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21.3.1894 Zweites Blatt
 
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Nr. 67

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Zweites Blatt.

Mittwoch dev 21. März

1894

Gießener Anzeiger

Kenerat-Anzeiger.

ykrtfljdbnfltr JUaaamtabrrcUe 2 Wart 20 Psg. *N vnngrrlodn. Duid) die Post btjef* 9 Wart 50 PH.

Madien, »pfbirtae und Druckerei: »4*f6re|r yc.1. Keraiprecher M.

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Hratisöeikage: Hießmer Aamikienölätter

we|et « «a,eigen ja der NachmtdagA fstr bat faigenben tag erscheinenbeo Nummer bi« Bore. 10 Uhr.

Alle Lunoacen-Bureaux des In. und Auslanbe« ntbmca Anzkigcn für den .Gießener Auzeiged' entgegen.

Feuilleton.

Die DsterdlumeN.

Erzählung von C. Pleßky.

(Schluß.)

Weißt Du überhaupt, ob Graf Rothburg Deine schwärmerische Neigung erwidert?" fuhr dann die Baronin mit halblauter, fast höhnisch klingender Stimme fort.Wie leicht kann der berechnende Baler des Grafen diesem schon eine reiche Erbin gewählt Haden, um dem Wohlstände des gräflichen Stammhalter- wieder aufzuhelfen. Kurz und gut, ich erkläre Deine Neigung für eine thörichte, ja unvernünftige und erwarte von Deinem Verstände, daß Du sie bezwingst und alle Gedanken und Pläne auf eine Aussöhnung und Annähe­rung an die RothburgS aufgibst."

Die Baronin verließ nach diesen strengen Worten daS Zimmer der Tochter und diese sank schluchzend auf daS Sopha.

Qo, ich will es versuchen, zu überwinden," seufzte Ger­trud dann nach einer Weile,denn meine Liebe ist aussichtslos und trostlos nach allen Seiten. jDod) nein, seiner Augen Blick, seiner Stimme Klang können nicht trügen, Graf Curt liebt mich auch?" unterbrach sich die Baronrsie dann wieder und preßte die Hand aufs Herz.Oder sollte ick wirklich ein so thörichteS Ding sein, wie die Mama meint, und in einer unvernünftigen Neigung mich verzehren?" dachte die Baronesie dann wieder und sprang hastig empor.

Weinend nahm sie dann auS einem geheimen Schubsache ihres Schreibtisches einen Strauß verwelkter Frühlingsblumen hervor und denselben mit Küssen bedeckend, seufzte sie:Soll denn meine erste heilige Liebe zu dem verehrten Manne wie diese Blumen verwelken oder soll sie nach laugen, langen Tagen endlich doch herrlich erblühen dürfen?"

Die Baronesse schloß dann den verwelkten Blumenstrauß wieder in das geheime Schubfach ihres Schreibtisches und be­mühte sich, von Stunde ab vor den Augen der Eltern wieder fröhlich zu sein und ihr Herzeleid zu verbergen.

Noch recht heiß schien die Septembersonne, aber die Landschaft zeigte sich der Jahreszeit entsprechend doch schon im herbstlichen Kleide und die herrlichen Eichen« und Buchen« wälder in der Umgebung von Schloß Bruneck waren auch bereit- roth und gelb gefärbt.

Trotz seiner Gicht jagte da fast jeden Tag der Freiherr von Bruneck mit vornehmen Gästen in seinen herrlichen Jagd­gründen und gar gern sah e- der stolze Freiherr, wenn am Abend im Schlosse seine Jagdgäste, unter denen sich viele junge Edelleute befanden, seiner schönen Tochter den Hof machten. Hoffte der Freiherr doch auf diese Weise sich so recht in aller Muße einen passenden Eidam auöwählen zu können. Aber Baronesse Gertrud erwiderte auf die Schmeiche« leien der galanten Herren nur selten mit einem freundlichen Wort und nahm die Huldigungen kühl entgegen.

Da brachte eine- Abend- die Kunde, daß aus besonderen Befehl de- obersten Krieg-Herrn die Manöver de- Gardecorps sich bis in die hiesige Gegend auSdehnen würden, frohe Auf­regung in die Jagdgesellschaft. Biele der Herren, darunter der Freiherr von Bruneck, hatten ja früher dem Heere als

Offiziere angehört und die Manöver de- Gardecorps frischten manche liebe Erinnerung bet dem Freiherrn und seinen Gästen auf. Man beschloß daher schon jetzt, an den interessantesten Tagen den Manövern zu Pferde und zu Wagen beizuwohnen.

Natürlich wollte der stolze Freiherr bei dieser Gelegen­heit auch seine schöne Tochter und seinen Rcichrhum der vor­nehmen Welt und ganz besonders den Gardeosfizieren zeigen.

Am frühen Morgen eines der folgenden Tage fuhr die freiherrlich Bruneck'sche Familie auf einem eleganten, von vier feurigen Rappen gezogenen Jagdwagen in das Manöverterrain. Baronesse Gertrud lenkte, den Bitten des Vater- nachgebend, selbst den stolzen Biererzug und saß neben dem Freiherrn vorn auf dem Wagen, während die Baronin nebst einer ver­wandten Dame hinter den beiden Platz genommen hatte und hinten auf dem Dienersitz zwei reich betresste Diener saßen.

Der prächtige Viererzug, der von einer schönen jungen Dame elegant und sicher gelenkt wurde, erweckte natürlich auf dem Manöverselde große- Aufsehen und de- stolzen Freiherrn Herz schwelgte förmlich in dem Bewußtsein, heute mit seiner reizenden Tochter allgemein bewundert zu werden. Im Eiser, so viel al- möglich zu sehen und gesehen zu werden, hatte der Freiherr auch schon öfter Gertrud veranlaßt, nahe an die Truppen heranzufahren und war ihm dieserhalb schon einige Male von den Osfizieren abgewtnkt worden. Aber der Frei­herr achtete in seinem stolzen Uebermuthe wenig auf solche Warnungen und ließ den Biererzug kaum hundert Schritte rückwärts lenken. Da rasselte plötzlich eine Batterie reitender Artillerie daher, protzte in fliegender Hast ab und gab Schnell­feuer auf nahende Cavallerie. Bor den jäh hintereinander aufblitzenden Kanonenschlägen scheuten die vier Hengste vor dem Wagen de- Freiherrn, Baronesse Gertrud vermochte die entsetzten Thiere nicht zu halten, auch dem Fretherrn, der selbst die Zügel erfaßte, gelang es nicht, und querfeldein stürmte der Biererzug davon. Bebend hielten sich die sechs Insassen kaum in dem Wagen, der mächtig hin und her ge­schleudert wurde und dem jetzt jeder Graben, jeder Baum, ja jeder Stein, über den er seinen Weg nahm, gefährlich werden konnte.

Helft doch! Helft doch, Leute!" schrie der Freiherr den da und dort stehenden Zuschauern zu, aber eS rührte sich keine Hand, um den rasenden Hengsten in die Zügel zu sollen, und verzweifelt sah sich der stolze Edelmann mit seiner soeben noch viel bewunderten Tochter, die sich hilfesuchend fest an ihn geklammert hatte, nebst den übrigen Insassen des Wagens einem entsetzlichen Schicksale preisgegeben. Da sprengte plötz« lich auf schäumendem Renner ein Offizier herbei und jagte neben dem Wagen des Freiherrn her, blutig drückte er seinem edlen Pferde die Sporen in die Weichen, daß rS mit äußerster Kraftanstrengung vorschoß. Jetzt fiel der Offizier den beiden vorderen Pferden in die Zügel, parirte sein Pserd und riß auch mit gewaltigem Rucke die beiden Hengste zurück. Der Freiherr, welcher die Absicht deS muthigen OsfizierS erkannt hatte, besaß in diesem kritischen Momente GeisteSgegenwalt genug, um die beiden Stangenpferde ebenfalls zurückzureißen, so daß sie hoch aufbäumteu und der Wagen zum Stehen ge­bracht wurde.

Wen dürfen wir als unseren Retter mit heißem Dank begrüßen?" riefen der Freiherr und Baronesse Gertrud fast in einem Athem, als die Diener die Pferde am Zügel hielten und die entsetzten Insassen den Wagen verließen.

O, machen Sie nicht so viel AushebenS von der Sache,

Herr Baron!" erwiderte der mit Schweiß und Staub be­deckte Offizier.Wir kennen uns ja auch schon, wenn auch nur dem Namen nach, ich bin Graf Eurt Rothburg!"

Todtenbleich, am ganzen Körper zitternd und höchste Verlegenheit verrathend, standen der stolze Freiherr und seine Gemahlin da und fanden kein DankeSwort für ihren Retter. Baronesse Gertrud folgte in diesem Momente freudige« Schreckens aber nur dem Zuge ihres Herzens und rief laut aufjauchzend:

//Herzlichsten Dank, Herr Graf, ich bin nun zum zweiten Male Ihnen größten Dank schuldig, nehmen Sie ihn voll und ganz hin, auch im Namen meiner Eltern." Mit diese« Worten reichte die Baronesse dem junge« Grafen ihre feine Hand, die dieser ehrerbietig küßte.

Mein Dienst drängt", sagte dann der schöne Offizier schlicht,ich muß mich den Herrschaften empfehlen und zu meiner Truppe zurückkehren."

O, Sie dürfen diesmal nicht so ohne Weitere- fort", rief da Baroneß Gertrud und heftete ihre prächtigen dunkeln Augen flehend auf da- Antlitz de- ritterlichen jungen Mannes.

ES wäre mir unerträglich, wenn auch dieser Vorfall zu keiner Aussöhnung zwischen unseren Familien führen sollte! Sie find für heute Abend zu unö in'S Schloß geladen, Herr Graf, um den Dank für ihre Großthat entgegen zu nehmen, wie ihn jetzt meine noch zu Tode erschrockenen Eltern Ihnen nicht abstatten können!"

Auf das Freudigste überrascht blickte der junge Graf auf die reizende Baroneß, die seit jenem Frühlingstage, wo er sie am blauen See vor der Gefahr deS Ertrinkens gerettet hatte, die heiße Sehnsucht seine- Herzen- gebildet hatte, und dann sah er verstohlen nach dem stolzen Freiherrn hinüber, der mit starrem Blicke die Scene musterte.

Sie find freundlichst gebeten, uns heute Abend auf Schloß Bruneck zu besuchen, Herr Graf," sagte dann der Freiherr hastig,eine solche That, wie Sie sie heute an un- gethan, löscht zwischen Ehrenmännern alle Feindschaft aus. Sagen Sie die- auch Ihrem Herrn Vater!"

Ich werde kommen, Herr Baron!" entgegnete Graf Rothburg hastig, grüßte verbindlich und sprengte eilig davon.

Drei Wochen später feierte man auf Schloß Bruneck in Gegenwart aller Mitglieder der gräflich rothburgischen Familie die Verlobung der Baronesse Gertrud mit dem Grasen Curt und zwischen den prächtigen Rosen, die vor dem Brautpaare auf der Festtafel standen, befand sich i« zierlicher Vase auch da- Sträußchen verblichener Oster- blumen, welches Graf Curt einst Gertrud geschenkt und auf welches die Blicke de- glücklichen Paares jetzt oft lächelnd fielen.

Der alte Graf Rothburg hatte zwar vor vierzehn Tagen noch arg gewettert und getobt, als er das erste Wort von der Absicht seines ältesten SohneS hörte, sich mit Baronesse Bruneck zu verloben, aber den vereinten Bitten der beidenseitigen Familienangehörigen hatte der alte Edelmann, der im Grunde genommen ja doch ein gutes Herz hatte, schließlich doch nachgegeben. Und nun sandte er für den Rest seiner Tage auch fröhliche Blicke hinüber nach Schloß Bruneck, wenn er an einem der Fenster der Rothburg stand.

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