Ausgabe 
21.2.1894 Zweites Blatt
 
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Nr. 43 Zweites Blatt. Mittwoch de« 21. Februar

1894

Der #U|m<r Anzeiger erscheinl täglich, rtt Ausnahme de« Montag«

Die Gießener

»erden dem An-elger »üchentlich dreimal brigelegt.

Gießener Anzeiger

Seneral-Anzeiger.

BieNeljähriger AßonnementspreiL« 2 Mark 90 Pf«, mit «ringer lohn. Dmkch die Post bejofee 9 Mark 50 Pf«.

«edactiLN, «xpeditio» und Druckerei: ZchukSratze Ar.7.

Kernlprecher 61.

Zlints- und Anzeigeblatt für den "Kreis Giefzen.

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Amtlicher Theil.

Bekanntmachung.

Für diejenigen Jmpfpflichtigen der Stadt Gießen, welche mit der Impfung für das Jahr 1893 noch im Rückstände sind, werden im Laufe dieser Woche die Aufforderungen zu­gestellt.

Der Nachweis, daß die Impfung geschehen oder aus einem gesetzlichen Grunde unterblieben ist, kann nur in den Bormittagsstnnden von IO bis 12 Uhr in unserem Dienstlocale, Bahnhofstraße, bei Photograph Becker, per­sönlich, jedoch mit derselben Wirkung durch portofreie Zu­schrift oder Einwerfen verschlossener Schreiben in den Briefkasten de» Kreisgesundheitsamts geschehen. Ueber- sendete Impfscheine sind alsbald wieder abzuholen.

Dem sonstigen Nachweis ist die erhaltene Aufforderung jedesmal beizufügen, da nur hierdurch die Identität des betreffenden Impflings und dessen Auffinden in der Jmpflifte gesichert ist.

Ungenügende Nachweise und solche, aus denen die Zugehörigkeit für den betreffenden Impfling nicht mit voller Sicherheit hervorgeht, gelten als nicht geschehen und wird das Verfahren weiter fortgesetzt, selbstverständlich ohne daß unsererseits dem Betreffenden eine Benachrichtigung zu­gehen kann.

Gießen, 16. Februar 1894.

_______________Großh. Kreisgesundheitsamt.______________

Bekanntmachung, bctr. General-Versammlungen des landwirthschaftlichen Bezirksvereins Gießen.

Freitag den 2. März 1894, Vormittags 10 Uhr wird auf Lonys Bierkeller (Westanlage) zu Gießen eine Generalversammlung des landwirthschaftlicheil Bezirks­vereins Gießen abgehalten werden.

Alle Mitglieder der landwirthschaftlichen Bezirks- und Orts-Vereine, sowie alle Freunde der Landwirthschaft werden zu dieser Versammlung hierdurch freundlichst ein­geladen.

Die Herren Bürgermeister werden ergebenst ersucht, den in ihren Gemeinden wohnenden Mitgliedern des Ver­eins von dieser Einladung Kenntniß zu geben und auf möglichst zahlreichen Besuch der Versammlung hinzuwirken.

^uilkbn.

Eine grsusige Lsdung.

Don Clark Russell.

(2. Fortsetzung.)

Da war nun ein guter Mensch von unS gegangen und unsere Gesellschaft war um einen tüchtigen Seemann schwächer, aber da Gottes Hand auf ihm lag, hielten wir es um unseretwillen für daS Beste, daß daS Ende so schnell ge- kommen war.

Der Schiffsherr befahl uns, unsere Betten und Kissen auf Deck zu bringen und sie gründlich auszulüften- auch scheuerten wir das Vorderkastell von oben bis unten. Aber am nächsten Nachmittag, nachdem das Dorderkastell wieder von unS bewohnt war, hörte ich meinen Namen leise von Adrien Weidemann, der in der Koje über mir schlief, rufen.

Peter," sagte er,ich glaube, Jan Maas hat das Fieber bekommen, sieh doch mal nach ihm."

Ich hob meinen Kopf in die Höhe und sah Jan aufrecht in seiner Koje sitzen, während ihm die Beine über den Rand baumelten. Er fächelte sein Gesicht mit der Hand. Die Oellampe, die von dem Hauptbalken über uns herabhing, gewährte gerade so viel Licht, daß ich seine Gestalt unter­scheiden und seine Bewegungen verfolgen konnte.

Ich beobachtete ihn einige Minuten und als ich be­merkte, daß seine Bewegungen immer wilder wurden, sprang ich von meinem Lager auf und ging zu ihm. Dicht neben ihm stehend, wurde mir klar, daß er das Fieber hatte, seine funkelnden Augen erinnerten mich an Dirks. Ohne ein Wort zu ihm zu sprechen, ging ich auf Deck, und da ich den Steuermann hinten sah, lief ich zu ihm und sagte, daß Jan Maas das Fieber hätte.

Er wurde leichenblaß und rief:Was? Haben wir die Pest am Bord?" und rannte nach unten, um mit dem Capitän zu sprechen.

Sie kamen beide zurück und gingen nach vorn, aber während dessen war Adrien aufgeschreckt worden durch Jans

Tagesordnung:

1) Geschäftliche Mittheilungen über den Besuch der Acker­bauschulen zu Alsfeld, Büdingen und Friedberg und den der Obftbauschule zu Friedberg von Schülern aus dem Kreise Gießen rc.

2) Vortrag des Unterzeichneten über Credit und die Straf­barkeit des Mißbrauch- desselben auf Grund der neueren Gesetzgebung.

3) Vortrag über Be- und Entwässerung der Wiesen. Referent: Herr Landwirthschaftslehrer Leithiger zu Als­feld. Correferent Herr Culturingenieur Wißmann von Gießen.

Gießen, den 14. Februar 1894.

Der Director des landwirthschaftlichen Bezirksvereins Gießen. Jost.

Dermifcfctcs*

* Berlin, 17. Februar. Der Raubmörder Kühn ist heute srüh 8 Uhr auf dem Hofe des Gefängnisses in Plötzen­see hingerichtet worden.

*8. Antwerpen, 17. Februar. Die Betheiligung der deutschen Industriellen an der Antwerpener Welt-Aus­stellung ist in den letzten vier bis sechs Wochen mit einem Male eine sehr lebhafte geworden, und eS befinden sich unter den bereits angemeldeten Firmen zahlreiche, die einen wirk­lichen Weltruf genießen, wie z. B. Stollwerck in Köln, Lanz in'Mannheim, Faber in Nürnberg, Felten & Guilleaume in Köln, die Gasmotorenfabrik in Deutz und viele andere. Dieses günstige Resultat ist nicht zum wenigsten den Be­mühungen des hiesigen deutschen ComitoS zu verdanken, dem es unt»r Anderem auch gelungen ist, für die deutschen Aus­steller eine Herabsetzung der Platzmiethe um 10 Francs pro Quadratmeter zu erwirken, so daß in der äußerst günstig ge­legenen deutschen Abtheilung der Quadratmeter nur 50 Francs kostet, gegenüber 60 Francs in den anderen Abtheilungen. Bis heute beträgt die Zahl der deutschen Aussteller beinahe 400, sie dürfte aber bald 500 und noch mehr betragen, da kein Tag mehr vergeht, an dem nicht mehrfache Anmeldungen einlaufen. Speciell in der hiesigen deutschen Colonie herrscht natürlich große Freude über dos lebhafte, so plötzlich in Deutschland erwachte Interesse für die Antwerpener Aus- stellung, schon mit Rücksicht auf die außerordentlichen An­strengungen, welche die Franzosen behufs einer glänzenden Vertretung auf dieser Ausstellung machen, für welche einer

lautes Singen, und da er ahnte, was loS war, kam er vom Borderkastell heraufgestürzt. Die Wache auf Deck hatte die Arbeit aufgegeben bei der Nachricht, daß noch einer das Fieber hatte, und wir fünf, einer am Steuer, standen dicht an der Brüstung und warteten auf das Heraufkommen des Capitäns.

Was kann nur los fein?" fragten wir einer den andern. Was ist mit der Brigg passirt? Sie war doch ganz gesund während der überseeischen Reife."

Einer glaubte, daS Wasser wäre schuld. Ein Anderer meinte, daß irgend etwas Verfaultes, Niemand wußte was, mit der Ladung an Bord wäre und unter dem Vorderkastell verstaut sei. Aber wir lachten über diese Idee, denn wir wußten bestimmt, daß nur Kaffee an Bord gekommen war, denn wir hatten das Schiff selbst verstaut.

Als der Capitän heraufkam, lag ein furchtsamer, trau­riger Zug in seinem Gesicht. Er sah uns an, als ob er die Absicht hätte, mit unS zu reden- aber er ging ohne ein Wort zu sagen nach hinten, wir folgten ihm.

Capitän Koster," sagten wir,wenn die Pest an Bord ist, waS wird dann aus unS?"

Nein, nein," antwortete er,es ist keine Pest an Bord. Jan hat das Fieber von Dirk Honthorst. Bleibt fort vom Vorderkastell, Leute, bis Jan besser ist. Der Steuer­mann und ich wollen nach ihm sehen."

Aber können Sie uns denn nicht sagen, woher Dirk das Fieber hatte, Capitän Koster?" sagte Philipp Ssogren.

Woher kann ich das wissen?" antwortete er.Be- denkt, wie die Blattern plötzlich an Bord eines Schiffes aus- brechen, mitten im Qcean. Woher baß kommt, wer mags wissen?" und während er dies sagte, immer in freundlichem Tone, befahl er uns durch eine Handbewegung, nach vorn zu gehen.

Nun, der arme Jan Maas starb noch an demselben Tage- er starb in gänzlichem Wahnsinn und war auf seiner Pritsche angebunden, damit er sich nicht über Bord stürzen konnte. Aber noch ehe er starb, hatten Peter der Franzose und noch ein Anderer das Fieber. Ich war oben auf der Voroberbramsegel-Raa gewesen und wie ich herunterkomme,

hier c ngetroffenen Depesche gemäß unter Anderem vorgestern der französische Ministerrath die Summe von 120000 Francs bewilligte. Der äußerste Termin für die Anmeldungen ist bis zum 15. März ausgedehnt worden, erscheint indessen keineSw.' ausgeschlossen, daß schon vorher der letzte Platz in der deutschen Abtheilung besetzt sein wird.

Berlin, 16. Februar. Der An archi stenfü h°rer Dr. Gumplowicz aus Oesterreich, der kürzlich in einer Versammlung der Arbeitslosen erklärt hatte, der Staat sei eine gesetzlich geschützte Räuberbande, wurde heute zu andert­halb Jahren Gefängniß verurtheilt. Der Staatsanwalt hatte nur ein Jahr beantragt.

* Cigarren in Glaskapseln. Kleider machen nicht nur Leute, sondern auch Cigarren. Seitdem daS Bändchen in Mode gekommen ist, erscheint jede Cigarre ohne diesen decorativen Aufputz gewissermaßen im Neglizäe und ist nicht hinlänglich salonfähig. Eine thcuere Cigarre beispielsweise ist bei Vielen, welche nur auf den Schein, schwerer zu ferbiren, als eine Fälschung, wenn diese nur die so populär gewordene Bauchbinde trägt. Zuerst waren eS, d. h. vor 30 ober 40 Jahren, die Umhüllungen von Bast, durch die man eine Marke auSzeichnen wollte, dann kamen die Ge­wänder von Gold und Silber und die vorletzte Neuerung erstreckte sich auf die mit Farben und Gold ausstaffirten Binden. Dadurch wird dem Glimmstengel ein nobles oder auch protziges Aussehen verliehen. Nun aber auch dieses Mittel zur Hebung und Stärkung des Characters zu etwas allgemein geworden ist, hat man in einzelnen habanesischen Factoreien bereits auf einen Fortschritt gedacht und besonder- bevorzugte Raucher sind auch bereits im Besitze der aller­letzten haute nouveaut6. Das ist die Cigarre in der Glaskapsel. Eine jede Cigarre ruht in einer sauber au-ge- arbeiteten Glashülse, welche mit einem Korkstöpsel geschlossen und so vor äußeren Einflüssen geschützt ist. Denn be­kanntlich zieht nichts so schnell an als Thee und Tabak. Will man nun die Cigarre ihrer Hülle entnehmen, muß man sich eines Korkziehers bedienen. Man entkorkt also auch die Cigarren. Diese jüngste Glasmarke kommt nur in Kistchen zu 10 Stück in den Handel und da schon die Herstellung deß Kleides ziemlich hoch zu stehen kommt, so dürfte dieselbe wohl nur in den Kreisen der obersten Tausend unter den Luxusrauchern Eingang finden. Von dem Preis einer einzelnen dieser Cigarren kann ein bürgerlich gutgewohnter Mensch seinen Tagesbedarf vollständig bestreiten.

sagt mir ein Allerweltsmensch, wie ich ihn nenne, William heißt er eigentlich, daß Peter, der Franzose, und KaSpar Hashagen das Fieber hätten. Ich stand da wie vom Donner gerührt und ganz überwältigt vom Schreck. Weder der Capitän noch der Steuermann waren auf Deck. Ich rannte nach hinten mit der Nachricht und rief es Andrien Weide- mann, der am Steuer war, im Vorbeigehen zu. Ich wollte gerade die Cajütentreppe heruntersteigen, als ich den Capitän unten stehen sah- er stützte sich auf den Messingstab des Ge­länders und sah zu mir herauf. .

Ich sagte ihm, daß noch zwei Leute krank geworden wären. Er rief in feiner Muttersprache auS:Ach, mein Gntt!" mit einer Stimme, die ich nie für die feine gehalten haben würde, und stieg dann langsam die Treppe heraus. Nicolas Tode hat auch das Fieber," sagte er.Wenn sie einmal haben, scheinen sie alle zu sterben. Wenn wir auch die verlieren, was sollen wir dann anfangen, Meinkee? und er starrte mich an wie ein hilfloses Kind.

Ich meinte, wir müßten versuchen, wieder nach Java zurückzukommen, so lange noch lebende Männer da wären, um die Brigg zu bedienen.Ach," sagte er in einer wunder­baren abwesenden Weise, mag auch noch so weit kommen! Er ging zum Steuer und ich ging weiter, um mit meinen Kameraden zu berathen.

Wir hatten keine Ahnung, wie man baß Fieber behandeln müßte. Wir konnten gar nichts thun, um die Leiden der Unglücklichen zu lindern. Der Capitän führte die Brigg und pflegte den Steuermann, ober er kam nicht mehr nach vorn. Jan starb und wir begruben ihn und in der Nacht starben Peter, der Franzose, und Kaspar, der erste im Delirium, der andere ohne Bewußtsein. Mein Herr, was ich Ihnen erzähle, mag unglaublich klingen^ aber gibt Leute in Rotterdam, die bezeugen können, daß ich die Wahrheit spreche. Daß Fieber raffte meine Kameraden einen nach dem andern hin, so schnell und unfehlbar, als wenn jeder eine Portion Gift genommen hätte.

(Fortsetzung folgt.)