Nr. 169 Zweites Blatt. Sonntag den 22 Juli 1894
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diese „Stadt" auf mich machte. Sie sieht schon seltsam weitem aus, da sie ganz aus rothem Backstein erbaut Ich war etwa eine Stunde lang dagewesen, als ich mit Ueberzeugung erfüllt war, die Stadt Pullman sei der Stadt versteinerte Egoismus, eine aus Backsteinen
den von ist.
der zur
meines Wissens keinen amerikanischen Millionär giebt, der sich an einem ersten großen Erfolge genügen lassen würde. Pullman wollte nicht nur eine große Centralwerkstatt, sondern auch seine eigene, nach ihm benannte Stadt haben. Zu diesem Zwecke gründete er eine große Gesellschaft, die Pullman Company, mit einem Capital von 30 Millionen Dollars. Vierzehn englische Meilen vom Mittelpunkt Chicagos kaufte diese, deren Actien heute glänzend stehen, einen Tract von 3000 Acres sumpfiges Prärieland, das zuerst trocken gelegt werden mußte. Darauf wurde nun die Stadt „Pullman" erbaut, die ich in den achtziger Jahren besucht habe. Der Kern derselben besteht natürlich aus den ungeheuren Ateliers der Gesellschaft, welche nicht nur Schlafwagen und gewöhnliche Eisenbahnwagen, sondern auch Wagen für Kabelbahnen, electrische und Tramways baut, mit einem Worte alles, was der Begriff Eisenbahnwagen im weitesten Sinne umfaßt. Diese Fabriken können im Jahre 12 000 Frachtwagen, 300 Sleepers, 600 Passagierwagen und an 1000 Straßenbahnwagen Herstellen, in denen sie, wenn in voller Arbeit, 14000 Menschen beschäftigen. Ich vergeffe nie den Eindruck,
gebildete Allegorie der rastlosen Habsucht. Ich habe seiner Zeit wiederholt Dickens „Hard Times" gelesen, kann mich aber jetzt nicht mehr an die Namen in dem Buche erinnern. Ich weiß nur, daß das Werk eine Lebensanschauung ad absurdum führt, welche in „Pullman" als Stadt personifiziert ist. Da ist Alles „Facts", Alles Arbeit, Alles Gewinn und keine Regung des Genusses und der Freude. Es giebt in der ganzen Stadt kein Plätzchen, wo man ein Glas Bier oder Wein trinken kann, denn Herr Pullman, dem hier jeder Stein, jeder Quadratzoll gehört, ist der Ansicht, ein Glas Bier zu trinken sei eine schwere Sünde. Hier wird nur für Pullman u. Co. gearbeitet und auch für dieselben Herren gegessen, getrunken und geschlafen. Es sind eine Menge von niedlichen, mit Gas, Wasser und allem modernen Comforl versehene Arbeiterhäuser da, aber Niemand, auch der Fleißigste und Sparsamste nicht, kann ein solches erwerben. Sie werden nur vermtethet und zwar zu guten Preisen, damals, so viel ich mich erinnere, zu etwa 14 Dollars im Monat. Alle Lebensbedürfniffe müssen von Pullman u. Co. gekauft werden, ihnen gehören alle Läden. Das Gas kostet 2i/4 Dollars 1000 Cubtkfuß, der Gesellschaft kommt es auf 33 Cents zu stehen. Die Stadt Chicago liefert der Gesellschaft Wasser zu 4 Cents 1000 Gallonen, die Gesellschaft verkauft es ihren Miethern zu 10 Cents. Aus dem Kloakensystem der Stadt wird ein großes Rieselfeld fruchtbar gemacht.
walttge Dampfmaschine, eine „Corliß" von 10000 Pferdekrast. Aha, sagte ich mir, das ist der Hochaltar von der ganzen Geschichte. Sie haben zwar auch eine Pullman-Ktrche, wie sie eine Pullman-Schule und -Bibliothek haben, aber der richtige Götze des Ganzen ist dieses schwarze Ungeheuer mit den sich ewig regenden schwarzen Armen. Mein schließlicher Eindruck von „Pullman" war der eine- großen Mausoleums. ES war so todtenstill in der Stadt, nirgends ein frohes lachendes Gesicht. Selbst die wohlgepflegten Rasen und die Blumenbeete um die großen Gebäude herum hatten den erkältenden Hauch von Grabdecorattonen. Im Wesentlichen ist diese Stadt, wie der Leser gesehen hat, nichts als eine Millionen- fabrtk. Und was thut der Mann mit all dem Gelbe? Für seine Arbeiter thut er nichts, er beutet sie nur aus und zwar in höchst sinnreicher doppelter Art, 24 Stunden im Tage. Was thut er für die Stadt Chicago? Er lebt da in einem herrlichen Palaste, hat die denkbar feinste Einrichtung, die feinsten Kutschen, die schönsten Pferde. Aber er trägt doch ordentlich zu den Lasten der Stadt bei, indem er eine tüchtige Steuer bezahlt? Da kennen Sie den Chicagoer Millionär schlecht. Der ist so gut wie steuerfrei. Der Steuereinschätzer kennt überhaupt keine Millionäre in Chicago, Niemand ist für den Betrag auch nur einer einzigen Million eingeschätzt. Die Leute, welche in Chicago Steuern bezahlen, sind die kleinen Leute. Hat einer ein Häuschen im Werthe von 2—3000 Dollars, so zahlt er Steuern für 1500 oder 2000 Dollars. Hat einer Millionen beim Dutzend, so zahlt er an die Stadt so gut wie nichts. Der Tax-Assessor bekommt für seinen Meineid so und so viel und Herr Pullman versteuert ein Vermögen von 12000 Dollars. Darunter befinden sich 10 Pferde, jedes geschätzt auf 20 Dollars, 6 Kutschen, jede geschätzt auf 30 Dollars, ein Piano geschätzt auf 150 Dollars!! Denken Sie sich so einen Dollarkönig in einer Dreißigdollar- kutsche hinter einem Zwanzigdollarpferd! Der SchlÜffel zu dem Geheimnisse steckt in der Thatsache, daß die Steuereinschätzer bei einem Gehalt von 1500 Dollars jährlich in vier Jahren allesammt steinreiche Leute werden. Man sollte die Naturgesetze revidieren und ihnen ein neues zufügen, daS da hieße: ein reicher Anarchist erzeugt tausend arme Anarchisten. (Ob diese Characterisirung Pullmans den Thatsachen entspricht, läßt sich aus der Ferne nicht beurtheilen. Wir erinnern uns aber eines hier gehaltenen Vortrags, in welchem behauptet wurde, daß in den Pullman-Werken die Arbeiter am Gewinn betheiligt seien. Red.)
* AuS Temesvar wird dem „Pester Lloyd" gemeldet: Die Ligeter Einwohnerin Maria Belu beschenkte ihren Gatten Georg mit Drillingen. Der hierüber verzweifelte Gatte erhängte sich auf dem Dachboden seines Hauses. Die Frau hatte ihrem Gatten früher schon zweimal Zwillinge geboren.
dem Ehrgeize Pullmans nicht genug, sowie es überhaupt | Im Mittelpunkte der Stadt erhebt sich ein hoher Bau, eine gewaltige Halle mit Kuppel, und in dieser steht und arbeitet eine ge-
VerrMchter.
* Karlsruhe, 18. Juli. Eine in geordneten Verhältnissen lebende, alleinstehende Dame in der Wilhelmsstraße wollte nach der „Karlsr. Ztg." den Hungertod sterben. Offenbar in einem Anfalle von Geistesgestörtheit hatte sich die Dame seit etwa acht Tagen in ihrer Wohnung eingeschlossen und kein Lebenszeichen mehr von sich gegeben. Der Hausherr ließ schließlich einen Schutzmann rufen, der nach mehrmaligem vergeblichem Klopfen sich gewaltsam Einlaß verschaffte. Er fand die Dame mit verbundenen Augen und starren Gesichtszügen im Bette liegen. Auf alle an sie gerichteten Fragen antwortete sie nur mit einem Seufzer. Der alsbald herbeigerufene Arzt ordnete die Ueberführung der BedauernSwerthen nach dem städtischen Krankenhause an. Die Dame hat auch dort jede Nahrung hartnäckig zurückgewiesen.
* Ein Chicagoer Millionär. In einem Artikel der „Neuen Zür. Ztg.": „Chicagoer Millionäre" plaudert M. Wyl u. A. auch über George M. Pullman, deffen Name gelegentlich des Strikes in Chicago so viel genannt wurde. M. Wyl schreibt: Nun aber, zu unserm großen Wagenfabrikanten, in dessen rollenden Palästen aus Mahagoni, Spiegelglas, Bronce und Plüsch ich so viele Nächte geschlafen habe gegen Abgabe von 2—2% Dollars die Nacht. George M. Pullman war einst ein blutarmer Mann, aber er war ein feiner Kopf für commerzielle Möglichkeiten, er war, mit einem Worte „smart“. Er faßte gar viele Dinge in sein kluges Auge, darunter auch die damaligen „sleepers“ der Eisenbahnen, ungeschlachte Dinger, von denen das Stück 4000 Dollars kostete. Pullman beurrheilte seine Landsleute, denen 15 Cents für die Cigarre oder ein Gläschen Whisky nicht zuviel ist, falls die Waare gut, sehr richtig. Für persönlichen Comfort giebt der Amerikaner williger Geld aus, wie für irgend etwas anderes, und als daher Pullman seinen ersten eleeper für 18 000 Dollars construiert hatte, in dem es sich schlafen ließ, wie in einem Hotel erster Klasse, da behielt er Recht, und nicht die sonst sehr klugen Leute, die da meinten, der neue Comfort werde dem großen Publikum zu theuer sein. Die Leute zahlten willig 1/2—1 Dollar mehr wie in den alten Schlafwagen, und heute läßt Pullman in ganz Amerika 2000 seiner Schlafpaläste laufen, die er seine „Fotte" nennt. Daneben hat er 58 Speisewagen und 650 Buffetwagen. In den ersteren bekommt man nur vollständige Mahlzeiten, in den letzteren alle bedenklichen Kleinigkeiten der amerikanischen Schnellküche und kalte Sachen. In derselben Zeit, wo Pullman Millionär wurde, brachten es auch Marschall Field und Armour zu diesem Range. Beide dadurch, daß sie billiger verkauften, als alle ihre Concurrenten. Das ^hat Pullman nie gethan,- er rechnete stets auf die Kundschaft Derer, die das Beste im Markte für das Billigste halten. Aber große Werkstätten und großer Reichthum waren
Fniilleton.
Wochenbriefr ans der Residenz.
(Originalbericht für dm „Gießmer Anzeiger".)
Z. Darmstadt, 20. Juli.
Vom Wetter. Rennen des Radfahrer-Vereins. Hauptfest des allgemeinen deutschen Gustav-Adolf-Vereius.
Nach der Gluthhitze in den Tagen des Musikfestes hat sich bei uns ein Wetter eingestellt, wie es eigentlich für den April nicht characteristischer sein kann. Ein fahles Grau lagert über der Stadt, das von Zeit zu Zeit heftige Regenschauer herniedersendet, sodaß die Floßrinnen der Straßen zu Bächen werden und die Canäle kaum im Stande sind, die gewaltigen Wassermaffen wegzubefördern. Dabei hat sich ein orkanartiger Sturm erhoben, der über die Stadt hinbrauft mit einem Getöse, als ob weiland Rodensteiner wiederum im Anzuge wäre, um seinen ungetreuen Knappen zu holen. Das Schlimmste dabei sind die Verheerungen, die der Wind in den Gärten und unseren herrlichen Anlagen anrichtet, so gab es Tage, an denen der Herrngarten und der Bessunger Orangeriegarten einen Anblick boten, wie ein frisch durchforsteter Wald, die Erde war geradezu übersät von Aesten und ganz ansehnliche Bäume waren in der Mitte des Stammes abgeknickt. Auch an der Festhalle hat der Sturm recht weidlich herumgezaust und dadurch mancherlei Unheil und Schaden, wenn auch, wie bei der Solidität des Baues nicht anders zu erwarten stand, nicht sehr erheblicher Natur, angerichtet. Selbstverständlich hatte denn auch dies unfreund- ltche Wetter auf die Frequenz der letzten Veranstaltungen des Musikfestes einen erheblichen Einfluß. Um auch den weniger
Bemittelten die Herz und Auge erfreuenden Wunder gärt- I nerischer Kunst zugänglich zu machen, hatte der Wirthschafts- I Ausschuß für letzten Samstag und Sonntag Nachfeierlichkeiten veranstaltet, die gegen ein geringes Eintrittsgeld besucht werden konnten. Aber wie schon gesagt, der Besuch blieb hinter den Erwartungen der Arrangeure zurück, obwohl sie Alles auf- geboten hatten, um den Abschluß der Festlichkeiten recht glanzvoll zu gestalten. Natürlich mag auch auf Rechnung der Ermüdung der Residenzler, denn auch Feste ermüden mit der Zeit, und besonders Musikfeste, ein erheblicher Factor zu setzen sein.
Recht unangenehm ist das unfreundliche Wetter auch für unser Großherzogliches Paar, das, wie schon an dieser Stelle mitgetheilt, sich auf dem in der Nähe Langens gelegenen Jagdschloffe Wolfsgarten befindet. Wolfsgarten ist ein altes, einfaches Gebäude, das sowohl von der Station Egelsbach der Main-Neckar-Bahn, als auch von dem schon genannten Langen in wenigen Minuten erreichbar ist. Ganz versteckt im Walde liegend und überragt von uralten riesigen Buchen und Eichen macht der große viereckige Schloßhof, auf den man von der Terrasse der Rückseite des langgestreckten Hauplbaues niederblickt, einen recht imposanten Eindruck. Doch wenn regnerisches Wetter und der Boden aufgeweicht ist durch die Näffe, dann ist man eben gebunden ans Zimmer, was um so unangenehmer ist, als auch durch den großartigen Park, der das Schloß umgibt, fast jede Aussicht genommen wird. So leidet denn Alles unter der Ungunst der Witterung und hofft täglich und stündlich, daß doch endlich ein energischer Wechsel eintreten möge.
Besonders dem hiesigen Radfahrer-Verein wäre dieser Witterungswechsel recht wohl zu gönnen, der auf seiner neu angelegten und mit allen Mitteln der Technik vervoll
kommneten Rennbahn an der Heidelbergerstraße am nächsten Sonntag sein erstes Meeting abzuhalten gedenkt. Der Festausschuß hat sich alle nur erdenkliche Mühe gegeben, um ein Sportfest großen Stils zu arrangiren, wie es Darmstadts, dessen Name auf den deutschen Radrennbahnen gerade in diesem Jahre oft mit großer Ehre genannt wurde, würdig ist. Aus allen Theilen unseres engeren und wetteren Vaterlandes haben sich bedeutende Rennfahrer gemeldet, die sich an den Kämpfen betheiligen wollen, während viele Clubs von nah und fern ihre Theilnahme an dem Fest-Corso zusagten. Hoffen wir also, daß der Himmel ein Einsehen hat und die mühevollen Arbeiten und Vorbereitungen durch recht günstiges Wetter belohnt.
Eine festliche Veranstaltung wesentlich anderer Art steht unserer Stadt dann in der zweiten Woche des Septembers, voraussichtlich am 11., 12. und 13., bevor. Der evangelische Verein der Gustav-Adolf-Stiftung gedenkt nämlich seine diesjährige (47.) Hauptversammlung in unseren Mauern, in seiner eigentlichen Geburtsstätte abzuhalten. Hervorragende Kanzelredner haben ihre Mitwirkung bei den Feierlichkeiten schon zugesagt. Außerdem soll aber zur nämlichen Zeit das schon längst zur Aufführung projectirte Devrient'sche Festspiel „Gustav Adols" nun denn doch wiedergegeben werden. Bekanntlich war durch den Tod des Verfaffers die Frage nach dem Regisseur des Ganzen eine brennende geworden, die der Aufführung des Stückes große Hinderntffe in den Weg stellte. Nunmehr hat sich in der Person des vom Wormser Luther- feftspiel wohlbekannten Hofschauspielers Baffermann eine zur Leitung des Ganzen geeignete Persönlichkeit gefunden, unter deren Regie der „Gustav Adolf" hoffentlich ebenso glücklich in Scene geht.


