche die Dämmerung verschönt. Sie ft sicherlich auch sonst hübsch, ohne Dämmerung.
„Ich hatte selber gehofft, er würde nun kommen und sein Schweigen aufklären," meinte die Mutter nach einer Pause. „Ich hatte eine andere Meinung von ihm und gebe sie auch jetzt noch nicht auf."
Der MusikuS stieß ein spöttisches Murren aus.
„Mich lehrt die Studenten kennen! Das ist müßiges Volk, die möchten gern etwas fürs Herz haben, machen den Mädels was weis und wohl fich selber auch — auf den Augenblick meinen e- ja manche ganz ehrlich . . ."
„Manche auch länger," schaltete die Mutter kopfnickend im selben Tonfall ein.
„Auch! — Habe gar nichts dagegen. Aber das sind weiße Raben- ich mißtraue jedem und es wäre besser gewesen, Ihr hättet daffelbe gethan, dann brauchte das Mädel jetzt nicht herumzusitzen und zu flennen- aber gegen Euch Weiber kommt keine Vernunft auf."
„Du haft wohl nöthig, hinterher, wo nichts mehr zu ändern ist, dem Kinde mit übler Laune das Herz noch schwerer zu machen, statt ihm gut zuzureden."
Sie sagte daS nicht heftig. Sie hatte doch etwas Gedrücktes, wie eine Art Schuldgefühl, in sich.
Edith schwieg — der Musikus schwieg gleichfalls und rieb mit gleichmäßiger Bewegung sein Instrument, das morgen in der Nikolaikirche sollte Oftermufik machen helfen.
„Sonderbar ift's doch," brach die Mutter daS Schweigen. „Wie seid Ihr zwei denn zuletzt auseinander gegangen? Habt Ihr Euch gar nicht ausgesprochen, Ditha?"
Edith schüttelte mit dem Kopse.
„Es war ein Abschied wie immer- er meinte: „Hoffentlich aus Wiedersehen gegen das Frühjahr hin." Ich sagte ihm: „Du schreibst mir doch?" Darauf küßte er mich, antwortete aber nichts. Doch nun ift's gut und vorbei und nun laßt mich's vergessen. Ich will schlafen gehen, das ist das Veste."
Sie sprang auf und reichte den Eltern nacheinander die Hand. „Gute Nacht!" — dann ging sie auf ihr Zimmer, nahm da im Dunkeln ein Tuch um die Schultern und setzte sich an das Fenster.
Ihr Gesicht suchte den Himmel, der war voller Sterne - und der Wind draußen geberdete sich wie ein wilder Thau- wind: das zog aus allen Fugen und dann unb wann fauchte oder heulte es und machte die Flügel im Rahmen schüttern. Sie hielt die Augen starr offen, bis sie thränensatt waren, dann neigte sie rasch den Kopf und ließ ihn auf die über dem Fensterbrett gekreuzten Arme sinken.
„Treuloser!" sagte sie vor sich hin.
DaS war ein Wind, just wie damals. Nur wenig später die Jahreszeit . . . eine jener kleinen Gesellschaften, wie sie unter der Bürgerjugend größerer Städte sich zahlreich bilden, hatte einen Landausflug gemacht, gescherzt, getanzt. Sie mit, unb er auch. Ein Jugenbbekannter von ihm, ber Mitglieb war, ein Photograph, hatte ihn bereits im Winter eingeführt, damit er in einer Liebhabertheater- Vorstellung mitwirke. Er hatte Edith schon nach der ersten Umschau bevorzugt.
Und in jener Mainacht waren sie Beide Arm in Arm heimgekehrt, die Eltern immer fünfzig Schritt hinter sich laffend . . . wenig redend, thörichte, gleichgilttge Worte. Eine so dunkle, dunstige Mainacht mit sausendem Wind! DaS Tuch flog ihr immer von der Schulter- er nahm es und schlug es auseinander-, ein so großes Tuch, weit genug für zwei . . . und sorglich legte er es um sie beide und
schlang seinen Arm um sie. Sie bebte und er bebte- fie
hatte eiskalte Hände, sie fühlte es und sah ihn an . . . unb
er sah sie an . . . ein paar Zoll Luft waren noch zwischen
ihnen, unb die waren leicht übersprungen.
Ach ja, das war eine Nacht, ein Weg!
Er kam am andern Tag, nach ihr zu fragen, unb bie Mutter lub ihn ein, zuweilen ben Abenb zu kommen. Stu- benten sinb so kurzweilige Herren! Aber er kam nur selten — ber Vater sagte ihm ohne Worte, daß er keinen Gefallen an den Besuchen sande. Sie iahen sich dennoch oft . . . bei dritten oder in größerer Gesellschaft- dergleichen ließ sich ver- anftalten.
„Ach Gott, wärs doch nie gewesen!"
Aber es war eben doch gewesen!
Einen Winter lang hatte er sich nun vor ihr versteckt, ohne Abschied fürs Leben, ohne Aufklärung ... nie konnte sie ihm schreiben, das war doch zuerst seine Sache! Daß er nicht krank ist, weiß sie von dem Photographen, dem er geschrieben hat . . . nun ist er wieder hier, seit Wochen, sie weiß es, und sie sind einander nie begegnet, und er ist nicht zu ihr gekommen!
Er kann jetzt heirathen, jetzt muß er fich entscheiden ... ah, er hats ja schon gethan, er hat sich gegen sie entschieden,
I sie fühlt es, trotz der Hoffnungen der Mutter. Manchmal hofft sie wohl auch plötzlich,' dann aber zuckt e8 wieder schmerzvoll durch ihre Seele: „Nein! eS ist nicht möglich." „Nicht möglich mehr."
Sie fröstelt schaudernd zusammen, nimmt das Tuch fester um, erhebt sich sacht und blickt in das kleine Gärtchen hinunter.
Da sieht man über die niedrige Mauer, sieht die Straße mit den nächsten GaSlaternen, von denen die eine ihr Licht auf den großen Aprikosenbaum im Garten wirst. Ein guter alter Bursche daS, der jedes Jahr pünktlich seine Last trägt!
Seit zwei Tagen sind die Blüthen aufgesprungen, carmin- rothe Blüthen über unb über. Das junge Mädchen späht unwillkürlich durch die feucht überhauchten Scheiben, ob sie die Blüthen im Laternenlicht zu erkennen vermag, und sie glaubt, daß sie dieselben sieht.
Dann blickt sie wieder zum Himmel, und der ist stark verschleiert. All die Sterne fort!
„Meinethalben," sagt fie. „Es mag immer ein dunkle» Ostern werden. Mein Glück ist begraben . . . daS »eckt kein Ostern auf . . . Ja — ja, es soll begraben seinN Es soll nicht wieder aufwachen! Auch wenn er wirklich noch käme."
In diesem Augenblicke haßte sie Heinz.
(Schluß folgt.)
Dermifd?tcs.
* DaS Frühstück, das Abg. Frhr. v. Stumm, der bekannte Großindustrielle, am Dienstag im Hotel „Katserhof" gab und dem auch der Kaiser beiwohnte, hat eine ganz interessante Vorgeschichte. Auf dem Reichkanzlermahl, da» im vorigen Monat in Anwesenheit des Kaisers stattfand, trat der Kaiser sehr eindringlich für die Annahme be» russischen Handelsvertrags durch den Reichstag ein. Er drückte schließlich seine Ueberzeugung dahin aus, daß eine Mehrheit für diesen Vertrag sicher sei. Frhr- v. Stumm widersprach entschieden und bezeichnete die Aussichten für den Vertrag als höchst unsicher. In feiner impulsiven Art rief der Kaiser aus: „WaS gilt die Wette?" „Ein Frühstück? Topp!" Die Theilnehmer an jenem Festmahl, vielleicht Frhr. v. Stumm selbst, hatten die Episode längst vergessen, als nach der ersten entscheidenden Abstimmung am 10. März bei Herrn von Stumm ein humoristisch abgefaßteS Handbillet eintraf, worin sich der Kaiser unter Berufung seiner Wette für Dienstag zum Frühstück ansagte. So hat der russische Handelsvertrag, selbst wenn er dem Deutschen Reiche sonst keinerlei Vortheile bringen sollte, dem Oberhaupte desselben doch mindestens ein üppiges Frühstück gebracht. Der erste Gang bestand denn auch — aus russischem Caviar.
♦ Berlin, 17. März. Ein Wucherproceß, der den Hannoverschen in den Schatten zu stellen geeignet ist, ist hier seit längerer Zeit im Entstehen begriffen. Berliner Blätter berichten darüber: Den Anstoß dazu hat ein Verfahren gegeben, das gegen den Bankier, Rentner und Hausbesitzer Treuherz aus dem Norden Berlins schwebt, der au» Rußland hier eingewandert ist und mit mehreren Agenten fein Geschäft betreibt. Die Geschädigten setzen sich aus hochgestellten Persönlichkeiten verschiedener Art zusammen, zu denen auch ein Prinz Hohenlohe gehört, der früher bei den Pasewalker Kürassieren stand. Als Geldmänner bezw. Vermittler werden eine ganze Reihe Namen von Persönlichkeiten genannt, die zum Theil in Charlottenburg, zum Th eil in Berlin wohnen. Dahin gehört ein Kaufmann B., ein Dr. jur. W., ein Herr Sp. aus der Gitschinerstraße, ein Herr B. aus der Prinzenftraße u. a. m. ES handelt sich m einzelnen Fällen um Summen von 6000 bis nahezu 100 000 Mark, die aus den Darlehen von nur einigen Tausend Mark entstanden sind. In Bezug auf den Prinzen kommen drei Geldgeber in Betracht. Treuherz hat die DiS- contirung der Wechsel vorgenommen, die dann bei einer hiesigen Bank untergebracht wurden. Die Opfer sind aber nicht bloS in hohen Gesellschaftskreisen zu suchen- auch der Mittelstand ist in Mitleidenschaft gezogen. Die in den einzelnen Wohnungen vorgenommenen criminalpolizeilichen Durchsuchungen haben ein sehr umfangreiches Material an Wechseln und Briefschaften zum Vorschein gebracht, die der Angelegenheit eine immer größere Ausdehnung geben. Wenn ein neues Packet beschlagnahmter Papiere gesichtet wird, so ergeben sich jedesmal neue Opfer und neue Wucherer. Wann die Sache zum Austrage kommen wird, läßt sich noch gar nicht absehen.


