Nr. 298
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Zweites Blatt. Donnerstag den 20. December W94
Gießener Anzeiger
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Verrnischte*.
* Breslau, 14. December. Der Maler Teichert, der den Raubmordversuch auf den Geldbriefträger Hübner verübte, ist der „Köln. Ztg." zufolge vom hiesigen Schwurgericht zu achtjährigem Zuchthaus und zehnjährigem Verlust der Ehrenrechte verurthetlt wurden.
* Wien, 15. December. In voriger Nacht wurde in den Geschäftsräumen der Firma Heinrich Klinger von utv bekannten Individuen der Versuch gemacht, den eisernen Geldschrank, in welchem 180 000 Gulden in Werthpapieren ausbewahrt waren, zu erbrechen. Der Versuch mißlang jedoch, da der Schrank durch mehrere Panzerplatten geschützt war.
* Parts, 17. December. Der Bäckergeselle Cham- baSlin gewann 500000 Franken bei der Pauama- ziehuug.
* Folgende Blütheulese aus Eingaben- von Steuer« pflichtigen an den Berliner Magistrat wird dem „B.-T." mitgetheilt: Eine eigenthümliche Rechtsanschauung entwickelte ein biederer Arbeiter, indem er schrieb: „Ich bin sonst ein gänzlich unbestrafter Mensch und habe noch nie nich daS allergeringste mit's-Gericht oder die Pollezei zu thun gehabt. Ich sehe aber jetzt gar nicht ein, weshalb ich zu so viel Steuern verurthetlt worden bin." — Ein Mädchen schrieb: „Anstatt mich armen Mädchen die paar Fennige abzuknöppen, sollte der MachiSdrath lieber die Latternen auf die Sttaßen eher auslöschen laffen, wo sie die Männer in die Kneippen leuchten und Keiner mehr heirathen will. Wo doch der Jas so Ville kost und der MachiSdrath eine Geld sparen könnte." — Sehr besorgt um die Finanzen der Stadt Berlin ist ein pommerscher Bauer, welcher an die Steuerdeputation ein Schreiben folgenden Inhalts richtet: „Jochen D., was der reichste Mann in unserm Dorfe ist, ist nach Berlin gezogen. Der Kerl hat mindestens dausend Daler jährlich, tulh aber immer so, als ob er betteln gehen müßte. Einem hohen Magistrate theile ich dies ganz gehorsamst mit, damit die
Feuilleton.
Einr Fridsugs-Weihnachts-Erinnrrnng.
Von Curt o. Galen.
(Schluß.)
Diele Feststunde aber im Kameradenkreise war uns vom himmlischen Vater bescheert, — das empfanden wir mit Dank, fühlten unS geeint durch die gleiche, stille, aber heiße Sehnsucht nach den fernen Lieben in der Heimath und wenn unsere Gläser anrinanderklangen, so sprach der warme Blick des AugeS oder der feste Druck der Hand: „Auf gute Kameradschaft". Um neun Uhr brach der Oberst auf. Ich folgte gern seiner Aufforderung, ihn eine Strecke zu begleiten. Der volle Mond beleuchtete unseren Weg und in seinem Glanze erschienen die leicht bereiften Baumgruppen des Parkes zauberisch schön.
Vor dem alten Schlößchen angelangt, wo der Blick frei nach allen Seiten schweifen konnte, blieben wir stehen, ge- feffelt durch den eigenthümlichen Reiz des mächtigen BildeS. Silbern erglänzte hier und da der Wasserspiegel des FluffeS zwischen den von Nebelschleiern umwebten Baumgruppen, aus denen die finsteren Schornsteine der Fabriken gespenstisch hervorragten, dazwischen blitzte hell das Schindeldach der kleinen Dorfkirche, auf das die Mondstrahlen fielen. Ein tiefer Seufzer stieg aus deS Obersten Brust, als er langsam, halb zu sich selbst sagte: „Ja, eS ist schön, dies 9) . . dann, wie mit plötzlichem Entschlusie zu mir sich wendend: „Es ist mein Geburtsort 1 — — — Nehmen Sie nun noch ein Glas Grog bei mir, Hertwig!" Er schritt mir voran in den Hausflur, wo die Ordonanzen ihn erwarteten- ich folgte ihm durch zwei einfach ausgestattete Räume in ein Thurmgemach, wo sein Diener die Gluth eines weiten alterthüm« lichen Marmorkamins zu Heller Flamme schürte. Derselbe mußte Grog und Cigarren bringen und nach wenigeck Minuten saß ich allein mit meinem Oberst in dem traulichen Zimmer, deffen veraltete Einrichtung zwar, wenn man eben den Luxus des großen Schlosies gesehen hatte, sehr einfach erschien, doch aber anheimelte. „Ja, was so einen alten Kerl noch überkommt, mein guter Hertwig," sagte der Oberst und blies Dampfringelchen iu die Höhe, „daß mich die Erinnerung also packte und mein Mund überlief von dem, was mir all die Tage das Herz erfüllt hat. Na, schauen Sie mich nur nicht so an, als ob Sie einen Fieberkranken vor sich haben. — Eine Krankheit ist es allerdings, dies Hangen an der alten Scholle. — — Aber Sie sollens der Reihe nach hören, mir
Stadt Berlin kein Schaden hat." — Don rührender Naivität ist ein kleiner Rentier aus der Provinz, der bei der Steuer- Deputation anfragt, ob er in Berlin nicht steuerfrei bleiben könne. Er beziehe beinahe 500 Thaler sichere Rente, die er in Berlin vollständig verzehren wolle. Der Stadt Berlin müßte doch daran gelegen sein, daß Wohlhabende (!) hinziehen, die ihr nichts kosten, vielmehr ihr Geld dort verzehren und die Berliner was verdienen lasten! — Als Gegenstück hierzu kann die Beschwerde eines richtigen Geldprotzen dienen, welche so lautet: „Der Magistrat hat mich mit 180,000 Mk. jährlich eingeschätzt. Er sollte doch wisten, daß ich mit einer solchen geringen Summe nicht auskommen kann. Ich habe ein jährliches Einkommen von 280,000 Mk. und verlange ausdrücklich, nach dieser Summe eingeschätzt zu werden." (Der Dickthuer hat das Vermögen sicherlich nicht selbst verdient! Red.) Den Vogel aber schießt ein anonymer Scribifax ab, der sich also ausläßt: „Wenn der Magistrat nicht so viel im Rathskeller säße und das ganze Geld ver- kneipte, alsdann brauchten wir Bürger nicht so viel Steuern zu zahlen."
* Nachahmungen des Auer Gasglühlichtes. Die in Trier erscheinende „Zeitung für das Gas- und Wasserfach" schreibt in Nr. 28 vom 5. December: Im Publikum ist schon seit längerer Zeit die Ansicht verbreitet, daß die mehrfach auftauchenden Nachahmungen des bekannten Glühlichtes straflos verkauft und benutzt werden dürfen. Wir haben in einer früheren Nummer unseres Blattes darauf hingewiesen, daß dies durchaus nicht der Fall ist- die Deutsche Gasglühlicht- Actiengesellschaft wird, wie wir aus allerbester Quelle erfahren, in der nächsten Zeit gegen jede einzelne Nachahmung vorgehen und keine Rücksicht mehr walten lassen. Die Nachahmungen, die bisher auf dem Markte erschienen sind, betreffen entweder den Brenner oder den Glühkörper. In Bezug auf den Brenner kommt daS Patent von Julius Pintsch Nr. 43 991 in Betracht. Gegen den Fabrikanten Gautzsch schwebt zur Zeit das Verfahren wegen Verletzung dieses Patentes: es wird voraussichtlich mit seiner Verur-
theiluvg enden. Eine Strafanzeige gegen Gautzsch ist deshalb ohne Ergebniß verlaufen, weil Gautzsch eine Reihe von Gutachten beibrachre, wonach er in dem guten Glauben gehandelt hat, berechtigt zu sein, seinen Brenner zu fabriciren. Nachdem jetzt jedoch die Civilklage gegen Gautzsch eingeleitet worden ist, wird die Sache zweifellos zu Gunsten der Deutschen Gasglühlichtgesellschaft erledigt werden. Was die Nachahmungen des Glühkörpers anlangt, so ist thatsächlich nicht ein einziger Glühkörper im Handel, der ernstlich in Betracht käme. Mehrere Nachahmungen haben sich al» werthlos erwiesen- sie wurden theils mit Hilfe einer wenig ergiebigen Flüssigkeit zur Tränkung des Glühkörpers hergestellt, theils aus thonartigen, angeblich festen oder doch bester haltbaren Glühkörpern an Stelle der Auer'schen Gewebe. Bekannte Berliner Firmen, wir nennen Butzke & Stob- wasser, haben sich in Unterhandlungen wegen Ankaufs von Glühkörpern eingelasten, sind indeffeu längst davon wieder abgekommen. Die neueste Gründung der Herren Aschner und Dr. Blücher soll zwar mit ihren Fabrikaten auf dem Markte erschienen sein, wird voraussichtlich aber bald wieder verschwinden. Endlich erwähnen wir noch die Ansicht eines angeblichen Juristen, wonach die Giltigkeit der Auer'schen Patente als zweifelhaft hingestellt wurde. Ohne auf die juristische Frage einzugehen, sei hier erwähnt, daß daS englische Patent Nr. 225 vom Jahre 1882, das angeblich früher den wesentlichen Inhalt der Auer'schen Erfindung enthalten habe, doch nicht im Stande ist, die Giltigkeit der deutschen und anderer ausländischen Patente in Frage zu stellen. Die Proceste, die bereits in Frankreich und England unter Zugrundelegung diese» englischen Patentes geführt worden sind, sind bis jetzt stets zu Gunsten AuerS ausgefallen. Im Uebrigen stehen die Schutzrechte der Auer- Gesellschaften so fest, daß vorläufig keine Aussicht vorhanden ist, diese Rechte zu umgehen. Wir warnen daher zum Schluß nochmals, sich mit Nachahmungen einzulassen, da die Gesellschaft gesonnen ist, ihre Rechte mit aller Energie zu schützen.
selbst wird es gut thun und Ihnen nicht schaden. — Na, , kören Sie. Daß meine Familie französischen Ursprungs ist, sagt Ihnen mein Name. Ein Zweig derselben verließ Frank- ' reich schon zur Zeit der Dragonadeu - meine Vorfahren traten erst später zum evangelischen Bekenntniß über und blieben dadurch im Besitze dieses alten Familiengutes, obwohl die Stürme der Revolution und des Krieges den bisherigen Wohlstand schwer erschütterten. Als meine Eltern vor etwa fünfzig Jahren hier ihr Nest aufschlugen, da war Credit und , Ansehen der Familie noch gegründet- ihre glückliche, in sich ■ zurückgezogene Häuslichkeit bedurfte keines Aufwandes. Umgeben von de<Liebe und Verehrung der umwohnenden Landbevölkerung, fühlten sie sich reich, denn sie waren zufrieden. Doch mit der Juli Revolution trat ein Umschwung der Der- ’i hältniffe ein, dem meine Eltern nicht gewachsen waren, und von Jahr zu Jahr stiegen die pecuniären Schwierigkeiten, ! mit denen sie vergeblich rangen, und ein Stück des ererbten Grund und Bodens nach dem andern wanderte fn die Hände fremder Speculanten, welche die günstige Gelegenheit für die Herrichtung vou Fabriken erkannten. Nach der sonnigen, glücklichen Ktnderzett, welche ich hftr mit meinen Geschwistern verlebte, waren es die Jahre, in denen ich zum Jüngling heranreiste, welche diese Stürme über unser Haus brachten. Jeder einzelne jener schwarzen Coloffe, die jetzt in die liebliche Landschaft hinetnragend sie verunzieren, erscheint mir wie ein Merkftein, ein Denkmal der Kämpfe und Leiden meiner Eltern. Lange haben sie unS in Unkenntniß ihrer Sorgen zu erhalten gewußt — endlich mußten dieselben ja auch uns klar werden. Als mein Vater mit diesem Schlößchen, wo daS Paradies meiner Kindheit war, die letzte Scholle heimaihlicher Erde verkauft hatte, war seine Kraft gebrochener starb noch vor der ausbedungenen RäumungSfrlst. Meine Mutter zog nach Xville, wo sie nach wenigen Monaten dem Gatten folgte. Meine Geschwister und ich, wir suchten und fanden Familien-Anschluß und Heimath in Deutschland. Sie wiffen, welch köstlich Glück mir dort von Gott beschieden ist. (Der Oberst hatte eine liebreizende Gattin und zwei blühende Kinder.) Ich meinte, die Banden, welche mich an diese Scholle banden, seien jetzt völlig zerschnitten, und das Weh, welches mich beschlich, so oft ich hierher gedachte, gelte nur dem Mitgefühl für das, was meine Eltern hier erlitten. Aber, verstehe wers kann! Es ist ein eigen Ding um die heimath- liche Erde! Seit ich wieder auf derselben stecke, packt e» mich, als wolle sie mich nicht wieder laffen. Deßhalb mußte ich hier wohnen, in diesem Hause, wo ich das Licht der Welt erblickte, in diesem Zimmer, wo meme Mutter mich die ersten
Gebete lehrte, wo sie selbst gebetet, gerungen, gearbeitet hat. Sie sehen die Einrichtung hier noch wesentlich wie zu ihrer Zeit. Dort an jenem Thürpfoften lesen Sie die einzelnen Daten, wann sie unsere Länge dort vermessen hatte, und unsere Namen von ihrer lieben Hand neben die verschiedenen Striche geschrieben. Ich habe die Spielplätze meiner Kindheit ausgesucht, bin den Wegen nachgeritten, auf denen ich an meines Vaters Seite Feld und Wald durchstreifte, jeden Baum habe ich gegrüßt, den einst meine Mutter mit sorg- licher Hand pflanzte, aus denen alle jetzt so herrliche Gruppen erwachsen find. Und auch im Dorfe habe ich liebe alte Bekannte gefunden und habe mir, von ihnen unerkannt, erzählen laffen von den alten Zeiten. Für das Glück meiner Kinder habe ich gebetet an den Gräbern meiner Eltern- morgen, Hertwig, zeige ich Ihnen auch die, wenn wir unsere Leute zum Gottesdienst führen. Aber nun, mein Freund, haben Sie Dank, daß Sie Ihrem alten Eommandeur so geduldig zuhörten, es hat mir wohlgethan — nun sollS genug sein — und die Anderen — verstehen Sie — brauchens nicht zu wiffen. Gute Nacht!" Kräftig schüttelte er mir die Hand und ich wanderte wieder durch den Park zurück, sinnend, tote paradiefiich schön dies Fleckchen Erde war und wie viel Lieb und Leid sich darauf abgespielt hatte. Heimaths-Sehn- sucht, meinte ich, wäre daS Vorrecht des Deutschen, der sich darin aufzehrt, hier war ein Kind von Frankreichs Bode» krank an Heimweh. Ja, Heimweh am Christabend, tst es wohl das unsichtbare Seil ewiger Liebe, mit dem der himmlische Vater uns zieht, daß wir lernen, die Sehnsucht höher zu richten, jenen Gefilden zu, wo uns die unvergängliche Heimath bereitet ist durch den, deffen Geburt heute die Chrtstenheit anbetend feiert? — — Wir hatten einen richtigen Feftgottesdienst in der kleinen Dorfkirche und laut erklangen die kräftigen Soldatenstimmen zu Lob und Dank der Liebe des ewigen Vaters, der seinen Sohn hineingibt in die arme Welt, um uns des Himmels Reichthum zu bringen. Dan« führte der Oberst mich an das Grab seiner Eltern. Zwei Tage später marschirten wir gegen den Feind. Wir waren in der Vorhut und einige Schüsse fielen, einer derselben traf meinen Oberst ins Herz. — Wir waren noch nahe genug bei U . . ., daß ich Erlaubniß erhielt, ihn dort zu bestatten. Seine Grenadiere betteten ihn unter Thräuen zu den Füßen seiner Eltern, in heimathlicher Erde, in gewisser Hoffnung einer seligen Auserstehung. Ich zog die Ranken des Immergrün von dem Grabe der Eltern hinüber auf seinen Hügel und brach eine sür seine W'.ttwe.


