Ausgabe 
20.10.1894 Zweites Blatt
 
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1894

Nr. 246 Zweites Blatt. Samstag den 20. October

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Dermifd?te$.

Erfurt, 15.October. Ein traurtgesFamilten« bild entrollte sich vor der hiesigen Strafkammer. Der Ziegeleibesitzer Sprengler zu Dachwig bet Erfurt, dessen Geschäft schlecht ging, setzte seinem 17 Jahre alten Sohne so lange mit dem Auftrage zu, die Ziegelei anzuzünden, bis dieser nachgab. Der Vater tränkte die Balken mit Petroleum, legte Stroh darunter und verreiste. In der Nacht vom 24. zum 25. Juni steckte der Sohn das Stroh in Brand und lief dann querfeldein. Das Feuer konnte im Entstehen gelöscht werden. Der Sohn wurde verhaftet. Als der Vater merkte, daß die Untersucknng sich auch gegen ihn richtete, nahm er sich das Leben. Der unter lautem Schluchzen ein Geständniß ablegende Sohn wurde wegen versuchter Brand- stiftung zu sechs Monaten Gefängniß verurtheilt.

* Rafsiuirier Heirathsschwiudel. Unter der Vorspiegelung, technischer Leiter einer großen Zuckerraffinerie in Lodz zu sein, hatte im Sommer d. IS. in Zoppot ein Herr die Be­kanntschaft einer jungen Dame auS gutsituirter Familie ge­macht und sich schließlich mit ihr verheirarhet. Die Hochzeits­reise, die das junge Ehepaar nach dem angeblichen Heim des Bräutigams in Polen kürzlich antrat, nahm einen unerwarteten Verlauf. Auf der Grenzstation nahm der junge Ehemann seiner Gattin den Reisepaß ab, um ihn angeblich bei der Polizei visiren zu lassen. Aber weder der Reisepaß, noch der junge Gatte und mit ihm die Mitgift von ca. 30 000 Mk., welche er an sich genommen hatte, sind seitdem wieder ge­sehen worden. Die so jäh um ihr Lebensglück betrogene Dame kehrte zu ihren Eltern zurück. In Lodz erfuhr man, daß dort ein technischer Director des angeblichen Namens gar nicht extstire.

* Kartoffeln aus Kamerun. Aus Königswinter wird geschrieben: Kartoffeln aus Kamerun hat man hier versuchsweise angepflanzt- sie haben nach demEcho d. G." einen guten Ertrag geliefert. Von sieben Gruppen wurden 13 Pfund geerntet. Die Colonial-Kartoffel hat die Form unserer Nierenkartoffel - ihre Schale ist sehr dunkel, fast schwarz, das Innere ist dunkelbläulich. Gekocht sieht sie bläulich aus, nicht so appetitlich wie unsere heimische Kar­toffel. Im Geschmack hat sie große Aehnlichkeit mit der letzteren.

* Eine merkwürdige Statistik wird derTägl. Rund, schau" mitgetheilt: Paris ist diejenige Stadt der Welt, welche die größte Anzahl von Schneidern, Tapezierern, Modistinnen, Perrückenmachern, Anwälten und Schriftstellern besitzt. London ist die Stadt, die die meisten MiethSwagen» besitzer, Ingenieure, Drucker, Buchhändler und Köche hat. Amsterdam genießt denRuhm", die meisten Sammel- wüthigen und Wucherer zu besitzen. Brüssel ist die Stadt der Schelme und halbwüchsigen Raucher,- Neapel die der Lastträger; Berlin die der Biertrinker- Florenz die der Blumenmädchen und Lissabon die der Haus­knechte.

Literatur uttfc Aunst.

r l D?. tllustrtrte FamilienzeitschriftUniversum" beginnt foeden den 11. Jahrgang, tritt also in das zweite Decennium ihres Bestehens. Bei der Bedeutung dieses ausgezeichneten Unternehmens Ellen wir es für angemessen, einige Worte der Anerkennung über das bisher Geleistete, aber auch über daS unS vorliegende Programm des neuen Jahrganges zu sagen, um auch unsererseits dazu beizu- tragen, der weiteren Verbreitung des trefflichen Blattes förderlich zu sein- Ihrer Tradition getreu hat die Redaction auch den neuen Jahrgang auf das Sorgfältigste vorbereitet. Ein neuer Roman von L. Ganghofer eröffnet den Reigen, eine tllustrtrte Humoreske der

feinen liebenswürdigen Erzählerin Gräfin Ballestrem und eine Fülle von belletristischem und wissenschaftlichem Material ergänzen daS stattliche, reich illustrirte erste Heft. Aber eine lange Reihe glänzender Namen steht noch auf der Liste: R. Lindau, o. Wolzogen, Blüthgen, Rosegger, W. Jensen, H. Richter, Heiberg, L. Westktrch, Jul. Stt-.de figuriren mit belletristischen Beiträgen und Fachgelehrte wie: Prof. Dr. L. Büchner, Prof. Dr. H. Haas, Dr. H. I. Klein, Prof. F. Luthmer, Prof. Dr. W. Marshall u. v. a. werden uns über wichtige wissen­schaftliche Fragen Auskunft ertheilen. Wir gestehen, daß diese Viel­seitigkeit, die vornehme Tendenz und dabet glänzende solide Aus­stattung bet keinem anderen Blatte zu finden ist und möchten wünschen, daß das Universum bei jeder Familie Eingang finde. Es kann nur veredelnd auf dieselbe etnwtrken.

DonIllustrirte Welt" (Stuttgart, Deutsche VerlagS- Anstalt), dem aitvekannten, gediegenen Familienblatt, ist das sechst« Heft des neuen, dreiundvterzigsten, Jahrgangs erschienen. Setr Textinhalt bringt die Fortsetzung der beiden hochinteressanten Romane: Was ist Glück?" von A. Römer undZollern-Nürnberg" von Dr. Ztngeler. Dies sind zwei wahre Meisterstücke wirkungsvoller Erzählungskunst, fesselnd und farbenreich. Spielt der eine auf modernstem Boden, so führt der andere zurück in deutsche Vorzeit, ein äußerst lebendiges Bild jener streitbaren mtnnesangerfüllten Tage bietend, wo der junge Zollernaar den ersten Flug machte, der ihn zu so stolzer Höhe geführt. Daneben finden wir eine von echtem Humor durchwehte, köstlich tllustrtrte StudentengeschtchteDer Meisterschuß" und einen höchst beachtenswrrthen Artikel von Dr. Gotthilf,Die praktische Ernährung deS Kindes im Säuglings­alter". Aus der reichen Zahl hübscher, zum TheU farbig gedruckter Holzschnitte erwähnen wir:DaS erste Ränzel",Am Ort der Thal", Kämpfende Seelöwen", nicht zu vergessen die lustigen Bilder zu der Glücktzkuh".Küche", sowieHauS und Hof" haben ihre stehende, reich mit allerlei nützlichen Recepten und Winken bedachte Rubrik und schließlich weiß da ein alter, urgemüthltcher Räthselonkel allerlei treffliche und unterhaltende Kurzweil für müßige Stunden. In Summa: für den billigen Preis von nur 30 Pfennig pro Heft ein mit Verständntß, Ernst und sichtlicher Liebe redtgtrteS, allem Schein- wesen abholdes Familienblatt, das seinen Namen mit vollem Recht tragt. Wo es etnkehrt, wird es Gutes stiften und zum stets freudig willkommen gehetßenm Hausfreunde werden', dess' find wir überzeugt.

Feuilleton.

DerBlaujacken" Gruß.

(AuS der Wandermappe eines Journalisten.)

(Nachdruck verboten.)

San Remo, du stilles Riviera - Idyll! In welcher deutschen Brust weckt nicht der Klang deines Namens leidvoll- wehmüthige Erinnerungen!

San Remo, du Stadt der duftenden Veilchen, der nickenden Palmen und stillen Olivenhaine wie manches rodtwunden Kranken letzte Hoffnung bist du . . . und wie manche Hoffnung auf Wiedergenesung in deiner klaren, milden Luft läffeft du scheitern!

Es war am 1. December deS .Winters 1887. Nach vielen trüben Regentagen breitete sich wieder die lachende, herrliche Sonne des Südens über das weite, schimmernde Meer, über die Berge, Schluchten und Thäler der Riviera. W'.e freudig begrüßte man im Krankenheim Kaiser Friedrichs das wiedererscheinende Tagesgestirn! Es löste sich wie drückender Alp von den Gemüthern der Kurgäste, denn diese brauchen ja doch vor Allen den wärmenden Sonnenschein. Sie waren festgebannt gewesen zwischen den vier kahlen Wanden deS schlecht geheizten Zimmers in den Hotels und Pensionen- die Langeweile, dieser fürchterliche Gast des beschäl- t'gungSlosen Einsamen, schlich heran auf bleiernen Füßen, da thellten sich die Wolkenzüge über den rollenden Wogen des Meeres und Helios sandte aus blauer Höhe seine goldenen Strahlen. Uno nun strömen Kranke und Gesunde hinaus und wandeln am Gestade der See, die noch in hohen Spritzwellen gegen die Felsen brandet - sie wandeln unter den Kaftanienbäumen längs der Hauptstraße der keinen niedlichen Baserstadt ober steigen hinauf auf zerklüfteten Wegen zu den Ruinen der Altstadt San Remo, die das vorjährige Erdbeben zur Halste in Schutt und Trümmer legte- sie kletterten um­her tn dem wüsten Trümmer-Chaos oder stehen staunend, in Bewunderung versunken, auf dem Hügel der Kuppelkirche Madonna della Costa, den Blick auf das ewige Meer gerichtet.

Auch in das Zimmer des hohen Kranken von San Remo glitten die warmen Sonnenstrahlen und sie fanden wohl einen dglanz auf den Zügen des Leidenden, dem es nach langer Pau>e zum ersten Male vergönnt sein sollte, sich in der herr- Wn Gottesnatur zu ergehen. Kein äußerliches Anzeichen der heimtückischen Krankheit, unter der der Kronprinz litt, p^iigte sich in diesen Tagen in den stets gleich ernstfreundlichen Gesichtszügen des Thronerben aus Leichten, elastischen Schrittes erreichte er bet seinen Ausfahrten den Wagen, man einen Mantel um seine Schultern, er lehnte sich in den Fond zurück und erwiderte nach links in freundlichster

I und huldvollster Weise Grüße, die ihm überall entgegen­gebracht wurden. Die übrigen Mitglieder der kronprinzlichen Familie sah man tagsüber oft auf längeren Promenaden längs der Küste oder auf den Straßen, die in die Berge führen. Wer die Herrschaften aber nicht kannte, der ver­mochte sie gewiß nicht von anderen Badegästen zu unter­scheiden, so einfach war ihr ganzes Austreten. Es blieb aber mancher Deutsche am Wege stehen und schaute ihnen freudig nach, wie sie so rüstig in die Berge hinaufftiegen. Voran Prinz Heinrich mit den Prinzessinnen. Ersterer im einfachen Touristenhabit, letztere in einfarbig wollenen Promenade- costümen. Langsamen Schrittes folgte die Kronprinzessin, gewöhnlich in Begleitung deS Herrn Grafen Radolinski und einer der Aerzte.

Der 1. December brachte ein allen in San Remo weilenden Deutschen hochwillkommenes Intermezzo. Es war vielfach schon am vorausgegangenen Abend bekannt geworden, daß daS deutsche Mittelmeergeschwader gegen Mittag San Remo passiren und dem Kronprinzen den Ehrensalut geben würde. Dieses viel besprocheneEreigniß", welches in dem täglichen Einerlei des Aufenthalts eine reizvolle Abwechselung bot, brachte schon in den Vormittagsstunden alle unsere Lands­leute auf die Beine. Es war kein Zweifel mehr, die deutschen Kriegsdampfer mußten kommen, denn der deutsche Viceconsul, Schneider, hat ihre Ankunft inzwischen ebenfalls bekannt ge­geben. Alles strömte hinaus zum westlichen Molo des kleinen Hafens, mit Ferngläsern aller Kaliber wohlbewaffnet. Uvd richtig, sie kamen!

ES mochte kurz vor 10 Uhr Vormittags fein, als dünne Rauchwolken am östlichen Horizont das Nahen der deutschen Kriegsschiffe ankündigten. Bald wuchsen aus der Wölbung der unermeßlichen Wasserfläche die Leiber der Schiffseolosie, langsam rückten sie tn Paradelinie hintereinander näher, schon jetzt einem scharfen Auge in allen Theilen sichtbar. Eine Stunde verstreicht, viel zu langsam für die auf dem Hafen­damme harrende Menge, denn trotz der frischen Seebrise brennt die Sonne heiß hernieder. Der spekulative italienische Photograph, der mit seinem Apparat am äußersten Ende der Hafenmauer Posto faßte, putzte fdon zum dritten Male die Gläser seines Kastens, wider die ihm ein muthwilliges See- N'xlein fortgesetzt sprühende Wasserstrahlen schleudert. Er mußte den großen Moment fixtren, wo die Breitseiten des ersten der drei Dampfer ihre donnernden Grüße nach der Küste senden würden. Langsam und majestätisch wie Riesen­schwäne ziehen die deutschen Kriegsdampfer heran.Adalbert" an der Spitze, bann folgtMoltke", den Schluß macht Gneisenau". Fürwahr, ein prächtiger Anblick, der eines j den Deutschen Herz höher schlagen machte und auch die zahlreichen Einwohner San Remos, die sich zu dem hier wohl nie gesehenen Schauspiel auf der Hafenmauer eingefunden hatten, mit Staunen und Bewunderung erfüllte.

Und nun ein rother Feuerblitz, der über die stille Wasser­fläche hinhuscht. Ihm folgt eine ballige, weiße Pulverdampf­wolke, weit hinausgeschleudert über die See, dann der Knall des ersten Salutschusses vomAdalbert", der ein donnerndes Echo weckt in den Thälern und Schluchten. Das steigt die welligen Hügel hinauf und zieht bis an die hohen Berg- spitzen, es bringt in die olivenbewachsenen Thäler, auS denen es dumpf zurückdonnert und vergrollt leise, weit in den Bergen.

Lautes, hundertstimmiges Hurrahgeschrei auS den Kehlen braver deutscher Theerjacken tönt vom Bord der Schiffe her­über, die Mufikcapelle auf demAdalbert" intonirt die Nationalhymne und bann klingt hell schmetternd über die plätschernden Wogen:Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben!" War das ein Jubel auf der Hafen­mauer! Begeisterte Hurrahrufe schallen hinüber, Tücher-und Hüteschwenken brachte unseren Schiffen deutsche Grüße. Und nun donnert Schuß auf Schuß in fast ununterbrochener Folge, eine Kanonade im Kleinen. Pulverdampf wirbelt in dichten Ballen auf und verbirgt zeitweilig die vorüberziehenden Schiffe den Blicken der Zuschauer. Dann bricht das hell­glänzende Sonnenlicht wieder durch das rauchige Gewölk und langsam langsam gleiten die Schiffe nach Westen.

Von der Villa Cirio, in der bekanntlich unser nachmaliger Kaiser Friedrich wohnte, wehte während tsieses prächtigen seemilitärischen Schauspiels die deutsche Kriegsflagge und mit gutem Glase konnte man hinter den Fenstern der Wohnung des hohen Kranken mehrere Personen gewahren. Mit welcher stillen Wehmuth mag diese Ovation unseres Mittelmeer­geschwaders den deutschen Thronerben erfüllt haben und doch auch wieder mit welcher großen aufrichtigen Freude, der er denn auch vielfach im Laufe des Tages beredten Ausdruck verlieh.

Während dieses für uns fern von der Heimath weilenden Deutschen so ereignißretchen sonnigen Tages zogen wohl jen­seits der großen Schneeberge durch Germaniens Gauen rauhe Winterstürme, deren eisiger Hauch die letzten welken Blätter schon langst von den Bäumen schüttelie, es klappern im Winde die cürren Aeste zusammen wie morsche Todtengebeine, oder weißer, flockiger Schnee war herniedergeriefelt vom eintönigen grauen Himmelszelt, harte weit und breit alles zugedeckt und Bäume und Sträucher, Blumen und Gräslein schliefen und träumten schon vom Thauwetter und Frühlingsanfang, der noch lange nicht kommen wollte.

Als er bann aber endlich kam und alles Leben in der Natur erwachte und sich zu neuem Dasein erhob, ging Deutsch­lands Dulderkaiser schlafen.

Otto Fr. Koch.