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22.4.1894 Zweites Blatt
 
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GefuvdheitSuachtheile der Großstädte. Zu den lehr­reichsten Borträgen, die während deS medicinischen Congresses in Rom gehalten worben sind, gehört eine von dem Ehren­präsidenten der hygienischen EoNgreß-Section, Prof. Finkeln- bürg auS Bonn gegebene Schilderung der social hygienischen Nachtheile, die aus dem in allen modernen Eulturstaaten bemerkbaren raschen Anwachsen großer BevölkerungS- und Jndustrie-Lentren entspringen. Durch die großen Erfolge der practischen Hygiene gegen die Verbreitung acuter Jn- fectionSkrankheiten, die bis jetzt vornehmlich den größeren städtischen Gemeinwesen zu Statten gekommen, seien die hygienischen Bedenken gegen die fortschreitende Centralisation der öffentlichen Anstalten und der wichtigsten Arbeitsstätten in größeren Städten keineswegs beseitigt. Auch in den am besten mit sanitären Einrichtungen versorgten und von Jn- fectionSkrankheiten wenig heimgesuchten Städten bleibe unter der ärmeren BevölkerungSmasse die Kindersterblichkeit groß. Dieselben socialen Ursachen aber, welche durch Mangel an Pflege zu viele Kinder sterben lassen, wirken auch mehr oder weniger schwächend aus die Ueberlebeuden- die Folge davon ist eine verminderte Kräftigkeit, Dienst- und Arbeitsfähigkeit der Heranwachsenden Generation. Außerdem aber nimmt, wie die vom Vortragenden dem Congreß vorgelegten statistischen Untersuchungen bezüglich Deutschlands beweisen, in den Städten die Häufigkeit der Gehirn-, Herz- und Nierenerkrankungen in gleichem Berhältniß mit der Größe der Bevölkerung zu, und daffelbe gilt in noch erhöhtem Maße von den Geistesstörungen. Die Ursachen dieser Erscheinung sind wesentlich socialer Natur. Sie beruhen in der Summe von Ueberreizungen deS Nerven­systems, die das gesellschaftliche, sittliche und geschäftliche Treiben der großen Städte mit sich bringt, in den beständigen Anreizen zur Begehrlichkeit und Genußsucht, zu Leidenschaften edelster, wie gemeinster Gattung, in dem fieberhaften Arbeiten unter der Peitsche schonungsloser Eoncurrenz rc. Dazu kommt die Wirkung deS AlkoholmtßbrauchS, deffen Ausdehnung mit der Größe der Städte zu wachsen pflegt. Auf Grund der dargelegten, durch statistische Tafeln veranschaulichten That- fachen erklärte Vortragender unter dem Beifall der Ver­sammlung, daß es im Interesse der Volksgesundheit geboten sei, der fortschreitenden Centralisirung unseres öffentlichen und gewerblichen Lebens in anwachscnden Großstädten nach Kräften entgegenzuwirken, und daß dieses Gebot der Hygiene namentlich für junge, in rascher Entwicklung ihrer Metropolen begriffene Reiche, wie Dcurschland und Italien, doppelt be- herzigenSwerth sei.

Antwerpen, 18. April. Schon seit Monaten geht das Gerücht über Vergiftung von drei Verwandten einer hier hoch angesehenen Familie. Endlich nahm der Gerichts­hof die Angelegenheit in die Hand, und mit Spannung er- wartete man das Ergebniß der Untersuchung der auf An­weisung deS Gerichts ausgegrabenen Leichen der so plötzlich verstorbenen Glieder der betreffenden Familie. Die dazu ernannten Aerzte und Chemiker schienen nichts ausfinden zu können, waS irgendeinen Anhaltspunkt zur Bestätigung des verbreiteten Gerüchtes gebe, und die Blätter drückten sich sehr zurückhaltend und vorsichtig aus, da der Ruf einer hoch­gestellten Familie auf dem Spiele stand- man drang darauf, endlich Aufklärung vom Gerichte zu erhalten, damit die Ver­dächtigung, die schon viele Wochen schwer auf der betreffenden Familie lastete, endlich als grundlos bezeichnet und so der Familie die Ruhe und Achtung wiedergegeben werde. Da trat plötzlich eine Wendung ein, indem die Verhaftung sineS der Familienmitglieder am Dienstag vorgenommen wurde und zwar der Frau Joniaux, Tochter deS verstorbenen Generals Ablay, wegen Verdachts, drei Personen vergiftet zu haben, nämlich ihre Schwester, ihren Bruder und den Oheim ihres ManneS. Der Untersuchungsrichter Hagoit vernahm die Frau Joniaux im Justizgebäude, während ihr Manu im Zeugenzimmer auf sie wartete. Zum Schlüsse des Verhörs eifiärte ihr der Richter, daß er sich veranlaßt sehe, einen Verhaftungsbefehl gegen sie zu erlassen. Frau Joniaux schien dies mit sehr großer Ruhe aufzunehmen und bat den Untersuchungsrichter, ihr zu erlauben, ihrem Gemahl ein Gebund Schlüffcl und ihren Regenschirm zu übergeben. Dies werde ich selbst besorgen, erwiderte der Richter, und Frau Joniaux wurde in das Zellengefängniß abgeführt. Frau Joniaux ist 52 Jahre alt und wie schon gesagt, die Tochter des Generals Ablay. Sie war in erster Ehe mit einem Herrn F. Faber, einem Freunde ihres zweiten Gemahls, verheirathel. Dieser heirathele sie, nachdem seine erste Frau infolge eines Wochenbettes ve schieden war. Herr Heinrich Joniaux, Sohn eines Arztes, ist in Genf geboren, zählt an­nähernd 48 Jahre, hat glänzende Studien gemacht, ist Chef- Ingenieur für Brücken- und Wegebau, Director 1. Klasse, Ritter des Leopoldordens und wohnt in Antwerpen. Aus seiner ersten Ehe mit Fräulein D., Tochter eines Bor- gesetzten in Namur, der später als Generalinspector nach Brüssel versetzt wurde, wo dieser gestorben ist, hatte er vier Kinder, wovon noch drei am Leben sind, zwei Töchter und ein Sohn. Frau Joniaux wird als intelligent, aber sehr dem Luxus ergeben und leidenschaftlich dem Spiel huldigend geschildert. Sie gab große Festlichkeiten, die von der Nachbar­

schast bitter bekrittelt wurden und zu allerlei Erzählungen Anlaß gaben, die bald in noch böswilligere Gerüchte aus liefen. Dreimal kurz nacheinander trug man die Leichen von Plötzlich verstorbenen Verwandten aus ihrer Wohnung hinaus. Herr JacqueS Van de Kerkhove, Besitzer eines beträchtlichen Vermögens, sollte ihr ein bedeutendes Ber- mächtniß hinterlassen haben und die beiden anderen waren zu hohen Summen zu Gunsten der Eheleute Joniaux ver­sichert- Grund genug, um böse Gerüchte auskommcn zu lasten. Wie die Gazette mittheilt, hätte die Untersuchung der aus­gegrabenen Körper ergeben, daß der Köiper des H:rrn Van de Kerkhove auS Gent, der ein Oheim des Herrn Joniaux und in dessen Wohnung nach einem Familienrssen gestorben war, mit Morphium durchsättigt sei. Auch soll tm Körper des Herrn Alfred Ablay, deS Bruders der Frau Joniaux, Morphium gesunden worden sein. Daher die Verhaftung. _________

Literatur und Aunst.

Collection HarUeben. Dierzehntägig wird ein Band ausgegeben: Preis des Bandes elcg. geb. 75 Pjg. Pränumeration für ein Jahr (26 Bände) 19 Mr. A. HarttebenS Verlag, Wi-n. Bisher 21 Bände des zweiten Jahrganges erschienen. Die neuen Bände dieser sorgfällig redigirten Sammlung vorzüglicher Romane sind ganz darnach angcihon, die Belteblhcit d.rCollection Har ticken zu fördern, welche sich so rasch eingebürgert hat, wctl sie nur an­erkannt GuteS in schöner Ausstattung, gebunden, zu fabelhaft btllü en Preisen lufetl und so Jedermann Gelegenheit bietet, sich mit den bescheidenst-n Mitteln eine schöne belletristische Bibliothek anzuleg n. Das Programm deS zweiten Jahrgangs derCollection Hartlelr». umfaßt folgende Werke: Band IIII Kraszewski, Am Hofe Aupun des Starken (Gräfin Cosel). IV Rovetta, Der erste Liebhaber Vr 1 Delpit, Thercsine. VII Rosegger, Streit und Steg. VIII Dun as. Sohn, Diana de LyS. IX-XI Herlohsohn. Wallensteins erste ^i.be. XII Besozzi, Späte Einsicht. XIII und XIV Eue, Kinder ber Liebe. XV Degr6 Blaues Blut. XVI und XVII Sand, Bekenntnisse e., eS jungcn Mädchens. XVIII-XX Bell, Die Waise aus Lowood. XXI und XXII Flaubert, Mad. Booary. XXIII Gaskel, Eine R cvt. XXIVXXVI Dumas, Der Chevatier von Maison Rouge. Auch der erste Jahrgang derCollection Hartleben" ist noch (in 26 Bänden) beliebig zu haben.

Kür bie CatschLdtgung unschuldig Berurtheilter tritt daS neueste Heft der illustrirten ^amiltenzeitlchrtfl ,3ut (»niete ttunbe* (Berlin, W., 57, Deutsches VerlagShauS Bong K Eo., Preis deS VierzchntagSheftes 40 Pf.) in einem gtdiegcnen Artikel ein, der den Landrichter Dr. Felisch in Berlin zum Verfasser hat. Der Artikel ist nahezu erschöpfend und verlangt eine Entschädigung nicht nur für unschuldig Verurthetlte, sondern nachdrücklich auch für die­jenigen Personen, welche schuldlos in UntersuchungShast gezogen wurden. Der durchaus sachliche Artikel ist geeignet, die weitesten Kreise zu 'wiederholter Erwägung der wichtigen Frage anzuregen.

Feuilleton.

Wochenbriefe aus der Residenz.

(Originalbericht für denGießener Anzeiger".)

Z. Darmstadt, 19. April.

Am Vorabend deS EinzugStages. Die Roquetle-Feier.

Wenn dieses Blatt in die Hände Ihrer Leser gelangt, dann ist der Hauptfesttag, den uuS d^se Woche bringt, schon vorüber, daS Großherzogliche Paar weilt dann schon in der hessischen Residenz. So muß denn unsere Berichterstattung für diesmal den Ereignissen selbst nachhinken und so soll denn auch heute in wenigen Zügen das jüngst entworfene Bild von der Ausschmückung der Stadt vervollkommnen helfen, damit sich Ihre Leser, soweit sie in Darmstadt bekannt sind, eine Vorstellung von der Ausdehnung und festlichen Pracht deS Schmuckes der Stadt machen können. Wir schilderten neulich vor Allem die von der Stadt decorirten Straßen. Deren festlicher Aufputz ist nun auch inzwischen vielfach ver­vollständigt und noch verschönert worden. Vor Allem hat man die großen Ehrenpforten in der Rheinstraße und am oberen Ende der Wilhelminenstraße nunmehr ganz vollendet und deren Anblick bietet gegenwärtig eine wundervolle Augen­weide. Leicht und gefällig ragen die schlanken Formen dieser beiden Triumphbögen empor, über und über mit Fahnen, Wappen, Guirlanden, den Namenszügen des hoben Paares u. s. w. bedeckt. Beim Glanze der elektrischen Sonnen am Abend dürfte sich die malerische Wirkung dieser Decoration noch erhöhen. E.nen prächtigen Anblick bietet dann vor Allem die Ludwigsstraße. Hier haben sich die Bewohner fast sämmtlicher Häuser vereint, um eine einheitliche Decoration durchzuführen. Bunte Guirlanden Überspannen die ganze Straße und wölben sich hoch oben zu natürlichen Ehrenpforten. Alle Häuser sind vom Dach bis zum Keller hinab in frisches Grün und bunte Farben gehüllt, die Schaufenster sämmtlicher Läden sind prachtvoll arrangirt und weisen in ihrer Aus­

stattung alle aus daS hohe Fest hin, das im Augenblicke ganz I Hessen mit seinem Fürstenhause begeht. Ihnen heute noch I über die Vervollständigung des Festprogramms u. s. w. zu berichten, wäre werthlos, da diese Zeilen ja doch erst nach Verlauf der Feier selbst in die Hände Ihrer Leser gelangen und Ihr Blatt über alle Einzelheiten ja auch baldigst genauen Specialbericht erhält. Aber es ist doch hochintereffant, das stille Darmstadt in dem fröhlichen Festtrubel in all der Auf­regung, mit den letzten Zurüstungen und Vorbereitungen be­schäftigt, zu beobachten, wie sich da Alles beeilt, fertig zu werden, ohne ernstlich wegen der Witterung Sorge zu tragen, voll srohrr Hoffnung, der Himmel werde schließlich doch noch ein Einsehen haben und beim Einzuge ein fröhliches, heiteres Aussehen zeigen, anstatt dieser grauen Griesgram­miene, die er augenblicklich aufweist. Möge sich inzwischen dieser Wunsch erfüllt haben und der Einzug bei hellem Sonnen­schein verlausen fein.

Doch nun zu einer anderen Feier, die diese Woche statt- gefunden, zur Beschreibung von Otto Roquettes 7 0. Ge­burtstags fest. In dem Trubel dieser Festwoche ist es freilich nicht so hervorgetreten, wie das zu anderer Zeit wohl der Fall gewesen wäre, immerhin sind dem greifen Dichter herzliche und ehrenvolle Decorationen in großer Zahl dargebracht worden. Am Dienstag wurde zur Feier des Geburtstagsfestes, daS eigentlich auf den 19. April fällt, ein neues Schauspiel von Otto Roquette,Die Schweden in Alt­dorf", aufgesührt. Es ist ein Jahr nach dem Frieden von Utrecht, 1649, in dem kleinen Un versitätsstädtchen Altdorf, unweit Nürnberg. Noch Hausen die Schweden in deutschen Landen und besonders das kleine Altdorf bat schwer unter der Willkür der fremden KriegSschaaren zu liiden. Eine Episode au3 dieser Zeit führt unS Roquettes Stück vor. Ein flotter Altdorfer Student geräth mit dem schwedischen KriegS- volk in Händel, wird gefangen, doch gelingt es ihm, zu ent kommen. Aber abermals icheint ihn das Ge'cknck in d e Hände seiner Feinde fallen lassen zu wollen, >'chon droht ihm der sichere Tod, da naht ihm plötzliche Rettung, Altdorf ird von der

Schwedenplage befreit und Alles endet in Jubel und Freude. Auf eine Schilderung des ganzen Inhaltes können wir uns hier nicht einlassen, diese dürftigen Angaben sollen nur ganz kurz angeben, um was es sich in der Dichtung handelt. Die Scenenführung in dem Schauspiel und die Characterschilberung der einzelnen Personen, besonders des flotten Studenten Wendelin, einiger Typen aus der schwedischen Soldateska und einiger Altdorfer Spießbürger, das alles verräth wiederum daS liebenswürdige Talent deS Dichters und hat ihm denn auch am Dienstag zu einem vollen Erfolge verholfen. DaS Publikum rief Roquette nach den Actschlüssen heraus und bedeckte ihn mit reichen Lorbeerspenden. Eröffnet wurde die Festvorstellung durch einen Prolog, den Freiherr Schenk zu SchweinSberg gedichtet hatte. In schwungvollen Serien wurde darin deS Dichters Schaffen gerühmt und ihm herzliche Wünsche dargebracht Nach Schluß der Vorstellung sand dann noch eine kleine vom Hoftheaterpersonal veranstaltete Feier statt. Am Donnerstag, dem eigentlichen Geburtstage, folgte bann noch eine Feier in der Aula des Realgymnasiums. Hier gedachte vor Allem Herr Gymnasialontctvr Professor Nodnagel in beredten Worten der poetischen Thätigkeit Otto Roquettes. Auch die Technische Hochschule, deren Lehrkörper er ja schon lange Jahre angehört, feierte den Dichter in ge­bührender Weise. Se. Königl Hoheit ber Großherzog halte trotz aller Vorbereitungen zur Hochzeitsfeier nicht vergessen, welchen Festtag unser einheimischerpoeta laureatus" beging unb ihm sein Bild mit eigenhändiger Widmung in prach vollem Rahmen übersandt. Auch Prinz Wilhelm sprach persönlich bei Prof. Roquette vor unb überbrachte ein prachivolleS Blumenarrangement aus den Gärten der Roienhöhe. Von nah und fern trafen natürlich Glückwünsche em «rb so Haden bie geräuschvollen Festtage dieser Woche doch den Character ber schönen Feier zu Ehren bes greifen Dichters nicht beein­trächtigt. Hat sie auch nach außen hin weniger viel von sich reden gemacht, so jft sie doch in schönster Weise verlaufen und wird dem Gefeierten sicher für alle Zeiten in Erinnerung bleiten.