Ausgabe 
22.12.1894 Erstes Blatt
 
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Mr. 300 Erstes Blatt. Samstag dm 22. December

1894

Der

Kietzeuer erscheint täglich, eit Ausnahme de-

Montag».

Die Gießener Aamiriendtäller werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigrlegt.

Gießener Anzeig er

Kenerat-Mnzeiger.

vierteljähriger Abonnements prell r 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezog«« 2 Mark 60 Pfg.

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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den pAAt*» Alle Annoncen-Bureaux des In. und Auslandes nehinen

falzenden Tag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr. ^!UUUuvllVlUUI.l* Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Amtlichem Theil.

Bekanntmachtmg,

Amtstage des Großherzoglichen Kreisamts Gießen betreffend. Die unterzeichnete Behörde wird

Samstag, den 5. Januar 1895, von Vormittags 9 Uhr an, einen Amtstag im Rathhause zu Grünberg abhalten und wird den Kreis-Eingesessenen aus den Amtsgerichts-Bezirken Grünberg, Homberg und Laubach anheimgestellt, etwaige Anliegen in diesem Termine vorzubringen.

Gießen, den 2tf December 1894.

Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.

Gießen, den 20. December 1894.

Betr.: Wie vorher.

DaS Grosherzogliche Kreisamt Gießen an die Groffh. Bürgermeistereien der in den Amtsgerichtsbezirken Grünberg, Homberg und Laubach gelegenen Gemeinden des Kreises

Gießen.

Vorstehende Bekanntmachung wollen Sie auf ortsübliche Weise zur öffentlichen Kenntniß bringen lasten.

v. Gagern.

Abonnements^ Einladung

Zum Bezug desGießener Anzeiger" für das 1. Vierteljahr 1895 laden wir hiermit ergebenst ein. Wie bisher, wird derGießener Anzeiger" die Tagesereignisse in kurzer den Thatsachen entsprechender Weise zur Kenntniß seiner Leser bringen. Die neuesten Nachrichten der zuverlässigsten telegraphischen Nachrich­ten-Bureaus sowie zahlreiche Mittheilungen aus dem engeren und weiteren Vaterland halten den Leser stets über die Vorfälle in demselben auf dem Lau­fenden. Unterstützt durch an allen Orten der Provinz Oberhessen ansässige Berichterstatter, ist der Gießener Anzeiger" ferner in der Lage, die interessanten Vorgänge in der Provinz so frühzeitig wie möglich zur Kenntniß seiner Leser zu bringen, desgleichen wird den Begebenheiten in der Stadt Gießen die gebührende Besprechung im localen Theile des An­zeigers zu Theil werden. Der in der Provinz Oberhessen betriebenen Landwirthschäft wird der Anzeiger durch Veröffentlichung von allem Wissens- werthen aus dem Gebiete derselben besondere Berück­sichtigung zu Theil werden lassen, daneben aber auch die Beobachtungen und Erfahrungen in Haus- wirthschast, Handel, Gewerbeund Industrie in den Kreis seiner Besprechungen ziehen. Ein ge­diegenes Feuilleton wird neben besonderen Ar­tikeln ernsteren und heiteren Inhaltes den erwünschten Unterhaltungsstoff bieten. Außerdem werden die Gietzener Familienblätter", welche dem An­zeiger wöchentlich 3 mal beigelegt werden, und die stets ein gewähltes Feuilleton als Unterhaltungsstoff bringen, namentlich im Kreise der Familien eine beliebte Beigabe bieten.

Wir ersuchen nun namentlich auswärtige Leser, ihre Bestellung bei der Post baldgefl. aufgeben zu wollen. Neuhinzutretende erhalten vom Tage der Bestellung bis 1. Januar den Anzeiger kostenfrei zu­gestellt, wie wir auch gerne bereit sind, Probe- Nummern nach auswärts postfrei zu versenden. Den Lesern in hiesiger Stadt werden wir, wie seither, den Anzeiger weitersenden und den Abonnements­betrag durch Quittung erheben lassen, falls nicht aus­drückliche Abbestellung erfolgt.

Hochachtend

Verlag desGießener Anzeiger"

Brühl'sche Druckerei (Fr. Chr. Pietsch).

Deutsche- Reich.

Berlin, 20. December. Von Neuem steht daS herrlichste und schönste Fest des JahreS vor der Thür, und wiederum bringt sein Strahlenschimmer eine er­quickliche Oase der Ruhe in den mannigfachen Stürmen de- Daseins, in dem unaufhörlichen Auf und Nieder des täg­lichen Lebens mit sich. Selbst die Politik, so wenig sie sonst auch mit dem poesieumdufteten Weihnachten zu thun hat, vermag sich dem beruhigenden Einflüsse dieses erhabenen Festes nicht ganz zu entziehen. Der Gang der Ereigniste in dem großen Weltgetriebe verlangsamt sich da unwillkürlich von selbst und auch der Pulsschlag des inneren politischen Lebens der einzelnen Staaten wird zur weihnachtlichen Zeit merklich schwächer. Für unser deutsches Vaterland hat sich dieser Einfluß des Wethnachtssestes zunächst auf parlamen­tarischem Gebiete geltend gemacht, denn seit vergangenem Montag genießt der Reichstag seine WeihnachtSferien, die diesmal allerdings nur kurz bemessen sind, da das HauS bereits am 8. Januar 1895 seine Geschäfte wieder auf- nimmt. Der Reichstag hat freilich in seinem so kurzen ersten Sessionsabschnitt sehr wenig vor sich zu bringen vermocht, er wurde durch die Generaldebatte über den Etat, ferner durch die Verhandlungen über die angeregte Reihenfolge in der Behandlung der Initiativanträge, sowie über die Inter­pellation der Nationalltberalen in Betreff einer Abänderung des Zuckersteuergesetzes, endlich durch die Erörterungen über denFall Liebknecht" ausgefüllt. Zwar gedachte der Prä« sident vor Weihnachten auch noch die erste Lesung derUm- sturz.Borlagc" zur Crledtguug zu bringen, aber der Reichs­tag machte durch seine Beschlußunfähigkett Herrn v. Levetzow einen Strich durch die Rechnung, so daß also der Gesetz­entwurf gegen die Umsturzbestrebungen erst im neuen Jahre an die Reihe kommt. Hoffentlich werden aber von diesem Zeitpunkt ab die Bänke des Hauses besser besetzt sein, der Reichstag macht sich ja schließlich selbst zum Gespött aller Welt, wenn von seinen 397 Mitgliedern meist, kaum die Hälfte ihre parlamentarischen Pflichten ausübt!

Berlin, 20. December. Mit d er Vertagung des Reichstages ermattet naturgemäß auch vorläufig das Interesse an den mancherlei Fragen, welche bereits der Be­ginn der Session aufgerollt hat. Es gilt dies auch von der Maje st ätsbeleidungsaf faire der Herren.Liebknecht u. s. w., zumal da ja für den Reichstag diese unerquickliche Sache durch die Ablehnung des Verfolgungsantrages des Berliner Staatsanwaltes erledigt ist. Freilich wird der Reichsregierung der Plan zugeschrieben, nach Schluß der Reichstagssession die Liebknecht'sche Angelegenheit weiter zu verfolgen, indessen dürfte sie schon aus Gründen politischer Klugheit und Taktik von diesem Plane zurückkommen. Da­gegen steht zu erwarten, daß der weitere Reichstagsbeschluß in Sachen der Verschärfung der Disciplinargewalt des Präsidenten bald zur practischen Ausführung gelangen wird.

Die Frage d er Erhöhung der dienstlichen Bezüge des Reichskanzlers Fürst Hohenlohe kann noch «immer nicht zur Ruhe kommen. Nachdem der Reichskanzler die geplante Schenkung an ihn von jährlich 100000 Mk. aus den Mitteln des kaiserlichen Dispositions­fonds abgelehnt hat, ist von mehreren Blättern die Forderung einer Erhöhung des Gehaltes des Reichskanzlers erhoben worden, mit der Begründung, daß der erste Beamte des Reiches mit seinen dienstlichen Bezügen in Höhe von 54000 Mk. den ihm obliegenden Repräsemationspfltchten nicht genügen \ könne. Ganz abgesehen indessen davon, daß der jetzige I Reichskanzler bekanntlich em sehr reicher Mann ist, sprechen gewichtige socialpolitische Gründe gegen die geforderte Erhöhung des Gehaltes deö Reichskanzlers gerade in Berücksichtigung der Repräsentationspflichten, dieselben brauchen nicht in luxuriöser Weise ausgeübt zu werden, es würde dies das in weiten VolkSkreisen herrschende Mißvergnügen nur vermehren. Die obersten Reichs- und Staatsbeamten können ihre gesellschast- I lichen Verpflichtungen, soweit dieselben nun einmal unuwgäng- ! lich nothwendig sind, gewiß noch würdig genug erfüllen, - auch ohne daß hierbei die kostspieligen Aeußerlichkeiten des Lebens der ersten Gesellschaftskreise allzusehr betont würden.

Fürst Bismarck hat zur Stunde seine Wieder- I Übersiedelung von Barzin nach Friedrichsruhe vollzogen. Fürden Altreichskanzler knüpfte sich diesmal an den Aufenthalt ! in Varzin die schmerzlichste Erinnerung seines Lebens, der ! Verlust seiner treuen Lebensgefährtin, und gewiß wird er i diesmal in tiefschmerzlicher Bewegung von seinem hinter- pommerschen Tusculum geschieden sein. Aber die herzliche Liebe und Thetlnahme des deutschen Volkes sind dem schwer­

geprüften greisen StaatSmanne und Begründer unseres Nationalstaates auch in die Zurückgezogenheit von Friedrichs­ruhe nachgefolgt, und diese unwandelbare Gesinnung der Nation möge dem Fürsten Bismarck auch für weiterhin zum Trost gereichen.

Nenefte Nachrichten»

WolffS telegraphisches «Korrespondenz-Bure«

Rom, 20. December. Heute Abend platzte in der Maria- deifioristraße eine schwachgefüllte Petarde, ohne Schaden anzurichten.

Paris, 20. December. Das Kriegsgericht gegen DrehfuS wurde heute Mittag um 1 Uhr wieder eröffnet. Der Ausschluß der Oeffentlichkeit wird strengsten- aufrecht erhalten, nur Mitglieder deS Kriegsgerichts und die noch zu vernehmenden Zeugen werden zugelaffen. Die Umgebung deS Gebäudes ist fast menschenleer. DreyfuS verbrachte die Nacht in der Krankenabtheilung des Gerichtsgebäudes.

Paris, 20. December. Wie von unterrichteter Seite mitgetheilt wird, erklärt der Marinemtnister die Meldung der Politique Coloniale", daß die Königin von Mada­gaskar die Forderungen Frankreichs angenommen habe, für unbegründet.

Petersburg, 20. December. ES wird bestätigt, daß die Ernennung des Botschafters Schuwalow zum Genrral- gouverneur von Warschau als vollzogen angesehen werden kann.

Rewyork, 20. December. DerNewhork World" bringt eine'Beschreibung von der Einnahme von Port Arthur. Die Niedermetzelung der unbewaffneten Bewohner dauerte so lange, bis die ganze Bevölkerung niedergemacht war. BiS zum Einzug in Port Arthur war das Verhalten der Japaner dem Feinde gegenüber großmüthig. Die Japaner hatten 78 Kanonen, darunter Feldbatterien und Belagerungsgeschütze. Der Brief beschreibt ausführlich den Angriff auf die FortS und lobt die Haltung der Bertheidiger. Das Thal war mit Minen gefüllt, welche die Chinesen jedoch in der Hitze deS Gefechts zu sprengen vergaßen. Die mit Männern, Frauen und Kindern gefüllten Dschunken wurden durch Torpedos zum Sinken gebracht. Nachdem die nach der Stadt führende Brücke genommen war, entflohen die Chinesen. Die in die Stadt einziehenden Japaner fanden die Köpfe der erschlagenen Kameraden mit abgeschntttenen Nasen und Ohren vor- es folgte darauf eine große Metzelei. Die wüthenden Soldaten tödteten Jeden, der ihnen in den Weg kam, und plünderten die Stadt. In der Schlacht wurden nicht mehr als hundert Chinesen getödtet, jedoch später wenigsten- 2000 nieder- gemetzelt.

Chefoo, 20. December. Eine hier veröffentlichte Zeitung beschuldigt die Japaner, bei Port Arthur chinesische, sich der Küste nähernde Fischer zu mißhandeln, indem sie dieselben gefangen nehmen und entweder tödten oder sie zwingen, die härteste Arbeit zu verrichten.

Shanghai, 20. December. Man hat dem Prinzen Tschtng einen Paß zur Abreise verweigert. In Peking machen sich im CabinctSrath bedeutende Meinungsverschieden­heiten geltend. Prinz Tsching erwirkte zehn Tage Urlaub, angeblich krankheitshalber, nun wird er wahrscheinlich sein Amt niederlegen. Sein Rücktritt wird zweifellos angenommen werden. Der Tsung-lt Aamen hat der englischen Gesandt­schaft einen Freipaß und 50 chinesische Soldaten als Leib­wache zugestanden; anderen auswärtigen Gesandtschaften wurden Wachen von 1012 Mann beigegeben.

Depeschen des Buremr »Herold*.

Berlin, 20. December. Heute Morgen fuhr auf dem Potsdamer Ringbahnhofe ein Sonderzug auf einen Bremsbock. Ein Theil der Fahrgäste wurde leicht verletzt.

Berlin, 20. December. Der heute wegen Meineids verurtheilte Leuß hat dem Reichstag die Mittheilung gemacht, daß er sein Mandat niederlege. (S. Hannover.)

Berlin, 20. December. Die norddeutschen Antisemiten haben bis zum 15. Januar 1895 einen Parteitag nach Berlin einberufen, auf welchem die Angelegenheit Ahlwardt berathen werden soll. Es handelt sich darum, ob Ahlwardt als Hospitant oder als vollberechtigtes Mitglied der deutsch­socialen Reformpartei angehören soll. Ahlwardt, der heute aus dem Gefängnisse in Plötzensee entlassen worden ist, will unter keiner Bedingung nur als Hospitant in der Partei bleiben. Gegen Liebermann von Sonnenberg besteht in der Partei Mißstimmung, weil dieser zu sehr zu den Conservativen neigt. Man werde eventuell, um die Mitglieder nicht in die