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Der Hiehener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme dkS Montags.
Die Gießmer AamitienSsLIler werdm dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
Zweites Blatt. Donnerstag den 21. Juni
Gießener Anzeiger
Kenerat-Mizeiger.
1894
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Tie feierliche Grundsteinlegung für den Dom zu Berlin.
Berlin, 17. Juni.
Bei prächtigem Wetter hat heute Vormittag um lV/a Uhr die feierliche Grundsteinlegung für den Berliner Dom stattgefunden, ein Ereigniß, welches, wie Hof. und Domprediger Bi er egge in feiner Ansprache mit Recht heroorhob, nicht nur für Berlin und Umgebung, sondern weit darüber hinan» seine hohe Bedeutung hat.
Bor 143 Jahren von Friedrich dem Großen erbaut und von Friedrich Wilhelm III. in den Jahren 1816—20 umgebaut, faßte schon König Friedrich Wilhelm IV. und nach ihm Kaiser Wilhelm I. den Plan, ein würdiges Gotteshaus an die Stelle deS alten Berliner Doms zu setzen. Nachdem Kaiser Friedrich III. sofort nach seinem Regierungsantritt diesen Plan weiter ausbaute, konnte heute, unter der Regierung Kaiser Wilhelm II., endlich der Grundstein zu dem neuen GotteShause gelegt werden, dessen Vollendung zu Ende des gegenwärtigen oder zu Anfang deS nächsten Jahrhunderts erfolgen dürfte, wenigstens insoweit, daß der Gottesdienst daselbst bereits wieder abgehalten werden kann.
Die Feier selbst erhielt durch die Anwesenheit der Majestäten, der Prinzen und Prinzessinnen deS Königlichen Hauses und der Prinzen und Prinzessinnen auS anderen souveränen Häusern, nebst den Hofstaaten, und der zahlreichen hohen Würdenträger eine ganz besondere Weihe.
Außer Ihren Kaiserlichen und Königlichen Majestäten und den dret ältesten Kaiserlichen Prinzen waren folgende höchste Herrschaften zugegen: Ihre Königliche Hoheiten Prinz und Prinzessin Friedrich Leopold von Preußen, Ihre Königlichen Hoheiten Prinz Friedrich Heinrich und Prinz Joachim Albrecht von Preußen, Seine Königliche Hoheit der Erbprinz von Sachsen-Coburg und Gotha, Ihre Hoheiten Herzog und Herzogin Johann Albrecht von Mecklenburg, Ihre Königliche Hoheit Herzogin Wilhelm von Mecklenburg, Ihre Durchlaucht Prinz und Prinzessin Aribert von Anhalt, Seine Hoheit Prinz Albert von SchleSwig-Holftein'Sonderburg'GlückSburg, Seine Durchlaucht und Ihre Königliche Hoheit Erbprinz und Erbprinzessin von Hohenzollern und Ihre Durchlaucht Prinz und Prinzessin Friedrich von Hohenzollern. Außerdem waren, wie erwähnt, das höhere Beamtenthum und die geistlichen Würdenträger in großer Zahl bei der Feier zugegen, die Generalität vollzählig.
Wir bemerkten u. A.: den Reichskanzler Grafen Caprivi, den Feldmarschall Grafen v. Blumenthal, den Gouverneur Generaloberst v. Pape, den Präsidenten des Königl. StaaiS- ministeriumS Grafen zu Eulenburg, den Königl. Hausminister v. Wedel, die Minister Dr. Miquel, Thielen und Dr. Bosse, den Kriegsminister Bronsart von Sckellendorf, den Präsidenten des Evangelischen OberkirchenrathS D. Barkhausen usw., ferner waren die Obersten Hof«, die Oberhof- und die Dice- Ober-Hos-Chargen, die Cabtnetschefs und daS Hauptquartier Sr. Majestät des Kaisers und Königs erscheinen. Eine
Compagnie üeS 3. Garde-Regiments z. F. mit Fahnen und Musik hatte außerhalb deS eigentlichen FestplatzeS, Front gegen das Kaiserzelt, Aufstellung genommen. Die Tribünen waren dicht besetzt, nicht minder die Abtheilungen für die Stehplätze. Dem Kaiserzelte gegenüber waren auf einer erhöhten Tribütte das Bläserchor und der Domchor unter Leitung des Pros. Becker placirt. Bor dem Kaiserzelte befand sich die Rolle, wo der Grundstein verlegt werden soll.
Präcise ll1/, Uhr trafen die Majestäten mit den drei ältesten Kaiserlichen Prinzen auf dem Festplatze ein. Seine Majestät schritt zunächst die Front der Ehrencompagnie ab, während Ihre Majestät die Kaiserin ins Zelt trat. Als Seine Majestät alsbald Allerhöchstderselben folgte, nahm die Feier ihren Anfang. Der Bläserchor intonirte „Lobe den Herrn, den mächtigen König der Ehren", die Anwesenden sangen zwei Verse desielben, worauf Hof- und Domprediger Vieregge die Festansprache hielt, der er das Textwort aus 1. Buch Könige Cap. 5 V. 4 u. 5 zu Grunde legte. Er schilderte in glühenden Farben die Bestimmung des auf diesem Platze zu erbauenden Gotteshauses in eingehender Weise und hob besonders den evangelischen Charaeter desielben hervor, sogleich den Segen des Herrn auf diesen Bau herabflehend. Nach Gesang des Domchor erfolgte die Verlesung der Stiftungsurkunde durch den Vorsitzenden der Dombau-Com- Mission, Minister des Königlichen Hanse» v. Wedel. Diese in einen gläsernen Cylinder eingeschlossene und in den Grundstein gelegte Urkunde lautet wie folgt:
„Im Namen GotleS, des Vaters, des SohneS und deS helligm Geiste».
Wir Wilhelm
von Gottes Gnaden deutscher Kaiser, König von Preußen, urkunden und bekennen hiermit, daß Wir beschlossen haben, am heutigen vierten Sonntage nach dem Feste der heiligen Dreieinigkeit den Grundstein za dem Neubau der Domkirche in Unserer Haupt- und Residenzstadt Berlin zu legen.
143 Jahre hat aut diesem Platze die alte Dom-Kirche gestanden, von König Friedrich dem Großen errichtet, von Unserem in Gott ruhenden Herrn Urgroßvater König Friedrich Wilhelm III. in den Jahren 1816 bis 1820 umgebaut. Dieselbe entsprach räumlich und künstlerisch den Anforderungen der neuen Zeit nicht mehr. Deshalb beschloß und begann schon König Friedrich WUhelm IV. bald nach Seinem Regierungsantritt den Neubau deS DomS und einer mit demselben verbundenen Grabstätte für Unser Königliches Haus. Die Ungunst der Zeiten hinderte die Vollendung des Baues. Ihn zur Ausführung zu bringen, erachtete Unser unvergeßlicher Herr Groß- vZler Katier und König Wilhelm I. als ein Ihm überkommenes heiliges Vermächtniß' Rach Seinem letzten Willen sollte der neue Dom ein Denkmal deS Dankes von Fürst und Volk für die göttliche Gnade sein, welch: sich in dm glorreichm Creignisien der Jahre 1870 und 1871 offenbart und Prcutzcn und die mit ihm verbundenen deutschen Stämme zum Siege geführt babe. Bereits wenige Tage nach Seiner ThtonbeNeigung befahlen Unser vielgeliebter Herr Vater Kaiser und König Fliedrich III. die Wiederaufnahme der Vorbei ettungen zu dem Bau, doch ein schweres Geschick vergönnte Ihm nicht, denseldm auszusühren.
So ist denn die Erfüllung jenes Vermächtnisses UnS überkommen. lieber dem Grundstein, dm Wir heute legm, soll sich ein Gotteshaus erhebm, würdig des Platzes, auf welchem Wir stehen. In dankenswerthem Entgegenkommen hat der Landtag Unserer
Monarchie zur Bestreitung der Kostm dieses Baue», der nach dm Entwürfen deS Geheimen ReaierungSrathS Profesior» Raschdorff ausgeführt werdm soll, die Summe von zehn Millionen Mark bewilligt.
Der Segen deS allmächtigen Gotte» begleite dieses Werk und lasse e6 vollendet werden zu Seiner Ehre und zum Preise Seine» heiligen Ramm».
Gegeben zu Berlin am siebzehnten Tage de» Monats Juni im Jahre de» Heils Eintausend Achthundert vier und neunzig, Unserer Regierung im siebenten.
gez. Wilhelm B.
Nach Verlesung dieser Urkunde wurde dieselbe auf oben geschilderte Weise in den Grundstein gelegt und eS erfolgte bann die Verlegung deS letzteren unter Gesang deS Dom- chorS. Hierauf vollzogen Ihre Majestäten die drei Hammerschläge. Seine Majestät der Kaiser begleitete dieselben mit den Worten: „Zur Ehre GotteS, deS BaterS, des Sohne» und des heiligen Geistes!"
Nach den Majestäten vollzogen ferner die üblichen drei Hammerschläge der Reihenfolge nach: S. K. u. K. H. der Kronprinz, J.J. K.K. H.H. die Prinzen Eitel Friedrich und Adalbert, ferner die Prinzen und Prinzessinnen des Königlichen Hauses und die Prinzen und Prinzessinnen souveräner Häuser, der Reichskanzler Graf Caprivi, der Gencralfeld- marschall Graf v. Blumenthal, der Gouverneur Generaloberst v. Pape, der Präsident des Kgl. StaatSministerium» Graf zu Eulenburg, der Minister des Kgl. Hauses v. Wedel, der Finanzmintster Dr. Miquel, der Minister der öffentlichen Arbeiten Thielen, der Minister der geistlichen rc. Angelegenheiten Dr. Bosie, der Kriegsminister Bronsart v. Schellendorf, der Präsident deS Evang. Ober-KirchenrathS Dr. Barkhausen, der Kommandant Generalmajor v. Ratzmer, der Polizei-Präsident Frhr. v. Rtchthofen, der Oberbürgermeister Zelle, der Hof- und Domprediger Vieregge, der Hof- und Domprediger General-Sup. Faber, der Hof- und Domprediger Kritzinger und der Dombaumeister Geh. Reg.»Rath Profeffor Raschdorff. DaS Schlußgebet, in welchem den Hoffnungen Ausdruck gegeben wurde, welche für die Zukunft nach Vollendung deS Baues, zu hegen seien, sowohl in Bezug auf das Herrscherhaus, daS Volk, die Armee, Wiffenschast und Kunst u. f. w., hielt der General - Superintendent Faber, welcher dann auch den Segen ertheilte. Den Schluß der Feier bildete der Gesang der Gemeinde und deS DomchorS: „Wir treten zum Beten vor Gott den Gerechten!"
Als die letzten Töne verklungen waren, fiel der Bläser- chor mit dem „Heil Dir im Siegerkranz" ein, welches er schon vorher nach den Hammerschlägen deS Kaiser» intonirt hatte. Der Kaiser zog nach der Feier noch verschiedene»Herren ins Gespräch, so u. A. den Oberbürgermeister Zelle. Kurz vor 12l/2 Uhr bestiegen Ihre Majestäten mit den beiden älteste« Kaiserlichen Prinzen die vierspännige Hofequipage und fuhren nach dem Kgl. Schlöffe. Prinz Adalbert folgte in einem zweiten Wagen an der Seite des militärischen Erzieher» Major» v. Falkenhayn.
Feuilleton.
D a 9 Morseblümchen.
Novellette von Friedrich Bücker.
(2. Fortsetzung.)
„Ich verstehe, Frau Baronin," nahm der Attachs nach einer Pause mit klangloser Stimme baß Wort, „jene Ge- liebte beö Proseffors trat Ihnen heute Abenb als Anna von Ablar entgegen."
„Sie können nicht baran zweifeln, denn Sie haben der ErkennungSscene beigewohnt. Ich würde den Auftritt nicht herbeigeführt haben, wenn ich nicht die Bemerkung gemacht hatte, daß Sie die Dame auffallend auSzeichneten und ihr Huldigungen darbrachten, die auf zarte Herzensbeziehungen schließen laffen. Als Ihre und Ihrer Eltern Bekannte hielt ich eS für meine Pflicht, Ihnen die Augen zu öffnen und Sie vor weiterer Annäherung zu warnen."
Aus Herrn Wormstalls Antlitz war alles Blut gewichen. Er war eben im Begriff, sich zu erheben und der Baronin mit einem Dank für die Mitthetlung die Hand zu reichen, alS er wieder auf seinen Sitz zurucksank und gespannt fragte: _
„Hat Ihre Geschichte noch eine Fortsetzung, Frau Baronin?" , ,
„Gewiß hat sie eine solche," erwiderte Baronin v. Taube and eine jähe Röthe färbte ihre Wangen, „aber diese Fort- setzung hat die Adlar nur ihrem Tagebuch anvertrant, daß
sie in einer Kasette ausbewahrt, die sie wie ihren Augapfel hütet."
„Kehrte Fräulein von Adlar zu Ihnen zurück und blieb sie noch lange bei Ihnen?" fragte der Attache gespannt.
„Sie kehrte zur bestimmten Zeit zurück und zwar allein. Profeffor Ende hatte sich vom Kaukasuß über Persien noch Indien begeben, um von da zu Schiff nach Europa zurückzukehren. Sie vergötterte den Profeffor und schwärmte für Rußland und die Erfindung der electtischen Telegraphie . ."
Die Baronin warf bei diesen Worten dem Attache einen bedeutsamen Blick zu.
„Ja, die electrische Telegraphie galt ihr für die größte Errungenschaft des menschlichen Geistes," fuhr die Baronin fort, „sie hatte in der kurzen Zeit ihrer Abwesenheit das Telegraphiren so erlernt, daß fie eß mit dem geübtesten Telegraphisten aufnehmen konnte. Sie bedurfte beß Morse'schen Papierbandes gar nicht mehr, sondern fie hörte jede Depesche nach den verschiedentlich erfolgten Schlagen deß Morse-Appa- rateß. Sie konnte eigenhändig in jeder beliebigen Sprache telegraphiren, denn sie hat die Bedeutung der Zeichen der verschiedensten Sprachenschristen kennen gelernt. Profeffor Ende hatte ihr auch unterwegs die Gelegenheit geboten, den electrischen Strom biß zu den entferntesten Telegraphen- Rationen der Erde zu senden und da» hatte ihre Brust so geschwellt, wie fie sich außdrückte. Sie Härte auch gern an Morse selbst eine Depesche gerichtet, um ein Origivaltele- gramm von ihm zu erhalten, doch es ging nicht, denn daß tranßatlantische Kabel lag zur Zeit tobt, wie fie sagte. Doch ich weile zu lange bei den telegraphischen Experimenten der
Adlar. Sie möchten noch wiffen, Herr Attache, ob fie nach ihrer Rückkehr aus Rußland noch lange bei mir blieb. Sie blieb noch so lange, bi» Profeffor Ende auß Indien zurückkehrte. Dabei ist ihr etwaß Unliebsame» durch den Telegraphen selbst widerfahren. Ihre Mutter telegraphiere wörtlich: „Eile sofort hierher, mein Leben! Ende ist gekommen." Und maß hatte der Morse-Apparat oder die noch nicht geübte Hand eineß Telegraphisten daranß gemacht? „Eile sofort hierher, mein Lebensende ist gekommen." Als daß Telegramm eintraf, fiel die Adlar wie ein Wachsbild in ihren Seffel. Die Arbeit war ihren Händen entglitten, fie schien unfähig, ein Glied zu rühren, ein Wort über die Lippen zu bringen. Als fie fich erholt hatte, legte fie schwarze Kleider an und reifte mit kummervoller Miene ab. Ich habe fie nicht wiedergesehen bis heute Abend. Nun wiffen Sie wohl genug über daS — Morseblümchen! Dieses schmückende Beiwort hatte nämlich Profeffor Ende seiner intereffanten Reifebegleiterin zwischen Don und Kaukasus beigelegt."
Der Attachö erhob fich jetzt, verneigte fich vor der Baronin und sprach mit bewegter Stimme: „Nochmal» meinen Dank, Frau Baronin. Sie haben wie eine besorgte Mutter an mir gehandelt und daß sichert Ihnen immerdar einen Platz in meinem dankbaren Herzen. Ich möchte zwar noch wehr erfahren, nur in dieser Stunde nicht, dazu ist jetzt mein Gemüth zu bewegt, find meine Gedanken zu verwirrt. Erlauben Sie mir, wich zurückzuziehen, ich bedarf der Einsamkeit und Sammlung, um den Frieden der Seele zurück- zugewinnen." (Fotts. folgt.)


